mini|hochkant|Paulskirche von Nordosten mini|hochkant|Blick in den Chor Die Paulskirche wurde 1491 bis 1492 im heutigen Wetzlarer Stadtteil Hermannstein in Mittelhessen errichtet. Die spätgotische Saalkirche hat einen Dreiachtelschluss und einen Westturm aus den 1520er Jahren. Zu den bedeutenden Ausstattungsstücken aus der Erbauungszeit gehören ein Triumphkreuz, ein Sandsteinrelief aus dem Jahr 1492 und ein Taufbecken aus rotem Sandstein, das die Geburt Christi darstellt.

Geschichte mini|hochkant|Sandsteinrelief von 1492 Im Jahr 1279 ist ein Geistlicher und 1308 ein Pleban in Hermannstein nachgewiesen. Eine bereits 1472 erwähnte Kirche mit dem Patrozinium des hl. Paulinus von Trier zu Mulenheim/Hermannstein bezieht sich auf die Vorgängerkirche („parrochialis ecclesia sancti Paulini in Molnheym nunc Hermensteyn“ = „Pfarrkirche St. Paulini in Mulenheim, jetzt Hermannstein“).Wagner: Zur Geschichte von Kirche und Pfarrhaus in Hermannstein. 2007, S. 12. Der Bauherr und Stifter der heutigen Kirche und des Pfarrhauses ist nicht nachweisbar, aber ohne Zweifel Johann Schenck zu Schweinsberg.Wagner: Zur Geschichte von Kirche und Pfarrhaus in Hermannstein. 2007, S. 16. Denn im Jahr 1500 bestätigt der Trierer Erzbischof „des Johann Schenk von Sweynsberg stiftung einer klause für schwestern der dritten regel des heil. Franziskus bei der Paulinspfarrkirche zu Hermannstein und ertheilt für dieselbe und die bruderschaft in der pfarrkirche ein ablassprivilegium“.Adam Goerz (Hrsg.): Regesten der Erzbischöfe zu Trier von Hetti bis Johann II. 814–1503. Fr. Lintz, Tier 1861, S. 312, . Die im Torbogen der Turmtür eingemeißelte Jahreszahl 1491 lässt darauf schließen, dass dies das Erbauungsjahr ist. 1493/1494 wurde für Beginen nördlich der Kirche eine Klause errichtet. Im Jahr 1498 bestätigte der Trierer Bischof einen Heiligkreuzaltar. In den 1520er Jahren erfolgte der Anbau des Westturms. Hermannstein gehörte im ausgehenden Mittelalter zum Dekanat (Archipresbyterat) Wetzlar im Archidiakonat St. Lubentius Dietkirchen im Bistum Trier.Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum. 1984, S. 200.

Mit Einführung der Reformation unter Landgraf Philipp I. wurde die Landgrafschaft Hessen, zu der Hermannstein gehörte, 1526 infolge der Homberger Synode protestantisch. Der Beginen-Konvent wurde nach etwa 30 Jahren aufgelöst und das Gebäude in ein Pfarrhaus umgewandelt.Wagner: Zur Geschichte von Kirche und Pfarrhaus in Hermannstein. 2007, S. 35. 1567 kam Hermannstein zum weiterhin protestantischen Hessen-Marburg, 1604 zur Landgrafschaft Hessen-Kassel. Landgraf Moritz von Hessen-Kassel war 1605 zum reformierten Bekenntnis übergetreten und führte dies bis 1619 in seinem Land ein. Dabei wurden allein im Hinterland 20 Pfarrer abgesetzt. Hermannstein blieb bis 1619 lutherisch. Spätestens seit dem Auftreten der neuen Patrone Schenck von Schweinsberg Ende des 15. Jahrhunderts besaß Hermannstein eine gewisse Eigenständigkeit und wurde erst 1619 zur Pfarrkirche erhoben.Diehl: Pfarrer- und Schulmeisterbuch für die acquirierten Lande und die verlorenen Gebiete. 1933, S. 241. Es dürfte die letzte Gemeinde gewesen sein, die das reformierte Bekenntnis annahm. 1624 wurde das lutherische Glaubensbekenntnis wieder eingeführt. Seitdem ist Hermannstein ohne Unterbrechung eine lutherische Kirchengemeinde.

Seit 1624 liegen Urkunden über die Pfarrpräsentation durch die Schencken zu Schweinsberg vor, die seit dem 15. Jahrhundert das Patronatsrecht innehatten und schon 1527 das Präsentationsrecht hatten.1427 ist ein Schreibfehler, siehe Wagner: Zur Geschichte von Kirche und Pfarrhaus in Hermannstein. 2007, S. 16. 1637 traten die von Schenck das Besetzungsrecht für die Pfarrstelle an den Landesherrn ab.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Kirchengestühl stark zerstört, so dass die Kirche 1687 ein neues Gestühl bekam. Ein Teil der Stühle im Kirchenschiff, die den Frauen vorbehalten waren, wurden durch Los verkauft. Zunächst wurden in jedem Stuhl sieben Plätze ausgewiesen, später acht. Die Namen der Käufer sind in der Pfarrkompetenz von 1741 eingetragen. Die Kaufsumme eines Platzes betrug einen Reichstaler, zehn Albus Einschreibgebühr mussten noch an den Pfarrer gezahlt werden. Die Schencken besaßen links im unteren Kirchenschiff und auf der Empore je einen geschlossenen Kirchenstuhl.

Um 1700 erhielt die Kirche auf ihrer Nordseite einen Anbau für ein Treppenhaus, das zum Schenckschen Kirchstuhl auf der Empore führte. Ursprünglich stand an der Nordseite des Chors eine Sakristei auf quadratischem Grundriss, dessen Fundamentmauern bei der Kirchenrenovierung 1910 entdeckt wurden. Sie war mit dem Chor durch eine jetzt noch sichtbare spitzbogige Tür verbunden. Das Abbruchmaterial wurde für das Treppenhaus wiederverwendet.Wagner: Zur Geschichte von Kirche und Pfarrhaus in Hermannstein. 2007, S. 22.

1710/1711 erhielt das Kirchenschiff einen neuen Dachstuhl; Schiff und Chor wurden neu gedeckt. Das stark beschädigte Dach des Turms wurde aus Kostengründen erst 1775 erneuert. Dabei wurde das ehemals achteckige Dach in ein Pyramidendach umgewandelt. Das Schiff erhielt statt der Holzbalkendecke ein flaches Tonnengewölbe Gauben.

1747 wurde eine Kirchenstuhlordnung eingeführt, die die Weitergabe der verkauften Plätze in den Frauenstühlen regelte. Sie war noch 1922 gültig. Die letzte Eintragung im Register trägt das Datum 20. Juni 1920.

Um 1840 reichten die Plätze in der Kirche nicht mehr aus. Durch eine Verlängerung der Südmpore in Richtung Kanzel und Umwandlung der südlichen Eingangstür in ein Fenster wurde bis 1843 Platz für 40 Personen geschaffen.

mini|hochkant|Teils vermauertes Südportal mit Kopie des Sandsteinreliefs 1857 erhielt die Kirche einen neuen Fußboden, mehrere neue Frauenstühle und eine neue Tür in der Nordwand. Die Empore wurde im Süden in Richtung Kanzel erweitert und das Südportal in ein Fenster umgewandelt.Wagner: Zur Geschichte von Kirche und Pfarrhaus in Hermannstein. 2007, S. 27. Die Renovierungsarbeiten kosteten 700 Gulden und wurden von der Zivilgemeinde bezahlt.

Eine große Innenrenovierung stand 1910 an. Pfarrer Hammann gelang es, den für die Restaurierung des Wetzlarer Doms verantwortlichen Regierungsbaumeister Biermann und den Dombaumeister Dr. Steumer für die Kirche zu interessieren. Sie entdeckten die Weihekreuze, die Ornamentmalerei um das Fenster auf der Südseite und die Reste des Christophorus-Bildes an der westlichen Nordseite. Der Chor, das Chorgestühl, der Orgelprospekt, die äußere Brüstung und die Säulen der Empore, der Freiherrenstuhl und die Sakristei erhielten einen neuen Anstrich.

1962/1963 wurden die Orgel aus dem Chorraum auf die Westempore umgesetzt, der seit 1730 nachweisbare Patronatsstuhl an der Nordseite des Schiffs entfernt, da das Patronat abgelöst wurde, und die bisher von der Orgel verdeckten Chorfenster neu verglast, Wände und Holzteile gestrichen und die alte Malerei freigelegt und restauriert. Die meisten Fenster erhielten neue Gewände aus rotem Sandstein, während die originalen Maßwerkfenster und die teilweise erhaltenen Sohlbänke aus hiesigem grünem Kalkstein gefertigt sind.Wagner: Zur Geschichte von Kirche und Pfarrhaus in Hermannstein. 2007, S. 28.

In den 1970er Jahren erforderten Risse im Kircheninnern und im Außenmauerwerk eine Untersuchung durch einen Statiker, der feststellte, dass sich die Südseite nach außen wölbte. Dem Kirchenbau wurde ein Ringpanzer aus Beton verpasst, der unter dem Dachstuhl um Schiff und Chor gezogen wurde. Im Kircheninnern musste das Mauerwerk zusätzlich durch zwei Stahltrossen gesichert werden. Die Renovierungsarbeiten im Herbst 1977 umfassten außerdem die Trockenlegung der Kirche, die Ausbesserung des Dachstuhles, einen Innenanstrich und die Reinigung des äußeren Mauerwerks mit Hilfe eines Sandstrahlgebläses. Gleichzeitig wurde das Steinrelief ins Innere der Kirche verlegt.Wagner: Zur Geschichte von Kirche und Pfarrhaus in Hermannstein. 2007, S. 29.

Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten im Innenraum über einen Zeitraum von zehn Monaten wurde die Paulskirche am 31. März 2019 mit einem feierlichen Gottesdienst neu eingeweiht.

Architektur mini|hochkant|links|Turm von Südwest mini|Grundriss der Kirche mini|Westportal des Turms Die geostete Kirche ist im Baustil der Spätgotik im Ortszentrum aus Bruchsteinmauerwerk erbaut. Der schlichte Bau besteht aus Westturm, Kirchenschiff und einem Dreiachtelchor. Schiff und Chor sind unverputzt.

Der polygonale Chor ist gegenüber dem Schiff nur etwas einbezogen und wird unter einem gemeinsamen verschieferten Dach vereint. Die ehemalige Priesterpforte mit spitzbogigem Gewände aus grünem Kalkstein an der Südseite ist seit dem 16. Jahrhundert vermauert und der fast baugleiche ehemalige Durchgang zur Sakristei an der Nordseite seit dem frühen 18. Jahrhundert. Über der Südpforte des Chors wurde ein Rundfenster eingelassen, als 1838 beim Einbau der Orgel die Chorfenster verdeckt wurden. Das Chorinnere hat ein Netzgewölbe mit hohlprofilierten Rippen in roter Fassung und Rankenmalereien auf den hell abgesetzten Gewölbekappen. Die zweibahnigen, Spitzbogenfenster mit spätgotischem Maßwerk haben Nonnenköpfe und zeigen im östlichen Bogenfeld einen Vierpass, im Nordosten einen Dreipass und im Südosten Fischblasen. Der spitzbogige Chorbogen hat nach Osten eine Fase und nach Westen eine profilierte Hohlkehle.Luthmer (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler der Kreise Biedenkopf, Dill, Oberwesterwald und Westerburg. 1910, S. 45 (online). Unter dem Chor mit Zugang unter der Kanzel lag das Grabgewölbe, in dem Mitglieder der Freiherren Schenck zu Schweinsberg vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis 1785 begraben wurden. An der Nordseite des Chors sind die Lüftungsöffnungen des Gewölbes erhalten.Wagner: Zur Geschichte von Kirche und Pfarrhaus in Hermannstein. 2007, S. 23.

Das Schiff auf rechteckigem Grundriss hat eine im Segmentbogen gewölbte Holztonne mit Unterzug von 1711, in der die Gauben liegen. Im westlichen Teil der Nordwand ist ein hochrechteckiges Fenster aus dem 17./18. Jahrhundert eingelassen,Wagner: Zur Geschichte von Kirche und Pfarrhaus in Hermannstein. 2007, S. 24. das mit einem kleinen hochsitzenden Fenster in der Südwand korrespondiert. Der östliche Teil des Schiffs wird an beiden Seiten durch ein Maßwerkfenster belichtet; das nördliche befindet sich seit Anfang des 18. Jahrhunderts im Treppenanbau.

Der weiß verputzte, massiv aufgemauerte Turm mit Eckquaderung aus den 1520er Jahren wird durch umlaufende Gesimse in drei Stockwerke gegliedert. Die architektonischen Gliederungselemente und Gewände sind vom Verputz ausgespart. Das oberste Geschoss dient als Glockenstube und hat vier spitzbogige Schallöffnungen für das Geläut. Der Turm wird von einem spitzen Zeltdach mit vier kleinen Gauben bedeckt, das von einem Turmknauf, Kreuz und Wetterhahn bekrönt wird. Das spitzbogige Westportal aus grünem Kalkstein führt in die Turmhalle und hat ein Rundstab-Profil zwischen Kehlen mit Überstabung und spätgotische Sockel.Luthmer (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler der Kreise Biedenkopf, Dill, Oberwesterwald und Westerburg. 1910, S. 46 (online). Das ehemalige Portal aus rotem Sandstein mit Stabprofil in der Südmauer wurde kurz nach der Errichtung des Turms in ein Fenster umgebaut.Zur Geschichte von Kirche und Pfarrhaus in Hermannstein. 2007, S. 25. Erhalten sind noch die steinerne Angel und die Maueröffnung für den Sperrbalken. Die umrahmende Architekturbemalung an der Innenseite stammt aus der Zeit um 1600.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 409.

Ausstattung mini|hochkant|Barockkanzel mini|hochkant|links|Spätgotisches Taufbecken