mini|Marina Weisband, 2020

Marina Weisband (, wiss. Transliteration Marina Vajsband, vor der Emigration Marina Onufriyenko/Марина Онуфрієнко ; * 4. Oktober 1987 in Kiew, Ukrainische SSR, Sowjetunion) ist eine ukrainisch-deutsche Politikerin (Bündnis 90/Die Grünen) und Publizistin. Sie war von Mai 2011 bis April 2012 politische Geschäftsführerin und Mitglied des Bundesvorstands der Piratenpartei Deutschland.

Leben und Wirken Marina Weisband wuchs in Kiew in einer jüdischen Familie auf. Ihr Vater Igor Weisband (1951–2018) war Programmierer und Sozioniker, ein Großvater, Dawid Weisband (1906–1998), diente während des Zweiten Weltkriegs als Oberst der Artillerie in der Roten Armee und erhielt den seltenen Kutusoworden I. Grades. Danach war er Kommandeur einer in Brandenburg stationierten Brigade. Der andere Großvater Weisbands ist Holocaust-Überlebender. Die Familie änderte aufgrund von Antisemitismus in der Sowjetunion ihren jüdischen Nachnamen in Onufriyenko.

Weisband wurde rund eineinhalb Jahre nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl vom 26. April 1986 geboren, weniger als 100 km vom Unglücksreaktor entfernt. Sie galt als Tschernobylkind und hatte schwere gesundheitliche Probleme, die ihrer Aussage nach wahrscheinlich mit der Strahlenbelastung zusammenhingen. Im Alter von vier Jahren war sie längere Zeit im Krankenhaus und hatte auch in den folgenden Monaten mit Krankheiten zu kämpfen. Auf dringenden Rat der Ärzte verließen ihre Eltern und der Großvater Dawid schließlich mit ihr die Ukraine.

1994 zog sie mit ihren Eltern im Zuge der Regelung für jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland um, wo sich die Familie in Wuppertal niederließ. Dort bestand Weisband das Abitur am Carl-Fuhlrott-Gymnasium und studierte ab 2006 Psychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Marina Weisbands Website. ; jeweils abgerufen am 1. November 2011.Benutzer:Marina. In: Wiki der Piratenpartei Deutschland; abgerufen am 1. November 2011. Seit 2013 ist sie Diplom-Psychologin.Posting auf Facebook. Marina Weisband, 20. Dezember 2013, abgerufen am 4. November 2019.

Weisband lebt weiterhin im westfälischen Münster. Weisbands Website; abgerufen am 1. November 2011. Sie ist seit 2013 verheiratet. Das Ehepaar hat eine Tochter (* 2016).

Neben der deutschen Staatsangehörigkeit hat Weisband auch die ukrainische Staatsbürgerschaft.Charlotte Haunhorst: „Es tut mir weh, nicht dort zu sein.“ jetzt.de, 19. Februar 2014 (Interview).

Marina Weisband ist seit 2020Julia Dobrowski: „Habe gerade einen Rollstuhl beantragt“: Marina Weisband über die Folgen ihres Chronischen Fatigue-Syndroms. watson, 10. Januar 2022; abgerufen am 21. September 2022. an Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS oder chronisches Erschöpfungssyndrom) erkrankt und setzt sich seit Herbst 2021 dafür ein,Irene Habich: Marina Weisband an ME/CFS erkrankt: „Ich habe schon vom Bett aus Preise entgegengenommen“. Redaktionsnetzwerk Deutschland, 6. November 2021; abgerufen am 21. September 2022. dass öffentlich über diese Krankheit berichtet wird.

Politik

Piratenpartei (2009–2015) mini|Marina Weisband auf dem Bundes­parteitag der Piratenpartei, 2012

2009 trat Weisband der Piratenpartei bei. Für die Hochschulgruppe der Piratenpartei saß sie von Dezember 2010 bis November 2011 im 53. Studierendenparlament der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. schlosspiraten.wordpress.com Sie war zudem Mitglied des Kreisverbandes Münster im Landesverband Nordrhein-Westfalen. Auf dem Bundesparteitag 2011 in Heidenheim an der Brenz am 15. Mai 2011 wurde sie als Nachfolgerin Christopher Lauers zur politischen Geschäftsführerin der Piratenpartei gewählt; das Amt entspricht dem des Bundesgeschäftsführers anderer Parteien.

Weisband setzte sich während ihrer aktiven Zeit für die „Vermittlung von demokratischen Grundwerten an Schüler und Jugendliche“ ein sowie für selbstmotiviertes und freies Lernen. „Gesunder Menschenverstand“ müsse auch im Jugendschutz durchgesetzt werden, denn „Kinder vor allem zu beschützen, schützt Kinder nicht“. Bildung sei die „Grundvoraussetzung für die Wissensgesellschaft“.Hubertus Volmer: Piratenpartei stellt sich vor. Die drei Fragezeichen. n-tv, 5. Oktober 2011; abgerufen am 1. November 2011. Des Weiteren forderte Weisband, die Anerkennung ausländischer Abschlüsse zu erleichtern.

Als Reaktion auf eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa vom September 2011, bei der die Piratenpartei bundesweit bei sieben Prozent lag und nach der die meisten Wähler in den Piraten eine Protestpartei sahen, sagte Weisband dem Nachrichtenportal news.de, ihre Partei sei keine „Protestpartei mit Dauer-Veto“, die Piraten hätten „konkrete Ziele wie zum Beispiel mehr Transparenz in der Politik“.Parteien. Piraten auch im Bund auf Erfolgskurs: 7 Prozent. Focus Online, 28. September 2011 (dpa); abgerufen am 1. November 2011. Interview mit Marina Weisband von Oliver Roscher. news.de, 28. September 2011; abgerufen am 2. November 2011.

mini|Marina Weisband, Andreas Baum (links) und Sebastian Nerz bei der ersten Bundespressekonferenz der Piratenpartei im Oktober 2011

Im Oktober 2011 nahmen mit dem Parteivorsitzenden Sebastian Nerz, dem Fraktionsvorsitzenden im Abgeordnetenhaus von Berlin Andreas Baum und Marina Weisband erstmals Angehörige der Piratenpartei an der Bundespressekonferenz in Berlin teil. Weisband nannte als Ziele ihrer Partei vor allem „Bildung in allen Schattierungen – frühkindliche Bildung, Bildung als Voraussetzung für politische Teilhabe, Bildung als Bedingung für ein verantwortliches Leben“ sowie „Freiheit im Internet und Transparenz politischer Prozesse“.Torsten Krauel: Piratenpartei. Politisch unfertig, aber mit sehr viel Stil. Welt Online, 5. Oktober 2011; abgerufen am 1. November 2011. Zudem gehe es den Piraten um einen „grundlegend veränderten Politikstil“. Tagesschau (ARD), 5. Oktober 2011; abgerufen am 1. November 2011. Gefragt nach weiteren Unterschieden zu anderen Parteien sagte sie: „Wir bieten kein Programm, sondern ein Betriebssystem.“Bastian Pauly, Christoph Spangenberg: Nach dem Scheitern von Rot-Grün. Piraten wollen über Regierungsbeteiligung verhandeln. In: Der Tagesspiegel, 5. Oktober 2011; abgerufen am 1. November 2011.

In der Diskussion über den Umgang mit ehemaligen Mitgliedern der rechtsextremen NPD in den eigenen Reihen distanzierte sie sich öffentlich vom Parteivorsitzenden Nerz und erklärte dessen Rede von „Jugendsünden“ für unpassend.Manuel Bewarder: Piraten-Streit. „Das Wort ‚Jugendsünden‘ ist falsch gewählt.“ Welt Online, 14. Oktober 2011; abgerufen am 1. November 2011.

Am 25. Januar 2012 gab Weisband ihren Rückzug aus der Parteispitze bekannt. Als Grund nannte sie gesundheitliche Probleme und den Wunsch, ihre Diplomarbeit in Psychologie zu schreiben; das sei aufgrund der Umstellung auf das Bachelor-Master-System im Zuge des Bologna-Prozesses an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster nur noch bis zum Sommersemester 2013 möglich. In: Marinas Lied (privater Blog), 25. Januar 2012; abgerufen am 25. Januar 2012. Sie wolle sich dennoch weiterhin innerhalb der Partei engagieren.

Nach dem Verzicht auf eine zweite Amtszeit teilte sie mit, dass sie während ihrer aktiven Zeit in der Parteispitze antisemitischen Beleidigungen ausgesetzt war.Sarah-Maria Deckert: Kevin Barth findet „den Juden an sich unsympathisch“. In: Der Tagesspiegel, 8. Februar 2012; abgerufen am 9. März 2013. In einem Interview erklärte sie, das sei aber kein Grund für ihren Rückzug. Als einen der Gründe nannte sie den unerwartet großen Erfolg ihrer Partei, sie sei ihm nicht gewachsen und brauche deshalb eine Pause. Außerdem sei zuvor vereinbart worden, dass sie ihr politisches Amt nur für eine Legislaturperiode annehme. Tagesschau (ARD).

Nach dem Scheitern des Parteiausschlussverfahrens gegen den Holocaust-Relativierer und Geschichtsrevisionisten Bodo T. rief Weisband im April 2012 dazu auf, gegen antisemitische und rassistische Mitglieder rigoros vorzugehen. „Es ist Bullshit, dass wir rechtsextreme Meinungen tolerieren müssen“, kommentierte sie.Annett Meiritz, Fabian Reinbold: Radikale bei den Piraten: „Unsere Ideen versinken in Müll und Dreck“. Spiegel Online, 20. April 2012.„Wenn ein PAV [Parteiausschlussverfahren] scheitert, bleibt immer noch die Möglichkeit, als Partei deutlich zu machen, dass rechtes Gedankengut keinen Platz bei uns hat. Die Verbreiter dieser Meinungen und Lügen dürfen nicht auf Veranstaltungen eingeladen werden, keine Ämter bekommen, nicht für die Piraten sprechen.“ marinaslied.de

Im September 2016 teilte Weisband mit, dass sie bereits vor einem Jahr bei den Piraten ausgetreten sei, weil „das Label Piraten verbrannt“ sei. Sie sei still ausgetreten, um der Piratenpartei nicht zu schaden. Als Grund für ihren Austritt nannte sie, dass der progressive Flügel aus der Partei vertrieben worden sei und nun dort nur noch konservative Kräfte vertreten seien, die „das Internet in den Grenzen von 1990“ wollten. Weisband schloss eine Rückkehr in die Politik bei einer anderen Partei nicht aus.

Bündnis 90/Die Grünen (seit 2018) Im Mai 2018 wurde bekannt, dass Marina Weisband die Partei Bündnis 90/Die Grünen bei der Erarbeitung des kommenden Grundsatzprogramms zu netzpolitischen Fragen berät. Im Oktober desselben Jahres wurde publik, dass sie der Partei beigetreten ist.

Am 10. September 2020 nahm Weisband zu außenpolitischen Themen Stellung; sie nahm nach längerer Abwesenheit aus den bundesweiten Medien an der Talk-Sendung Maybrit Illner unter anderen zusammen mit dem damaligen Bundesaußenminister Heiko Maas und Gregor Gysi teil. Nach dem auf Alexei Nawalny erfolgten Giftanschlag meinte sie, dass aktuell Putin gewonnen habe, zu dessen Methodik „Lügen über das Offensichtliche“ gehörten.

Seit dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine am 24. Februar 2022 nahm Weisband an verschiedenen Talk-Sendungen zum Überfall teil und sagte früh voraus, dass ein baldiges Ende des Konflikts nicht zu erwarten sei: „Es wird eine blutige Zeit.“

Nach dem offenen Brief einiger Prominenter an Bundeskanzler Olaf Scholz unterzeichnete Weisband einen von Ralf Fücks und Marieluise Beck initiierten Gegenbrief, der sich für Waffenlieferungen an die Ukraine aussprach. Weisband kritisierte im Juli 2022, dass der Westen seit 2014 ignoriert habe, dass die russische Propaganda seit 2014 eine Entmenschlichungskampagne führe, in der sie der Bevölkerung einrede, Ukrainer seien keine Menschen. Auch der Überfall auf Moldawien und auf das Baltikum werde propagandistisch vorbereitet. Alle Russen würden auf einen angeblich moralisch-ethischen Krieg gegen den Westen eingeschworen. Putins Ziel sei es, die Ukraine zu zerstören.Julia Encke: Schluss mit dem Zynismus! In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10. Juli 2022 (Interview mit Marina Weisband).

Sonstiges Engagement und politische Stellungnahmen Weisband betätigt sich nebenher als freischaffende Künstlerin. Eine Auswahl ihrer Zeichnungen und Gemälde wurde 2009 in einem Kulturzentrum in Mülheim an der Ruhr ausgestellt. Marina Weisbands Website; abgerufen am 15. November 2011. Zudem engagiert sie sich in dem gemeinnützigen Wuppertaler Elternverein „3 × 3“ e. V. und schrieb von November 2011 bis Oktober 2012 einen Blog auf FAZ.net.Blog „Salon Skurril“. FAZ.net, abgerufen am 15. November 2011.

Seit 2014 leitet sie das von der Bundeszentrale für politische Bildung geförderte Projekt Aula – Schule gemeinsam gestalten, das Schüler ab der fünften Jahrgangsstufe dazu befähigen möchte, sich aktiv an der Gestaltung ihres schulischen Umfelds zu beteiligen und so demokratisches Handeln zu erproben. Dazu veröffentlichte sie 2024 das Buch Die neue Schule der Demokratie (siehe unten). Seit 2017 arbeitet Weisband als Kolumnistin für @mediasres, das Medienmagazin des Deutschlandfunks. Weisband ist Mitglied im Beirat der Stiftung Bildung.