mini|Truppenausweis von Uwe Mundlos 1994 Uwe Mundlos (* 11. August 1973 in Jena; † 4. November 2011 in Eisenach) war ein deutscher Neonazi, Rechtsterrorist und Serienmörder. Zusammen mit Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe formte er von 1998 bis 2011 den Kern der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), der für zehn Morde, 43 Mordversuche, drei Sprengstoffanschläge und fünfzehn Raubüberfälle in Deutschland verantwortlich war. Mundlos starb nach einem Banküberfall und anschließender Entdeckung durch die Polizei mutmaßlich durch Suizid.
Leben Kindheit und Jugend in Jena Uwe Mundlos wuchs in Jena zusammen mit seinem Bruder auf. Seine Mutter war Verkäuferin, sein Vater Siegfried Mundlos Mathematiker an der Universität Jena und seit Beginn der 1990er Jahre Informatik-Professor an der Fachhochschule Jena.
Die elterliche Wohnung befand sich in einem Plattenbau in der Max-Steenbeck-Straße im Jenaer Stadtteil Winzerla. Mundlos war Mitglied der Thälmann-Pioniere und der Freien Deutschen Jugend FDJ (1987).Christian Fuchs, John Goetz: Die Zelle. Rechter Terror in Deutschland. Reinbek bei Hamburg, 2012, S. 48 ff. Bis zum Sommer 1989 besuchte er die Polytechnische Oberschule POS Magnus Poser. Mundlos hatte gute Schulnoten, besonders die naturwissenschaftlichen Fächer fielen ihm leicht.Maik Baumgärtner, Marcus Böttcher: Das Zwickauer Terror-Trio. Ereignisse, Szene, Hintergründe. Berlin 2012, S. 24 Um seinen behinderten Bruder kümmerte er sich liebevoll.Beat Metzler: "Er durchlebt den Albtraum aller Eltern", in: Basler Zeitung 13. November 2013 bazonline.ch Nachdem Mundlos die Schule nach der zehnten Klasse verlassen hatte, machte er eine Ausbildung als Datenverarbeitungskaufmann bei Carl Zeiss. Später versuchte er, am Ilmenau-Kolleg das Abitur nachzuholen.
Thüringer Neonazi-Szene Noch zu DDR-Zeiten wurde Mundlos zum rechtsextremen Skinhead. Ab 1988 kam er mit „kurzgeschorenen Haaren und Springerstiefeln“ in die Schule, nach der Wende radikalisierte er sich immer mehr. Im September 1991 öffnete der „Winzerclub“, ein Jugendtreffpunkt, der zum Kristallisationspunkt der Jenaer Neonazi-Szene wurde. Hier traf sich Mundlos regelmäßig mit den späteren NSU-Mitgliedern und -Unterstützern Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, Holger Gerlach und André Kapke und bildete die Kameradschaft Jena, deren stellvertretender Führer er war. „Sein Weltbild war geprägt vom Nationalsozialismus und der Verehrung von Rudolf Heß.“
Mundlos tauchte immer weiter in die Szene ein: Er besuchte Skinhead-Konzerte, beteiligte sich an Rudolf-Heß-Gedenkmärschen und einer NPD-Demonstration. Außerdem war er mit Mitgliedern von Blood and Honour befreundet und in der Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige (HNG) aktiv. Gemeinsam mit seinen Freunden Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe zählte er ab 1995 zum harten Kern der Anti-Antifa Ostthüringen und des Thüringer Heimatschutzes. In einer rechtsextremen Szene-Zeitschrift veröffentlichte Mundlos Artikel, die er mit dem Pseudonym „Uwe UngeZOGen“ unterschrieb, und griff mit dieser Großschreibung den antisemitischen Verschwörungsmythos des Zionist Occupied Government (ZOG) auf, wonach Regierungen durch Juden aus dem Hintergrund gelenkt und manipuliert seien.Matthias Quent, Jan Rathje: „Von den Turner Diaries über Breivik bis zum NSU: Antisemitismus und rechter Terrorismus.“ In: Samuel Salzborn (Hrsg.): Antisemitismus seit 9/11. Ereignisse, Debatten, Kontroversen. Nomos, Baden-Baden 2019, S. 170
Am 29. Juni 1995 verurteilte ihn das Amtsgericht Chemnitz wegen „Herstellen und Vorrätighalten von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ zu 20 Tagessätzen zu je 30 DM Geldstrafe. Am 1. November 1996 erhielt er einen Platzverweis in der Gedenkstätte des KZ Buchenwald, weil er gemeinsam mit Uwe Böhnhardt das Gelände in SA-ähnlicher Uniform betreten hatte.Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz: Erkenntnisse zu den Personen Zschäpe, Beate; Böhnhardt, Uwe und Mundlos, Uwe. Zusammenfassung für den Generalbundesanwalt, Erfurt, 30. November 2011.
Mundlos soll bereits Mitte der 1990er Jahre über ein Netzwerk von bundesweiten Kontakten zu neonazistischen Gruppen verfügt haben. Publikative.org am 23. Mai 2013, abgerufen am 24. Mai 2013
Wehrdienst und MAD-Kontakt Vom 5. April 1994 bis zum 31. März 1995 diente Uwe Mundlos als Grundwehrdienstleistender in der Bundeswehr beim Panzergrenadierbataillon 381 in der Kyffhäuser-Kaserne in Bad Frankenhausen. Dort setzte er seine rechtsextremistischen Aktivitäten fort und fiel unter anderem wegen des Singens rechtsextremer Lieder auf. Sein Kompaniechef beantragte einen Disziplinararrest von sieben Tagen, u. a., weil Mundlos „eine persönliche Visitenkarte mit dem Kopf von Adolf Hitler und ein Bild des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß bei sich getragen hatte“. Mundlos wurde in Gewahrsam genommen, Beamte ließen seine Wohnung durchsuchen und entdeckten dort 15 Kassetten mit rechtsextremer Musik und Flugblätter der NPD.Zufrieden mit Soldat Mundlos: Bundeswehr kümmerte sich nicht. In: n-tv, 7. November 2012. Nach Auffassung der ersten Kammer des Truppendienstgerichts Süd in Kassel erfüllte dies aber „weder einen Straftatbestand noch den Tatbestand eines Dienstvergehens“.Dirk Liedtke: Uwe Mundlos – ein deutscher Soldat. In: Stern.de, 4. Oktober 2012. Der Arrest wurde abgelehnt.
Gleichzeitig führte der Militärische Abschirmdienst (MAD) Mundlos als Verdachtsperson. Im März 1995 wurde er vom MAD vernommen und gefragt, „ob er sich vorstellen könne, ihm bekanntgewordene Termine für Anschläge auf Asylbewerberheime der Polizei oder den Verfassungsschutzbehörden zu melden“. Mundlos verneinte. Über die Kontakte zu Mundlos führte der MAD eine Beobachtungsakte, die 15 Jahre nach Beendigung seines Wehrdienstes ordnungsgemäß vernichtet wurde. Der Vorgang wurde erst im September 2012 auf Nachfrage des Abgeordneten Hans-Christian Ströbele im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages bekannt und löste einen Eklat aus, da das Verteidigungsministerium und Ressortchef Thomas de Maizière schon länger von der Existenz der Unterlagen wussten. Die Akte war zunächst unauffindbar gewesen.De Maizière war früh über MAD-Kontakt zu Mundlos informiert. In: Die Zeit, 12. September 2012.
Die Bundeswehr beförderte Mundlos zum Gefreiten und mit seinem Ausscheiden zum Obergefreiten der Reserve.Stefan Aust, Dirk Laabs: Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU. Pantheon Verlag München 2014, S. 129. Außerdem wurde er an Waffen ausgebildet: am Sturm- und Maschinengewehr und an der Walther P1. Mundlos habe als Richtschütze und Gehilfe des Kompanietruppführers „gute Leistungen gezeigt“, heißt es in einem Zeugnis zum Ende seines Wehrdienstes. Für seine Führung bescheinigte ihm die Bundeswehr „befriedigend“.
Bombenbau in Jena Uwe Mundlos und seine Freunde Böhnhardt und Zschäpe fielen ab Mitte der 90er Jahre durch eine Vielzahl gemeinschaftlicher neonazistischer Aktivitäten und zunehmende Militanz auf. So wurden am 9. November 1996, dem Gedenktag der Novemberpogrome 1938, in ihrem Auto Handbeile, Schlagstöcke, eine Gaspistole, ein Wurfstern, Kampfmesser, eine Luftdruckpistole und ein Poster mit Wehrmachts-Motiv gefunden.
Am 6. Oktober 1996 wurde im Ernst-Abbe-Stadion des FC Carl Zeiss Jena eine Holzkiste mit aufgemaltem Hakenkreuz und einer Bombenattrappe gefunden. Zum Jahreswechsel 1996/1997 gingen bei der Polizeiwache Jena, beim Jenaer Ordnungsamt und der Lokalredaktion der Thüringischen Landeszeitung Briefbomben-Attrappen ein. Am 2. September 1997 fanden Kinder auf dem Jenaer Theaterplatz einen Koffer, auf dem mit einer Sprühschablone zwei Hakenkreuze angebracht waren. Im Koffer befand sich ein Metallrohr mit einer geringen Menge TNT. Die Bombe war nicht zündfähig und stimmte mit der Stadionbombe überein. Am 26. Dezember 1997 entdeckten Spaziergänger an der Gedenkstätte für Magnus Poser auf dem Jenaer Nordfriedhof einen Koffer mit aufgemaltem Hakenkreuz, den man im Nachhinein ebenfalls Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe zuordnen konnte. Poser wurde 1944 im KZ Buchenwald erschossen und war Namensgeber der Schule von Uwe Mundlos.
Am 26. Januar 1998 durchsuchte das LKA Thüringen die Wohnungen von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe sowie einen von ihnen benutzten Garagenkomplex in Jena. Dabei fanden sich vier scharfe Rohrbomben, 1,4 Kilogramm TNT-Sprengstoff und Nazipropaganda-Material.Christian Fuchs, John Goetz: Die Zelle – Rechter Terror in Deutschland. Rowohlt, Reinbek 2012, S. 19. In der Garage gefundene Knetmasse war identisch mit der Knetmasse der Theaterplatz-Bombe. Am 28. Januar erging ein Haftbefehl.Maik Baumgärtner, Marcus Böttcher: Das Zwickauer Terror-Trio. Ereignisse, Szene, Hintergründe. Das Neue Berlin, Berlin 2012, S. 69. 2003 stellte die Staatsanwaltschaft Gera das Ermittlungsverfahren gegen Mundlos wegen Verjährung ein, obwohl diese noch gar nicht eingetreten war. Das Amtsgericht Jena hatte im Jahr 2000 eine Durchsuchung angeordnet, wodurch die Verjährungsfrist unterbrochen war und neu begann.„Weitere Panne der Behörden bei NSU-Fahndung“. In: Der Tagesspiegel, 12. Februar 2013.
Nationalsozialistischer Untergrund
Bereits zwei Tage vor dem Erlass der Haftbefehle waren Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe am 26. Januar 1998 in den Untergrund abgetaucht. Dabei konnten sie bis zu ihrer Selbstenttarnung im November 2011 auf ein Netzwerk alter Bekannter aus der Neonazi-Szene zählen, das sie mit Wohnungen, Waffen, Geld und amtlichen Dokumenten unterstützte. So nutzte Mundlos, Spitzname Max, den Personalausweis von Max-Florian B., um sich einen falschen Reisepass ausstellen zu lassen, und besaß dessen Geburtsurkunde.Maik Baumgärtner, Marcus Böttcher: Das Zwickauer Terror-Trio. Ereignisse, Szene, Hintergründe. Das Neue Berlin, Berlin 2012, S. 211. Trotz zahlreicher Erkenntnisse und aufwändiger Fahndung des Landeskriminalamts Thüringen und des Verfassungsschutzes konnte das Trio nicht gefasst werden.
mini|Beispiel der bei Mordserie verwendeten Tatwaffe, einer CZ 83 im Kaliber 7,65 mm, hier jedoch ohne Laufgewinde für einen Schalldämpfer
Nach dem Untertauchen kamen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe darin überein, als Nationalsozialistischer Untergrund „durch Mordanschläge auf ‚Feinde des Deutschen Volkes‘ wie türkischstämmige Einwohner sowie Repräsentanten der herrschenden Ordnung wie etwa Polizeibeamte … ein Klima der Verunsicherung“ zu schaffen, um einen Systemwechsel vorzubereiten. Das Terror-Trio verübte „die größte und blutigste Verbrechensserie seit den Anschlägen der Rote Armee Fraktion“:Maik Baumgärtner, Marcus Böttcher: Das Zwickauer Terror-Trio. Ereignisse, Szene, Hintergründe. Das Neue Berlin, Berlin 2012, S. 18.
Zwischen dem 9. September 2000 und dem 6. April 2006 ermordeten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt acht türkischstämmige und einen griechischstämmigen Kleinunternehmer (→ NSU-Mordserie). Auch der Sprengstoffanschlag auf ein Kölner Lebensmittelgeschäft im Januar 2001 wird ihnen zugerechnet. Am 9. Juni 2004 verletzten sie in der Kölner Keupstraße durch einen Nagelbombenanschlag 22 Menschen. Am 25. April 2007 erschossen sie beim Polizistenmord von Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter und verletzten deren Kollegen schwer. Zwischen dem 6. Oktober 1999 und dem 4. November 2011 verübten sie 15 Banküberfälle in Chemnitz, Zwickau, Stralsund, Arnstadt und Eisenach (siehe Verbrechen des NSU).
Für ihre Taten nutzten sie Mountainbikes und angemietete Wohnmobile.Maik Baumgärtner, Marcus Böttcher: Das Zwickauer Terror-Trio. Ereignisse, Szene, Hintergründe. Das Neue Berlin, Berlin 2012, S. 177 ff.