mini|hochkant|Johann Mattheson beendete mit einer Hauptrolle in Nero seine Gesangskarriere. Die durch Blut und Mord erlangte Liebe, oder: Nero (HWV 2) war Georg Friedrich Händels zweite Oper, die ihre Uraufführung am 25. Februar 1705 an der Gänsemarkt-Oper in Hamburg erlebte. Die Musik ist verschollen, nur das Libretto von Friedrich Christian Feustking ist erhalten.
Entstehung Händels Nero entstand direkt im Anschluss an seine erste Oper Almira und erlebte ihre Uraufführung nur sechs Wochen nach deren Premiere.Stephan Stompor: Die deutsche Aufführungen von Opern Händels in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Händel-Jahrbuch 1978, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, S. 43.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke., in: Eisen, Walter (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 978-3-7618-0610-4, S. 63
Der vierundzwanzigjährige Johann Mattheson sang nach eigener Aussage eine der Hauptrollen (Nero ?) und beendete damit seine Karriere als Opernsänger.Johann Mattheson: Grundlage einer Ehren-Pforte. Hamburg 1740, S. 95 (originalgetreuer Nachdruck: Kommissionsverlag Leo Liepmannssohn, Berlin 1910). Die übrige Sängerbesetzung dürfte ähnlich wie in Almira gewesen sein, vermutlich mit Anna-Margaretha Conradi als Poppea, sowie in weiteren Rollen Johann Konrad Dreyer, Christoph Rauch, Anna Rischmüller (Sopran), Margaretha Susanna Kayser (Sopran), Anna Maria Schober (Sopran) und Gottfried Grünewald.Panja Mücke: Nero (HWV 2), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 25 f.
Da das Theater (laut der Zeitung Musikalischer Patriot) wegen dem Beginn der Fastenzeit bereits am 27. Februar, nur zwei Tage nach der Premiere des Nero, geschlossen wurde, kann es höchstens drei Vorstellungen gegeben haben,Friedrich Chrysander: G. F. Händel. Erster Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 128. und auch später wurde die Oper nicht mehr wiederaufgenommen.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 23.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 69.
Das Libretto von Feustking wurde ebenso wie das der Almira von seinem Konkurrenten, dem Dichter und Librettisten, Barthold Feind und dessen Parteigänger Christian Friedrich Hunold (ebenfalls Dichter) öffentlich aggressiv kritisiert und löste damit einen literarischen Streit aus, bei dem es einerseits konkret um „lächerliche Reime“, und andererseits um glaubwürdigere und einfühlsamere Personencharakterisierung ging.Dazu besonders ausführlich: Hansjörg Drauschke: Almira, Königin von Kastilien (HWV 1), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 9–12. Hunold ging dabei so weit, auch den Komponisten Händel mit hineinzuziehen, indem er ihm (ohne Namensnennung) folgende Worte in den Mund legte:
In der Literatur wurde zum Teil angenommen, dass diese Äußerung wirklich von Händel stamme,Friedrich Chrysander: G. F. Händel. Erster Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 127. jedoch gibt es dafür keinen Beweis.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 24.Panja Mücke: Nero (HWV 2), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 18–19.
Das Ergebnis des Streits war, dass Feustking Hamburg verließ und nie wieder ein Opernlibretto schrieb,Hansjörg Drauschke: Almira, Königin von Kastilien (HWV 1), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 12.Laut Stompor verließ Feustking Hamburg aber auch aufgrund einer „gegen ihn als Theologen wegen angeblicher früherer Liebschaften betriebenen persönlichen Hetze“. Stephan Stompor: Die deutschen Aufführungen von Opern Händels in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Händel-Jahrbuch 1978, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, S. 53. während Barthold Feind und Reinhard Keiser ein halbes Jahr später mit Die römische Unruhe oder: Die edelmüthige Octavia eine neue „Nero-Oper“ – allerdings mit völlig anderer Handlung – auf die Hamburger Bühne brachten.
Händel soll sich von der Gänsemarktoper zurückgezogen und stattdessen dem Unterrichten gewidmet haben, nahm jedoch andererseits den Auftrag für die Komposition seiner nächsten Opern Florindo und Daphne an.Stephan Stompor: Die deutschen Aufführungen von Opern Händels in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Händel-Jahrbuch 1978, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, S. 45–46 und 53 ff.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 72.
Libretto Das Leben des berüchtigten Kaisers Nero hatte seit Claudio Monteverdis L’incoronazione di Poppea (Venedig, 1643) immer wieder als Inspirationsquelle für diverse Opern gedient, auch in deutscher Sprache: Stephan Stompor nannte als Beispiele ein „Singspiel mit Balletten“ Nero, der verzweifelte und dadurch das bedrängte Reich befreiende Selbstmörder von David Pohle (?, Halle, 1663) und einen Nero | Der verzweiffelte Selbst=Mörder, der 1685 in Weißenfels aufgeführt worden war und den Barthold Feind für sein etwa zeitnah entstandenes Libretto zu Keisers Octavia als Vorlage anführte.
Feustking scheint für seinen Nero keine italienische Vorlage, wie sie für viele andere zeitgenössische Operntexte benutzt wurden, verwendet zu haben, zumindest konnte keine identifiziert werden (Stand 2026). Es gibt darin, im Gegensatz zu seiner Almira (und anderen Hamburger Opern-Libretti), auch keine Arien oder Ensembles in italienischer Sprache.Originaltext in: Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel’s operas: a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume ii, Garland, New York 1989, S. xxxv. Stattdessen gibt er als Quellen des Librettos in seiner Vorrede die historischen Geschichtswerke von Sueton (De vita Caesarum) und Tacitus (Annales) sowie Xiphilinos an.Originaltext in: Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel’s operas: a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume ii, Garland, New York 1989, S. 64–65. Offensichtlich wurde das Textbuch also von vornherein für Händel geschrieben, im Gegensatz zu vielen der später von ihm vertonten Opernlibretti, die nur Überarbeitungen früherer Texte waren.
Das Libretto ist typisch für eine deutsche Oper der Zeit und zeigt ähnliche Merkmale wie die Vorgängeroper Almira: Anders als in der italienischen Oper sind die Rezitative gereimt und es gibt relativ viele Arien zu Beginn oder in der Mitte einer Szene — die also meistens keine Abgangsarien sind, wie sie in Italien zu dieser Zeit schon üblich waren.Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel’s operas: a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume ii, Garland, New York 1989, S. xxxv-xxxvi. Typisch ist auch eine komische volkstümliche Figur, hier in Form des „freygelassenen Knechts“ Graptus (dies erinnert an die ältere venezianische Tradition).Panja Mücke: Nero (HWV 2), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 21–24.
Über die Qualität des Librettos gab es auch nach dem zeitgenössischen Librettisten-Streit widersprüchliche Meinungen: Während beispielsweise Friedrich Chrysander von „sittlichem Stumpfsinn“ und einem „elenden Text“ sprach, lobte beispielsweise Stompor „die kritische Darstellung höfischer Intrigen, Machtkämpfe und Laster“ und pries das Libretto als „eine inhaltlich, dramaturgisch und poetisch beachtliche Bühnendichtung ..., die der musikalischen Kunst Händels reiche und neuartige Entfaltungsmöglichkeiten gab“.Stephan Stompor: Die deutschen Aufführungen von Opern Händels in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Händel-Jahrbuch 1978, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, S. 44 und 45.
Historisch-literarischer Hintergrund mini|Noël Coypel: Nero befielt den Mord an seiner Mutter Musée de Grenoble Friedrich Christian Feustking schreibt in seiner Vorrede zum Libretto:
Musik Händels Autograph des Nero ist verschollen. Noch 1830 soll eine handschriftliche Kopie der Partitur aus dem Nachlass des Hamburger Musikalienhändlers und Organisten Johann Christoph Westphal verkauft worden sein, von der jedoch ebenfalls jede Spur fehlt.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 69.
Aus dem Libretto geht hervor, dass – wie zuvor in Almira – ein Chor und Ballett in die Handlung mit einbezogen waren, ähnlich wie in der französischen Barock-Oper. In Nero gab es eine ungewöhnlich große Zahl von Ensembleszenen, mit zehn Duetten, sechs Terzetten und drei Chören neben 50 Arien.Stephan Stompor: Die deutschen Aufführungen von Opern Händels in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Händel-Jahrbuch 1978, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, S. 45.
Literatur Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8. Friedrich Chrysander: G. F. Händel. Erster Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 128. Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7 (englisch). Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1. Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel’s operas: a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume ii, Garland, New York 1989. Johann Mattheson: Grundlage einer Ehren-Pforte. Hamburg 1740, S. 95 (originalgetreuer Nachdruck: Kommissionsverlag Leo Liepmannssohn, Berlin 1910). Panja Mücke: Nero (HWV 2), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 17–27 Albert Scheibler: Sämtliche 53 Bühnenwerke des Georg Friedrich Händel, Opern-Führer. Edition Köln, Lohmar/Rheinland 1995, ISBN 3-928010-05-0. Stephan Stompor: Die deutschen Aufführungen von Opern Händels in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Händel-Jahrbuch 1978, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, S. 31–89
Weblinks
Libretto zu Nero Weitere Angaben zu Nero
Einzelnachweise und Fußnoten
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