mini|Keupstraße (2007) mini|Der türkische Außenminister Ahmet Davutoğlu besucht den Ort des Attentats (2011). Bei dem Nagelbombenanschlag in Köln detonierte am 9. Juni 2004 in der Köln-Mülheimer Keupstraße, die als Zentrum des türkischen Geschäftslebens bekannt ist,Elizabeta Jonuz, Erika Schulze: Vielfalt als Motor urbaner Entwicklungen. Das Beispiel Keupstraße in Köln. In: Wolf-Dietrich Bukow, Gerda Heck, Erika Schulze, Erol Yildiz (Hrsg.): Neue Vielfalt in der urbanen Stadtgesellschaft. 2009, S. 36. eine ferngezündete Nagelbombe. Dabei wurden 22 Menschen verletzt, vier davon schwer. Der Friseursalon, vor dem die Bombe explodierte, wurde von der Explosion und einem Feuer verwüstet, mehrere weitere Ladenlokale und zahlreiche parkende Autos durch die Explosion und herumfliegende Nägel erheblich beschädigt. Seit der Selbstenttarnung im November 2011 wird der Anschlag der rechtsterroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zugeordnet. Im NSU-Prozess wurde die fremdenfeindliche Motivation festgestellt, während in den Ermittlungen bis 2011 vor allem Anwohner und Opfer verdächtigt worden waren.
Tathergang Die Bombe bestand aus einer Butan-Gasflasche mit 26 Zentimeter Höhe und 20 Zentimeter Durchmesser, die mit etwa 5,5 Kilogramm Schwarzpulver und etwa 800 Zimmermannsnägeln mit zehn Zentimetern Länge gefüllt war und insgesamt 18 Kilogramm wog. Sie war in einen mit Watte ausgestopften Hartschalenkoffer mit einem Satz Batterien gelegt, auf dem Gepäckträger eines Fahrrads montiert und dieses vor dem Friseurladen Kuaför Özcan abgestellt worden. Gezündet wurde sie um 15:56 Uhr durch eine Glühwendel mit der Funkfernsteuerung eines Flugzeugmodellbausatzes, die Täter waren also im Umfeld des Tatorts.Zünder aus dem Modellbaukasten. In: Kölner Stadt-Anzeiger, 15. Juni 2004; Tanjev Schultz: NSU. Der Terror von rechts und das Versagen des Staates. Droemer Knaur, München 2018, S. 226 f.; Plädoyer von Annette Greger im NSU-Prozess, in: Plädoyer der Bundesanwaltschaft 3. Tag: vollständige Mitschrift. In: NSU-Nebenklage.de, 27. Juli 2017; Urteil im NSU-Prozess, in: Annette Ramelsberger u. a.: Der NSU-Prozess. Das Protokoll. Band 4: Plädoyers und Urteil. Antje Kunstmann, München 2018, S. 1838. Sie zündeten die Bombe, als gerade zwei junge Männer an dem Fahrrad vorbeigingen.Damit das alles einen Sinn ergibt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. März 2015, S. 55.
Ermittlungen und unabhängige Beobachtungen Erste Ermittlungserfolge erbrachten die Aufzeichnungen einer Überwachungskamera. Diese war am Gelände des ums Eck liegenden Fernsehsenders Viva angebracht und hatte einen Mann gefilmt, der kurz vor dem Anschlag mit einem Fahrrad an der Zentrale vorbeilief. Zeugen bestätigten, dass es sich um den Mann handelte, der das Fahrrad in der Keupstraße abgestellt hatte. Das Bild zeigte einen etwa 30-jährigen Mann, vermutlich mitteleuropäischer Herkunft, mit einer tief ins Gesicht gezogenen Baseballkappe. Er konnte nicht identifiziert werden. Allerdings wurden im Juni 2005, nach dem Mord an İsmail Yaşar, dem fünften Opfer der NSU-Mordserie, in Nürnberg Phantombilder von Verdächtigen angefertigt und die Ähnlichkeit eines Mannes mit dem hiesigen Bild festgestellt. Als weitere Gemeinsamkeit wurde die Benutzung von Fahrrädern gewertet.Sieben Tote, eine Waffe – die Spur des Mörders. In: Hamburger Abendblatt, 23. Juni 2005.
Clemens Binninger, CDU-Obmann im ersten Bundestags-NSU-Untersuchungsausschuss, bezeichnete es als „fast schon skandalös“, dass zwei Polizisten, die in unmittelbarer Nähe des Anschlags auf Streife waren, erst neun Jahre später vernommen wurden.wdr.de vom 25. April 2013: Weitere Pannen nach NSU-Anschlag.
Im Juli 2013 teilte Rechtsanwalt Yavuz Selim Narin, der die Familie des 2005 getöteten Theodoros Boulgarides im Prozess gegen Beate Zschäpe u. a. vertritt, folgendes mit: Mehrere Videoaufnahmen zeigen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt beim Platzieren der Nagelbombe in der Kölner Keupstraße 2004. Aber das Videomaterial wurde nur lückenhaft beachtet, es muss in Gänze betrachtet werden. Beim stundenlangen Sichten hat Narin beim Bundeskriminalamt die vollständigen Videoaufzeichnungen entdeckt. Dort in den Akten liegt deutlich mehr Bildmaterial von Überwachungskameras des Musiksenders, als die eine bisher mitgeteilte Sequenz eines radschiebenden einzelnen Mannes. Auf sechs Videokassetten sollen nach Narin Täter-Aktivitäten am 9. Juni zu sehen sein, zusätzlich auf sieben Festplatten. Narin kritisiert, dass das Bildmaterial bis 2013 nicht vollständig ausgewertet worden sei. Insgesamt wurden Mundlos und Böhnhardt an diesem Tag fünfmal von zwei verschiedenen Kameras des Senders aufgenommen. Ein Video zeigt das Vorgehen der Täter sogar im Detail: Ab 14:18 Uhr sind die beiden in den Aufnahmen zu sehen. Um 15:10 Uhr passiert Mundlos, ein Damenrad schiebend, den Eingang von Viva Richtung Keupstraße. Auf dem Gepäckträger befindet sich ein Hartschalenkoffer, in dem sich die Nagelbombe befindet. Das ist das bisher bekannte Bild. Vor dem Friseursalon Özcan stellte Mundlos dieses Fahrrad ab. Zuvor ist Böhnhardt zu sehen, wie er zwei Mountainbikes durch die Straße schiebt; es sind die Fahrräder, mit denen beide Männer sich nach der Bombenzündung entfernen. Gegen 15:50 Uhr sind beide Täter samt Rädern wieder auf der Straße zu sehen. Sechs Minuten später zünden sie die mit mindestens 5,5 Kilogramm Schwarzpulver und über 700 Zimmermannsnägeln bestückte Bombe per Fernsteuerung. Um 15:57 Uhr ist einer der beiden erneut zu sehen. Er passiert den Eingang des Musiksenders Viva und fährt dann schnell weg.Bilder, die keiner sehen wollte. In: Die Tageszeitung, 24. Juli 2013.
Fehlermittlungen Die Ermittlungen zu den Anschlägen des Nationalsozialistischen Untergrunds konzentrierten sich bundesweit über Jahre hinweg nahezu ausschließlich auf Organisierte Kriminalität sowie auf vermeintliche persönliche Motive im Umfeld der Opfer. Dass dieser Ansatz trotz ausbleibender Ermittlungserfolge beharrlich fortgeführt wurde, lässt sich durch die vorrangige Zuständigkeit von auf Organisierte Kriminalität spezialisierten Polizeieinheiten, durch eine entsprechend selektive Bewertung von Zeugenaussagen und durch Elemente institutionellen Rassismus innerhalb der Ermittlungsbehörden erklären. Dieser zeigte sich sowohl in der Namensgebung von Sonderkommissionen wie „Soko Halbmond“ oder „Besondere Aufbauorganisation Bosporus“ als auch im Festhalten an der Annahme, die Opfer seien aufgrund ihrer Herkunft in die Taten verstrickt – entgegen der tatsächlichen Beweislage.
Zum Kölner Anschlag erbrachte eine erste Operative Fallanalyse des Landeskriminalamts vom Juli 2004 tatsächlich die Vermutung, dass es sich bei den Tätern „mit hoher Wahrscheinlichkeit um Deutsche handele, die eine Abneigung gegen Ausländer (Türken) hätten“, eine Richtung, die von einer zweiten Fallanalyse im Jahr 2025 bestätigt wurde. Allerdings ging man bei der Verfolgung dieser Theorie von lokal verorteten rechtsextremen Tätern aus, was zu keinem Ermittlungserfolg führte. Daraufhin schwenkten auch die Kölner Ermittlungen auf die Idee privater oder organisiert-krimineller Motive um, wobei es dann blieb. Schließlich versandete sogar ein Hinweis des britischen Scotland Yard, der Parallelen zu einem 1999 verübten Nagelbombenanschlag des britischen Neonazis David Copeland aufzeigte. Dieser Verweis auf die Ähnlichkeit zu den der Gruppe Combat 18 zugerechneten Anschlägen wurde offenbar missverstanden und verworfen, da sich Copeland zum Tatzeitpunkt in Köln in Haft befand.Heike Kleffner: „Generation Terror“ – Der NSU und die rassistische Gewalt der 1990er Jahre in NRW. In: Dostluk Sinemasi: Von Mauerfall bis Nagelbombe. Der NSU-Anschlag auf die Kölner Keupstraße im Kontext der Pogrome und Anschläge der neunziger Jahre, Amadeu Antonio Stiftung, Berlin 2014, S. 33.
Bundesinnenminister Otto Schily erklärte im Rahmen einer Pressekonferenz mit seinem französischen Amtskollegen Dominique de Villepin in Kehl:
Im Weiteren versuchten die Ermittlungsbehörden in ihrer Öffentlichkeitsarbeit glaubhaft zu machen, dass keine fremdenfeindliche Motivation bestand und dass es sich nicht um einen terroristischen Akt aus dem Umfeld des islamistischen Terrorismus gehandelt habe.Kölner Stadt-Anzeiger: Stochern im Nebel, Artikel vom 30. Juli 2004 Anwohner und Betroffene vermuteten hinter der Tat rechtsextremistische Motive, was jedoch als Mutmaßung und Spekulation abgetan wurde.Peter Schilder: Keine Anzeichen für einen terroristischen Hintergrund. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Juni 2004.
Im November 2011 konnte der Anschlag durch ein mutmaßlich von Beate Zschäpe versandtes Bekennervideo der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ zugeordnet werden.
Am Tag des Nagelbombenanschlags war Andreas Temme, der Beamte des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz, der im April 2006 beim NSU-Mord an Halit Yozgat in Kassel am Tatort anwesend war, in Köln, um eine Tagung zu besuchen.Pitt von Bebenburg: NSU-Ausschuss: „Alle Theorien offen“. In: Frankfurter Rundschau, 3. Juli 2016.
Juristische Aufarbeitung Erst nach der Selbstenttarnung der rechtsterroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) im November 2011 und der Versendung von Bekennervideos durch ihr Mitglied Beate Zschäpe, in dem sich der NSU zu den Taten bekannte, wurde der rechtsextreme und rassistische Hintergrund der Tat bekannt. Im November 2011 übernahm der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof die Ermittlungen und ließ durch das Bundeskriminalamt die Umstände auch dieses Anschlags aufklären. Im folgenden NSU-Prozess wurde Zschäpe im Juli 2018 als Mittäterin auch des Nagelbombenanschlags zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Die 22 Opfer des Anschlags hatten sich der Anklage als Nebenkläger angeschlossen. Die Opfer und ihre Angehörigen nahmen das Urteil, bei dem vier NSU-Unterstützer zu zeitigen Haftstrafen verurteilt wurden, aber die Arbeit der Behörden und mögliche lokale Anschlagshelfer nicht thematisiert wurden, mit Enttäuschung auf.Uli Kreibaum: Die Worte sind verbraucht. In: Frankfurter Rundschau, 11. Juli 2018.
Fingiertes Opfer Ein Opfer existierte gar nicht, sondern wurde mit Hilfe gefälschter Unterlagen fingiert, wodurch der Anwalt Ralph Willms insgesamt mehr als 200.000 Euro erhalten haben soll, unter anderem 5.000 Euro pauschale Härteleistung vom Bundesamt für Justiz. Er musste sich im Jahr 2020 deswegen vor dem Landgericht Aachen verantworten.Eschweiler Anwalt soll NSU-Opfer erfunden haben, www.aachener-zeitung.de, 7. August 2020, abgerufen am 21. Dezember 2020. Willms sei kein Betrüger, urteilte das Aachener Landgericht, habe aber „große Fehler“ gemacht. Ihm droht der Entzug der Zulassung als Anwalt.Wiebke Ramm: Blindes Vertrauen, www.spiegel.de, 30. November 2020, abgerufen am 21. Dezember 2020.
Gedenken Besuche des Tatorts durch Politiker 18. November 2011: SPD-Parteivorsitzender Sigmar Gabriel. 4. Dezember 2011: Außenminister Ahmet Davutoğlu mit Oberbürgermeister Jürgen Roters März 2017: Akif Kilichttps://www.newsdeutschland.com/video/20170311/44113/Kilics-privater-Köln-Besuch-DW-Nachrichten.htm
Kundgebungen und Abbildungen