mini|hochkant=1.2|Eine Familie aus Eltern und drei Kindern mini|hochkant=1.2| Eine Großfamilie mit elf Kindern und siebenundzwanzig Enkelkindern, vor dem Kloster Guadalupe, Spanien 2007. mini|hochkant=1.2|Verbreitung von verschiedenen Familiensystemen in Europa nach Todd. Grüntöne: Formen der Stammfamilie (je dunkler, desto stärker ausgeprägt). Gelbtöne: Kernfamilie. Orangetöne: kommunitäre Familie. Grau: endogam-patrilokale Familie. Rote Streifen: matrilokale Familie. Familie (von lateinisch familia „Gesinde“,Alois Walde: Lateinisches etymologisches Wörterbuch. 3. Auflage, besorgt von Johann Baptist Hofmann, 3 Bände. Heidelberg 1938–1965, Band 1, S. 452–453. „Gesamtheit der Dienerschaft“, einer Kollektivbildung von famulus „Diener“Duden: Das Herkunftswörterbuch: Etymologie der deutschen Sprache. 5. neu bearbeitete Auflage. Berlin 2014, S. 271.Duden-Redaktion: Familie. Abgerufen am 13. März 2020.Online Etymology Dictionary: Family. Abgerufen am 13. März 2020 (englisch).Family. In: An Etymological Dictionary of Modern English. Hrsg.: Ernest Weekly. New York 1967, S. 547 (englisch).Family. In: Oxford Dictionary of English. Hrsg.: Angus Stevenson. Oxford 2010 (englisch).) bezeichnet soziologisch eine durch Partnerschaft, Heirat, Lebenspartnerschaft, Adoption oder Abstammung begründete Lebensgemeinschaft, meist aus Eltern oder Erziehungsberechtigten sowie Kindern bestehend, gelegentlich durch weitere, mitunter auch im selben Haushalt lebende Verwandte oder Lebensgefährten erweitert. Die Familie beruht im Wesentlichen auf Verwandtschaftsbeziehungen.

Definitionszweck Zu klären ist nicht nur die Frage, ob eine bestimmte soziale Kleingruppe eine Familie bildet, sondern auch, wer zu einer Familie gehört. Die meisten Definitionen von Soziologen und Wirtschaftswissenschaftlern gehen davon aus, dass das Zusammenleben als HausfamilieReinhard Sprenger: Aspekte sozialen Schutzes in der Bauernfamilie des Hoch- und Spätmittelalters. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Mit einem Register von Ralf Nelles. Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 3-7995-4156-X, S. 91–105, hier: S. 91. in einem gemeinsamen Haushalt (dem „Familienhaushalt“) ein Wesensmerkmal einer Familie darstellt.Vgl. auch Trude Ehlert: Die Rolle von »Hausherr« und »Hausfrau« in der spätmittelalterlichen volkssprachigen Ökonomik. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Mit einem Register von Ralf Nelles. Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 3-7995-4156-X, S. 153–166, hier: S. 153–154.

So wird Familie sozialgeschichtlich etwa als real zusammenlebende Gruppe gesehen, die nicht von genealogischen Beziehungen, sondern von funktionalen Zusammenhängen her zu fassen ist.Michael Mitterauer: Familie und Arbeitsorganisation in städtischen Gesellschaften des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. In: Alfred Haverkamp (Hrsg.): Haus und Familie in der spätmittelalterlichen Stadt (= Städteforschung. Reihe A: Darstellungen. Band 18). Böhlau, Köln/Wien 1984, ISBN 3-412-00284-4, S. 1–36, hier: S. 7.

Für Juristen ist eher die Frage von Belang, ob jemand ein „Angehöriger“ einer anderen Person ist. Angehörige genießen Privilegien, die „Nicht-Angehörigen“ nicht zugestanden werden, sind aber auch mit spezifischen rechtlichen Pflichten belastet. Für Juristen sind beispielsweise Familien Gemeinschaften von Erbberechtigten oder die Gesamtmenge derjenigen Angehörigen, die berechtigt sind, vor Gericht die Aussage zu verweigern.

Begriffsgeschichte Antike (Römisches Reich) Der Begriff familia hat seine Wurzeln im oskischen Wort famel bzw. famelo sowie im umbrischen Wort fameria. Das oskische famat bedeutet „wohnen“ und verweist auf die Grundbedeutung des Zusammenwohnens.

Die lateinischen Begriffe famulus und famula bedeuteten „Haussklave“, „Diener“ bzw. „Sklave“ und „Dienerin“ bzw. „Sklavin“. Der davon abgeleitete lateinische Begriff familia ist in der lateinischen Sprache „vielschichtig“. Für den heutigen Familienbegriff gab es im Lateinischen – genau wie im Griechischen – kein Wort: „In keiner ihrer Bedeutungen war familia also die Kernfamilie, bestehend aus Vater, Mutter, Kindern.“Andreas Gestrich: Antike. In: Andreas Gestrich, Jens-Uwe Krause, Michael Mitterauer: Geschichte der Familie. Kröner, Stuttgart 2003, S. 95ff.

Die Begriffe familia und die zugehörige soziale Zentralposition des pater familias waren Herrschaftsbezeichnungen, die Machtverhältnisse bzw. unterschiedliche Aspekte von Machtverhältnissen anzeigten.Andreas Gestrich: Neuzeit. In: Andreas Gestrich, Jens-Uwe Krause, Michael Mitterauer: Geschichte der Familie. Kröner, Stuttgart 2003, S. 367. Der biologische Erzeuger (Vater) hieß genitor, nicht Pater. Bereits in den indogermanischen Sprachen stand Pater nicht für leibliche und materielle Aspekte einer Vaterschaft, sondern für „Schöpfungskraft“ und „übernatürliche Kräfte“ jenseits der reinen Fruchtbarkeit eines Mannes.

In der römischen Antike wurde erstmals die Verwandtschaft als zentrale beziehungsstiftende Institution relativiert, indem die familia sich um die Zentralposition des pater familias konstituierte und durch diesen quasi als soziale Einheit ins Leben gerufen wurde. Nicht die Vereinigung von männlichem Samen mit weiblicher Fruchtbarkeit, sondern die charismatisch überhöhte Stellung des Hausherrn, die Patria Potestas, verschaffte ihm das unbeschränkte Verfügungsrecht über die gesamte Hausgemeinschaft, d. h. Sachen und Personen wie Ehefrau, Kinder, Sklaven, Freigelassene und Vieh.Bernhard Linke: Von der Verwandtschaft zum Staat: die Entstehung politischer Organisationsformen in der frührömischen Geschichte. Stuttgart 1995, S. 82–83.

Die höchst unterschiedlichen Kontexte, in denen der lateinische Begriff familia verwendet wurde, bezeichnen jeweils bestimmte Aspekte des komplexen Herrschaftsbegriffs: Sklavengesinde, d. h. die Sklaven und abhängigen Freigelassenen einer Hausgemeinschaft (häufigste alltägliche Begriffsverwendung) Geschlecht der Vorfahren in männlicher Linie Sämtliche Personen, die unter der Gewalt des pater familias standen (Ehefrau, Kinder, ggfs. Enkel, Sklaven, Freigelassene) Sämtliche Sachen und Personen, die unter der Gewalt des pater familias standen, also auch Vieh, Geld, Güter, Lebensmittel, Metalle etc.Marcel Mauss: Soziologie und Anthropologie. Band 2: Gabentausch - Todesvorstellung - Körpertechniken. Wiesbaden 2010, S. 98.

Mittelalter Im Mittelalter war familia kein Begriff der Alltagssprache, sondern bezeichnete den Rahmenhaushalt des Herrschers, der oftmals viele hunderte oder tausende von Personen umfasste. Dieser RahmenhaushaltVgl. auch Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit (Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn). Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 3-7995-4156-X. bestand aus einem vielfach verschachtelten System einander über- und untergeordneter Hausgemeinschaften. Schlüsselbegriff der sozialen Ordnung war nicht der Begriff familia, sondern der des Hauses. Die Ordnung des Hauses ging dabei überall auf die gleiche häusliche Wurzel zurück.Michael Mitterauer: Mittelalter. In: Andreas Gestrich, Jens-Uwe Krause, Michael Mitterauer: Geschichte der Familie. Kröner, Stuttgart 2003, S. 270 ff.Vgl. auch David Herlihy: The Making of the Medieval Family: Symmetry, Structure and Sentiment. In: Journal of Family History. Band 8, 1983, S. 116–130. Die sogenannte Hausfamilie, eine (im Sinne des Personenverbandsrechtes) geschlossene Hausgemeinschaft (familia), zu der auch Hausangestellte gehörten, hatte im Hochmittelalter die vom Sippenverband her bestimmte Familie des Frühmittelalters abgelöst.Reinhard Sprenger: Aspekte sozialen Schutzes in der Bauernfamilie des Hoch- und Spätmittelalters. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Mit einem Register von Ralf Nelles. Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 3-7995-4156-X, S. 91–105, hier: S. 91. Ähnlich der Familiendefinition Mitterauers definierte bereits Konrad von Megenberg in der Schrift Yconomica den Begriff domus temporalis (bzw. „irdische Haus“):Trude Ehlert: Die Rolle von »Hausherr« und »Hausfrau« in der spätmittelalterlichen volkssprachigen Ökonomik. 1991, S. 154. „Domus temporalis est communitas personalis ad necessitatem vite humane exterioris hominis racionabiliter ordinata […]“Sabine Krüger (Hrsg.): Konrad von Megenberg, Werke. Ökonomik (Buch I) (= MGH Staatsschriften des späten Mittelalters. Band 5,1). Stuttgart 1973, I,1,4, S. 29. („Ein Zuhause auf Zeit ist eine persönliche Gemeinschaft, die rational organisiert ist, um den Bedürfnissen des menschlichen Lebens außerhalb des Menschen gerecht zu werden“).

Neuzeit Erst ab Ende des 17. Jahrhunderts wurde der Begriff Familie aus dem Französischen kommend allmählich in die deutsche Alltagssprache übernommen. Anfangs war er noch gleichbedeutend mit dem älteren Begriff Haus.Reinhart Koselleck: Die Auflösung des Hauses als ständischer Herrschaftseinheit. Anmerkungen zum Rechtswandel von Haus, Familie und Gesinde in Preußen zwischen der Französischen Revolution und 1848. In: Neithard Bulst, Joseph Goy, Jochen Hoock (Hrsg.): Familie zwischen Tradition und Moderne. Studien zur Geschichte der Familie in Deutschland und Frankreich vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1981, S. 109–124 (Digitalisat). Erst später bezeichnete er die engere Einheit der sogenannten Kernfamilie oder die weitere soziale Einheit im Sinne der Verwandtschaft. Der neue Begriff bezeichnet das mit dem Aufstieg des Bürgertums sich durchsetzende Ideal der Bürgerlichen Familie, d. h. der Kernfamilie und ihrer Einbettung in Abstammungsbeziehungen.Rosemarie Nave-Herz: Eine sozialhistorische Betrachtung der Entstehung und Verbreitung des Bürgerlichen Familienideals in Deutschland. In: Dorothea Christa Krüger, Holger Herma, Anja Schierbaum (Hrsg.): Familie(n) heute. Entwicklungen, Kontroversen, Prognosen. Weinheim 2013, S. 18–35.

Einzelterminologie Unabhängig davon, ob ein junges Ehepaar nach der Heirat zur Familie der Frau zieht (Matrilokalität) oder zu der des Mannes (Patrilokalität) oder ob es sich an einem dritten Wohnort niederlässt (Neolokalität), gibt es je nach Kultur unterschiedliche Definitionen des Begriffs und der Größe einer Familie. Oft lässt sich an der Vielfalt der Verwandtschaftsbezeichnungen auch die theoretische Größe einer Familie ablesen – so gibt es in der kroatischen Sprache unterschiedliche Bezeichnungen für den Onkel als Bruder des Vaters oder aber der Mutter.

Wenn Großeltern, Eltern und Kinder als Familie zusammenleben, spricht man von einem Mehrgenerationenhaushalt bzw. einer Mehrgenerationenfamilie oder auch Großfamilie. In den USA und anderen Ländern gibt es den Begriff der erweiterten Familie (extended family), zu der die weitere, teils angeheiratete Verwandtschaft gehört (Schwägerschaft).

Auch wird unterschieden, ob materielle, kulturelle und spirituelle Ressourcen in einer Familie vom Vater auf den Sohn übergehen (Patrilinearität) oder ob sie über die Mutter laufen (Matrilinearität). Zwar gilt dabei zunächst die Blutsverwandtschaft, doch gibt es in vielen Kulturen die Möglichkeit der Adoption.