mini|Achille Mbembe (2015) mini|Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises 2015 Joseph-Achille Mbembe (* Juli 1957 in Malande, Kamerun) ist ein Historiker, Politikwissenschaftler und Theoretiker des Postkolonialismus. Er lehrt und forscht aktuell als Professor an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg, Südafrika.

Leben Achille Mbembe wurde in Malande in der Region Centre des zentralafrikanischen Staates Kamerun geboren. Er entstammt dem Volk der Bassa und wurde in einem Internat der Dominikaner unterrichtet, bevor er 1978 ein Studium an der Universität Yaoundé in der Hauptstadt Kameruns aufnahm.Ecrire l’Afrique à partir d'une faille. In: Politique Africaine, N° 51, Oktober 1993, S. 69–98. Während der Schul- und Studienzeit war er für die Jeunesse étudiante chrétienne (JE) unter anderem als Verantwortlicher bei der Zeitschrift der Bewegung Au Large zuständig.Ecrire l’Afrique à partir d'une faille. In: Politique Africaine, N° 51, Oktober 1993, S. 77 Die Zeiten des Studiums waren nicht nur von Streiks gegen die autoritären Regimes der Präsidenten Kameruns Ahmadou Ahidjo bis 1982 und dessen Nachfolger Paul Biya unterbrochen, sondern sie ließen Mbembe auch ganz Kamerun einschließlich des englischsprachigen Westens und des muslimischen Nordens kennenlernen.Ecrire l’Afrique à partir d'une faille. In: Politique Africaine, N° 51, Oktober 1993, S. 78 Dort nahm er an Alphabetisierungskampagnen für die ländliche Bevölkerung, besonders in der Nähe von Maroua, dem großen Handelszentrum im Norden Kameruns, teil. Weitere Reisen führten Mbembe zum Beispiel in das Tansania von Präsident Julius Nyerere und machten ihn mit der dortigen Form des Sozialismus, Ujamaa, bekannt.

Studien und Lehrtätigkeit Mbembe studierte ab 1982 an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne und promovierte dort im Jahre 1989 im Fach Geschichte. Seine Ausbildung schloss er am Institut d’études politiques de Paris mit dem Diplôme d’études approfondies (DEA) ab. Seit seinen Pariser Jahren publiziert Mbembe in der linksliberalen und in der dezidiert linken Presse, etwa also in Le Monde diplomatique oder heute in der marxistisch fundierten Jungen Welt, an deren jährlicher Rosa-Luxemburg-Konferenz er als Referent teilnahm.Siehe etwa: Hans-Christoph Zimmermann, Der Traum von vollkommener Sicherheit, in: junge Welt, 14. Mai 2019. In Paris war Jean-François Bayart sein geistiger Mentor, der die Zeitschrift Politique africaine für seine Ideen einer „Politik von unten“ öffnete.

Danach ging er 1986 für drei Jahre als Assistent an die Columbia University in New York. Es folgte eine einjährige Tätigkeit in Washington, D.C. an der Brookings Institution, bevor er an die University of Pennsylvania in Philadelphia, Pennsylvania ging. An der University of California, Berkeley, der Yale University in New Haven, Connecticut und der Duke University in Durham, North Carolina, unterrichtete er zeitweilig während seines Aufenthalts in den USA. 1996 wurde Mbembe an den in Dakar, Senegal, ansässigen Council for the Development of Social Science Research (CODESRIA) gerufen. Er verließ diese Einrichtung im Jahre 2000 enttäuscht über die inneren ideologischen Grabenkämpfe.

2001 begann er seine Tätigkeit am neu eingerichteten Institute of Social and Economic Research (WISER) an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg in Südafrika.

2019 hielt Mbembe als Albertus-Magnus-Professor eine Vorlesungsreihe an der Universität Köln.Achille Mbembe, auf amp.phil-fak.uni-koeln.dePostkolonialismus-Theoretiker Achille Mbembe ist Albertus-Magnus-Professor 2019, auf portal.uni-koeln.de

Seine Schriften wurden ins Arabische, Deutsche, Englische, Niederländische, Polnische, Portugiesische, Rumänische, Spanische, Russischehttp://openleft.ru/?p=8893 und andere Sprachen übersetzt.

Wissenschaftliche Positionen Mbembes Forschungsschwerpunkte sind Philosophie, afrikanische Geschichte, Postcolonial Studies sowie Politik- und Sozialwissenschaften.

Afrika als Projektion Sein bisher bedeutendstes Werk ist das 2000 erschienene Buch De la postcolonie. Essai sur l’imagination politique dans l’Afrique contemporaine (deutsch: Postkolonie. Zur politischen Vorstellungskraft im zeitgenössischen Afrika). In diesem Text argumentiert Mbembe, dass der akademische und populäre Diskurs über Afrika in einer Vielzahl von Klischees gefangen sei, die an westliche Phantasien und Ängste gebunden seien (ebd., S. 3). In Anlehnung an Frantz Fanon und Sigmund Freud vertritt Mbembe die Auffassung, dass diese Darstellung nicht die Widerspiegelung eines wirklichen Afrikas ist, sondern eine unbewusste Projektion, die an Schuld, Verleugnung und den Zwang zur Wiederholung gebunden ist. Wie James Ferguson, Valentin-Yves Mudimbe und andere interpretiert Mbembe Afrika nicht als einen definierten, isolierten Ort, sondern als eine spannungsgeladene Beziehung zwischen sich und dem Rest der Welt, die sich gleichzeitig auf politischer, psychischer, semiotischer und sexueller Ebene abspielt.

Nekropolitik als Erweiterung der Foucault’schen Bio-Macht Mbembe vertritt, dass Michel Foucaults Konzept der Bio-Macht als ein Gefüge aus Disziplinierungsmacht und Biopolitik nicht mehr ausreiche, um diese zeitgenössischen Formen der Unterwerfung zu erklären. Foucaults Konzepten von souveräner Macht und Bio-Macht fügt Mbembe den Begriff der „Nekropolitik“ hinzu, der über die bloße „Einschreibung von Körpern in Disziplinarapparate“ hinausgeht. 34 An den Beispielen Palästina, Afrika und Kosovo analysiert Mbembe, wie die Macht der Souveränität durch die Schaffung von Zonen des Todes in Kraft tritt, in denen der Tod zur ultimativen Ausübung von Herrschaft und zur primären Form des Widerstands wird.

Globalisierung als Universalgeschichte In seinem Werk Critique de la raison nègre (deutsch: Kritik der schwarzen Vernunft) analysiert Mbembe die Entstehung des globalen Kapitalismus aus dem transatlantischen Sklavenhandel und seine Weiterentwicklung im Zeichen der neoliberalen Globalisierung, die im selben Geist stattfinde. Voraussetzung der millionenfachen Ausbeutung sei die sprachliche Zurichtung und Entmenschlichung der Auszubeutenden. Deshalb verwendet Mbembe bewusst die Vokabeln „Rasse“ und „Neger“. Sie seien „reale Fiktionen“, rassistische Konstruktionen, die gleichwohl die reale Welt bestimmten.Achille Mbembe: Kritik der schwarzen Vernunft. Suhrkamp, Berlin 2014. Vgl. Detlev Claussen: Vordenker des Postkolonialismus: Reale Fiktionen. taz vom 22. Februar 2015; Ijoma Mangold: Rassismus: Wie rassistisch ist der Westen. In: Die Zeit vom 29. April 2020, S. 45; Achille Mbembe, Kritik der schwarzen Vernunft, Rezensionsnotizen auf Perlentaucher.

Politische Positionen

Zusammen mit dem senegalesischen Wirtschaftswissenschaftler Felwine Sarr gründete er im Oktober 2016 die Ateliers de la Pensée, eine Vereinigung von rund 30 Wissenschaftlern und Künstlern mit dem Ziel, einen Raum für intellektuelle Debatten in Afrika zu schaffen.

Mbembe ist ein scharfer Kritiker der französischen Afrikapolitik und des (Neo)-Kolonialismus, insbesondere des Konzeptes des sogenannten „Françafrique“ (siehe auch CFA-Franc-Zone#Kolonialzeit bis 1965).Marie Cailletet, Olivier Milot: Achille Mbembe : ”La Françafrique ? Le temps est venu de tirer un trait sur cette histoire ratée”. telerama.fr, 8. Oktober 2010 / 8. Dezember 2020.Clarisse Juompan-Yarkam: Achille Mbembe : « Enterrons la Françafrique ». jeuneafrique.com, 11. Dezember 2010.Achille Mbembe: « Les Etats voyous d’Afrique centrale sont les derniers avatars de la Françafrique ». Chronique. auf lemonde.fr, 4. März 2020.Achille Mbembe: Cinquante ans de décolonisation africaine. africavenir.org. An der Spitze der panafrikanische Non-Profit-Organisation Fondation de l’innovation pour la démocratie setzt er sich für eine „afrikanische Demokratisierung“Achille Mbembe: Esquisses d’une démocratie à l’africaine. monde-diplomatique.fr, Oktober 2000. und (auch innerafrikanische) FreizügigkeitProf Mbembe reflects on South Africa’s future. ru.ac.za.Joseph Confavreux: Achille Mbembe : « Pas de monde sans circulation libre des hommes ». mediapart.fr, 19. Oktober 2013. ein. Ungeachtet dieser kritischen Position wurde er von Emmanuel Macron zu einem Dialog auf dem Afrika-Frankreich-Gipfel im Juli 2021 in Montpellier eingeladen.Christophe Boisbouvier: A. Mbembe: «E. Macron veut redéfinir les fondamentaux de la relation entre l’Afrique et la France». Interview mit Achille Mbembe im Podcast Invité Afrique, Radio France Internationale, 22. März 2021. Am 5. Oktober 2021 übergab Mbembe Macron den Bericht über diesen Dialog.Coumba Kane, Elise Barthet: Le rapport Mbembe préconise une « refondation » des relations entre la France et l’Afrique, auf lemonde.fr, 6. Oktober 2021.

Antisemitismusdebatte 2020 Mbembe sollte am 14. August 2020 die Eröffnungsrede zur Ruhrtriennale halten. Am 24. März 2020 forderte Lorenz Deutsch (FDP-Abgeordneter im Landtag NRW), ihn auszuladen: Mbembe unterstütze die BDS-Bewegung; er vergleiche Israels Innenpolitik mit dem Apartheidssystem Südafrikas und dieses mit dem Holocaust; er setze „die heutigen Juden Israels in der Logik der Gesamtargumentation an die Stelle der nationalsozialistischen, weißen Verbrecher“.Erneut Vorwürfe der Israelfeindlichkeit. Jüdische Allgemeine, 26. März 2020. Sein Auftritt widerspreche dem Beschluss des Landtags NRW, keine BDS-Unterstützer zu fördern. Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, ergänzte, Mbembe habe den Holocaust relativiert und das Existenzrecht Israels infrage gestellt. Sein Auftritt würde Nordrhein-Westfalen politisch schaden, da das Land die Triennale mitfinanziere.Protest gegen Auftritt von Mbembe. Jüdische Allgemeine, 17. April 2020. – Zum Landtagsbeschluss NRW siehe Peter Hemmelrath: BDS-Bewegung einstimmig verurteilt. NRW direkt, 21. September 2018.

Aus diesem Anlass wurden bestimmte Texte Mbembes debattiert, darunter sein Artikel Israël, les Juifs et nous von 1992. Laut FAZ-Redakteur Jürgen Kaube ordnete Mbembe den Holocaust darin in die Geschichte des Kolonialismus ein, warf Israel vor, es nehme „den Platz der Mörder ein“, und beschrieb den Gott der Juden als Rache-Gott. Ob Mbembe unter der „Besetzung Palästinas“ die jüdische Besiedlung vor 1948, die Staatsgründung oder die „besetzten Gebiete“ von 1967 meinte, blieb laut Kaube unklar.Jürgen Kaube: Antisemitismus-Debatte: Wer hat Achille Mbembe gelyncht? FAZ, 10. Mai 2020. In seinem Buch Politik der Feindschaft (2016) hatte er geschrieben:

Im Vorwort zu dem Buch Apartheid Israel (2015) schrieb Mbembe, die Besetzung Palästinas sei „der größte moralische Skandal unserer Zeit“, „eine der entmenschlichendsten Torturen“ der Gegenwart und „der größte Akt der Feigheit des letzten halben Jahrhunderts.“ Israel sei bereit, mit Gemetzel, Zerstörung und schrittweiser Ausrottung der Palästinenser „den ganzen Weg zu gehen“. Deshalb sei es Zeit für die „globale Isolation“ Israels.Sabine Peschel: Antisemitismus-Debatte: Streit um Achille Mbembe: Hat der Historiker den Holocaust verharmlost? Deutsche Welle, 29. April 2020.