miniatur|hochkant=1.2|Eileen Gray, um 1926 Eileen Gray (* 9. August 1878 in Enniscorthy als Eileen Kathleen Moray Smith, County Wexford; † 31. Oktober 1976 in Paris) war eine irische Architektin und Designerin. Sie gehört zu den wichtigsten Architektinnen und Designerinnen des frühen 20. Jahrhunderts. Ihr Tisch E.1027 ist ihr bekanntester Produktentwurf, der als Design-Klassiker unverändert nachgebaut, aber auch plagiiert wird.
Leben
Eileen Gray wurde in Irland auf dem Familiensitz Brownswood bei Enniscorthy in der Grafschaft Wexford als jüngstes unter fünf Geschwistern geboren. Sie studierte von 1898 bis 1902 als eine der ersten Frauen an der Slade School of Art in London.
1900 reiste sie zum ersten Mal nach Paris, um mit ihrer Mutter die Weltausstellung zu besuchen. Zwischen 1902 und 1905 nahm sie am Unterricht an der École Colarossi und der Académie Julian teil. Zwei Jahre später erfolgte der Umzug nach Paris, ihre Wohnung in der Rue Bonaparte Nr. 21 blieb bis zu ihrem Tod ihr Zuhause. mini|Gedenktafel Eileen Gray an der Rue Bonaparte 21, Paris
mini|Eileen Gray: Verstellbarer Tisch E.1027 Sie begann ihre Designkarriere ab 1910 mit Entwürfen von exklusiven Lackmöbeln, in denen der ausklingende Zeitgeist des Art Nouveau und Japonismus sichtbar war. Seizo Sougawara, ein japanischer Lackkünstler, war neben einer Lehrzeit in der Londoner Dean-Street-Möbelwerkstatt von D. Charles eine ihrer Wissensquellen bezüglich dieses Kunsthandwerks. Parallel zu den Einzelobjekten entwickelte sie auch Interieurkonzepte. 1913 fielen ihre beim Salon des Artistes Décorateurs ausgestellten Arbeiten dem Modeschöpfer und Kunstsammler Jacques Doucet auf. Für ihn entwarf sie mehrere Objekte, so 1914 den Wandschirm Le Destin mit vier Flügeln und 1915 den Tisch Lotus. Zur Zeit des Ersten Weltkriegs arbeitete sie als Lastwagenfahrerin in Paris unter Leitung der Herzogin von Clermont-Tonnerre.
1915 arbeitete sie mit Sougawara für zwei Jahre in London. Nach ihrer Rückkehr nach Paris erhielt sie ihren ersten Auftrag für eine komplette Innenraumgestaltung und entwarf für die Wohnung von Mme Mathieu Lévy ihre bekannten Block-Wandschirme aus Lack. mini|Glas Salon von Paul Ruaud und Eileen Gray mit Möbeln für Juliette Levy
1922 schaffte Gray den Eintritt in die Kunstszene durch ihre Teilnahme an der Ausstellung Union des Artistes Modernes. Dies ermöglichte ihr die Gründung einer eigenen Werkstatt. Parallel zu ihrer Entwurfstätigkeit eröffnete sie mit ihrer Freundin Evelyn Wyld in Paris die Galerie Jean Désert im Mai 1922. Hier präsentierte und vertrieb sie ihre Entwürfe, zu denen neben Möbeln auch Teppiche und vor allen Dingen ihre Paravents gehörten.
mini|Ladenfront der Galerie Jean Désert Gray war in den frühen 1920er Jahren in einer Beziehung mit der Sängerin Damia. Sie verkehrte zeitweise in lesbischen Kreisen um Natalie Barney und Gertrude Stein und war befreundet mit Gabrielle Bloch (Gab Sorère) und Loië Fuller. Gray blieb stets diskret bezüglich ihrer Beziehungen zu Frauen.
Um 1920 lernte sie den rumänischen Architekten und Herausgeber der wichtigen Architekturzeitschrift L’Architecture Vivante Jean Badovici kennen. In dessen Umkreis bewegten sich so bedeutende Kreative wie Fernand Léger, Gerrit Rietveld und Le Corbusier. Badovici ermutigte sie, sich auch an Architekturprojekte zu wagen. So realisierte sie ab 1925 auf einem Küstengrundstück an der französischen Riviera ihr erstes Haus – das E.1027.
Sie entwarf E.1027 im Jahr 1929 auf einem von ihr erworbenen Grundstück an der französischen Riviera als einen vor Blicken geschützten, unzugänglich gelegenen Rückzugsort dicht am Meer. Sie sagte: „Ich wollte einen Raum erschaffen für die Frau, die ein Zimmer für sich allein benötigt“, was auf Virginia Woolfs Essay A Room of One’s Own anspielt.
Badovici teilte Grays Vision eines geschützten Rückzugsortes nicht. Kurz nach der Fertigstellung widmete er eine ganze Ausgabe seiner Architekturzeitschrift L’Architecture Vivante dem Haus, was zu häufigen Besuchen von Künstlerfreunden führte; dies störte Gray und führte dazu, dass sie 1931 das Haus und Badovici verließ. Sie kehrte nie nach E.1027 zurück.
Beispielhaft für ihren Stil ist an diesem Entwurf, wie ökonomisch sie Raum- und Nutzungsplanung verzahnt und das Meublement so zu einem essentiellen Bestandteil der Architektur wird. Sichtbar wird das an den zahlreichen von ihr entworfenen Einbaumöbeln, die im Zusammenklang mit den ebenfalls von ihr entworfenen Einzelmöbeln eine praktikable und variable Nutzung des Hauses und der Möbel erlauben. Dass das Haus sich ganz auf die Umgebung einlässt und das Thema „Meer“ und „Küste“ auf moderne Art in die Architektur integriert, ist ein weiteres Charakteristikum der sensiblen Gestaltungskraft Eileen Grays.
Noch einige wenige Bauten realisierend, lebte Eileen Gray in späteren Jahren zurückgezogen in Paris oder in ihrem Haus Tempe a Pailla bei Menton in der Nähe ihres ersten Hauses E.1027. Auch ihre Möbel verkauften sich nur in kleinen Stückzahlen und vereinzelt, obwohl sie in Fachkreisen immer wieder für Aufsehen durch Zeitschriftenartikel und Einladungen zu Ausstellungen sorgte. So geriet sie im Laufe der Jahre nach dem Bau ihres auch international viel diskutierten Hauses E.1027 und weiterer Entwürfe außerhalb von Fachkreisen nach und nach in Vergessenheit.
Le Corbusier war beeindruckt von diesem Haus und war oft zu Gast, auch nach dem Auszug von Eileen Gray 1932, der sich aus dem Ende der Beziehung mit Badovici ergab, und Le Corbusier realisierte mit Zustimmung Badovicis großformatige starkfarbige Wandbilder, die Gray als Eingriff in ihren Entwurf betrachtete und als Vandalismus empfand. Ihr Wunsch, die Fresken zu entfernen, wurde von Le Corbusier nie erfüllt; er ließ einige Zeitgenossen sogar glauben, er selbst habe E.1027 erbaut. Während der aufwendigen Restaurierung des Gebäudes vor einigen Jahren wurden Le Corbusiers Fresken erhalten.
Erst im ausklingenden 20. Jahrhundert wurde ihr Werk wiederentdeckt und ihre bedeutende Leistung für die Designmoderne gewürdigt. Das spiegelt sich unter anderem in den Reeditionen ihrer Entwürfe und exzeptionellen Preisen für ihre Vintage-Objekte bei Design-Auktionen wider. 1972 wurde sie von der Royal Society of Arts in London zum „Royal Designer to Industry“ ernannt. Der britische Möbelhersteller Zeev Aram nahm 1973 mit Gray Kontakt auf, mit ihr zusammen erarbeitete er serientaugliche Reeditionen ihrer Möbel und erhielt von Gray die Rechte zur Produktion. 1987 nahm das Museum of Modern Art in New York ihren Adjustable Table E 1027 in seine Design-Sammlung auf. Auch die Restaurierung des Hauses E.1027 mit Hilfe der öffentlichen Hand in Frankreich ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Das Centre Pompidou in Paris zeigte ihre Werke 2013 in einer großen Ausstellung. Centre Georges-Pompidou
Vielleicht lässt sich die Aussage Eileen Grays, Gray, Eileen. Architektin/Designerin. Peter Adam, Edition Stemmle, Zürich 1989, ISBN 3-7231-0389-8. die sich als Gegenposition zu Le Corbusiers Prägung des Begriffs „Wohnmaschine“ verstehen lässt, gut als Charakterisierung ihres Architekturverständnisses verwenden: „Ein Haus ist keine Maschine, es ist das Gehäuse, die Schale des Menschen, seine Erweiterung, seine Befreiung, seine spirituelle Ausstrahlung.“ Gray schaute nie zurück; sie wollte immer das nächste Projekt angehen, die nächste Kunst schaffen, das nächste Abenteuer erleben. Selbiges gilt auch für ihre Möbelentwürfe, die wie eine situativ stimulierte Emanation des Benutzers, sich jeweils den momentanen Bedürfnissen anpassen lassen. Ein Beispiel dafür ist der von ihr entworfene Tisch Jean (1929), der in kleinste Räume passt, aber auch ohne Umstände zu einem größeren Ess- oder Arbeitstisch ausgeklappt werden kann.
Werk Design mini|Eileen Gray: Leuchte
Eileen Gray realisierte einige wenige,Robert Woitschützke: Renaissance der Eileen Gray. E.1027. In: rheinische ART, Ausgabe 11/2013 nichtsdestotrotz herausragende Architekturprojekte. Legendär ist die vielfach publizierte, im Auftrag ihres damaligen Lebensgefährten Jean Badovici entworfene Villa in Cap Martin-Roquebrune (E.1027). Mit einem L-förmigen Grundriss, einem Flachdach und raumhohen Fenstern ausgestattet, entstand ein sowohl rational in sich geschlossener als auch ein sich der Umgebung öffnender beispielhafter Bau der Internationalen Moderne.
Die Villa Tempe a Pailla wurde 1932 von ihr in Castellar (Alpes-Maritimes) auf einem Hügel oberhalb des Ortes Menton errichtet. Es war ihre zweite Wohnstätte an der Côte d’Azur.
Trotz eines unverwechselbaren, konsequent modernen Baustils beruht Eileen Grays heutige Bekanntheit primär auf ihren Möbelentwürfen. Einige ihrer wichtigsten Objekte werden seit den 1970er Jahren in Reeditionen wieder produziert – und auch vielfach plagiiert. So ist ihr Tisch E.1027 noch heute einer der meistkopierten Entwürfe der klassischen Moderne.
Ihre frühen Entwürfe lösen sich nach und nach von den Einflüssen des Art Nouveau und des Japonismus, die die Ästhetik des frühen 20. Jahrhunderts in Europa bestimmten. Deutlich auszumachen ist diese Entwicklung an ihren Entwürfen für Paravents, die den Anfang ihrer Karriere dominierten.
Am Beginn dekorativ Art Nouveau und neoklassizistische Tendenzen synthetisierend und damit dem Art déco nahestehend, entwickelt sie ihren Stil weiter, indem sie das figurative Dekor zugunsten eines geometrischen Formenrepertoires hinter sich ließ. Einhergehend mit dieser Entwicklung vereinfachte und funktionalisierte sie die Grundkonzeption ihrer Entwürfe. Wie sehr die Entwicklung zur Funktionalität als designbestimmendes Element die Ästhetik Eileen Gray definiert, wird deutlich, wenn man einen frühen Paravent von 1912 mit dem Block-Wandschirm von 1925 vergleicht: das dekorative Moment ergibt sich nun ohne Umwege logisch aus der stringenten Kultivierung des Funktionalen. Für das Schöne ist keine Applikation mehr notwendig, vielmehr ist es mittelbares Ergebnis des modernen Denkansatzes Form follows function. Vor allen Dingen infolge dieses Schrittes wurde aus dem Kunsthandwerker des 19. Jahrhunderts der Designer des 20. Jahrhunderts. Prinzipiell entwickelte Eileen Gray diese Ästhetik parallel und im Austausch mit der Bauhaus-Bewegung und Le Corbusier. Mit diesem, und unter anderem auch mit Bob Oud, stand sie durch den europäischen Gedankenaustausch innerhalb der Design-Avantgarde in Verbindung.
Exemplarisch für ihren Designstil ist ihr Adjustable table E-1027: er lässt sich der Situation entsprechend in der Höhe verstellen, mit dem Standfuß unter das Sitzmöbel schieben und am Griff leicht transportieren. Die Verwendung moderner Materialien – wie hier Stahlrohr und Glas – ist ebenfalls ein Merkmal ihrer Entwürfe. Bemerkenswert ist ihre Fähigkeit, ihren Entwürfen durch Reduktion und formale Schlichtheit zusätzlich eine zeichenhafte Klarheit zu verleihen. Im Zusammenklang dieser Merkmale entsteht ein Design, das in seinem praktikablen Impetus und seiner funktionalen Eleganz eine ganz eigene Aura entwickelt. Die kreative Atmosphäre in Paris, wo die exklusive und elitäre Eleganz des französischen Art déco auf die formalistische Reduktion des demokratisch gesinnten Konstruktivismus traf, hat in ihren Entwürfen zu einer Synthese gefunden.ARAM | Eileen Gray