Franziska Linkerhand ist ein unvollendeter Roman von Brigitte Reimann, der 1974 postum in Ost-Berlin erschien. Zwanzig Jahre hat die Autorin geschrieben; davon die letzten zehnWiesener, S. 144, 2. Z.v.o. an diesem Roman, der als ihr bedeutendstes literarisches Werk angesehen wird. Aufgrund seiner offenen Schilderung des DDR-Alltags spielte das Buch in den 1970er/1980er Jahren eine wichtige Rolle für die kritische Auseinandersetzung innerhalb der DDR. Der Roman trägt stark autobiografische Züge. 1998 erschien eine ungekürzte Neuausgabe.
Die junge ehrgeizige Architektin Franziska Linkerhand, aus bürgerlichem Elternhaus stammend, geht voller Enthusiasmus nach Neustadt am östlichen Rand der DDR, um ihre Ideale von menschenwürdigem Städtebau in dem neu entstehenden Ort zu verwirklichen. Ihr Anspruch gerät in scharfen Konflikt mit den ökonomischen Zwängen, mit ideologischer Verkrustung und der resignativen Haltung ihrer Architekten-Kollegen.
Inhalt Franziska Linkerhands Nacherzählung der sehr schwierigen Jugendzeit, an ihren Geliebten Ben adressiert, setzt kurz nach dem 30. April 1945 ein. Hitler sei in Berlin „an der Spitze seiner Truppen gefallen“.Verwendete Ausgabe, S. 11, 12. Z.v.o. Franziska Linkerhands Vater, ein protestantischer Verleger alter Schule, im Text stets „Linkerhand“ benannt, distanziert sich im Nachhinein vom Diktator. Er habe ihn nicht gewählt. Die Eltern kommen mit der neuen Gesellschaftsordnung nicht zurecht und gehen Anfang der 1960er Jahre nach Bamberg. Die Architektur liegt in der Familie. Ein Bruder der Großmutter war Stadtbaumeister in Franziska Linkerhands Geburtsort an der Elbe.
Die um 1938 geborene Franziska Linkerhand erzählt von den Maitagen 1945, also vom nahtlosen Übergang in den Bolschewismus.Verwendete Ausgabe, S. 18, 11. Z.v.u. Es wird die rote Fahne herausgehängt.Verwendete Ausgabe, S. 18, 2. Z.v.u. Franziska Linkerhand erweitert ihr Vokabular um das Wort „Kapitalist“. So nennen die Russen den Vater Linkerhand, der seine mittelalterlichen Kunstschätze vergeblich vor den findigen Siegern im Salatbeet vergräbt. Nicht der Vater ernährt die Familie in jenem Frühjahr, sondern vornehmlich Franziska Linkerhands acht Jahre älterer Bruder Wilhelm.
Wilhelm studiert – zweitausend Kilometer von der Schwester entfernt – Kernphysik. Man trifft sich höchstens einmal im Jahr; diskutiert den Fall Oppenheimer. Später promoviert Wilhelm und arbeitet als privilegierter Wissenschaftler in Dubna. Mit achtzehn wird Franziska Linkerhand von dem 19-jährigen Arbeiter Wolfgang Exß entjungfert. Wilhelm – auf Heimaturlaub – verprügelt den Verführer. Franziska heiratet Wolfgang, die Ehe scheitert aber.
Unter ihrem Lehrer Prof. Reger, einem berühmten Architekten, macht Linkerhand das Diplom. Reger nimmt Linkerhand sogar in sein Haus auf. Die 24-Jährige entscheidet sich jedoch gegen eine Mitwirkung an Regers Prestige-Projekten und für den Städtebau. Sie geht nach Neustadt, wo Wohnungen für die Arbeiter eines großen Kombinats gebaut werden müssen (literarisches Vorbild für Neustadt ist Hoyerswerda mit dem Gaskombinat Schwarze Pumpe). Dort wird Genosse Schafheutlin ihr Vorgesetzter. Die geschiedene Franziska Linkerhand soll mit dem 28-jährigen Kollegen Jazwauk – dem letzten Junggesellen auf der Baustelle – die Sanierung der Altstadt planen. Die Neue stürzt sich auf die Arbeit. Chef Schafheutlin hat andere Sorgen, als sich für die hochfliegenden Pläne seiner neuen Mitarbeiterin zu erwärmen. Er warnt Linkerhand von Anfang an eindringlich: Schnell und billig viele Wohnungen für die Berufstätigen bauen sei die vordringliche und einzige Aufgabe. Schafheutlin, der Linkerhand gelegentlich gern ermahnt, ist stolz auf die Resultate dank der modernen industriellen Plattenbauweise. Franziska Linkerhand hält dagegen: Abends sei Neustadt „toter als Pompeji und Herkulanum“.Verwendete Ausgabe, S. 229, 3. Z.v.o. Schafheutlin selbst wohnt mit Gattin und vier Kindern in seinem Haus, eine Stunde vom Ort der Handlung entfernt.
Eines Abends, als Linkerhand mit Schafheutlin ein Restaurant besucht, entdeckt sie unter den Gästen einen Mann, der Wilhelm ähnelt, und nennt den Fremden bei sich Ben – wie ihren Wunsch-Geliebten. Er heißt Wolfgang Trojanowicz. Franziska Linkerhand ist fasziniert von seiner Männlichkeit und seinem abgeklärten Zynismus. Trojanowicz provoziert sie mit der Meinung, der Wohnungsbau in Neustadt habe lediglich „eine Siedlung von Fernsehhöhlen“Verwendete Ausgabe, S. 358, 6. Z.v.u. hervorgebracht. Sie begegnen sich zunächst eher zufällig. Franziska Linkerhand wird von Eifersucht geplagt, weil Trojanowicz mit Sigrid – einer Sport- und Russisch-Lehrerin – liiert ist. Obwohl zwischen ihr und Trojanowicz nach und nach ein kompliziertes und fragiles Liebesverhältnis entsteht, geht Trojanowicz schließlich zu Sigrid zurück.
Gegen Ende des Fragments erzählt Brigitte Reimann Trojanowiczs Vergangenheit in Form eines Protokolls. Der gebürtige Masure avanciert nach dem Krieg zum FDJ-Sekretär und wird am 17. Juni als „roter Agitator“ zu empörten Leipziger Arbeitern vorgeschickt. Genosse Trojanowicz profiliert sich nach dieser Mutprobe – auf der er fliegenden Schraubenschlüsseln ausweichen musste – als Journalist. 1956, während er in Leipzig promoviert, lernt er Sigrid kennen. Im selben Jahr wird Trojanowicz nach den Ungarn-Ereignissen aufgrund nicht bewiesener Verdächtigungen festgenommen und zu vier Jahren Bautzen verurteilt.Verwendete Ausgabe, S. 551, 10. Z.v.u. Im letzten der vier Jahre arbeitet er in einem Haftlager beim Bau eines Kombinats auf der grünen Wiese.
Franziska Linkerhand erkennt zunehmend, dass ihre Arbeit mit Typenprojekten an diesem – wie sie sagt – „architektonischen Verbrechen“Verwendete Ausgabe, S. 390, 9. Z.v.o. in jener „Hundetürkei“ rund um Neustadt – auch eine Technische Zeichnerin machen könnte. Die „Studententräume“ der jungen Architektin halten dem Neustädter Alltag, ausgefüllt auch mit „Fenstersturz, Gashahn, Schlaftabletten“,Verwendete Ausgabe, S. 380, 8. Z.v.o. nicht stand. Sie meint von sich, versagt zu haben.Verwendete Ausgabe, S. 540, 13. Z.v.u. Aus dem Gesamtkontext des Romans ist jedoch deutlich, dass dies kein persönliches Versagen, sondern vielmehr ein gesellschaftlicher Konflikt ist, der auf tragische Weise unlösbar bleibt: Die ökonomischen Zwänge, in schnellster Zeit Wohnraum für Tausende zu schaffen, kollidieren mit Linkerhands Anspruch, „Häuser zu bauen, die ihren Bewohnern das Gefühl von Freiheit und Würde geben“.Verwendete Ausgabe, S. 122, 17. Z.v.o. Am Ende verweist die Erzählung über das momentane Scheitern auf eine Utopie hinaus: „Es muss, es muss sie geben, die kluge Synthese zwischen Heute und Morgen, zwischen tristem Blockbau und heiter lebendiger Straße, zwischen dem Notwendigen und dem Schönen, und ich bin ihr auf der Spur, hochmütig und ach, wie oft, zaghaft, und eines Tages werde ich sie finden.“Verwendete Ausgabe, S. 603–604, 13. Z.v.u.
Entstehung Ursprünglich hatte Brigitte Reimann vor, einen Entwicklungsroman zu schreiben, wie es sowohl ihren bisherigen literarischen Arbeiten als auch dem kulturpolitischen Zeitgeist entsprochen hätte. Der Literaturkritiker Günter Ebert, der über die einzelnen Entwicklungsstadien des Romans jeweils Gutachten für das Ministerium für Kultur schrieb, skizzierte die Fabel wie folgt: „Die Entwicklung einer jungen Architektin, die sich lösen muss vom gestrigen Elternhaus, vom autoritären Lehrer, dem Professor Reger, einem berühmten Architekten, sie muss lösen den Bau einer neuen Stadt, Neustadt nämlich, ebenso, wie sie ihre Liebe finden muss. Ein Entwicklungsroman also (…).“zitiert nach: Heide Hampel (Hrsg.): Federlese. Wer schrieb Franziska Linkerhand? Hrsg. vom Literaturzentrum Neubrandenburg e. V. 1998, ISBN 3-910170-32-3, S. 61 Während der zehnjährigen Schreibarbeit, deren Anfang stark unter dem Eindruck des Kennenlernens ihres späteren dritten Ehemannes Hans Kerschek – dem realen Alterego von Ben/Wolfgang Trojanowicz – stand, entfernte sich die Autorin jedoch immer mehr von diesem Konzept. Der Grund liegt nicht zuletzt in ihrer wachsenden Enttäuschung über den „real existierenden Sozialismus“ in der DDR. Um die Chancen auf eine Veröffentlichung nicht von vornherein zu minimieren, hielten jedoch sowohl der Verlag Neues Leben, in dem das Buch erscheinen sollte, als auch der Gutachter Günter Ebert an der Strategie fest, das Buch als Entwicklungsroman anzukündigen. Schon 1968 schrieb Brigitte Reimann jedoch in einem Brief an den Architekten Hermann Henselmann: „Übrigens ist auch der genehme positive Schluss (…) vielleicht gar nicht der Schluss, den ich später finden werde. Das ist alles noch offen.“Heide Hampel (Hrsg.): Federlese. Wer schrieb Franziska Linkerhand? Hrsg. vom Literaturzentrum Neubrandenburg e. V. 1998, S. 63 Am 28. Oktober 1969 notierte sie in ihr Tagebuch: „Seit ich weiß nicht wievielen Seiten steuert es ja auf einen bitteren Schluss zu...“Brigitte Reimann: Hunger auf Leben. Eine Auswahl aus den Tagebüchern 1955–1970. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2004. ISBN 3-7466-2036-8, S. 290
Sowohl ihre Krankheit als auch die zunehmende politische Desillusionierung machten es Brigitte Reimann immer schwerer, das Manuskript überhaupt zu vollenden. Sie beschrieb in ihrem Tagebuch eine regelrechte Entfremdung von den Figuren und Konflikten des Romans. Christa Wolf berichtet über einen Besuch im Krankenhaus kurz vor Brigitte Reimanns Tod: „Ihr Buch sei ihr fragwürdig geworden, sagt sie, es fehle noch die Überarbeitung des vorletzten Kapitels und ein kurzes trauriges Kapitel von 15 Seiten an den Schluss. Inwiefern traurig? Na, weil mein Mädchen da ihren Liebsten verloren hat und nun angeschlagen, mit Wunden bedeckt, in ihre Stadt zurückgeht.“Brigitte Reimann, Christa Wolf: Sei gegrüßt und lebe. Eine Freundschaft in Briefen und Tagebüchern 1963–1973. Hrsg. von Angela Drescher. Aufbau-Verlag Berlin, 2016. ISBN 978-3-351-03636-2 In den letzten handschriftlichen Skizzen zum Roman-Ende findet sich noch eine andere Variante für den Schluss: Franziska Linkerhands Entwurf für einen Architekten-Wettbewerb wird durch ihren Chef Schafheutlin von vornherein benachteiligt. „Sie hatte den Zweikampf verloren, noch ehe sie ihn antrat.“Heide Hampel (Hrsg.): Federlese. Wer schrieb Franziska Linkerhand? Hrsg. vom Literaturzentrum Neubrandenburg e. V. 1998, S. 64 Mit diesem Satz enden ihre Notizen.
Die 1974 im Verlag Neues Leben erschienene Erstausgabe des Romans stand lange im Verdacht, sehr starke, politisch motivierte Kürzungen und Abweichungen vom Original-Typoskript und sogar „ganze Passagen von fremder Hand“Withold Bonner: Vom Typoskript zur Buchfassung. Wer schrieb den Roman Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann?. In: Heide Hampel (Hrsg.): Federlese. Wer schrieb Franziska Linkerhand? Hrsg. vom Literaturzentrum Neubrandenburg e. V. 1998, S. 69 zu enthalten, die angeblich unter Einflussnahme der Stasi entstanden.Wilhelm Frank: Freundlicher Klaps auf den Hinterkopf und die Folgen. Brigitte Reimanns verdrängte Liaison mit der Stasi. In: Nordkurier vom 6. Juli 1996, Wochenendausgabe, S. 4 Inzwischen ist die Editionsgeschichte der Erstausgabe hinreichend erforscht und der Umfang der Kürzungen ist bekannt. Es sind ca. 4 % des Original-Typoskripts.Withold Bonner: Vom Typoskript zur Buchfassung. Wer schrieb den Roman Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann?, Heide Hampel (Hrsg.): Federlese. Wer schrieb Franziska Linkerhand? Hrsg. vom Literaturzentrum Neubrandenburg e. V. 1998, S. 69 Nach Withold Bonners Analyse handelt es sich dabei um unterschiedlich motivierte Kürzungen und Streichungen, jedoch sind keine Texte nach Brigitte Reimanns Tod neu hinzugefügt worden.