mini|Die Lage der spätantiken Befestigung am oberpannonischen Donaulimes mini|Die konservierten und teilrekonstruierten Reste des Kastells Das Kastell Tokod war ein spätrömisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am Limes Pannonicus entlang der Donau zuständig war. Der Strom bildete in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Die rund 2,5 Kilometer südlich des Flusses entdeckten Reste des Kastells liegen heute auf einer zum nordungarischen Dorf Tokod gehörenden Flur im Komitat Komárom-Esztergom. Die nahe der heutigen Kossuth-Lajos-Straße liegende Anlage ist ein Musterbeispiel für den spätantiken Festungsbau. Hier konnte erstmals in Ungarn das Fortleben der teilweise romanisierten Bevölkerung bis in das 5. Jahrhundert beobachtet werden.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 65.

Lage Das in Steinbauweise errichtete Kastell entstand südöstlich eines Kreuzungspunktes der entlang der Donau verlaufenden Limesstraße.Limesstraße bei ; Zsolt Máté (Hrsg.): Frontiers of the Roman Empire – Ripa Pannonica in Hungary (RPH), Nomination Statement, Vol. 2, National Office of Cultural Heritage, Budapest 2011, S. 269; Limesstraße bei ; Limesstraße bei ; Zsolt Máté (Hrsg.): Frontiers of the Roman Empire – Ripa Pannonica in Hungary (RPH), Nomination Statement, Vol. 2, National Office of Cultural Heritage, Budapest 2011, S. 280; Limesstraße bei ; Zsolt Máté (Hrsg.): Frontiers of the Roman Empire – Ripa Pannonica in Hungary (RPH), Nomination Statement, Vol. 2, National Office of Cultural Heritage, Budapest 2011, S. 283; Limesstraße bei ; Limesstraße bei ; Limesstraße bei ; Limesstraße bei ; Limesstraße bei . Deren sehr gut ausgebaute Trasse verband die Wehranlagen entlang der römischen Reichsgrenze und wurde als Heer- und Handelsweg genutzt. An der Kreuzung, die zwischen den direkt am Fluss gegründeten Kastellen Crumerum und Esztergom (Solva) lag, stieß eine von Südosten aus Budapest (Aquincum) heraufkommende Verbindungsstraße an die Donau, welche das östlich von Tokod liegende Pilisgebirge im Süden umging und damit die Strecke für Fernreisende verkürzte, da sich diese den Weg über das Donauknie ersparen konnten.römische Straße bei ; Zsolt Máté (Hrsg.): Frontiers of the Roman Empire – Ripa Pannonica in Hungary (RPH), Nomination Statement, Vol. 2, National Office of Cultural Heritage, Budapest 2011, S. 272; römische Straße bei ; römische Straße bei . Die Fortifikation von Tokod wurde auf einer leichten, sich nach Norden senkenden Geländeerhebung errichtet. Im Winkel von Nordwesten nach Osten konnte die Kastellbesatzung das Gelände zum nördlich verlaufenden Fluss hin gut überblicken. Unmittelbar südlich der Befestigung hob sich das Land zum 455 Meter hohen Gete, der mit seinen teils steilen Hängen eine weithin sichtbare Landmarkierung darstellt.

Östlich des Kastells liegt ein südöstlich-nordwestlich gerichtetes Tal. Hier bestand bis zum Ende der 1970er Jahre eine Quelle, die einen Bach speiste. Durch den in Tokod betriebenen Bergbau ist dieser Bach seither ausgetrocknet.András Mócsy (Hrsg.): Die Spätrömische Festung und das Gräberfeld von Tokod. Akadémiai Kiadó, Budapest 1981, ISBN 963-05-2375-2, S. 13.

Forschungsgeschichte mini|Das Kastell aus südlicher Richtung mit dem U-förmigen großen Turm an der Dekumanseite Vor der Entstehung der zivilen römischen Siedlung von Tokod hatten sich hier bereits in der Jungsteinzeit und erneut in der Späteisenzeit Menschen niedergelassen, zuletzt auch eine Gruppe von Kelten.András Mócsy (Hrsg.): Die Spätrömische Festung und das Gräberfeld von Tokod. Akadémiai Kiadó, Budapest 1981, ISBN 963-05-2375-2, S. 21. Das Gebiet von Tokod ist bereits seit dem 19. Jahrhundert für seine römischen Funde bekannt. 1894 erfolgte die erste bekannte, allerdings undokumentierte Grabung im Kastellbereich.András Mócsy in: Jenő Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976, S. 47. Da es hier jedoch nicht nur eine spätantike Festung, sondern auch die wesentlich früher gegründete zivile Siedlung mit einem Gräberfeld gegeben hat, sind die einstigen Fundorte dieser meist sehr schlecht dokumentierten, spärlichen frühen Fundstücke nur noch schwer zu bestimmen. Eine Bedrohung für die Forschung war der anhaltende bergmännische Abbau der Tokoder Braunkohlenflöze, dem unter anderem auch antike Gebäude zum Opfer fielen. Die ersten Untersuchungen erfolgten 1924 bis 1926 sowie 1959. In der Folge wurde das Kastell von dem Archäologen András Mócsy zwischen 1960 und 1969 vollständig ergaben.Márta Kelemen: Tokod fortress. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 84. Nach den Grabungen wurden die steinernen Überreste weitgehend für die Nachwelt konserviert und sind frei zugänglich. Eine am Ende des 19. Jahrhunderts über die Westecke der Festung geschüttete Abraumhalde aus dem Bergbau hat die Freilegung dieses Abschnitts unmöglich gemacht.András Mócsy: Pannonien und das römische Heer. Ausgewählte Aufsätze. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1992, ISBN 3-515-06103-7, S. 253. Das Fehlen des Kastells von Tokod in der Truppenliste der Notitia Dignitatum, einem römischen Staatshandbuch, könnte laut Mócsy daran liegen, dass diese Anlage während des Abfassens der Schrift noch nicht fertiggestellt war.András Mócsy: Pannonien und das römische Heer. Ausgewählte Aufsätze. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1992, ISBN 3-515-06103-7, S. 259.

Nach den Grabungen wurden die Kastellmauern sorgfältig teilrekonstruiert und konserviert. Die beiden Tortürme des nördlichen Haupttores hingegen erhielten eine vollkommen unsachgemäße, in Stahlbeton ausgeführte, mannshohe Übermauerung, bei der große Betonbrocken bis 2012 von den Stahleinlagen abgeplatzt und die offene Flachdachkonstruktion teils verstürzt war. Im Inneren befinden sich Schnittgut, Müll und Fäkalien. Das frei zugängliche Lagerareal wird für die Mahd genutzt.

Baugeschichte mini|Antike Schwelle mit römischen Radspuren an der Porta Praetoria. Die modernen Schleifspuren stammen von Landwirtschaftsfahrzeugen. mini|Blick auf das Horreum mini|Blick vom Horreum über das ansteigende Gelände in die südliche Kastellecke mini|Die südwestliche Schlupfpforte mini|Ovaler, hufeisenförmiger Turm in der Ostecke des Lagers mini|Fundamentlose, leichte Bebauung in der Ostecke Mócsy konnte zwar unter den spätrömischen Schichten des Kastells keine ältere Befestigung nachweisen, seiner Meinung nach war es jedoch durchaus wahrscheinlich, dass im Umfeld der frührömischen Zivilsiedlung zunächst eine provisorische Militäranlage bestanden hatte. Sie datierte vermutlich in die Zeit gegen Ende des 1. beziehungsweise in die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts. Diese Annahmen werden durch einige wenige Ziegelstempel gestützt, wie z. B. ein Stempel der Legio XI Claudia, die kurzfristig zwischen 101 und 106/107 n. Chr. im westlich gelegenen Brigetio kaserniert war, sowie zwei Stempel der Ala I Flavia Britannica, die sich nach 92 im Umfeld von Brigetio aufhielt.András Mócsy (Hrsg.): Die Spätrömische Festung und das Gräberfeld von Tokod. Akadémiai Kiadó, Budapest 1981, ISBN 963-05-2375-2, S. 20.

Für die Errichtung der als unregelmäßiges Viereck gestalteten Anlage (122 × 140 × 115 × 145 Meter) wurden ältere, nicht mehr benötigte Grabsteine und Inschriften aus den umliegenden Gräberfeldern herangeschafft, um als Spolien verbaut zu werden. Um diese als Bauelemente verwenden zu können, wurden hierfür abstehende Zierelemente wie die Altargesimse abgeschlagen. Das mit seiner Prätorialfront nordwestlich orientierte Kastell hatte keine eigentlichen Grenzschutzaufgaben zu erfüllen, sondern war als rückwärtige Anlage zur Unterstützung der direkt am Limes stehenden Truppenverbände vorgesehen.

Wie bei einer großen Anzahl von spätantiken Garnisonen üblich, bestand die Porta Praetoria nur aus einem einspurigen Zugang, der von zwei rechteckigen, aus dem Verband der 1,65 Meter starken Wehrmauer hervortretenden Tortürmen aus grauen Sandsteinblöcken flankiert wurde.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 66. Ähnliche Tore gehörten in der Prinzipatszeit zur üblichen Ausstattung der in Steinbauweise errichteten Kastelle. Im Eingangsbereich konnte noch die aus zwei Stufen bestehende Schwelle in situ angetroffen werden. Diese bestand aus ehemaligen Grabsteinen des zweiten und dritten Jahrhunderts, bei denen die beschriftete Seite nicht sichtbar zum Boden zeigte. In die Steine gegrabene WagenspurenMárta Kelemen: Tokod fortress. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 85. deuteten auf eine längere Nutzung des Tores hin. Aus dem Schutt am Tor wurde auch eine roh behauene rötliche 0,70 × 0,85 × 0,12 Meter große Marmorplatte geborgen, die vielleicht als Tür- oder Fenstersturz gedient hatte. Der Marmor stammte aus den nahegelegenen Vorkommen bei Piszke.András Mócsy: Die spätrömische Festung. In: András Mócsy (Hrsg.): Die Spätrömische Festung und das Gräberfeld von Tokod. Akadémiai Kiadó, Budapest 1981, ISBN 963-05-2375-2, S. 37 ff., hier: S. 40. An den Flanken der Anlage, dort wo sich bei den wesentlich stärker genormten Fortifikationen der mittleren Kaiserzeit die Porta principalis sinistra und die Porta principalis dextra befunden hatten, gab es in Tokod nur zwei gegenüberliegende, kleine Schlupfpforten. Auf das rückwärtige Tor an der Südostmauer hatten die Erbauer ganz verzichtet. Statt diesem befand sich dort der mächtigste Turm des Kastells, der U-förmig aus der Wehrmauer herausragte. In jeder der vier Ecken der Anlage stand zur Verstärkung je ein ovaler Turm, dessen schmalseitige Wölbung (sog. Korbbogen) gleichfalls weit aus dem Mauerverband hervortrat. Die Zugänge zu diesen Türmen befanden sich an deren Rückseite im Inneren der Fortifikation. Neben diesen Türmen besaß die Festung von Tokod an seinen beiden Flanken noch zusätzlich zwei U-förmige Zwischentürme. Wie auch an anderen spätantiken Kastellorten beobachtet, wurden als Fixpunkte zunächst die rund 1,1 Meter starken Türme errichtet und im Anschluss die dazwischenliegende Wehrmauer hochgezogen. Der Fußboden dieser Türme war in Terrazzotechnik ausgeführt. Der massive rückwärtige südöstliche Turm, der zugleich am höchsten Punkt (140 Höhenmeter) des nach Norden fast 10 Meter abfallenden Kastellgeländes lag, besaß mittig in seinem Inneren einen Pfeiler, der den Dachstuhl trug. Ein ähnliches Exemplar konnte in etwas anderer Bauausführung auch am Kastell Visegrád–Sibrik beobachtet werden. Als Annäherungshindernis bestand in Tokod einen 7 Meter breiter und 2,5 bis 3 Meter tiefer Graben, der sich in einem Abstand von 21 Metern um das Kastell zog und dessen Ränder mit Steinen befestigt waren.

Die meisten Bauten im Inneren, die wohl ein fundamentloses Trockenmauerwerk besessen haben, sind verschwunden, ohne Spuren zu hinterlassen. Etwas solider gebaut war ein längliches Gebäude, das in der Ecke zwischen dem Ostturm und der Nordostmauer errichtet worden war. Dieser Bau aus kleinen gelben Standsteinbruchstücken besaß ebenfalls kein Fundament. Mócsy ging davon aus, dass diese nicht sehr soliden Innenbauten einer späteren Periode angehören, und schrieb sie der Bevölkerung des 5. Jahrhunderts zu.