Joseph Johlson (, auch Asher ben Joseph von Fulda (אשר בן יוסף פולדא), Pseudonym Bar AmithaiAramäisch בר־אמתי – Sohn des Amittai als targumische Bezeichnung des Propheten Jona; vgl. .) (geboren 12. November 1777Vgl. Hermann Bärwald, Salomon Adler: Festschrift zur Jahrhundertfeier der Realschule der Israelitischen Gemeinde (Philanthropin) zu Frankfurt am Main, 1804–1904. Joseph Baer, Frankfurt am Main 1904, S. 151. Als Geburtsjahr wird gelegentlich – wohl unrichtig – auch 1773 angegeben. Eine Kreuznacher Bürgerliste von 1811 nennt fälschlich 1779 als Geburtsjahr; vgl. Hans-Joachim Bechtoldt: Joseph Johlson, Jüdischer Reformer, Philologe und aufgeklärter Denker im Kreuznach des frühen 19. Jahrhunderts. In: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte, 32, 2006, S. 346. Der verwitterte Grabstein nennt den „17. [korr.: 13.] Siwan 611 – 13. Juni 1851 im 74. Lebensjahr“ als Todestag (Foto von Sascha Stefan Ruehlow, abgerufen am 10. März 2013). in Fulda; gestorben am 13. Juni 1851 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Reformpädagoge und jüdischer Theologe.

Leben Joseph Johlson (Joëlsohn) war Sohn des Rabbinatsverwesers (-verwalters) Joseph Joel. Sein Vater nahm später den Namen Wiesbaden an. Joseph Johlson zog nach Frankfurt am Main, um sich dort an einer Talmudschule und autodidaktisch fortzubilden, und arbeitete als Privatlehrer.Vgl. Gedächtnisrede am Grabe Johlsohn's. In: Leopold Stein (Hrsg.): Der Israelitische Volkslehrer 1 (1851), S. 140–144 (Google-Books).

Joseph Johlson war Philologe, Theologe und von der jüdischen Aufklärung (Haskala) geprägter Reformpädagoge und Übersetzer. 1808/09 bis 1813 wirkte er als Lehrer für Rechen-, Schreib- und lateinischen Unterricht am Collège de Creuznach. Er verfasste 1812 einen ersten Entwurf seines katechetischen Lehrbuches Unterricht in der Mosaischen Religion.Manuskript mit französischer Übersetzung im Nationalarchiv Paris; vgl. François Delpech: Le projet de catéchisme impérial israélite de Joseph Johlson. In: Marcel Pacaut (Hrsg.): Religion et politique. Les deux guerres mondiales. Histoire de Lyon et du Sud-Est. Festschrift für André Latreille. Audin, Lyon 1972, S. 117–129. Die Veröffentlichung scheiterte 1813 am Widerstand des Israelitischen Zentralkonsistoriums (Consistoire central israélite), dem der Entwurf vom Pariser Kultusminister vorgelegt worden war.Vgl. die Vorrede (1814); auch Albert Marx: Die Geschichte der Juden im Saarland. Die Mitte, Saarbrücken 1992, S. 120. Johlson wollte zusammen mit dem Lehrbuch eine jüdische „Confirmation“ für 14-Jährige einführen.

Noch unter der Regentschaft von Großherzog Karl Theodor von Dalberg erhielt Johlson einen Ruf als Lehrer und Konsistorialrat nach Frankfurt am Main. 1813 bis 1830 war er Religionslehrer an der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde, dem Philanthropin, im Kompostellhof in Frankfurt am Main. Michael Creizenach war dort seit 1825 sein Kollege. 1814 verfasste Johlson eine Denkschrift an den Schulrat der Israelitischen Gemeinde Frankfurts zur Reform des Religionsunterrichtes. Gegenüber dem Schulleiter Oberlehrer Michael Hess, der den jüdischen Religionsunterricht radikal im Sinne der Vermittlung von Humanismus, Sittenlehre und Moralerziehung umgestalten wollte, forderte er eine stärkere Orientierung an der jüdischen Tradition.

Am 27. Juni 1819 überreichte Johlson „zur hohen Einsicht“ die zweite Auflage seines Religionsbuches Unterricht in der mosaischen Religion an die Deutsche Bundesversammlung,Vgl. Protokolle der Deutschen Bundesversammlung, Bd. VIII. Andräe, Frankfurt am Main 1819, S. 122. in der Hoffnung, „die bürgerliche Besserung der Bekenner des jüdischen Glaubens in Deutschland … bewirken“ zu helfen.Freiherr Karl August von Wangenheim (1778–1850), württembergischer Gesandter, am 24. Mai 1821 in der Deutschen Bundesversammlung; vgl. Bd. I Unterricht in der Mosaischen Religion und Bd. II. Deutsches Gesangbuch für Israeliten zum Gebrauch bei Andachtsübungen und beym Religionsunterrichte, 2. Aufl. Gebrüder Wilmans, Frankfurt am Main 1819. 3. Aufl. 1829, S. ix. 1822 wurde Johlson ordentliches Mitglied im „Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden“.Eduard Gans: Halbjähriger Bericht, im Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden (am 28. April 1822). M. Hahn, Hamburg 1822, S. 20.

Johlson predigte auf Deutsch und hielt zusammen mit Oberlehrer Hess regelmäßig deutsch-israelitische Andachtsstunden ab, zunächst sonntags am Beginn der Unterrichtswoche, dann seit 1814/15 am Sabbat. Die Andachtsstunden gewannen zunehmend einen gottesdienstlichen Charakter, traten in Konkurrenz zum synagogalen Gottesdienst und wurden auch von Christen besucht. 1828 wurde neben dem Philanthropin eine „Andachtshalle“ mit Empore errichtet.Vgl. Michael A. Meyer: Antwort auf die Moderne. Geschichte der Reformbewegung im Judentum. Böhlau, Wien 2000, S. 179 (Google-Books); Benjamin Maria Baader: Gender, Judaism, and Bourgeois Culture in Germany, 1800–1870. Indiana University Press, Bloomington / Indianapolis 2006, S. 139.

Die Beschneidung betrachtete Johlson nicht mehr als konstitutiv für die Zugehörigkeit zum Judentum. 1828 führte er erstmals am Philanthropin eine Konfirmation für Jungen und Mädchen durch,Mordechai Eliav: Jüdische Erziehung in Deutschland im Zeitalter der Aufklärung und Emanzipation (Jüdische Bildungsgeschichte in Deutschland 2), übersetzt von Maike Strobel, Münster u. a.: Waxmann 2001, S. 150–152 und 342 (Google-Books). nachdem bereits 1825 Jakob Weil (1792–1864)Aus Bockenheim, Pädagoge und Publizist, 1814 bis 1819 Lehrer am Philanthropin, leitete 1818 bis 1845 ein Erziehungsinstitut. in seiner Privatschule (Weil’sches Knabeninstitut) eine entsprechende öffentliche Feier durchgeführt hatte.Vgl. Sigismund Stern: Geschichte des Judenthums von Mendelssohn bis auf die Gegenwart. Literarische Anstalt, Frankfurt am Main 1857, S. 182. Die jüdischen Feste Pessach und Schawuot bezeichnete Johlson mit den Begriffen Ostern und Pfingsten.Claudia T. Prestel: Jüdisches Schul- und Erziehungswesen im frühen 19. Jahrhundert zwischen Anpassung und Eigenständigkeit. In: Ingrid Lohmann, Wolfram Weisse (Hrsg.): Dialog zwischen den Kulturen, Münster / New York: Waxmann 1994, S. 59–68, bes. S. 64. Neben Lehrbüchern für den Schulunterricht gab er ein rationalistisches Lehr- und Gesangbuch heraus. Das Gesangbuch enthält – ohne Namensnennung – auch bearbeitete Lieder von Christian Fürchtegott Gellert, Friedrich Adolf KrummacherChristiane Grabt, Julia Husmann, Peter Marx: Des schonem Ruhrtals Krummung. Friedrich Adolf Krummacher in Kettwig 1807–1812. Hummelshain, Essen 2011, S. 114. und anderen christlichen Liederdichtern.Z. B. „Was Gott thut, das ist wohlgetan“ nach Samuel Rodigast, Wie lieblich sind, Herr Zebaoth! die Wohnungen zu nennen nach Matthias Jorissen oder Lob, Ehr’ und Preis dem Höchsten Gut, dem Vater aller Güte nach Johann Jakob Schütz; vgl. auch Heinrich Zirndorf: Isaak Markus Jost und seine Freunde. Cincinnati / Leipzig / New York: Bloch 1886, S. 160–162 (Digitalisat im Internet Archive). Im Erstdruck war an einer Stelle vergessen worden, „Jesus“ und „Heiland“ der Vorlagen durch „Herr“ oder „Gott“ zu ersetzen.Vgl. Judith Bleich: Liturgical Innovationand Spirituality: Trends and Trendiness. In: Adam Mintz, Lawrence H. Schiffman (Hrsg.): Jewish Spirituality And Divine Law (The Orthodox Forum Series) Yeshiva University Press, New York NY 2005, S. 315–405, bes. S. 323. Manche Vertreter des Reformjudentums sahen seine Tätigkeit kritisch: 1830 trat Johlson aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand. Er war aber bis zu seinem Tod weiter tätig in der 1824 übernommenen Funktion als Religionslehrer der israelitischen Gefangenen im Arbeits- und Verbesserungshaus in der Hammelsgasse 2–4.Vgl. Staats-Kalender der Freien Stadt Frankfurt (1824), S. 51 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München); (1828), S. 57 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München); (1844), S. 60 (Google-Books); Staats- und Adress-Handbuch der Freien Stadt Frankfurt, Teil I Staats-Handbuch 113 (1851), S. 36 (Google-Books).

1836 beteiligte sich Johlson an der Ankündigung der überkonfessionellen Unparteiischen Universal-Kirchenzeitung für die Geistlichkeit und die gebildete Weltklasse des protestantischen, katholischen und israelitischen Deutschland von Julius Vincenz von Paula Hoeninghaus (1802–1844), die schon im ersten Erscheinungsjahr 1837 verboten wurde.Vgl. Beata Mache: Digitale Edition und Erschließung eines interreligiösen Periodikums aus dem Vormärz als editionsphilologische Aufgabe. Die „Unparteiische Universal-Kirchenzeitung für die Geistlichkeit und die gebildete Weltklasse des protestantischen, katholischen und israelitischen Deutschlands“ (1837) (diss. phil.), Duisburg-Essen 2015, S. 85, 87, 115 und 243 (Digitalisat der Deutschen Nationalbibliothek).

Johlson ist dem im September 1842 von Theodor Creizenach, Simon Maas (1811–1904),Dr. jur., Advokat in Frankfurt, 1836 Aufnahme in das Israelitische Bürgerrecht; vgl. Simon Maas (Hrsg.): Programm zu einer Erklärung deutscher Israeliten. Freunden religiöser Reform im Judenthume zur Beherzigung vorgelegt, o. O. [Frankfurt am Main] 1843 (Digitalisat der Freimann-Sammlung der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main). Wolfgang Neukirch, Karl Leopold Goldschmidt (1787–1858)Dr. jur., 1812 erster jüdischer zugelassener Advokat in Frankfurt, 1816 Meister vom Stuhl, 1824 Aufnahme in das Israelitische Bürgerrecht, 1853 Mitglied der Gesetzesgebenden Versammlung. und etwa 20 weiteren Personen gegründeten Verein der „Frankfurter Reformfreunde“ bzw. „Freunde religiöser Reform im Judenthum“ zuzurechnen, der allerdings nach etwa drei Jahren seine Tätigkeit wieder einstellte.Michael A. Meyer: Alienated intellectuals in the camp of religious reform. The Frankfurt Reformfreunde 1842–1845. In: Association for Jewish Studies Review 6 (1984), S. 61–86. Für die „Reformfreunde“ erstellte er 1843 unter dem Pseudonym „Bar Amithai“ ein Gutachten über die Zulässigkeit der Verweigerung der Beschneidung. Die Beschneidung wollte er durch ein Ritual der Heiligung am achten Tag (קדושה ליום השמיני – qedûshâ le-jôm hash-shemînî) gleichermaßen für Jungen und Mädchen ersetzen.Vgl. Ueber die Beschneidung in Historischer und Dogmatischer Hinsicht. Ein Wort zu seiner Zeit. Den Denkenden in Israel zur Prüfung vorgelegt. Johann Christian Hermann, Frankfurt am Main 1843, S. 19f; Michael A. Meyer: Antwort auf die Moderne. Geschichte der Reformbewegung im Judentum. Böhlau, Wien 2000, S. 184 und 593 Anm. 86. 1845 äußerte er sich kritisch zu Öffnungen jüdischer Geschäfte am Sabbat und forderte, Lehrlingen den Gottesdienstbesuch zu ermöglichen.

Johlsons Briefwechsel mit Ludwig Karl von Kuder,Großherzoglich hessischer Ministerialrat, brachte 1823 als Abgeordneter der Ständeversammlung einen Antrag auf bürgerliche Verbesserung der Juden ein. Jakob Weil, Heinrich Eberhard Gottlob Paulus, Leopold Zunz, Justin von Linde oder Lorenz Diefenbach ist teilweise erhalten.Has-Sifriya hal-Le'ummit Jerusalem; Universitätsbibliothek Gießen; vgl. Kalliope – Verbundkatalog Nachlässe und Autographen der Staatsbibliothek Berlin.