Als keltische Religion wird von der Keltologie die Summe der Institutionen, Riten oder Zeremonien zu bestimmten, den Göttern oder den Verstorbenen gewidmeten Anlässen bezeichnet, die bei den Kelten vor der Christianisierung bestanden. Die Gesamtheit der religiösen und mythischen Erzählungen der Kelten wird hingegen im Artikel keltische Mythologie zusammengefasst. Da die unter dem Begriff Kelten erfassten Völker keine einheitliche Kultur und Politik ausgebildet hatten, sind weder Religion noch Mythologie der Kelten eine geschlossene Einheit.Bernhard Maier: Lexikon der keltischen Religion und Kultur. S. 245 f., 274 f.

Die religiöse Praxis der Kelten umfasst insgesamt den heiligen Ort, die heilige Zeit, die kultischen und magischen Verrichtungen – Opfer, Gebet und Mantik (Weissagung) –, den Kopfkult, das Sterben und das Totengedenken, das Kultpersonal und die diesem Brauchtum zugrundeliegenden Vorstellungen.Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 751. Sie ist durch Berichte antiker Autoren und vor allem durch die große Zahl von archäologischen Funden etwas besser belegt als die keltische Götterwelt und die keltische Mythologie. Da jedoch aus Fundstücken und wesentlich später verfassten Texten Glaubensinhalte und dazugehörende Rituale nur unsicher bis gar nicht erschlossen werden können, ist die keltische Religion ebenfalls nur unvollständig rekonstruierbar.Bernhard Maier: Die Religion der Kelten. Götter – Mythen – Weltbild. S. 108 ff. mini|alt=Europakarte mit grün eingezeichneten Arealen|Verbreitung der Kelten (dunkel – frühe Verbreitung [500 v. Chr.], hell – maximale Ausdehnung [300 v. Chr.])

Grundlagen und Quellensuche

Da es keine schriftlichen Aufzeichnungen aus der keltischen Frühgeschichte gibt, beschränkt sich das Wissen über die Religion dieser Völker auf die mittelalterlichen Aufzeichnungen inselkeltischer Mythen und Sagen, auf Berichte antiker griechischer und römischer Autoren sowie auf die Schlüsse, die aus archäologischen Funden gezogen werden können. Eine Ursache dieser „Schriftverweigerung“ des Kultpersonales wird in der Bestimmung gesehen, dass die Weitergabe besonders des mythischen Wissens ausschließlich mündlich vom Lehrer an seine Adepten erfolgen durfte. Von der profanen Bevölkerung wurde dies nicht so streng eingehalten (siehe auch Oghamschrift).

Bei den inselkeltischen Tradierungen (Überlieferungen) ist zu berücksichtigen, dass sie wesentlich später und schon unter dem Einfluss der bereits erfolgten Christianisierung verfasst wurden – die Autoren waren überwiegend christliche Mönche. Die antiken Autoren verwendeten häufig die gängigen Vorurteile ihrer Zeit gegen die Barbarenvölker und kamen dadurch zu einem verzerrten Bild der keltischen Religion. Korrigierend sind oft die Ergebnisse der Archäologie, die nach den Artefakten ein nüchterneres Bild der keltischen Kultur zu geben vermögen.Joseph F. Nagy: Celtic Religion. History of Study. S. 1479 ff.Ray Dunning: Die Kelten. S. 77.

Helmut Birkhan nennt folgende nach ihrer wissenschaftlichen Verlässlichkeit sortierte Quellen für die Erforschung der keltischen Religion:Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 431 f.Helmut Birkhan: Keltische Religion. S. 223 f. Indigene (von den Kelten verfasste) lateinische oder gallische Texte (Weihesteine, Fluchtafeln) Antike Autoren (Poseidonios, Gaius Iulius Caesar, Marcus Tullius Cicero, Diodor, Strabon, Publius Cornelius Tacitus, Marcus Annaeus Lucanus und andere) Archäologische Funde in Form indigener Bilder (Darstellungen ohne oder mit ganz knappen begleitenden Inschriften) Andere archäologische Funde (aus Gräbern, Kultorten wie Hainen und QuellenHelmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 778 f.) Etymologien und andere sprachwissenschaftliche Argumente Indogermanische Parallelen (Sprache, Dichtform, Religion) Inselkeltische literarische Quellen (walisische und irische Sagenkreise) Späteres Brauchtum, vor allem bei den Inselkelten sowie in der Bretagne (volkstümliches Brauchtum, das auf alte Mythen zurückzuführen ist) Neuzeitliche Erzähltradition (z. B. Märchen) ebenfalls meist bei den Inselkelten und in der Bretagne

Heiliger Ort und Kultbildnis Schon in vorkeltischer Zeit waren Höhlen, Felsspalten, Gewässer und andere markante Landschaftspunkte bevorzugte Opferplätze. Wie Funde beweisen, wurden diese Plätze kontinuierlich von den Kelten weiter benutzt, wie das Heidentor bei Egesheim (Landkreis Tuttlingen).Bernhard Maier: Die Religion der Kelten. Götter – Mythen – Weltbild. S. 145 ff. Die einer wesentlichen Epoche der Keltenzeit den Namen gebende Fundstätte bei La Tène wird nach neueren Forschungsergebnissen als Kult- und Opferstätte gesehen, ebenso der See Llyn Cerrig Bach auf der britischen Insel Anglesey für die Zeit vom 2. bis zum 1. Jahrhundert v. Chr.Bernhard Maier: Die Religion der Kelten. Götter – Mythen – Weltbild. S. 113 f. Bei Lucanus ist eine ausführliche Schilderung eines Heiligen Haines bei Massilia (Marseille) mit Altären, rohbehauenen Götterbildern und von Blutopfern besprengten Bäumen zu lesen.Marcus Annaeus Lucanus: Pharsalia (bellum civile), III, 399–413: Lucus erat longo numquam violatus ab aevo, obscurum cingens conexis aera ramis et gelidas alte summotis solibus umbras. Hunc non ruriculae Panes nemorumque potentes Silvani Nymphaeque tenet, sed barbara ritu sacra deum; structae diris altaribus arae, omnisque humanis lustrata cruoribus arbor. Die moderne Forschung sieht darin das klassische literarische Klischee für den archaischen Charakter der keltischen Gebräuche.

In späterer Zeit wurden viele der Opferplätze in baulich ausgestaltete Kultstätten umgewandelt. Die keltische Bezeichnung für einen abgegrenzten Sakralbezirk, später für ein architektonisches Heiligtum, war vermutlich nemeton, mit dem griechischen νέμος (Waldung), dem lateinischen nemus (Gehölz) und dem altsächsischen nimid verwandt. Die Begrenzung erfolgte in vorrömischer Zeit durch Wall, Graben und Palisadenzäune, was von den antiken Autoren zwar nicht erwähnt wird, sich durch Ausgrabungen von Viereckschanzen jedoch nachweisen lässt. Ob der keltische Kultbezirk als Wohnort eines Gottes gesehen wurde, wie bei den griechischen und römischen Tempeln, ist nicht feststellbar. Dass dies nur Opferplätze gewesen seien, wird durch die Archäologie eher bestätigt. Eine spätere Nutzung keltischer Sakralbauten als christliche Kirchen ist umstritten und hat nach dem heutigen Wissensstand nur wenige Belege.Bernhard Maier: Lexikon der keltischen Religion und Kultur. S. 311.

Der nicht genau lokalisierbare Versammlungsort der Galaterstämme in Kleinasien, drunémeton (Δρυνέμετον), dürfte ebenfalls ein Kultplatz gewesen sein, da er von Druiden betreut wurde.Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 146 f.Bernhard Maier: Lexikon der keltischen Religion und Kultur. S. 136 f., 248. mini|hochkant|Der „Krieger von Hirschlanden“, Nachbildung der Statue am Fundort Die in den mittelalterlichen Erzählungen genannten Kultbildnisse sind eher ohne religionsgeschichtlichen Wert, da sie die christlichen Vorstellungen einer auf Bilderverehrung (Idolatrie) fixierten heidnischen Religion verdeutlichen wollen. Die Archäologie fand Skulpturen aus der späten Hallstatt- und frühen Latènezeit, deren Vorbilder über die Etrusker aus dem Mittelmeerraum kamen. Beispiele sind der so genannte Krieger von Hirschlanden und der Fürst vom Glauberg (beide um 500 v. Chr.), bei denen es sich allerdings kaum um Sakralstatuen, sondern eher um Ahnenkult handeln dürfte. Die Statuenbruchstücke aus Entremont und Roquepertuse (siehe Keltischer Kopfkult), Mšecké Žehrovice (Böhmen) und aus der Viereckschanze bei Fellbach-Schmiden stammen ebenfalls aus Kultbezirken. Auch die Reliefdarstellungen auf dem Kessel von Gundestrup werden als anthropomorphe (menschengestaltige) Gottheiten angesehen.

In Irland wurden kaum Kultbildnisse gefunden, die mit Sicherheit der vorchristlichen Zeit zuzuordnen wären. Die Sheela-na-Gig-Steinskulpturen, Frauenfiguren, die aggressiv ihre Vulva zur Schau stellen, werden als apotropäisch (Dämonen und Unheil abwehrend) gedeutet. Auch ihr Auftreten wird nur bedingt mit der vorchristlichen Zeit in Verbindung gebracht, da ihre Ursprünge in der mittelalterlichen französisch-spanischen Grenzregion angenommen werden.Bernhard Maier: Die Religion der Kelten. Götter – Mythen – Weltbild. S. 149 f.

Eine wichtige Rolle bei Kult und Zeremonien hat der Kessel zu erfüllen (→ siehe Hauptartikel Keltischer Kesselkult).

Heilige Zeit

Nach Birkhan sind zwei Kalender- und Festsysteme im Celticum zu unterscheiden: ein (möglicherweise druidischer) Mond-Sonnen-Kalender, der durch Fragmente aus Gallien belegt ist, und der eher bäuerliche Jahreskreis, gegliedert in die vier großen Feste Imbolg, Beltane, Lughnasadh und Samhain. Schon in Caesars De bello Gallico (VI, 18) wird auf eine Eigenheit des keltischen Kalendersystems hingewiesen:

Das ist heute noch an dem walisischen Wort wythnos (Woche, eigentlich acht Nächte) sowie dem englischen fortnight (14 Tage, eigentlich 14 Nächte) zu erkennen.Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 787 ff. In den modernen Begriffen Weihnachten, Halloween (= hallow even) und Sonnabend ist ebenfalls dieses System zu erkennen.

mini|Kalender von Coligny

Ein für die Forschung besonders ergiebiger Kalenderfund war der von Coligny (Département Ain) im November 1897. Neun weitere Fragmente stammen aus Funden bei Villards-d’Héria (Département Jura). Jedoch nennt der Kalender von Coligny keine religiösen Feste und keine Götternamen; die in einigen Monatsnamen dennoch vermuteten sind eher zweifelhaft.Bernhard Maier: Die Religion der Kelten. Götter, Mythen, Weltbild. S. 60 f.

Der irische Jahreskreis mit den vier oben genannten Festen ist im Unterschied zum Mond-Sonnen-Kalender aus Coligny auf der Grundlage des Sonnenjahres aufgebaut. Der Jahresbeginn und gleichzeitig der Beginn des Winterhalbjahres wird traditionell mit Samhain (anderthalb Monate nach der Herbst-Tagundnachtgleiche) angenommen. Es folgt Imbolg (anderthalb Monate nach der Wintersonnenwende) der Frühlingsbeginn, Beltane (anderthalb Monate nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche) markiert den Sommerhalbjahresbeginn und Lughnasadh (anderthalb Monate nach der Sommersonnenwende) den Herbstbeginn. Daraus ist der direkte Bezug zum bäuerlichen Jahreskreis erkennbar, der gleichzeitig in diesen Festen Fixpunkte des religiösen Brauchtumes fand und in adaptierter Form, an das Christentum angepasst, heute noch findet.

Zu Samhain waren die Síd (Elfenhügel) offen und die Menschen konnten mit den Bewohnern der Anderswelt in Verbindung treten – eine neuzeitliche Entsprechung findet dies im Halloweenfest. Zu Imbolg fanden Fruchtbarkeitsrituale statt – das Fest wird noch heute als Tag der heiligen Brigid (Lá ʼle Bríde) begangen. Zu Beltane wurden die Herdfeuer gelöscht und dann mit Stahl und Stein wieder entzündet – auch jetzt gibt es noch ähnliche Feuer-Zeremonien (siehe Osterfeuer). Zu Lughnasadh wurde des Gottes Lugh und seiner an diesem Tage verstorbenen Ziehmutter Tailtiu gedacht und mit den Wesen aus der Anderen Welt an den Gräbern Verstorbener Kontakt aufgenommen – von den Christen wurde das Fest Lammas (angloirisch) benannt.

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