Die Knabenkräuter (Orchis) sind eine Pflanzengattung in der Familie der Orchideen (Orchidaceae).

Beschreibung und Ökologie mini|Illustration des Affen-Knabenkrauts (Orchis simia) aus Abbildungen der in Deutschland und den angrenzenden Gebieten vorkommenden Grundformen der Orchideenarten, Tafel 15 mini|Ein KnabenkrautVgl. etwa Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 223 („Satirion – knaben krut oder stendel krut, testiculus vulpis, leporina, orchis, afrodisia, priapesmum chasialkel […] stendelworz, stendelwrz“ = Orchis spec.) im Herbarius moguntinus (1484) mini|Zygomorphe Blüten des Purpur-Knabenkrauts (Orchis purpurea)

Vegetative Merkmale Die Knabenkraut-Arten sind ausdauernde krautige Pflanzen. Diese Geophyten bilden eirunde Knollen als Überdauerungsorgane. Eine der Knollen verwelkt zur Blütezeit, die andere ist für die nächste Blütezeit bestimmt (Wechselknolle). Es wurde in der Vergangenheit angenommen, dass die Arten der Gattung Orchis von der Keimung bis zur Bildung der ersten Blüten sieben bis neun Jahre brauchen; tatsächlich ist diese Zeitspanne wesentlich kürzer. Die oberirdischen Teile sind schwach giftig und werden im frischen Zustand vom Vieh gemieden. Der Stängel ist beblättert und besitzt am Grund meist rosettig gehäufte Laubblätter. Er ist unverzweigt und trägt eine endständigen ährigen bis traubigen Blütenstand. Die Stängelblätter sind meist scheidenförmig, länglich und ganzrandig.

Generative Merkmale Der endständige Blütenstand ist meist vielblütig, zylindrisch oder eiförmig. Die sitzenden oder gestielten Blüten stehen in der Achsel eines meist häutigen Deckblatts. Die zwittrigen Blüten sind zygomorph und dreizählig. Die Lippe dient als Landeplatz für Bestäuber und ist daher nach unten gerichtet. Die Lippe besitzt meist auch einen Sporn (Ausnahme: Orchis anthropophora). Die anderen Blütenhüllblätter bilden meist eine helmartigen Schutz für die Pollinien. Die getrennten Pollinien sind langgestielt und besitzen getrennte Klebscheiben, sitzen aber in einem gemeinsamen Beutelchen (Bursicula).

Die Samen sind sehr zahlreich und sehr klein, oft nur 1/4 mm groß und die Tausendkornmasse ist nur etwa 0,5 bis 2,5 Milligramm.Péter Török, Tamás Miglécz et al.: New thousand-seed weight records of the Pannonian flora and their application in analysing Social Behaviour Types. In: Acta Botanica Hungarica. Band 55, Nr. 3–4, 2013, S. 429–472. , PDF auf researchgate.net (PDF; 463 kB), abgerufen am 5. Dezember 2017.

mini|Anatolisches Knabenkraut (Orchis anatolica) mini|Ohnhorn (Orchis anthropophora) mini|Galiläisches Knabenkraut (Orchis galilaea) mini|Italienisches Knabenkraut (Orchis italica) mini|Armblütiges Knabenkraut (Orchis pauciflora) mini|Provence-Knabenkraut (Orchis provincialis) mini|Punktiertes Knabenkraut (Orchis punctulata) mini|Vierpunkt-Knabenkraut (Orchis quadripunctata) mini|Affen-Knabenkraut (Orchis simia) mini|Spitzels Knabenkraut (Orchis spitzelii)

Systematik Die Gattung Orchis wurde 1753 durch Carl von Linné in Species Plantarum, 2, S. 939 aufgestellt. Synonyme für Orchis sind: Abrochis , Zoophora , Strateuma , Aceras , Androrchis , ×Orchiaceras .

Etymologie Wegen der Ähnlichkeit der zwei Knollen mit Hoden stammt der botanische Gattungsname Orchis vom griechischen Wort für „Hoden“. (Als Testiculi satyrii wurden früher die Wurzelknollen von Orchis-Arten und Ragwurzen bezeichnetOtto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 157.). Der griechische Philosoph Theophrastos von Eresos war der erste Naturforscher, der etwa 300 v. Chr. die Knabenkräuter erwähnte. Wegen der paarigen Wurzelknollen und der Ähnlichkeit mit den männlichen Genitalien benannte er sie „Orchis“ und begründete die Vorstellung, die sich noch lange in alten Schriften wiederfand, dass Frauen, die die stärkere und saftigere der beiden Knollen aßen, einen Knaben gebären würden (Theophr. IX. 18.3.). Auch der deutsche Name „Knabenkraut“ ist hiervon abgeleitet. Weitere Bezeichnungen von Vertretern der Gattung sind Stendelwurz, Stendel und Satyrion.Walther Ryff: Confect Büchlin und Hausz Apoteck. Frankfurt am Main 1544; Neudruck München 1983, b4 und c3. Im Sinne der Signaturenlehre wurde die Orchis-Knolle als AphrodisiakumHeinrich Marzell: Die Orchideen in der sexuellen Volkskunde. In: Geschlecht und Gesellschaft. Band 14, (Dresden) 1926, S. 211–223. und von Paracelsus bei Hoden-Erkrankungen empfohlen.J. Hermann Baas: Die geschichtliche Entwicklung des ärztlichen Standes und der medicinischen Wissenschaften. Leipzig 1896; Neudruck Wiesbaden 1967, S. 210.

In der klassischen griechischen Mythologie wurde Orchis, der Sohn eines Satyrs und einer Nymphe, von Bacchanten getötet. Durch die Gebete seines Vaters wurde er in eine Pflanze verwandelt, die nun seinen Namen trägt.

Arten nach Bateman 1997 und Bateman 2009 mit ihrer Verbreitung Es gibt etwa 22 Orchis-Arten (Stand Bateman 2009): Drüsenlippiges Knabenkraut (Orchis adenocheila ): Es kommt vom südöstlichen Transkaukasus bis zum nördlichen Iran vor. Anatolisches Knabenkraut (Orchis anatolica ): Es kommt von den Ägäischen Inseln bis Israel und westlichen Iran vor. Ohnhorn (Orchis anthropophora ): Es kommt von Westeuropa bis zum Mittelmeerraum vor. Brancifortis-Knabenkraut (Orchis brancifortii ): Es kommt im östlichen Sardinien, Sizilien und südwestlichen Italien vor. Orchis deutrodelamainii : Mit diesem Name wurde 2017 das Synonym ×Orchiaceras delamainii ersetzt. Sie kommt in Frankreich vor. Galiläisches Knabenkraut (Orchis galilaea , Syn.: Orchis punctulata var. galilaea , Orchis punctulata subsp. galilaea ): Es kommt von der südlichen Türkei bis Israel vor. Italienisches Knabenkraut (Orchis italica nom. cons. prop., Syn.: Orchis militaris sensu auct., Orchis longicruris , Orchis undulatifolia , Orchis tephrosanthos var. undulatifolia , Orchis simia var. undulatifolia , Orchis fusca var. stenoloba , Orchis purpurea var. stenoloba , Orchis purpurea subsp. stenoloba , Orchis welwitschii , ×Orchiaceras welwitschii , ×Orchiaceras bivonae nothovar. welwitschii , Orchis longicruris subsp. longipenis , Orchis italica var. fontinalis ): Es kommt im Mittelmeerraum vor. Helles Knabenkraut oder Algerisches Knabenkraut (Orchis laeta , Syn.: Orchis provincialis var. laeta , Orchis pauciflora subsp. laeta , Androrchis laeta , Orchis blidana , Androrchis blidana ): Es kommt vom nördlichen Algerien bis zum nordwestlichen Tunesien vor. Männliches Knabenkraut (Orchis mascula ): Je nach Autor gibt es etwa fünf Unterarten: Sardisches Knabenkraut (Orchis mascula subsp. ichnusae ): Sie kommt nur auf Korsika sowie Sardinien vor. Spanisches Knabenkraut (Orchis mascula subsp. laxifloriformis , Syn.: Orchis masculolaxiflora , Orchis mascula var. fallax , Orchis langei , Orchis hispanica , Orchis mascula subsp. hispanica , Androrchis langei , Orchis langei subsp. magrebensis ): Es kommt von den zentralen Pyrenäen bis Marokko vor. Männliches Knabenkraut (Orchis mascula subsp. mascula): Es kommt auf den Kanarischen Inseln, in Europa und vom Mittelmeerraum bis zum Iran vor. Darunter sind folgende Unterarten: Madeira-Knabenkraut (Orchis mascula subsp. scopulorum ): Dieser Endemit kommt nur im östlichen Madeira vor. Prächtiges Knabenkraut (Orchis mascula subsp. speciosa ): Es kommt in europäischen Gebirgen und in Algerien vor. Orchis militaris : Es gibt zwei Unterarten: Helm-Knabenkraut (Orchis militaris subsp. militaris): Es ist von Europa bis zur Mongolei verbreitet. Stevens Knabenkraut (Orchis militaris subsp. stevenii ): Es kommt von der nordöstlichen sowie südlichzentralen Türkei bis zum nördlichen Iran vor. Südfranzösisches Knabenkraut (Orchis olbiensis ): Es kommt im westlichen Ligurien im nordwestlichen Italien und im nordwestlichen Afrika vor. Blasses Knabenkraut (Orchis pallens ): Es kommt von Europa bis zum Kaukasusraum vor. Orchis patens : Es gibt zwei Unterarten: Kanaren-Knabenkraut (Orchis patens subsp. canariensis , Syn.: Orchis canariensis , Orchis patens var. canariensis , Barlia canariensis , Androrchis canariensis ): Es kommt auf den Kanarischen Inseln vor. Atlas-Knabenkraut (Orchis patens subsp. patens): Es kommt im nordwestlichen Italien, nördlichen Algerien bis nördlichen Tunesien vor. Armblütiges Knabenkraut (Orchis pauciflora ): Es kommt vom nördlichen Korsika bis Kreta vor. Provence-Knabenkraut oder Französisches Knabenkraut (Orchis provincialis ): Es kommt vom südlichzentralen sowie südlichen Europa bis zum westlichen Kaukasusraum vor. Punktiertes Knabenkraut (Orchis punctulata , Syn.: Orchis steveniana , Orchis sepulchralis , Orchis schelkownikowii , Orchis punctulata var. sepulchralis , Orchis punctulata subsp. sepulchralis , Orchis punctulata subsp. schelkownikowii ): Es kommt vom nordöstlichen Griechenland bis Westasien vor. Orchis purpurea : Sie kommt von Europa bis zur zentralen Türkei, nordöstlichen Algerien vor: Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea subsp. purpurea): Es kommt von Europa bis zur zentralen Türkei und im nordöstlichen Algerien vor. Kaukasisches Knabenkraut (Orchis purpurea subsp. caucasica ): Es kommt in der nordöstlichen Türkei bis zum Kaukasusraum vor. Vierpunkt-Knabenkraut (Orchis quadripunctata ): Es kommt vom östlich-zentralen sowie südlichen Italien bis zur westlichen Türkei vor. Orchis simia : Es gibt zwei Unterarten: Affen-Knabenkraut (Orchis simia subsp. simia): Es kommt von Europa bis zum Iran und vom nördlichen Algerien bis nordwestlichen Tunesien vor. Akhdar-Knabenkraut (Orchis simia subsp. taubertiana ): Dieser Endemit kommt nur im nordöstlichen Libyen vor. Orchis sitiaca : Dieser Endemit kommt nur im zentralen und östlichen Kreta vor. Orchis spitzelii (): Es gibt drei Unterarten: Cazorla-Knabenkraut (Orchis spitzelii subsp. cazorlensis ): Es kommt zentralen sowie östlichen Spanien, auf den Balearen und in Marokko vor. Kreta-Knabenkraut (Orchis spitzelii subsp. nitidifolia ): Dieser Endemit kommt nur in Kreta vor. Spitzels Knabenkraut (Orchis spitzelii subsp. spitzelii, Syn.: Orchis patens var. orientalis , Orchis patens var. viridifusca , Orchis patens subsp. falcicalcarata , Orchis patens var. atlantica , Orchis patens subsp. orientalis , Orchis viridifusca , Orchis orientalis , Orchis mrkvickana , Orchis maireana , Orchis bungii , Orchis spitzelii var. sendtneri , Orchis spitzelii var. gotlandica , Orchis spitzelii subsp. gotlandica , Orchis spitzelii subsp. latiflora , Orchis spitzelii subsp. teschneriana , Orchis spitzelii var. atlantica , Androrchis spitzelii subsp. latiflora , Androrchis spitzelii subsp. teschneriana ): Es kommt im schwedischen Gotland und vom nordöstlichen Spanien bis zum Iran sowie im nördlichen Algerien vor. Historisch gab es ein sicheres Vorkommen in Baden-Württemberg; ist aber in Deutschland ausgestorben. Orchis troodi (Syn.: Orchis anatolica var. troodi , Orchis anatolica subsp. troodi , Androrchis troodi ): Dieser Endemit kommt nur im westlichen Zypern vor.

Ausgliederung in andere Gattungen In einer Revision der Subtribus Orchidinae durch Bateman 1997 auf der Basis von genetischen Merkmalen werden Arten in andere Gattungen gestellt: Die Arten der Sektion Galericulatae werden zur Gattung Neotinea gestellt: Milchweißes Knabenkraut (Orchis lactea → Neotinea lactea ) Dreizähniges Knabenkraut (Orchis tridentata → Neotinea tridentata ): Es gibt zwei Unterarten: Kegel-Knabenkraut (Orchis tridentata subsp. conica → Neotinea tridentata subsp. conica ) Orchis tridentata subsp. tridentata → Neotinea tridentata subsp. tridentata (Syn.: Orchis tridentata subsp. commutata ) Brand-Knabenkraut (Orchis ustulata → Neotinea ustulata )