Die Straßenbahn Valenciennes (frz. Tramway de Valenciennes) ist das Straßenbahnsystem der französischen Stadt Valenciennes, dem einstigen Hauptort der nordfranzösischen Stahlregion. Sie gehört dem Aufgabenträger Syndicat intercommunal de mobilité et d’organisation urbaine du Valenciennois (SIMOUV), der das Nahverkehrsnetz Transvilles betreibt. Am 1. Januar 2023 übernahm die Keolis mit ihrer Tochtergesellschaft Keolis Hainaut Valenciennois den Betrieb.
Am 3. Juli 2006 wurde die erste Strecke mit einer Länge von 18,3 Kilometern eröffnet. Sie verbindet die Endpunkte Université auf dem Gebiet der Gemeinde Famars und Espace Villars in Denain, der zweitgrößten Stadt des Ballungsraums, dabei durchquert sie die Innenstadt von Valenciennes. Die zweite Strecke von Valenciennes über Condé-sur-l’Escaut zur Endhaltestelle Le Boulon in Vieux-Condé wurde am 13. Dezember 2013 feierlich eröffnet, der Fahrgastbetrieb wurde dort aber erst am 24. Februar 2014 aufgenommen. Eine dritte Strecke von Valenciennes nach Crespin befindet sich in der Diskussion. Dieses Netz ist der Nachfolger der ersten Straßenbahn, die von 1881 bis 1966 existierte.
Das ehemalige Netz (1881–1966) mini|links|Straßenbahnlokomotive mit Personen- und Güterwagen, um 1910
Die in den 1880er Jahren rund 30 000 Einwohner zählende Stadt Valenciennes und ihr Umland wurden durch ein meterspuriges Netz von Straßen- und Überlandstraßenbahnen erschlossen, deren erste Strecke über Anzin nach Raismes am 1. Januar 1881 eröffnet wurde. Betreiber war die im Jahr zuvor gegründete Gesellschaft belgischen Rechts Société des Tramways de Valenciennes à Anzin et extensions mit Sitz in Brüssel. Am 3. Februar 1882 kam die Überlandstrecke nach Condé-sur-l’Escaut hinzu, 1883 betrug die Gesamtstreckenlänge 22,5 Kilometer.
mini|links|Zug in der Endhaltestelle Bonsecours, elektrischer Triebwagen mit Lyrabügel und zwei Beiwagen, ca. 1932 Zur Vermeidung von Problemen wurde die von Édouard Louis Joseph Empain geführte Gesellschaft 1885 in eine Aktiengesellschaft französischen Rechts umgewandelt, die fortan die Bezeichnung (Société anonyme des Chemins de fer économiques du Nord (CEN)) trug. 1888 beförderten die CEN 1.522.480 Personen, 1894 erreichte das noch mit Dampflokomotiven betriebene Netz mit 58,5 Kilometern Länge seine vorerst größte Ausdehnung. Im Jahr 1914 wurden die ersten elektrischen Triebwagen eingesetzt, sie verkehrten unter einer Fahrleitung mit einer Gleichspannung von 600 Volt. Jährlich wurden damals drei Millionen Fahrgäste gezählt.
mini|links|Elektrischer Triebwagen mit Scherenstromabnehmer und Beiwagen, 1965 Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das stark zerstörte Netz (Kraftwerk, Kunstbauten) bis 1923 wieder hergerichtet. 1923 wurde die Bahn, mit Ausnahme des Abschnitts Denain–Lourches, für den die Gemeinde Lourches Genehmigungsbehörde wurde, durch die Stadt Valenciennes konzessioniert. 1931 waren 65 Kilometer Strecke in Betrieb, nahezu 16 Millionen Menschen wurden befördert. Im März 1932 eröffnete die Firma Finand einen ersten Omnibusverkehr mit vier Linien, worauf die CEN ebenfalls zwei Buslinien einrichteten. Der Zweite Weltkrieg führte aufgrund der Mobilisierung eines großen Teils des Personals zu einer Reduzierung des Angebots, die bis zum Kriegsende andauerte. In der zweiten Hälfte der 1940er Jahre waren im bereits 230 000 Einwohner zählenden Großraum Valenciennes über 23 Millionen Fahrgäste jährlich in den Straßenbahnzügen der CEN unterwegs.
Nach den Zerstörungen der zwei Weltkriege und infolge der Konkurrenz durch den Automobilverkehr wurde die Straßenbahn im Oktober 1966 endgültig stillgelegt. Der historische Beiwagen Nr. 143 ist erhalten und wird heute von der Schmalspureisenbahn Chemin de Fer à Vapeur de la Scarpe in Saint-Amand-les-Eaux im Passagierbetrieb eingesetzt. Die Stadt war ab 1902 bis zur Stilllegung an das Netz angeschlossen.
Die Rückkehr der Straßenbahn Das Angebot im ÖPNV der Region Valenciennes war merklich geringer als jenes anderer Ballungsräume, die eine vergleichbare zu bedienende Fläche aufwiesen. Da die Grenzen des Busverkehrs deutlich wurden, untersuchte man in den 1990er Jahren neue Verkehrstechniken. 1992 nahm das Syndicat intercommunal des transports urbains de la région de Valenciennes (SITURV) eine durch das Institut national de recherche sur les transports et leur sécurité (INRETS) durchgeführte Studie zur Kenntnis, die auf die Risiken eines Verkehrsinfarkts der Region bis zum Jahr 2010 aufmerksam machte, sofern nicht gegengesteuert würde. Nach der Idee, eine vollautomatische U-Bahn des Systems Véhicule automatique léger (VAL) zu bauen, zog man die Einrichtung von separaten Busspuren in Betracht.
Auf erste Studien im Jahr 1994 bezüglich des Baus einer Straßenbahn, die zwischen 1995 und 1996 Gegenstand eines Bürgerdialogs waren, folgten im Jahr 1997 weitere. Im Februar 1998 wurde dieses Projekt staatlicherseits geprüft. Die für den ÖPNV zuständige Behörde SITURV, gebildet von den Gemeindeverbänden Communauté d’agglomération Valenciennes Métropole und Communauté d’agglomération de la Porte du Hainaut, beschloss im März 1998 den Bau einer ersten Straßenbahnlinie.
Neben der üblichen Zielsetzung einer Straßenbahn, der Angebotsverbesserung im ÖPNV und der Veränderung des Modal Split, sollte jene auch dazu beitragen, das Image der Region Valenciennes, die in der Vergangenheit durch das Verschwinden der Schwerindustrie geprägt war, zu verändern. Deren städtischer Zusammenhalt sollte durch den verbesserten Anschluss von Arbeitervierteln – insbesondere von La Briquette und Dutemple – an den öffentlichen Verkehr gefördert werden. Zudem galt es, die Umnutzung der einstigen Industriebrache Croix d’Anzin zu begünstigen.
Die erste Strecke In Anbetracht der finanziellen Zwänge des SITURV wurde der Bau der ersten Strecke in zwei Phasen verwirklicht: 16. Juni 2006 (Einweihung) bzw. 3. Juli 2006 (Eröffnung): Université–(Innenstadt Valenciennes)–Dutemple, 9,5 km lang und 19 Haltestellen umfassend 31. August 2007 (Einweihung) bzw. 3. September 2007 (Eröffnung): Dutemple–Espace Villars, 8,5 km lang, mit neun Haltestellen
Der erste Abschnitt der neuen Strecke wurde auf den Tag genau 40 Jahre nach der Einstellung der alten Straßenbahn für den Fahrgastbetrieb eröffnet. Er gehört zur heutigen Linie T1, die zunächst als Linie 1 und zwischen 2010 und 2014 als Linie A bezeichnet wurde. Mit einer Länge von 18 Kilometern bedient diese Linie acht Gemeinden des Großraums: Valenciennes, Famars, Aulnoy-lez-Valenciennes, Marly, Anzin, La Sentinelle, Hérin und Denain. Mehrere Haltestellen wurden zu Verknüpfungspunkten mit anderen öffentlichen Verkehrsmitteln, da das Omnibusnetz umstrukturiert und dabei auf die Straßenbahn ausgerichtet wurde. Einige Haltestellen verfügen über Park-and-Ride-Plätze, um den Autofahrern den Umstieg auf die Straßenbahn zu erleichtern.
Das Projekt und seine Kosten Die Beteiligten des Projekts waren: Bauherr: der Aufgabenträger SITURV delegierter Bauträger: Transvilles Generalunternehmer: Groupement d’ingénierie du Valenciennois (Auftragnehmer: INGÉROP)
Im Juli 2001 erfolgte für das Projekt der neuen Straßenbahn die Feststellung des öffentlichen Nutzens. Der erste Spatenstich für deren Bau erfolgte im Sommer 2003 mit vorbereitenden Arbeiten (z. B. Verlegen der Abwasserkanäle und anderer Leitungen), im Juni 2004 begannen die Arbeiten zum Bau des Straßenbahnbetriebshofs in Saint-Waast. Das erste Streckengleis wurde am 7. September 2004 verlegt. Übergeben wurde die Strecke in Anwesenheit von Jean-Louis Borloo, dem damaligen Minister für Arbeit und Wohnungsbau und Präsidenten des Kommunalverbandes der Region Valenciennes, am 16. Juni 2006.
Der erste Bauabschnitt der Linie 1 kostete 242,75 Millionen Euro, die mit einer Anleihe, mit Eigenmitteln durch das SITURV, einen Staatszuschuss von 41,5 Millionen Euro (17 % des Projekts) und einer Beteiligung der Europäischen Union in Höhe von 5,08 Millionen Euro erbracht wurden. Die Gestaltung der Linie wurde mehrfach ausgezeichnet: Sie erhielt den TCSP-PreisTCSP: Transports collectifs en site propre = öffentlicher Verkehr auf separatem Fahrweg des Jahres der Zeitschrift Villes et Transports und den durch das Französische Institut für Design verliehenen Prix Janus de la Cité.
Die Haltestellen der Linie T1 Haltestelle Koordinaten Gemeinde Anmerkungen und Anschlüsse Université1 (Universität) Famars Park-and-Ride, 103, 104, 333, 420 Moriamez Recherche1 Famars Campus Mont Houy1 Aulnoy-lez-Valenciennes Mittelbahnsteig Chemin Vert1 Aulnoy-lez-Valenciennes S2, 104 Jules Chevalier1 Aulnoy-lez-Valenciennes La Briquette1 Marlys Vosges1 Valenciennes Mittelbahnsteig, S1 Nungesser1 Valenciennes Park-and-Ride Sainte Catherine1 Valenciennes 110 Porte de Paris1 Valenciennes 110 Sous-Préfecture1 Valenciennes Hôtel de Ville1 (Rathaus) Valenciennes versetzte Seitenbahnsteige Clemenceau2 Valenciennes Endhaltestelle der Linie T2 Gare2 (Bahnhof) Valenciennes TER, TGV, S1, 1, 5, 6, 30, 100, 103, 131, 401, 403, 450 Pont Jacob2 Valenciennes Mittelbahnsteig Croix d’Anzin Anzin 14 Anzin Hôtel de Ville Anzin Park-and-Ride, S2, 2, 12, 13 Saint-Waast ValenciennesPark-and-Ride 1, 2, H (Zubringerbus zum Krankenhaus) La Plaine Valenciennes Dutemple Valenciennes zeitweise Zwischenendstelle Bois des Montagnes La Sentinelle Le Galibot Hérin 102, 110, A (Zubringerbus zum Flugplatz) Les Grémonts Hérin geplante Haltestelle Solange Tonini Denain Bellevue DenainPark-and-Ride, 107 Jaurès Denain 106, 111, 211, TER am Bahnhof Denain (380 m) Taffin Denain 111 Jean Dulieu Denain 3, 4, 101, 105 Espace Villars Denain 3, 4, 30, 101, 104, 105, 106, 107, 111, 211, 334 1 bis 21. Oktober 2018 auch Linie T2 2 auch Linie T2
Die Infrastruktur mini|links|hochkant|Bahnhofsvorplatz in Valenciennes mit hochliegenden Rasengleisen und Rillenschienen vom Typ Broca mini|Schotteroberbau mit Zweiblockschwellen und Pandrol-Spannklemmen sowie Hochkettenfahrleitung und zwei Speise- oder Verstärkungsleitungen zwischen Dutemple und Denain, die Trasse wird fast auf ganzer Länge von einem Fuß- und Radweg begleitet mini|Gleisplan Die regelspurigen Gleise bestehen in den Abschnitten von der Universität bis zum Ortsausgang von Dutemple sowie von Taffin bis Espace Villars aus 41-GPU-Rillenschienen, geliefert durch Corus, die in eine am Ort gegossenen Betonplatte gegründet wurden. Außerhalb der Straßenquerungen ist das Gleis oft mit Rasen begrünt. Im Abschnitt Dutemple–Taffin wurden Kettenfahrleitungen installiert, im übrigen Netz gibt es Einfachfahrleitungen. Zwischen Dutemple und Taffin hat die Strecke den Charakter einer Stadtbahn mit Vignolschienen auf Schotteroberbau und Stromversorgung durch Fahrleitung und Speiseleitung. Zwei Abschnitte der Linie T1 benutzen den Bahndamm der alten Strecke von Somain nach Péruwelz des Eisenbahnnetzes der Compagnie des mines d’Anzin: zwischen den Stationen Anzin Hôtel de Ville und Dutemple und im zweiten Bauabschnitt auf 6,5 Kilometer Länge.
Der Bau der Strecke erforderte den Neubau oder die Erneuerung mehrerer Hochbauten, wie der Brücke über die AutobahnA2 und jener unter der AutobahnA23, der Brücke Pont Jacob über die Eisenbahnstrecke von Douai nach Blanc-Misseron und den Fluss Escaut (Schelde), des Viadukts Sainte-Catherine (auf der alten Eisenbahntrasse Valenciennes–Faubourg-de-Paris–Hautmont) und des Viadukts Pompidou sowie der Brücke über die Strecke Fives–Hirson.