Unter marxistischer Archäologie sind unterschiedliche archäologische Forschungsansätze, Hypothesen und Theorien zu verstehen, die wissenschaftliche Fragestellungen mithilfe marxistischer Methoden oder innerhalb eines marxistischen Rahmens behandeln.

Definition Marx selbst sah Archäologie als eine materialistische Wissenschaft, die das Potential hatte, verschiedenste Produktionsweisen zu rekonstruieren, war aber nie ernsthaft in archäologische Forschungen involviert.Kohl: Archarology and Preshistory. 1991, S. 29. Die marxistische Archäologie besteht daher eher aus der Rezeption marxistischer Texte in der Archäologie. Es gibt einerseits Forscher, die sich offen zu marxistischen Traditionen bekennen. Auf der anderen Seite bedienen sich Archäologen marxistischer Konzepte, ohne sich selbst als Marxisten zu bezeichnen.

Es können fünf Merkmale angeführt werden, die Arbeiten als marxistische archäologische Arbeiten ausweisen:McGuire: A Marxist Archaeology. 2002, S. 83–84.Spriggs: Another way of Telling: Marxist Perspectives in archaeology. In: Marxist Perspectives in Archaeology. 1984, S. 2. Karl Marx wird als Begründer einer These anerkannt. Die soziale Realität wird dialektisch verstanden, d. h. sie besteht aus Widersprüchen, die immer in Entwicklung sind. Daraus resultiert auch eine Fokussierung auf soziale Beziehungen. Es wird eine ganzheitliche Betrachtung der Gesellschaft angestrebt. Dabei werden die Grenzen wissenschaftlicher Disziplinen kritisiert und überwunden (Interdisziplinarität). Wissenschaft wird in einem sozialen Kontext und nicht als objektiv verstanden. Der Kapitalismus als herrschendes System wird kritisiert.

Grundlagen Die für die marxistische Archäologie wichtigsten Konzepte und Methoden sind der historische Materialismus, die Dialektik, der Strukturmarxismus und die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Daneben gibt es auch einzelne Arbeiten mit existenzialistischenS. M. Kus: The spirit and its burden: archaeology and symbolic activity. In: Marxist Perspectives in Archaeology. 1984. und postoperaistischenBernbeck: Multitudes before Sovereignty: Theoretical Reflections and Late Neolithic Case. In: Beyond Elites. Alternatives to Hierarchical Systems in Modelling Social Formations. . 2012. Konzepten, die aber bisher keinen vergleichbaren Einfluss haben.

Vere Gordon Childe baute sein Geschichtskonzept auf dem historischen Materialismus auf.Childe: What happend in History. 1952 Bekannt ist vor allem sein Konzept der drei „Revolutionen“, die die ökonomischen Verhältnisse und damit die Gesellschaft stark verändert haben: die Neolithische Revolution, die Urbane Revolution und die industrielle Revolution.Childe: Man Makes Himself. 2003. Die sowjetische und chinesische Archäologie machte den historischen Materialismus zum Dogma, in das die verschiedenen archäologischen Fälle eingeordnet wurden. Der historische Materialismus hat Ähnlichkeiten mit Konzepten der kulturellen Evolution, die auch in der New Archaeology Anwendung fandenJohnson: Archaeological Theory. An Introduction. 1999, S. 139 und parallelisiert damit die theoretische Diskussion im anglophonen Raum der 1960er und 1970er Jahre.

In der Archäologie wird die Dialektik genutzt, um soziale Veränderungen zu verstehen. Die Allgemeingültigkeit für Natur- und Geisteswissenschaft wird jedoch abgelehnt. In der Gesellschaft sind die Widersprüche aufeinander angewiesen, in der Natur jedoch nicht. Explizit dialektisch arbeiten McGuireMcGuire: A Marxist Archaeology. 2002, S. 91–116. und SaittaMcGuire, Saitta: Although They Have Petty Captains, They Obey Them Badly: The Dialectics of Prehispanic Western Pueblo Social Organization In: American Antiquity. vol. 61 Nr. 2. 1996..

Jürgen Habermas schrieb in „Erkenntnis und Interesse“, dass wissenschaftliche Arbeiten keineswegs objektiv sind, sondern von Interessen geleitet werden. Dieser Einsicht schließt sich die kritische Archäologie an. Sie entwickelte sich speziell in den USA aus den Konflikt zwischen indigenen Gruppen und Archäologen. Das brachte viele Archäologen dazu, ihre eigene wissenschaftliche Arbeit kritisch zu hinterfragen.McGuire: A Marxist Archaeology. 2002, S. 213–245. Mittlerweile gibt es aber auch in anderen Teilen der Welt Forscher, die sich selbst als kritische Archäologen verstehen.zum Beispiel das frei zugängliche Online-Journal Forum Kritische Archäologie Hauptaufgabe der kritischen Archäologie ist einerseits die Analyse der Ideologie innerhalb des Wissenschaftsbetriebes. Anderseits beschäftigt sie sich mit der ideologischen Nutzung der Archäologie durch Laien wie in Filmen, Museen und Zeitungen.Bernbeck: Theorien in der Archäologie 1997, S. 314–319.

Im englischsprachigen Raum wurden strukturmarxistische Konzepte für die archäologische Rekonstruktion vergangener Gesellschaften genutzt. Der strukturmarxistische Ansatz beginnt seine Untersuchungen dabei immer mit der Produktion. Er beachtet nie das Subjekt, sondern immer die Struktur und ist ahistorisch.Bernbeck: Theorien in der Archäologie 1997, S. 297–301.

Sowjetunion Im Jahr 1919 wurde die Imperiale Archäologische Kommission in Sankt Petersburg in die Staatliche Akademie für materielle Kultur umgewandelt. In Moskau wurde eine Archäologische Abteilung im Russischen Verbund sozialwissenschaftlicher Institute etabliert. Lenin initiierte 1921 die Neue Ökonomische Politik, die bis zu seinem Tod 1924 anhielt. Während dieser Zeit wurde die wissenschaftliche Freiheit unterstützt und im Zuge der Industrialisierung des Landes wurden viele archäologische Projekte durchgeführt. Es dominierten aber weiterhin die deskriptiven archäologischen Strömungen des zaristischen Russlands, ohne sich marxistischer Ideen anzunehmen.Bulkin et al.: Attainments and Problems of Soviet Archaeology: 274.Trigger: A History Of Archaeological Thought, 1988 S. 212–216.

Ab 1924 wurde unter Josef Stalin das intellektuelle Leben der Sowjetunion auf die Linie der bolschewistischen Partei gebracht. In der Archäologie wurde Wladislaw I. Rawdonikas unterstützt, der schon vorher eine Kommunistische Zelle in der Staatlichen Akademie für materielle Kultur aufgebaut hatte.Trigger: A History Of Archaeological Thought, 1988 S. 216–218. Er kritisierte die traditionelle Archäologie als idealistisch und bürgerlichBulkin et al.: Attainments and Problems of Soviet Archaeology. S. 274–275. und nannte die neue Archäologie in Abgrenzung dazu „sowjetische Archäologie“. Im Zuge der Umstrukturierungen unter Stalin wurden viele Archäologen vertrieben oder eingesperrt. Der Russischen Verbund sozialwissenschaftlicher Institute wurde abgeschafft und die Archäologie somit zentralisiert. Hiernach begann Rawdonikas und Artemi W. Arzichowski den historischen Materialismus als Grundlage für eine marxistische Archäologie zu konzipieren. Unter Stalins Herrschaft war eine Kritik an dem unilinearen Model nicht möglich, aber es lehnte auch rassistische und diffusionistische Deutungen ab, die in Westeuropa noch gang und gäbe waren. Vor allem die Konzentration auf Ökonomie und internen gesellschaftlichen Wandel waren wegweisend. Der Fokus der Archäologie verschob sich von typologisierenden deskriptiven Arbeiten hin zu der Rekonstruktion sozialer Organisation und dem Leben einfacher Leute.McGuire: A Marxist, 56–59.Trigger: A History Of Archaeological Thought, 1988 S. 216–227

Bis 1934 war die Sowjetische Archäologie institutionell etabliert: die Staatliche Akademie für materiale Kultur wurde getreu dem historischen Materialismus in die vier Unterabteilungen urkommunistische Gesellschaften, Sklavenhalter-Gesellschaften, feudale Gesellschaften und archäologische Methodik unterteilt. Außerdem kam es an etlichen Universitäten der Sowjetunion zur Gründung archäologischer Abteilungen. Bis 1941 waren die archäologischen Arbeiten immer dazu angehalten praktisches wirtschaftliches Wissen zu generieren, wie zum Beispiel der Kartierung von Rohstoffen oder der Rekonstruktion verloren gegangenen Wissens über Bewässerungsanlagen.Trigger: A History Of Archaeological Thought, 1988 S. 228–233 Auch bildeten sich seit den 1930ern nationalistische Tendenzen in der Sowjetunion heraus, die durch den Zweiten Weltkrieg und den folgenden Kalten Krieg noch verstärkt wurde und auch zu einer zunehmenden Beschäftigung mit Ethnogenese in der Archäologie führte.Bulkin et al.: Attainments and Problems of Soviet Archaeology, 277. So wurde die verbreitete Hypothese, Russland sei im frühen Mittelalter eine Skandinavische Kolonie gewesen, abgelehnt. Beispiellose Stadtkerngrabungen wie jene In Novgorod wurden als Beleg für eine lange slawische Besiedlung herangezogen. Die Untersuchung diverser vorkapitalistischer Gesellschaften führte zu der zunehmenden Einsicht, dass das unilineare Modell des historischen Materialismus der Variabilität dieser Gesellschaften nicht gerecht wurde.Trigger: A History Of Archaeological Thought, 1988 S. 230

Die meisten Archäologen fielen dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer.Bulkin et al.: Attainments and Problems of Soviet Archaeology, 291. und nach dem Tod Stalins 1953 wurde die Forschung wieder freier. Als neue Interessengebiete etablierte sich einerseits die Rolle der Technik bei der Menschwerdung. Anderseits wurde die Mensch-Umwelt Beziehung mehr berücksichtigt. Vor allem die unilineare evolutionäre Deutung des historischen Materialismus wurde zunehmend abgelehnt und die historische Besonderheit der einzelnen Kulturen hervorgehoben. Die Grundlage des historischen Materialismus wurde jedoch nicht angezweifelt; Menschliches Verhalten wurde auch weiterhin in letzter Konsequenz von der ökonomischen Basis bestimmt. Dies führte zu einer Kritik an dem imperialistischen Konzept sog. „geschichtsloser Völker“, das sich in der englischsprachigen Wissenschaft noch hielt.Trigger: A History Of Archaeological Thought, 1988 S. 233–242 Der Mensch wurde nach der neuen Auffassung als grundsätzlich historisches Wesen verstanden. Es führte aber auch zu einer Ablehnung vieler Deutungsmuster der New Archaeology, die mit ihren systemischen Ansatz als antihumanistisch kritisiert wurde. Trotz aller Kritik ist die Sowjetische Archäologie der New Archaeology in ihren Studien recht ähnlich.McGuire: A Marxist Archaeology. 2002, S. 59–62.Bulkin et al.: Attainments and Problems of Soviet Archaeology, 272, 279.Klejn: a Panorama of Theoretical Archaeology, 1977 S. 13 Ein Vertreter dieser Epoche ist Mark Ossipowitsch Koswen.Mark Osipovič Kosven: Abriß der Geschichte und Kultur der Urgesellschaft. Berlin 1957. Neben der theoretischen Entwicklung in der Sowjetischen Archäologie gab es auch einen methodischen Fortschritt. Im Zuge einer Diskussion über die Aussagekraft archäologischer Quellen, wurden ehemals von Rawdonikas als bürgerlich kritisierten Methoden der Seriation und der Typologie rehabilitiert, um besser datieren zu können. Als sicherer Interpretationsansatz zur Rekonstruktion einer Kultur wurde vor allem die Technologie gewertet, über die in den folgenden Jahren etliche Arbeiten entstanden.

China Die Marxistische Auslegung der Geschichte Chinas geht auf Guo Moruo zurück, der sie nach dem Vorbild des Historischen Materialismus deutete. Zu Zeiten der Chinesischen Republik führte er im japanischen Exil auch archäologische Studien durch und interpretierte die Shang- und die Zhou-Dynastie als Sklavenhaltergesellschaften.Wang: loving the Ancient in China. 1985, S. 188 1937 kehrte er mit Beginn des zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges nach China zurück.Chang Archaeology and Chinese Historiography. 1981, S. 166–167Trigger: A History of Archaeological Thought 1988, S. 175.