mini|Erich Rajakowitsch Erich Rajakowitsch, später Erich Raja (* 23. November 1905 in Triest, Österreich-Ungarn; † 14. April 1988Präzises Sterbedatum nach Theodor Venus, Alexandra-Eileen Wenck: Die Entziehung jüdischen Vermögens im Rahmen der Aktion Gildemeester. Eine empirische Studie über Organisation, Form und Wandel von „Arisierung“ und jüdische Auswanderung in Österreich 1938–1941. Oldenbourg, Wien u. a. 2004, ISBN 3-7029-0496-4 (Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission 20, 2), (Nationalsozialistische Institutionen des Vermögensentzuges 2), S. 486 in Graz) war ein österreichischer Jurist und SS-Obersturmführer, der als Mitarbeiter Adolf Eichmanns während des Zweiten Weltkrieges in den deutsch besetzten Niederlanden maßgeblich an Judendeportationen beteiligt war.

Leben Rajakowitsch, dessen Vater Mittelschulprofessor war, wuchs nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in Graz auf und beendete dort seine Schullaufbahn mit der Matura. An der Universität Graz absolvierte er ein Studium der Rechtswissenschaft, das er im November 1931 abschloss.Theodor Venus, Alexandra-Eileen Wenck: Die Entziehung jüdischen Vermögens im Rahmen der Aktion Gildemeester. Eine empirische Studie über Organisation, Form und Wandel von „Arisierung“ und jüdische Auswanderung in Österreich 1938–1941. Oldenbourg, Wien u. a. 2004, ISBN 3-7029-0496-4 (Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission 20, 2), (Nationalsozialistische Institutionen des Vermögensentzuges 2), S. 142. Seine studentische Sozialisation erfuhr er im Akademischen Corps Teutonia zu Graz, das politisch deutsch-national, antisemitisch und antidemokratisch ausgerichtet war.Richard Bayer: Chronik des akademischen Corps Teutonia zu Graz. 2. Teil. Graz 1974, S. 22 ff. Nach Studienabschluss und Gerichtsjahr war der promovierte Jurist als Konzipient und Rechtsanwalt in Graz tätig.Jean Améry: Werke: Ausgewählte Briefe 1945–1978, Klett-Cotta, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-608-93568-4, S. 689. Von Anfang 1938 bis zum November 1938 war Rajakowitsch Konzipient in der Wiener Kanzlei Heinrich Gallop.Theodor Venus, Alexandra-Eileen Wenck: Die Entziehung jüdischen Vermögens im Rahmen der Aktion Gildemeester. Eine empirische Studie über Organisation, Form und Wandel von „Arisierung“ und jüdische Auswanderung in Österreich 1938–1941. Oldenbourg, Wien u. a. 2004, ISBN 3-7029-0496-4 (Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission 20, 2), (Nationalsozialistische Institutionen des Vermögensentzuges 2), S. 120, 130. Rajakowitsch war ab 1934 mit Anna Maria Rintelen, der Tochter von Anton Rintelen, verheiratet.

Verwicklung in Arisierungsgeschäfte nach dem Anschluss Österreichs Nach dem „Anschluss Österreichs“ an das Deutsche Reich trat Rajakowitsch zum 1. Mai 1938 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 6.330.373).Bundesarchiv R 9361-III/549079 Gallop und sein Konzipient Rajakowitsch entwickelten das Modell „Arisierung gegen Auswanderung“Jean Améry: Werke: Ausgewählte Briefe 1945-1978. Klett-Cotta, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-608-93568-4, S. 689 f. indem sie sich die inländischen Vermögenswerte von sehr wohlhabende jüdischen Klienten übertragen ließen und als Gegenleistung deren Ausreiseformalitäten durchführten.Hans Safrian: Die Eichmann-Männer. Europaverlag, Wien u. a. 1993, ISBN 3-203-51115-0, S. 35 f. Rajakowitsch war auch in die Aktion Gildemeester, durch welche die Auswanderung mittelloser Juden durch wohlhabende Juden finanziert wurde, involviert. In diesem Zusammenhang leitete er, ab Spätherbst 1938 zusammen mit seinem neuen Kompagnon Hugo Weber, für den Fonds die „Vermögenstransaktion“.Gabriele Anderl, Dirk Rupnow, Alexandra-Eileen Wenck, Historikerkommission der Republik Österreich: Die Zentralstelle für Jüdische Auswanderung als Beraubungsinstitution. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2004, S. 183 f. Durch diese Finanztransaktionen kooperierte er auch eng mit der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien, über die er Adolf Eichmann kennenlernte. Auch bei der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Prag richtete Rajakowitsch einen „Auswanderungsfonds“ ein, den er betreute.Walter Manoschek: „Serbien ist judenfrei“. Militärische Besatzungspolitik und Judenvernichtung in Serbien 1941/42. Oldenbourg, München 1993, ISBN 3-486-55974-5, S. 102–108 (Beiträge zur Militärgeschichte 38), S. 37.

Zweiter Weltkrieg – Juristischer Berater Adolf Eichmanns Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Rajakowitsch im Herbst 1939 Mitglied der SS (SS-Nummer 353.201)Bundesarchiv R 9361-III/549079Joachim Castan/Thomas F. Schneider (Hrsg.): Hans Calmeyer und die Judenrettung in den Niederlanden Göttingen 2003, S. 50. und in Nisko im Zuge des Nisko-Plans eingesetzt.Institut Theresienstädter Initiative: Theresienstädter Studien und Dokumente, 2003, S. 363. Bei der SS stieg er 1940 bis zum SS-Obersturmführer auf.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main 2007, S. 477.

Durch Eichmann kam Rajakowitsch im Frühjahr 1940 zum Eichmannreferat des Reichssicherheitshauptamtes nach Berlin. Rajakowitsch wurde enger Mitarbeiter Eichmanns und Referent „zur Bearbeitung juristischer Fragen bei den Zentralstellen für jüdische Auswanderung in Wien, Prag und Berlin“.Eichmann über Rajakowitsch. Zitiert bei: Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Piper, 1995, S. 73. Laut Eichmann war er ein „außerordentlich gemäßigter und kluger Jurist, auf dessen Hilfe ich deswegen nicht gerne verzichtete, weil er die lebendige praktische Juristik und nicht die trockene Behördenjuristerei verkörperte“.Zitiert nach: Die Bevölkerung Madagaskars sollte umgesiedelt werden - Adolf Eichmann gibt an, Juden auf ein "Inselreservat" verschleppen lassen zu wollen - Fortsetzung der Dokumentation (Teil 13). In: Die Welt vom 26. August 1998. Zusammen mit Eichmann und Theodor Dannecker gehörte Rajakowitsch zu den Mitarbeitern des Eichmannreferats, die sich bis August 1940 mit dem nie umgesetzten Madagaskarplan zur Deportation europäischer Juden auf die afrikanische Insel befassten.

Aufbau der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam Ab April 1941 war Rajakowitsch in den deutsch besetzten Niederlande eingesetzt. Seine Aufgabe dort sollte den Aufbau der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam sowie die Gründung und Leitung eines Auswanderungsfonds beinhalten. Da sich der Reichskommissar für die Niederlande Arthur Seyß-Inquart im Kompetenzstreit um die niederländischen „Judenangelegenheiten“ mit der SS gegen den Höheren SS- und Polizeiführer Hanns Albin Rauter kurzzeitig durchsetzen konnte, wurde schließlich Hans Fischböck Leiter des Auswanderungsfonds.Rauter am 18. April 1941 schriftlich an Seyß-Inquart bezüglich der Errichtung einer Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam. Rajakowitsch war, wie schon zuvor in der Tschechoslowakei und Österreich, Geschäftspartner der Dresdner Bank in den Niederlanden.Hans-Joachim Heuer: Geheime Staatspolizei - über das Töten und die Tendenzen der Entzivilisierung. Walter de Gruyter, 1995, ISBN 978-3-11-014516-8, S. 99.

Referatsleiter beim BdS in den Niederlanden Im August 1941 übernahm Rajakowitsch schließlich die kommissarische Leitung des „Sonderreferats J“ der Gestapo-Abteilung beim Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) in Den Haag Wilhelm Harster, das „zur Bekämpfung des Judentums in seiner Gesamtheit, deren Ziel die Endlösung der Judenfrage durch Aussiedlung sämtlicher Juden“ war.Mathias Middelberg: Judenrecht, Judenpolitik und der Jurist Hans Calmeyer in den besetzten Niederlanden 1940–1945. V&R Unipress, Göttingen 2005, ISBN 3-89971-123-8, S. 130f. Ab Februar 1942 firmierte das „Sonderreferats J“ als Abteilung IV B 4 und Rajakowitsch wurde durch Wilhelm Zoepf als Abteilungsleiter abgelöst und vertrat ihn in Abwesenheit.Mathias Middelberg: Judenrecht, Judenpolitik und der Jurist Hans Calmeyer in den besetzten Niederlanden 1940–1945. V&R Unipress, Göttingen 2005, ISBN 3-89971-123-8, S. 131. In dieser Funktionen war Rajakowitsch auch in die Deportation von Juden aus den Niederlanden in die Vernichtungslager involviert.Brigitte Bailer-Galanda: Die Entstehung der Rückstellungs- und Entschädigungsgesetzgebung: Die Republik Österreich und das in der NS-Zeit entzogene Vermögen. 2003, S. 543. Rajakowitsch selbst übernahm in der Dienststelle des BdS in Den Haag im Februar 1942 das Referat II B (Einziehung von Vermögenswerten sowie Ein- und Ausbürgerungen).Thomas Albrich, Winfried Garscha, Martin Polaschek (Hrsg.): Holocaust und Kriegsverbrechen vor Gericht. Der Fall Österreich. Studienverlag, Innsbruck 2006, ISBN 3-7065-4258-7, S. 175.

Meldung zur Waffen-SS Im Oktober 1943 wechselte Rajakowitsch zur Waffen-SS und absolvierte einen Offizierslehrgang an der SS-Junkerschule in Bad Tölz. Danach nahm er bis Kriegsende am Deutsch-Sowjetischen Krieg teil.

Nachkriegszeit Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges befand sich Rajakowitsch kurzzeitig in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, aus der er jedoch entweichen konnte. Rajakowitsch tauchte unter und hielt sich ab 1946 in Triest auf.Edith Blaschitz: NS-Flüchtlinge österreichischer Herkunft: Der Weg nach Argentinien. In: Jahrbuch 2003. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.), Wien 2003, S. 103–136.

Die Anwaltskanzlei Weber/Rajakowitsch an der Adresse Wien I, Schottenring 1/Hessgasse 6 war nach Kriegsende verwaist und wurde von dem durch die Rechtsanwaltskammer eingesetzten Kurator Gustav Warmuth übernommen, dessen eigene Kanzlei aufgrund von Bombenschäden nicht mehr nutzbar war. Warmuth hatte in den Räumen der ehemaligen Kanzlei Weber/Rajakowitsch Massen an Akten aufgefunden, die unvollständig und ungeordnet waren. Nach seiner Aktensichtung wurden laut Warmuth Warmuth am 1. Dezember 1948 schriftlich an das Bezirksgericht Innere Stadt Wien. Zitiert bei: Gabriele Anderl, Dirk Rupnow, Alexandra-Eileen Wenck, Historikerkommission der Republik Österreich: Die Zentralstelle für Jüdische Auswanderung als Beraubungsinstitution. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2004, S. 316. Unter den Akten befand sich auch Material zum „Auswanderungsfonds“.Gabriele Anderl, Dirk Rupnow, Alexandra-Eileen Wenck, Historikerkommission der Republik Österreich: Die Zentralstelle für Jüdische Auswanderung als Beraubungsinstitution. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2004, S. 22. Diverse staatliche Stellen, wie z. B. das Volksgericht nahmen Akteneinsicht und die Besatzungsbehörden luden Warmuth in diesem Zusammenhang in den Nachkriegsjahren zu Vernehmungen vor.Gabriele Anderl, Dirk Rupnow, Alexandra-Eileen Wenck, Historikerkommission der Republik Österreich: Die Zentralstelle für Jüdische Auswanderung als Beraubungsinstitution. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2004, S. 316.

Der amerikanische Abwehrdienst Counter Intelligence Corps (CIC) stieß während Ermittlungen zu Eichmann bereits 1946 auf den Namen Rajakowitsch. Aufgrund einer Anfrage aus Österreich bezüglich von Restitutionsansprüchen jüdischer Österreicher fahndete der CIC 1947 erfolglos nach Rajakowitsch.Richard Breitman, Norman J. W. Goda, Paul Brown: The Gestapo. In: Richard Breitman, Norman J. W. Goda, Timothy Naftali, Robert Wolfe: U.S. Intelligence and the Nazis. Cambridge UP, Cambridge 2005, ISBN 0-521-61794-4, S. 360f.