Vincer se stesso è la maggior vittoria (deutsch: Sich selbst zu besiegen, ist der größte Sieg), oder Rodrigo (HWV 5), ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Es war seine erste italienische Oper. Die Musik ist nicht ganz vollständig erhalten.

Entstehung Anders als es in der Literatur oft dargestellt wird, ist über die Entstehungszeit und -umstände der Oper wenig Genaues bekannt. Aus den wenigen durch eindeutige Dokumente bekannten und belegten Fakten und dem Bericht von Händels erstem Biografen John Mainwaring – der wahrscheinlich auf Erzählungen von Händel selber oder dessen langjährigem Vertrautem John Christopher Smith d. J. basierte, aber auch Fehler enthält – scheinen sich einige Widersprüche zu ergeben.Angela Romagnoli: Rodrigo (Vincer se stesso è la maggior vittoria) (HWV 5), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 36–38

Diese beginnen bereits beim Titel, der von Mainwaring als Rodrigo überliefert ist, während das von Reinhard Strohm entdeckte Libretto vom Herbst 1707 mit Vincer se stesso è la maggior vittoria bezeichnet ist.John Mainwaring: Memoirs of the life of the late George Frederic Handel: to which is added, a catalogue of his works, and observations upon them, London: Printed for R. and J. Dodsley, 1760, S. 50.Siehe Titelblatt des Original-Librettos, in: Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel’s operas: a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume ii, Garland, New York 1989, S. 221.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 74.Angela Romagnoli: Rodrigo (Vincer se stesso è la maggior vittoria) (HWV 5), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 37 Händels Autograph ist nicht vollständig erhalten und trägt keine Datierung.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 110. Dies ist jedoch bei weitem nicht der einzige Unterschied zwischen Autograph und Libretto: Offensichtlich wurden vor den Aufführungen im Herbst 1707 eine ganze Reihe an Änderungen sowohl am Text, als auch an der Musik vorgenommen.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 97–100.Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel’s operas: a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume ii, Garland, New York 1989, S. xlix-l.Auch: Angela Romagnoli: Rodrigo (Vincer se stesso è la maggior vittoria) (HWV 5), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 38

Ob Ferdinando de’ Medici den Auftrag zur Oper erteilte, wie oft vermutet oder kolportiert wurde,Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 75.Siehe: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 32 ist nicht belegt,Angela Romagnoli: Rodrigo (Vincer se stesso è la maggior vittoria) (HWV 5), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 36–37 auch wenn es „plausibel“ erscheinen mag,Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 109. da die Oper „unter der Schirmherrschaft des Erlauchtigsten Fürsten der Toskana“ („sotto la protezione des Serenissimo Principe di Toscana“) aufgeführt wurde.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 32.

Da das Autograph auf römischem Papier geschrieben wurde,Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 110. und das erhaltene Libretto vom Herbst 1707 stammt, wurde oft vermutet, dass Händel die Oper im vorangehenden Sommer während seines Aufenthalts beim Marchese Francesco Maria Ruspoli in Rom komponierte, und dann in Florenz vor den Aufführungen Änderungen vornahm, die er in einer nicht erhaltenen Direktionspartitur notierte – bewiesen ist das jedoch nicht.Angela Romagnoli: Rodrigo (Vincer se stesso è la maggior vittoria) (HWV 5), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 37–38 und S. 40 (Fußnote 13)

Ein weiteres ungelöstes Problem ist Mainwarings Behauptung, dass in der Oper eine Sängerin namens „Vittoria“ aufgetreten sei, die zwar „in großer Gunst bei dem Fürsten“ stand, aber in Händel verliebt gewesen sein und vielleicht sogar eine Beziehung mit ihm gehabt haben soll;John Mainwaring: Memoirs of the life of the late George Frederic Handel: to which is added, a catalogue of his works, and observations upon them, London: Printed for R. and J. Dodsley, 1760, S. 50–51 (auch: 53–54) eine Liaison von Händel und „la Victoria“ wurde lange vor Mainwaring und unabhängig von ihm auch von Kurfürstin Sophie von Hannover in einem Brief vom 14. Juni 1710 erwähnt.Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 45 Aus den Umständen ist klar, dass es sich um Vittoria Tarquini gehandelt haben muss, die zu der Zeit eine der berühmtesten Sängerinnen Italiens war.Donald Burrows: Handel, Oxford University Press, 2. Edition 2010, S. 1359–1360 und 1365.Jonathan Keates: Handel – the Man and his music, Random House, 1985/2009, S. 34–37 & 49.Beth L. Glixon: „Supereminet omnes, New light on the Life and Career of Vittoria Tarquini“, in: Händel-Jahrbuch 62, 2016, S. 401–414, hier: S. 410–411. Im erhaltenen Libretto vom Herbst 1707 ist die Tarquini jedoch nicht unter den Sängern gelistet.Siehe die Liste der „Personaggi“ im Original-Libretto, in: Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel’s operas: a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume ii, Garland, New York 1989, S. 225. Ursula Kirkendale stellte daher, auch aufgrund von Dokumentenfunden im Archivio Segreto Vaticano, die These auf, dass die Oper vielleicht bereits bei einem früheren Aufenthalt Händels in Florenz (1705 ?) entstand und auch mit Vittoria Tarquini, eventuell in einer Privatvorführung, aufgeführt wurde, während die für 1707 belegten Vorstellungen eine Wiederaufführung einer revidierten Fassung gewesen sein könnten. Auch dies ist jedoch nicht eindeutig belegt.

Im Libretto wird kein genauer Aufführungsort genannt,In dem Punkt irrte Romagnoli, als sie 2009 meinte, dass das Teatro del Cocomero durch das Libretto belegt sei. Angela Romagnoli: Rodrigo (Vincer se stesso è la maggior vittoria) (HWV 5), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 37. Robert Lamar Weaver und Norma Wright Weaver wiesen jedoch darauf hin, dass die gelisteten Sänger (mit einer Ausnahme) dieselben waren, die zu der Zeit im Teatro del Cocomero auftraten, und gingen daher davon aus, dass Vincer se stesso... auch dort gespielt wurde.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 110. Letzteres konnte jüngst durch Tagebuchnotizen des Herzogs Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen untermauert werden, wonach es zwischen dem 9. und dem 22. November 1707 fünf Aufführungen der Oper gab,Angela Romagnoli: Rodrigo. In: Hans Joachim Marx (Hrsg.): Das Händel-Handbuch in 6 Bänden: Das Händel-Lexikon. Band 6. Laaber-Verlag, Laaber 2011, ISBN 978-3-89007-552-5, S. 759. und zwar mit den folgenden Sängern: Rodrigo – Stefano Frilli (Soprankastrat) Esilena – Anna Maria Cecchi Torri, genannt „La Beccarina“ (Sopran) Giuliano – Francesco Guicciardi (Tenor) Florinda – Aurelia Marcello (Sopran) Evanco – Caterina Azzolina, genannt „La Valentina“ (Sopran) Fernando – Giuseppe Perini (Alt­kastrat)

Laut Mainwaring erhielt Händel als Bezahlung „100 sequins and a service of plate“John Mainwaring: Memoirs of the life of the late George Frederic Handel: to which is added, a catalogue of his works, and observations upon them, London: Printed for R. and J. Dodsley, 1760, S. 50 (100 ZechinenSiehe den Artikel Sequin, in: Encyclopaedia Britannica, Bd. 24, 1911. und ein Service).

Aufführungsgeschichte Aufgrund der lückenhaften Überlieferung der Musik, die jedoch im 20. Jahrhundert nach und nach vervollständigt werden konnte, kam eine erste Neuinszenierung der Oper in moderner Zeit erst im August 1984 während der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik zustande, und zwar mit dem Barockorchester Il complesso barocco unter der Leitung von Alan Curtis.Anthony Hicks: Handel – Rodrigo und Alan Curtis: Rodrigo wiederentdeckt, Booklettexte zur CD-Einspielung: Virgin Classics 7243 5 45897 2 0, London 1999, S. 23 (Hicks) und 24-26 (Curtis).

Libretto Das Libretto beruht auf Francesco Silvanis Il duello d’amore e di vendetta, das zuerst in einer Vertonung von Marc’Antonio Ziani in der Karnevalssaison 1699/1700 in Venedig aufgeführt worden war, mit dem Kastraten Nicolò Grimaldi, genannt Nicolini, der später in London mit Händel zusammenarbeitete.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 97. Silvanis Textbuch zeigt bereits Anzeichen der Opernreform, die unter anderem von seinem Kollegen Apostolo Zeno initiiert wurde, unter anderem durch Übernahme von Prinzipien der antiken Tragödie.Anthony Hicks: Handel – Rodrigo, Booklettext zur CD-Einspielung: Virgin Classics 7243 5 45897 2 0, London 1999, S. 20. Formal gehört dazu auch eine starke Tendenz zu Abgangsarien am Ende der Szenen – in dieser Hinsicht ist Rodrigo sogar moderner als Händels nächste Oper Agrippina.Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel’s operas: a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume ii, Garland, New York 1989, S. xxxvii-xxxviii.

Wer das Textbuch für Händel bearbeitet hat, ist unbekannt, vorgeschlagen wurden Antonio Salvi (nach Reinhard Strohm), oder einer der Kantaten-Dichter, mit denen Händel in Rom zusammenarbeitete (nach Baselt). Zu den Änderungen der Vorlage gehört eine Toskanisierung der Sprache, die bei Silvani viele venezianische Ausdrücke enthielt. Dabei fällt allerdings auf, dass Händels Vertonung im Autograph noch deutlich von der gedruckten Textversion im erhaltenen Libretto von 1707 abweicht, also näher am venezianischen Original ist.Angela Romagnoli: Rodrigo (Vincer se stesso è la maggior vittoria) (HWV 5), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 38.

Bei der Bearbeitung der Vorlage wurde eine Partie (Rodrigos Schwester Climene) gestrichen, trotzdem ist die Zahl der Gesangsnummern bei Händel fast dieselbe wie bei Silvani und Ziani, da die Figur des Giuliano – wahrscheinlich wegen eines besonders guten Sängers (des Tenors Francesco Guicciardi) – stark aufgewertet wurde und vier oder fünf zusätzliche Arien erhielt.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 97-99 (auch Table 1).

Handlung mini|hochkant|Fiktives Bildnis des „Don Rodrigo“ (um 1500) Historischer und literarischer Hintergrund