Franz Wunsch (* 21. März 1922 in Drasenhofen; † 23. Februar 2009 in Wien.Taufbuch Drasenhofen mit Vermerk zum Versterben) war ein österreichischer Aufseher im KZ Auschwitz-Birkenau.
Leben Franz Wunsch trat zum 15. August 1940 der SS bei,Bundesarchiv R 9361-III/503660 die er – nach eigener Aussage – für eine Elitetruppe hielt. Bei Kriegsausbruch ging er an die Front. Nach einem Knieschuss an der Ostfront wurde er der Stabskompanie der SS-Standortverwaltung im KZ Auschwitz zugeteilt. Otto Graf und er wurden als Aufseher und Kommandoführer in der SS-Wachmannschaft des KZ Auschwitz-Birkenau und dort im sogenannten Kommando „Kanada“ im Effektenlager, in der Lederfabrik und im Sonderkommando eingesetzt.Claudia Kuretsidis-Haider: Österreichische Prozesse zu Verbrechen in Konzentrations- und Vernichtungslagern. In: Ludwig Eiber, Robert Sigel (Hrsg.): Dachauer Prozesse. NS-Verbrechen vor amerikanischen Militärgerichten in Dachau 1945–1948. Verfahren, Ergebnisse, Nachwirkungen. (= 7. Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte.) Wallstein, Göttingen 2007, ISBN 978-3-8353-0167-2, S. 237–271. Hier S. 252 (). Zeugen berichteten später, er sei ein „Judenhasser“ gewesen, habe mindestens einmal wöchentlich im Dienst an der Bahnrampe Selektionen vorgenommen und Männer wie Frauen brutal geschlagen.
Wunsch habe sein brutales Verhalten erst geändert, als er sich in die slowakische Jüdin Helena Citrónová verliebt habe. An ihrem ersten Arbeitstag im Effektenlager, dem Kommando „Kanada“ musste sie für eine SS-Geburtstagsfeier singen. Helena und ihre zehn Jahre ältere Schwester Rožinka konnte Wunsch vor der Gaskammer retten und nach den gegebenen Möglichkeiten versorgen, nicht aber Rožinkas zwei Kinder.Corruption: April 1943 to March 1944 mit Transkript: Corruption: Episode 4. (Aussagen von Helena Citrónová; mit Foto.) In: Auschwitz: Inside the Nazi State. The History of Auschwitz. Co-Produktion von Community Television of Southern California (KCET) und BBC, 2005; abgerufen am 4. Februar 2021. Er habe sich dank Helenas Einfluss in verwandelt, so die späteren Zeugenaussagen.Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Europa, Wien 1972, ISBN 3-203-50414-6, S. ?.History. Bände 33–34, Helen Dwight Reid Educational Foundation, HELDREF Publications, 2004, S. 19.
Zum 1. Februar 1944 wurde er zum SS-Unterscharführer befördert. Am 18. Juli 1944 wurde Wunsch von dem SS- und Polizeigericht XV, Zweigstelle Kattowitz, wegen Diebstahls einiger kleiner Gegenstände aus dem Effektenlager im Gesamtwert von 30 Reichsmark zu fünf Wochen strengem Arrest in Einzelhaft verurteilt.Jürgen Illigasch, Karl Stuhlpfarrer: Das Eigene und das Fremde (= Zeitgeschichte, Jg. 26, Heft 1). StudienVerlag, Innsbruck/Wien 1999, ISBN 3-7065-1353-6.Israel Gutman, Michael Berenbaum (Hrsg.): Anatomy of the Auschwitz death camp. In Zusammenarbeit mit dem United States Holocaust Memorial Museum (Washington, D.C.). Indiana University Press, Bloomington/Indianapolis 1998, ISBN 0-253-20884-X, Kapitel The Plunder of Victims and Their Corpses, S. 257 ().
Franz Wunsch, nach dem Krieg als Reisender berufstätig, kam am 25. August 1971 in Wien in Haft. Er wurde im zweiten Wiener Auschwitz-Prozess vom 25. April bis 27. Juni 1972 gemeinsam mit Otto Graf, ebenfalls SS-Wachmann im KZ Auschwitz, nach einer zweimonatigen Verhandlung durch das Geschworenengericht Joachim Perels (Hrsg.): Auschwitz in der deutschen Geschichte (= Schriftenreihe des Fritz Bauer Instituts, Band 25), Offizin, Hannover 2010, ISBN 978-3-930345-72-4. am 27. Juni 1972 wegen Verjährung freigesprochen (Urteil: LG Wien 20 Vr 3805/64). Die Anklage lautete . Diese Mordanklage wurde nach dem zur Tatzeit geltenden § 211 RStGB vorgenommen, jedoch konnte letztlich nur Totschlag nach § 212 RStGB zweifelsfrei nachgewiesen werden, der inzwischen verjährt war.Presse-Echo des Prozesses gegen Otto GRAF und Franz WUNSCH. Die Berichterstattung ausgewählter Zeitungen zum 2. Wiener Auschwitz-Prozess (1972). In: nachkriegsjustiz.at, ohne Datum, abgerufen am 4. Februar 2021. Der Vorwurf des Gewaltverbrechens basierte auf Aussagen, wonach Franz Wunsch am 7. Oktober 1944, als im Sonderkommando ein Aufstand stattgefunden hatte, einen 20-jährigen griechischen Juden, Arbeiter des Aufräumungskommandos, erschossen haben soll.Sabine Loitfellner: Auschwitz-Verfahren in Österreich. Hintergründe und Ursachen eines Scheiterns. in: Thomas Albrich, Winfried R. Garscha, Martin F. Polaschek (Hrsg.): Holocaust und Kriegsverbrechen vor Gericht. Der Fall Österreich. StudienVerlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2006, ISBN 3-7065-4258-7, S. 183–197.
Der am 23. Februar 2009 verstorbene Franz Wunsch ist am Hütteldorfer Friedhof bestattet.
Literatur Allan Hall in Berlin: Auschwitz’s forbidden love: The disturbing real-life story of Jewish death camp inmate who saved her family from the gas chamber by falling in love with SS guard. (englisch; Titel übersetzt: .) In: Daily Mail, 12. August 2015 (Artikel in Mail Online, abgerufen am 3. Februar 2021). Andrea Rudorff (Bearb.), De Gruyter Oldenbourg (Hrsg.): Das KZ Auschwitz 1942–1945 und die Zeit der Todesmärsche 1944/45. (= Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Band 16.) Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2018, ISBN 978-3-11-036503-0, S. 451ff.: DOK. 134. Das SS- und Polizeigericht verurteilt Franz Wunsch am 18. Juli 1944 zu einer Arreststrafe, weil er jüdisches Eigentum aus der Effektenkammer an sich genommen hat. (Vollständig zitiertes Feld-Urteil des SS- und Polizeigerichts XV, Zweigstelle Kattowitz. Mit Anmerkungen; ). Paul Richard Sully: Whispering Birches. Lulu.com (Self-Publishing), 2019, ISBN 978-0-244-77916-0. Fiktionale Romanze unter Verarbeitung der Lebensgeschichten von Franz Wunsch (Kristian Wolff) und Helena Citrónová (Elena Prikaznova) Wojciech Dutka, Czerń i purpura („Schwarz und lila“) fiktive Geschichte nach der Biographie von Franz Wunsch (Franz Weimert) und Helena Citronova (Milena Zinger) Albatros-Verlag 2012, ISBN 978-83-8125-583-7
Filmografie 2020: Liebe war es Nie. Dokumentar- und Kinofilm. Israelisch-österreichische Koproduktion von Nir Sa’ar und Kurt Langbein (Sohn des Widerstandskämpfers und KZ-Häftlings Hermann Langbein). Finanziert von Langbein & Partner Media in Zusammenarbeit mit dem ORF aus Mitteln des Film/Fernseh-Abkommens, fertiggestellt im Februar 2018. Erstaufführung: Docaviv Documentary Film Festival, Dezember 2020: Frank Lowy Award als Bester Israelischer Film.liebewaresnie.at. Website zum Dokumentar- und Kinofilm, ohne Datum. In: Oral History und Politik des Erinnerns. Institut für Konfliktforschung (Hrsg.), ohne Datum, abgerufen am 25. Jänner 2021. Kinopremiere im Rahmen des Jüdischen Filmfestivals Wien 2020 am 10. Oktober 2020 (hebräische Originalfassung mit deutschen Untertiteln). In: Website des Jüdischen Filmfestivals Wien 2020. Österreichische Gesellschaft zur Erhaltung und Förderung der jüdischen Kultur und Tradition (Hrsg.), ohne Datum, abgerufen am 3. Februar 2021Filmrezeption: Ronald Pohl: Neu im Kino: Filmdoku „Liebe war es nie“: Gesang für Nazi-Schergen. Die Jüdin Helena Citron verband in Auschwitz eine Beziehung mit einem SS-Mann: Maya Sarfatys Filmdokumentation lässt Ambivalenzen spüren, bleibt aber im Ungefähren. Rezeption. In: Der Standard, 21. Oktober 2020, abgerufen am 3. Februar 2021. 23.10.2020 | Gunnar Landsgesell: Liebe war es nie. In: KULTUR – Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, 23. Oktober 2020, abgerufen am 3. Februar 2021. Erstausstrahlung im Fernsehen am 24. Jänner in ORF 2 in der Reihe dokFilm. In: tv.ORF.at, Programm ORF 2 am 24. Jänner 2021, abgerufen am 3. Februar 2021.
Weblinks
W. R. Garscha, S. Loitfellner: Die Wiener Auschwitzprozesse des Jahres 1972: Otto GRAF und Franz WUNSCH. In: nachkriegsjustiz.at, März 2005. Presse-Echo des Prozesses gegen Otto GRAF und Franz WUNSCH. Die Berichterstattung ausgewählter Zeitungen zum 2. Wiener Auschwitz-Prozess (1972). In: nachkriegsjustiz.at, ohne Datum. Zitiert aus: Recherche-Bericht von Sabine Loitfellner: Die Rezeption von Geschworenengerichtsprozessen wegen NS-Verbrechen in ausgewählten österreichischen Zeitungen 1956 – 1975. Kapitel 31: Prozess gegen Otto Graf und Franz Wunsch (25.4–27.6.1972), S. 177–179 (PDF).
Einzelnachweise Laura Fones: Auschwitz: Ashes and Gold. In: The Welebaethan: Journal of History. History Students Association (Hrsg.), Abteilung für Geschichte an der California State University, Fullerton (CSUF), Vol. 8 (2008), S. 61–72 (Volltext Online beim Department of History der CSUF; abgerufen am 4. Februar 2021); hier S. 66. Zitat: Claudia Kuretsidis-Haider: Österreichische KZ-Prozesse. Eine Übersicht. In: Justiz und Erinnerung. Verein zur Förderung justizgeschichtlicher Forschungen und Verein zur Erforschung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen und ihrer Aufarbeitung (Hrsg.), Nr. 12/Dezember 2006, S. 14–21. Kapitel 2. Prozesse österreichischer Geschworenengerichte (1955–1975) / 2.1. Landesgericht für Strafsachen Wien, S. 20 (Volltext Online (PDF, 712 kB) auf der Website nachkriegsjustiz.at, abgerufen am 4. Februar 2021). Die Nachkriegsjustiz in Österreich in Bezug auf die Verbrechen in der Schoa. Referat auf dem Symposium 70 Jahre nach dem Ende der Schoa. „Chasara lachajim“ / Zurück zum Leben. Veranstaltet von Misrachi Österreich in Kooperation mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) und dem Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI). Misrachi-Haus in Wien, 10. und 11. Mai 2015. (Volltext des Referats S. 121/122.)
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