Die Vermögensverteilung in Deutschland ist gleichbedeutend mit der Verteilung des Netto-Gesamtvermögens deutscher Staatsbürger aus Geldvermögen, Grund und Boden, Anlagevermögen und Gebrauchsvermögen auf Einzelpersonen, Haushalte oder Gruppen von Personen in Deutschland. Sie ist von der Verteilung der Einkommen zu unterscheiden, dabei ist jedoch der Zusammenhang zu berücksichtigen, dass ein erheblicher Teil des Einkommens selbst aus Vermögensrenditen besteht.
Während die Vermögensverteilung in der Bundesrepublik seit etwa den 1950er Jahren gleicher wurde, ist die Ungleichheit bei den Vermögen im wiedervereinigten Deutschland stark gestiegen und verblieb in den letzten Jahren auf einem hohen Niveau, vor allem aufgrund der Zunahme des Geldvermögens und privater Versicherungen.Joachim R. Frick, Markus M. Grabka: Gestiegene Vermögensungleichheit in Deutschland. (PDF; 276 kB) In: Wochenbericht des DIW Berlin, Nr. 4/2009, S. 54. Auf einer Skala der Gini-Koeffizienten zwischen 0 (absolute Gleichverteilung) und 1 (absolute Ungleichverteilung) variiert der Gini-Koeffizient je nach Autor. Der Global Wealth Report der Credit Suisse gab für 2022 einen Gini-Koeffizienten von 0,772 an, was global im Mittelfeld lag. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2021 gab dagegen einen Gini-Koeffizienten von 0,81 an.Der sechste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. (PDF zum Herunterladen) Bundesministerium für Arbeit und Soziales.
Innerhalb des Euroraums weist Deutschland eine der höchsten Ungleichverteilungen auf.Daten über Reichtum erst nach Zypern-Rettung . Artikel von Stefan Ruhkamp auf faz.net, 11. März 2013. Die auf Sozio-oekonomisches-Panel-Daten basierende Untersuchung der Vermögensverteilung des DIW von 2014 konstatierte unter den Ländern der Eurozone für Deutschland die höchste Ungleichverteilung von Vermögen.Deutschland – ein gespaltenes Land. Markus Sievers, Frankfurter Rundschau, 26. Februar 2014. Auch nach aktuelleren Daten hat Deutschland in der Eurozone einen der höchsten Gini-Koeffizienten. Im internationalen Vergleich hatte Deutschland bis in die 2010er Jahre eine hohe Ungleichheit der Vermögen,Markus M. Grabka, Christian Westermeier: Anhaltend hohe Vermögensungleichheit in Deutschland. (PDF; 631 kB) In: Wochenbericht des DIW Berlin, Nr. 9/2014, S. 164. inzwischen verortete der Global Wealth Report Deutschland 2022 aber im Mittelfeld.
Bei den Erhebungen zu Vermögen in Deutschland bleiben Lücken: Während die Vermögensverhältnisse von Armen aufgrund der Daten staatlicher Sozialleistungen recht belastbar sind, gibt es zu Reichen seit Aussetzung der Vermögenssteuer im Jahr 1997 keine vergleichbar transparenten Daten von Staat oder Wissenschaft.
Entwicklung der Vermögensverteilung seit Ende des 19. Jh. Die Vermögenskonzentration in Deutschland sank bis etwa zur Mitte des 20. Jahrhunderts stark ab. Verfügte 1895 das reichste 1 % der Bevölkerung noch über fast 50 % des Vermögens, so ist diese Quote 2020 auf weniger als 25 % gesunken. Insbesondere in der Zwischenkriegszeit und der Zeit des Wirtschaftswunders verringerte sich die Vermögensspreizung. Mittel- und kurzfristig bestimmt hingegen die Wertentwicklung der Vermögenspreise die Vermögensverteilung. Bedingt durch die starke Steigerung der Aktien- und vor allem Immobilienwerte verdoppelte sich das Vermögen sowohl der 10 % als auch der 50 % der Reichsten inflationsbereinigt ungefähr von 1993 bis 2020, während das geringe Vermögen der unteren Hälfte (ohne Berücksichtigung der Rentenanwartschaften) sich kaum veränderte.
In Preußen wurde 1893 mit dem Ergänzungssteuergesetz erstmals eine moderne Vermögensteuer eingeführt. Danach lag der Vermögensanteil der reichsten 1 % anfangs bei etwa 47 % stieg dann auf etwa 49 % an um ab 1909 auf etwas unter 46 % zu sinken. Der Erste Weltkrieg und die folgende Hyperinflation führte zu einer Verringerung der Vermögensungleichheit. Nach dem Ende der Inflation hatte das reichste 1 % der Bevölkerung noch knapp 42 % des Vermögens. Die Effekte der Inflation waren unspezifisch. Die Sachwerte (die den größten Teil des Vermögens der Wohlhabenden darstellen) waren von der Inflation nicht betroffen, die relativen Gewinne der Sachwerteigentümer wurden aber durch Steuern wie die Hauszinssteuer teilweise abgeschöpft. Die Vermögensverteilung blieb in der Weimarer Republik zunächst einmal stabil. Mit der Weltwirtschaftskrise brachen die Aktienkurse und die Preise des Sachvermögens jedoch ein. Entsprechend brach der Anteil des Vermögens des reichsten 1 % von 1930 bis 1934 auf 35 % ein. Die Vermögensverteilung in der Zeit des Nationalsozialismus wurde durch die Ermordung und Enteignung der Juden geprägt. Eine Vielzahl an Juden war vor der Nazi-Zeit wohlhabend gewesen. Ihre Enteignung reduzierte entsprechend technisch die Vermögenskonzentration. Der Zweite Weltkrieg, der Verlust der Ostgebiete des Deutschen Reiches und das Lastenausgleichsgesetz veränderte die Vermögensverteilung radikal. Im Krieg waren insbesondere die Sachvermögen vernichtet worden, die Vermögen im Osten (und auch in der SBZ) waren verloren worden. Dies traf insbesondere die Vermögenden und dort insbesondere die Immobilienbesitzer. Im Lastenausgleich wurden 50 % der Vermögens umverteilt. 1953 war der Anteil der reichsten 1 % entsprechend auf einen Wert von unter 25 % gesunken. Im Rahmen des Wirtschaftswunders stiegen die Preise der Sachwerte massiv an. Auch die Vermögensverteilung wurde wieder ungleicher und erreichte 1960 mit über 32 % Anteil des obersten 1 % ein lokales Maximum. Die Stagflation führte dann bis Mitte der 1970er zu einem realen Wertverlust der Sachwerte und einer Schwächeperiode an den Börsen und einem Sinken des Anteils des obersten 1 % auf unter 20 %. Bis 1990 stieg der Anteil der reichsten 1 % entsprechend dem realen Anstieg der Vermögenspreise wieder auf fast 25 % an. Die Deutsche Wiedervereinigung führte zwei Wirtschaftsgebiete zusammen, deren Vermögensverteilung extrem unterschiedlich war. Statistisch ergab sich daraus 1993 ein Anteil des reichsten 1 % von unter 20 %. Dieses stieg bis 2020 wieder auf knapp unter 25 %.Moritz Schularick, Charlotte Bartels, Thilo N. H. Albers: The Distribution of Wealth in Germany, 1895–2018, 2020, (englisch).
Entwicklung 1973 bis 1998 (Westdeutschland) + Vermögensverteilung in Deutschland (West) Gruppe Gruppe 1973 1983 1988 1993 1998 Reichstes Fünftel Reichstes Zehntel 78,0 % 70,1 % 48,8 % 45,5 % 40,8 % 41,9 % zweitreichstes Zehntel 21,3 % 21,9 % 20,2 % 21,1 % zweitreichstes Fünftel 3. Zehntel 13,5 %23,5 % 14,5 % 15,1 % 15,1 % 15,2 % 4. Zehntel 9,0 % 9,6 % 11,2 % 10,7 % 3. Fünftel 5. Zehntel 5,7 %5,5 %4,0 % 5,0 % 7,1 % 6,5 % 6. Zehntel 1,5 % 2,4 % 3,3 % 3,0 % 4. Fünftel 7. Zehntel 2,0 %1,1 %0,7 % 1,2 % 1,6 % 1,3 % 8. Zehntel 0,4 % 0,5 % 0,7 % 0,6 % ärmstes Fünftel 9. Zehntel 0,8 %-0,2 %0,1 % 0,1 % 0,3 % 0,1 % ärmstes Zehntel -0,3 % -0,8 % -0,3 % -0,4 % Gini-Index 0,748 0,701 0,668 0,622 0,640
Der Ökonom Richard Hauser stellte 2003 fest, dass die Untersuchung der Vermögensverteilung in Deutschland lange Zeit nur unzureichend erfolgte:Richard Hauser: Informationen zur Raumentwicklung Heft 2/4.2003, S. 111; 119.Ähnlich noch sieben Jahre später Joachim R. Frick, Markus M. Grabka, Richard Hauser: Die Verteilung der Vermögen in Deutschland – Empirische Analysen für Personen und Haushalte, Vorwort Sir Anthony Atkinson (Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung, Band 118). Berlin 2010, S. 13: „Angesichts dieser vielfältigen Bedeutung von Vermögen ist es daher eher überraschend, dass der aktuelle Forschungsstand zur Vermögensverteilungsrechnung für Deutschland gekennzeichnet ist von einer bislang eher eingeschränkten Datengrundlage und einer […] nur geringen Anzahl einschlägiger Analysen, die auf der Basis mikroökonomischer Daten über einen längeren Zeitraum vorliegen“.
Neben der Datengrundlage erschweren auch methodische Unterschiede den Vergleich. Die meisten Studien berücksichtigen Rentenanwartschaften wegen fehlender Daten oder problematischer Vergleichbarkeit nicht im untersuchten Vermögen.So enthalten die amtliche Einkommens- und Verbrauchsstichprobe diese Daten nicht und auch größere wissenschaftliche Erhebungen wie das SOEP erheben diesen Aspekt nicht. Vgl. Joachim R. Frick, Markus M. Grabka: Gestiegene Vermögensungleichheit in Deutschland (PDF; 276 kB). In: Wochenbericht des DIW Berlin, Nr. 4/2009, S. 60, Fußnote 12. Mierheimer/Hoher berücksichtigten für 1973 das Rentenanwartschaftsvermögen für das untersuchte Vermögen mit und kamen in der Folge auf einen Gini-Index von 0,5403; ohne Miteinbeziehen der Rentenanwartschaft, wie in der Tabelle, ergab sich ein Gini-Index von 0,748.Rolf-Jürgen Hober/Horst Mierheim: Die Bedeutung des Versorgungsvermögens für die personelle Vermögensverteilung der privaten Haushalte in der BRD 1973. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Heft 5, 1981 Seite 404.
Innerhalb des Zeitraums 1973 bis 1998 stammten die Zahlen aus leicht unterschiedlichen Untersuchungen. Daher ist keine völlige Vergleichbarkeit zwischen den Zahlen in diesem Zeitraum gegeben.Zahlen (1983): H. Schlomann, Vermögensverteilung und private Altersvorsorge, Frankfurt/M./New York 1992, S. 136–139; 1988–1998. R. Hauser / H. Stein: Die Vermögensverteilung im vereinigten Deutschland. Die personelle Vermögensverteilung. Tübingen, S. 58–59.; Das Nettovermögen der Haushalte ist in den einzelnen Studien, die alle auf den Einkommens- und Verbrauchsstichproben beruhen, nicht völlig gleichartig abgegrenzt, da einzelne Vermögenskategorien unterschiedlich erfasst wurden (Hauser, S. 120). Die scheinbare Abnahme der Ungleichheit zwischen 1973 und 1998 ist nach Hausers Ansicht fraglich. Denn in den Jahren 1988, 1993 und 1998 ist das Unternehmensvermögen nicht enthalten, das nicht in Form von börsenmäßig gehandelten Aktien repräsentiert ist. In der Folge werde die tatsächliche Ungleichheit vermutlich unterschätzt.Richard Hauser: Informationen zur Raumentwicklung Heft 2/4.2003, S. 120. Das entsprechende nicht in Aktienform vorliegende Unternehmensvermögen in privaten Händen betrug 1995 etwa 1.500 Mrd. DM.Richard Hauser: Informationen zur Raumentwicklung Heft 2/4.2003, S. 123, Anmerkung 35; Vgl. Stefan Bach / Bernd Bartholmai: Verteilung des Produktivvermögens auf private Haushalte und Personen. Forschungsbericht, hrsg. vom Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, Bonn 2002, S. 18–20.
Die Vermögensverteilung 2002 bis 2007 SOEP als Datengrundlage Genauere Untersuchungen zu der Vermögensverteilung liegen auf Basis des am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) beheimateten Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) vor, einer repräsentativen und als exzellent eingestuften Längsschnittstudie. Verschiedene Probleme erschweren es, die Vermögensverteilung zu untersuchen – etwa das statistische Problem vermögensstarke Personen in einer Erhebung zu erfassen. Seit 2002 gibt es im SOEP eine zusätzliche Teilstichprobe „Einkommensstarke Haushalte“. In der Folge ist die Qualität der Analysen zur Vermögensverteilung (und Einkommensverteilung) in Deutschland seit dem Erhebungsjahr 2002 gegenüber früheren Datensätzen stark gestiegen. Ein weiterer Vorteil der Längsschnitterhebung SOEP ist die Möglichkeit Daten abzugleichen.Joachim R. Frick, Markus M. Grabka: Gestiegene Vermögensungleichheit in Deutschland. (PDF; 276 kB). In: Wochenbericht des DIW Berlin, Nr. 4/2009, S. 58 f. Im SOEP wurden die Jahre 2002 und 2007 im Blick auf die Vermögensverteilung intensiv untersucht.Joachim R. Frick, Markus M. Grabka: Gestiegene Vermögensungleichheit in Deutschland. (PDF; 276 kB). In: Wochenbericht des DIW Berlin, Nr. 4/2009.
Zusammensetzung des Nettovermögens Das SOEP des DIW unterscheidet folgende Vermögensbestandteile: Immobilienbesitz einschließlich von Grundeigentum, Geldvermögen, darunter auch Wertpapiere, Vermögen aus privaten Versicherungen einschließlich Bausparverträgen, Betriebsvermögen, darunter auch Forstbesitz, Sachvermögen sowie Schulden.