Landschaft aus Menschen und Tagen ist ein Gedichtband des italienischen Dichters Gino Chiellino. Die Gedichte sind in deutscher Sprache geschrieben.
Inhalt Der Gedichtband besteht aus zwei Teilen, die mit "Canti per M / Lieder für einen Buchstaben 1992–1998" und "VitaNova" (zusammen und mit einem Binnenmajuskel geschrieben) betitelt sind. Einige der Gedichte wurden bereits in Anthologien abgedruckt. So z. B. das Gedicht „Der Kuß“ (S. 23) und das dreiteilige Gedicht „An die Geliebte“ (S. 18–20), die in der Zeitschrift Akzente (herausgegeben von Michael Krüger, Heft 5, Oktober 2005) unter dem Titel „Lieder für einen Buchstaben“ bzw. in der Anthologie Trialog (Kraków: Villa Decius 1997) unter dem Titel „Canti per M 1–10“ erschienen sind. Die Gedichte sind für den vorliegenden Band orthografisch geringfügig geändert worden. Auch der Aufsatz bzw. die Selbstbetrachtung „Ein Werdegang durch drei Sprachen“ (S. 69f), der den Gedichtband abschließt, erschien in der o. g. Zeitschrift bereits 2005.
Der Dichter verwendet trotz der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 die alte Rechtschreibung. Ein weiterer Aspekt ist die häufig vorkommende Ortsangabe "am Ionischen Ufer", den man in den Gedichten „Bei den Honiglilien“ (S. 25), „Cinia im heutigen Calabria II.“ (S. 28) und "Mitte des Lebens" (S. 54) findet.
Diese geografische Angabe ist interessant, weil der Dichter dadurch betont, dass er sich an diese Region orientiert. Die Stadt Carlopoli, in der Chiellino 1946 geboren wurde, kann als geographische Mitte zwischen dem Tyrrhenischen und dem Ionischen Meer bezeichnet werden. D. h., dass Chiellinos Hinwendung zum Letzteren in seinen Gedichten eine bewusste Entscheidung ist und dass er das Meer als intertextuellen Verweis seiner Texte verwendet. Das Ionische Meer und seine Inseln sind Schauplatz großer Teile von Homers Odyssee. Die Insel Ithaka, die Heimat des Königs Odysseus, befindet sich in der Inselgruppe Ionische Inseln. Die westlichen Küsten des Ionischen Meeres sind die süditalienische Regionen Apulien, Basilikata und Kalabrien sowie die Ostküste Siziliens. Die Abenteuer des Königs Odysseus werden in der europäischen Literaturtradition zum Synonym für lange Irrfahrten verwendet (vgl. hierzu auch Theodor W. Adornos Odysseus-Interpretation nach dem der König von Ithaka der erste moderne Mensch der Literaturgeschichte ist, da er sich seinem Schicksal nicht ergibt).
Die Gedichte des Bandes Landschaft aus Menschen und Tagen kann als Spiegelbilder zur Erzählsituation des Odysseus-Epos gedeutet werden. Im Mittelteil des Epos erzählt König Odysseus seinem Gastgeber dem Phaiakenkönigs Alkinoos seine Geschichte. Diese ist ein "Netz" aus Menschen bzw. Weggefährten, die er auf der Reise verloren hatte und aus Wesen, mit denen er kämpfte. Chiellinos Revision seines künstlerischen Schaffens kann auch als ein derartiges Innehalten betrachtet werden. Der Dichter zieht Bilanz und obwohl es klar ist, dass die Reise noch lange nicht zu Ende ist, werden viele „Projekte“ bzw. Episoden des Lebens als abgeschlossen dargestellt. Für eine vergleichende Interpretation könnte ebenfalls die teilweise widersprüchliche Odysseus-Rezeption durch die Jahrhunderte herangezogen werden. U. a. Dante Alighieris Sicht des Helden Odysseus in der Divina Commedia. Nach Dante befindet sich Odysseus im achten Kreis der Hölle und muss als „arger Ratgeber“ für seine List mit dem Trojanischen Pferd büßen. Dantes Odysseus ermuntert seine Gefährten dazu, sich „der Erforschung nicht [zu] verschließen“ und „nach Tugend und nach Wissen [zu] streben“, anstatt zu einer monokulturellen Lebensweise zurückzukehren. Das Leben kann somit als eine besondere, nie endende Entwicklung verstanden werden, deren Ziel keineswegs die Sesshaftigkeit ist.
Ein weiteres, wiederkehrendes Bild, das als Chiffre des Dichters gedeutet werden kann, ist das Bild der „weißen Hunde“. So z. B. in den Gedichten „Ein Fünfjähriger wartet auf den Sommer (Foto, 1951)“ (S. 43) und „Der Turm im Traum“ (S. 48). Die weiße Farbe wird bei verschiedenen Tierarten unterschiedlich bewertet. Genetisch gesehen sind weiße Hunde eine Seltenheit und bei Züchtern nicht beliebt, da die helle Fellfarbe durch eine Genmutation und durch den Mangel an Melanin verursacht wird. Melaninmangel in der Iris kann zu Sehbehinderung führen, aber auch Schwerhörigkeit bzw. Taubheit und Störungen des Nervensystems verursachen. Im Zusammenhang der Gedichte erscheinen die weißen Hunde – die Straßenköter – als Symbol für die Einsamkeit, die als Preis für eine bestimmte Art von Freiheit gezahlt werden muss.
In zahlreichen Gedichten wird die Landschaft durch Tiere, Pflanzen und Farben repräsentiert. Dennoch sind eine „Verortung“ der Gedichte und eine Gegenüberstellung zweier kultureller Einheiten fast unmöglich. Siehe z. B. folgendes Gedicht:
Flußlandschaft
Die Erle am Fluß in der Sonne und schattig entzweit die Seele.
Im Sand die Viper von der Sonne versteinert zu Angst in meinem Herzen.
Gerade über den Ginsterbusch lauert der Falke. (Landschaft aus Menschen und Tagen, S. 14)
Falke, Erle und Ginsterbusch sind sowohl in Mitteleuropa als auch in Süditalien heimisch. Abgesehen von der Viper, die in Deutschland nicht heimisch ist, können also die Metaphern geographisch nicht zugeordnet werden. Überdies ist ihre Wirkung auf das lyrische Ich ähnlich: Verunsicherung, Angst und das Gefühl überwacht zu werden, dominieren das Bild und deuten eine Unruhe des Ichs an, die nicht auf kulturelle Eigenarten reduziert werden kann.
Im Gedicht „Birken und Palmen“ (S. 24) werden die Pflanzen vordergründig als Gegensätze aufgebaut. Die Birke scheint für Deutschland zu stehen, während die Palme nur in mediterranen Regionen wächst. Die Region der Birken bietet dem lyrischen Ich „Nichts“ bzw. nur „Regen“, während in der Landschaft der Palmen der Horizont unendlich ist. Aber im dritten Teil des Gedichtes wird deutlich, dass es dem lyrischen Ich nur durch den Schutz beider Pflanzen möglich ist, in sich den Wunsch nach einem „Du“ als Gesprächspartner aufkommen zu lassen. Die Farben, die einander gegenübergestellt werden, sind Gelb und Blau (siehe weiter unten).
Gedichte Der erste Teil des Gedichtbandes enthält 23 Gedichte, die größtenteils in freien Versen verfasst sind. Das erste Gedicht dieses Teils „Landschaft und Gedächtnis“ (S. 7) und das titelgebende Gedicht „Landschaft aus Menschen und Tagen“ (S. 41), das sich im zweiten Teil befindet, stehen parallel zueinander. Ersteres betont, dass die (deutsche) Landschaft als Erinnerungsstütze keine Verwendung findet. Sie erscheint neutral, weil sie kein Gedächtnis besitzt, das sich auf das erzählende Ich beziehen würde. Die Zukunft bzw. die Selbstbestätigung kann das Ich lediglich aus der Liebe zu einem Geliebten ziehen. Allerdings wird hier noch von keinem direkten Gesprächspartner bzw. von einem „Du“ gesprochen, sondern die Geliebte wird lediglich in der dritten Person erwähnt.
Aber bereits das zweite Gedicht verdeutlicht, dass die persönlichen Kontakte zu Menschen und die verlebten Tage als Ersatz für die Erinnerungslosigkeit der Natur und der Landschaft dienen können. Sie funktioniert wie ein Netz, das das lyrische Ich mit Vergangenheit versorgt und ihm in Ermangelung eines Gedächtnisses als Stütze dient. Das Ich kann sich mithilfe dieses Netzes zu beiden „Landschaften“ – sowohl der in Deutschland als auch in Italien – seines Lebens zugehörig fühlen. Die ersten Zeilen des Gedichtes machen deutlich, dass das Fremdheitsgefühl sich verflüchtigt – „Im Jahr 60 meines Lebens / verliert sich meine Fremde […]“ – und dass das Ich sich als „Gartentor“ versteht. Es wendet sich mal Deutschland, mal Italien zu und gehört zu beiden.
Die darauf folgenden Gedichte des ersten Teiles behandeln demnach die Erinnerungen, die sich an Kalabrien und an der italienischen Sprache orientieren. „Abschied von Calabria“ (S. 8) tauscht etwas Handfestes, d. h. die Landschaft des Silagebirges für etwas „luftiges“, d. h. die deutsche Sprache ein. Hier findet das Leben satt: „an schlafenden Hügeln vorbei / falle ich ins Leben zurück“, versichert der Dichter.
Im Gedicht „Beim Aufwachen“ (S. 10) fungiert die Geliebte als rettende Kraft. Obwohl oft von einer „sie“ gesprochen wird, scheint dieses Pronomen vieldeutig zu sein. Es kann sowohl eine Frau, als auch die Liebe an sich oder aber die Sprache als kreatives Mittel bezeichnen. Auch im Gedicht „Orpheus und Eurydike“ (S. 11) ist die personifizierte Liebe als eine „kleine Wärme im Rücken“ charakterisiert, die dem „Suchenden“ Sicherheit und Schutz bietet. In den Gedichten „Wir“ (S. 12) und „Bei der Waschstelle“ (S. 13) stehen sich Deutschland und Italien wiederum einander gegenüber. Der Fluss „Singold“ fließt durch die Stadt Augsburg, den Wohnort des Dichters, während der Wind „Tramontana“ die Südküste Kalabriens repräsentiert.
Das Gedicht „Ischtar“ besteht aus zwei Teilen und beschreibt eine Reise nach Norden (siehe die Zeile „Schatten zur linken Seite“). Der Name verwundert, da er mesopotamischer Ursprung ist. Ištar wurde im babylonischen Reich als Göttin der Liebe, des Krieges und der Prostitution verehrt. Die Ausbeutung, die sie erleidet und ihr Unbehaustsein könnten als Metapher für die Situation der Gastarbeiter in den 1960er Jahren gedeutet werden. Das lyrische Ich trägt Ischtars Namen wie eine Trophäe vor sich hin. Dieser scheint ihm Macht und Stärke zu verleihen, da die Mythologie besagt, dass beim Nennen ihres Namens Himmel und Erde erschüttern.
Das dreiteilige Gedicht „An die Geliebte“ (S. 18–20) verdeutlicht, dass die Erforschung der Fremde mit Gefahren verbunden ist. Sie ist wie ein tobendes Meer, dass den Suchenden „abtreibt“ – oder ähnlich wie es Odysseus passiert ist, auf Irrwege führt. Deshalb sucht das lyrische Ich festen Halt bei der Geliebten, die hier das erste Mal als etwas „Handfestes“ – „die stille Wärme deiner Haut“ – angesprochen wird und nicht symbolisch für die Sprache gehalten werden kann. Im Gedicht „Versuchung“ (S. 22) wiederum erscheint die Geliebte als vereinnahmend. Das lyrische Ich wacht mit einem Traum über seine Kindheit auf. Der Traum war schlecht, da er seine Stimme „zerstört“ hat und er nun nicht sprechen kann – das Lied, d. h. die Sprache nennt das Ich in diesem Zusammenhang „fehlerhaft“. Das Adjektiv begleitet aber auch den Kuss, den das Ich der Geliebten gibt und impliziert somit, dass es in Gedanken noch anderswo ist und nicht bei ihr. Ihr Angebot wiederum ist „verführerisch“: der Suchende soll sich auf sie konzentrieren bzw. nicht mehr weiter suchen. Das würde für das Ich aber eine Selbstaufgabe bedeuten. Das negative Bild dieser Geliebte in Chiellinos Gedicht steht parallel zu Odysseus‘ Kirke und/oder Kalypso. Das darauf folgende Gedicht „Der Kuß“ aber korrigiert das wenig schmeichelhafte Bild und beschreibt die Geliebte als eine beständige, zuverlässige und reife Frau. Der Abschiedskuss mit den sich das Ich und sie „vergiften“ erscheint als spielerische Versicherung dessen, dass es auch im Wirrwarr des Tages an sie denken wird.
Eine weitere Göttin auf die Chiellino Bezug nimmt ist die großgriechische Göttin Hera Lacinia. Der Gedichttitel „Cinia im heutigen Calabria“ (S. 27) enthält eine Fußnote, um den Leser bei der Entschlüsselung des Namens „Cinia“ zu helfen. Mit melancholischer Stimme stellt das Gedicht fest, dass die Göttin die Küstenstadt verlassen hat. Gegen Ende des zweiten Teils des Gedichtes kehrt sie zwar zurück, aber ihr Traum ist „betrogen“.