Die Flucht des Monsieur Monde (französisch: La fuite de Monsieur Monde) ist ein Roman des belgischen Schriftstellers Georges Simenon. Er wurde am 1. April 1944 in Saint-Mesmin-le-Vieux fertiggestellt und erschien im April des Folgejahres beim Pariser Verlag La jeune Parque.La fuite de M. Monde in der Bibliografie von Michel Martina. Die erste deutsche Übersetzung von Hansjürgen Wille und Barbara Klau erschien 1970 bei Kiepenheuer & Witsch unter dem Titel Die Flucht des Herrn Monde. 1991 veröffentlichte der Diogenes Verlag eine Neuübersetzung von Barbara Heller unter dem Titel Die Flucht des Monsieur Monde.Oliver Hahn: Bibliografie deutschsprachiger Ausgaben. Georges-Simenon-Gesellschaft (Hrsg.): Simenon-Jahrbuch 2003. Wehrhahn, Laatzen 2004, ISBN 3-86525-101-3, S. 96.
Monsieur Monde, die Titelfigur des Romans, verlässt an seinem Geburtstag seine Firma, Familie und sein ganzes bisheriges Leben in Paris. Seine Flucht führt ihn gen Süden bis an die Côte d’Azur. Dort lebt er unter einem fremden Namen ein einfaches, zielloses Leben an der Seite eines jungen Animiermädchens, bis er einer Frau aus seiner Vergangenheit wiederbegegnet. Der Roman gilt als einer der bekanntesten Non-Maigret-Romane Simenons.Stanley G. Eskin: Simenon. Eine Biographie. Diogenes, Zürich 1989, ISBN 3-257-01830-4, S. 266.
Inhalt
Norbert Monde ist Geschäftsmann und Eigentümer einer Pariser Firma für Kommissionsgeschäfte und Export, die er mit Fleiß und Gewissenhaftigkeit aus dem Ruin geführt hat, in die sie sein leichtlebiger Vater mitsamt seinen Mätressen beinahe gestürzt hätte. Doch Monde ist nicht glücklich. Seine erste Frau hat ihn eines Tages spurlos verlassen, die zweite Frau ist kalt und gefühllos, zu seinen Kindern hat er keinen engeren Kontakt. Monde leidet unter der Last seiner Arbeit, ihn bedrückt eine unbestimmte Scham und er sehnt sich nach jenem Schritt, den er einst mit 18 Jahren nicht gewagt hat: einfach davonzugehen und sein Leben hinter sich zu lassen.
An seinem 48. Geburtstag geht Monde aus dem Haus wie üblich. Doch als weder seine Familie noch seine Angestellten seines Ehrentages gedenken, setzt er die ersehnte Flucht in die Tat um. Er hebt 300.000 Francs von seinem Konto ab und reist per Zug nach Marseille. Seine alte Identität streift er ab: Er lässt sich seinen Schnurrbart abrasieren, kleidet sich schäbig und nennt sich nach dem zufälligen Namen auf einer Reklametafel fortan Désiré Clouet. Monde sucht jene Durchschnittlichkeit und Langeweile, die es ihm ermöglicht, ganz in der Gegenwart zu leben. Am Meer angelangt, weint er erschöpft und spürt zum ersten Mal, wie er alle Last und Pflicht hinter sich lässt. Selbst als sein Geld gestohlen wird, fühlt er sich geradezu befreit, da erst nun die Bande zu seinem früheren Leben gekappt sind.
In dem drittklassigen Hotel, in dem er abgestiegen ist, bekommt Monde eines Abends einen Beziehungsstreit im Nachbarzimmer mit. Als er sich einmischt, kann er den Suizidversuch einer jungen Frau mit Namen Julie vereiteln, die von ihrem Liebhaber verlassen eine Überdosis Schlaftabletten eingenommen hat. Von nun an bleibt er als Beschützer an ihrer Seite, und sie reisen weiter nach Nizza. Im Lokal „Monico“, in dem sie sich als Animierdame verdingt, erhält er eine Anstellung als Verwalter, wobei seine Tätigkeit vor allem darin besteht, durch ein Guckloch Gäste und Personal zu überwachen.
In diesem Lokal sieht er eines Tages seine erste Frau Thérèse wieder. Sie ist Gesellschafterin einer reichen Amerikanerin geworden, die seit ihrer Ehe mit einem russischen Fürstin nur noch als „Kaiserin“ bekannt ist. Als die Kaiserin nach einem Besuch im „Monico“ an einer Überdosis Morphium stirbt, steht Thérèse von einem Tag auf den anderen mittellos auf der Straße. Monde spürt sie auf, und obwohl sich die frühere Vertrautheit der Ehepartner nicht wieder einstellen will, hilft er der ebenfalls Morphiumsüchtigen und beschafft ihr Drogen. Schließlich zwingt ihn seine Verantwortung gegenüber Thérèse, Julie zu verlassen und mit seiner ersten Frau nach Paris zurückzukehren, um ihr dort die medizinische Versorgung eines befreundeten Arztes zu ermöglichen.
So unvermittelt, wie er von drei Monaten sein Pariser Leben verlassen hat, kehrt er nun wieder zurück. Er gibt keine Erklärungen ab, und auf den ersten Blick scheint sich nichts verändert zu haben. Doch was sich verändert hat, ist Monsieur Monde, dessen Leben nun durch keine Schatten mehr verdüstert ist. Er begegnet dem Blick aller Menschen ohne jede Verlegenheit oder Scheu mit tiefer Ruhe und kühler Gelassenheit.
Hintergrund
Simenons Biograf Fenton Bresler führte die Gelassenheit und das Gefühl von Befreiung, das Monsieur Monde am Ende des Romans empfindet, auf Simenons eigene Situation zurück: Der Schriftsteller, der die Jahre des Zweiten Weltkriegs abgeschieden im französischen Westen verbrachte, hatte im Herbst 1940 von einem Arzt in Fontenay-le-Comte eine Fehldiagnose gestellt bekommen, nach der er an Angina Pectoris litte und nur dann noch ein bis zwei Jahre zu leben hätte, wenn er sich übermäßigem Essen, Alkohol und Sex enthielte. Bestürzt richtete Simenon in den folgenden Monaten seine ganze Aufmerksamkeit auf die Niederschrift seiner Memoiren, die später überarbeitet als Roman Pedigree erschienen. Erst vier Jahre später erhielt er von Pariser Spezialisten die Entwarnung, dass er nicht weiter in Angst vor einem frühen Tod leben musste. Die Erstausgabe von La fuite de Monsieur Monde wurde mit einer Widmung an die Pariser Ärzte eingeleitet: „Für Professor Lian und Professor Griore sowie Dr. Eriau in Erinnerung an den Februar 1944!“Fenton Bresler: Georges Simenon. Auf der Suche nach dem „nackten“ Menschen. Ernst Kabel, Hamburg 1985, ISBN 3-921909-93-7, S. 206, 228.
Auch für Patrick Marnham offenbarte der Roman Simenons „innere Verfassung nach vier Jahren deutscher Besatzung und eines unzulänglichen Gefühlslebens“. Hinter der Flucht Monsieur Mondes ans Mittelmeer stecke Simenons Sehnsucht nach der Insel Porquerolles, die im geteilten Frankreich des Vichy-Regimes für ihn unerreichbar blieb. Auch dass Monsieur Monde „bereits den abschüssigen Hang des Lebens erreicht hat“, spiegele die Verfassung des zum Zeitpunkt der Niederschrift 41-jährigen Autors wider. In einem Brief an André Gide beschrieb Simenon: „Nachdem ich gegen Ende März dieses Jahres den Roman La fuite de M. Monde beendet hatte, der in drei Wochen erscheinen wird, hatte ich den Eindruck, und ich habe ihn noch, daß ein Abschnitt meines Lebens beendet war und ein neuer begann.“ Tatsächlich verfasste der Vielschreiber Simenon nach Fertigstellung des Romans ein ganzes Jahr lang kein neues Buch, wozu auch die äußeren Umstände des Kriegsendes beitrugen.Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. Das Leben des Georges Simenon. Knaus, Berlin 1995, ISBN 3-8135-2208-3, S. 283–284, Brief S. 291.
Stil
Stanley G. Eskin wertete, dass die Sprache in Die Flucht des Monsieur Monde „um einiges kunstvoller und runder ist als der ‚karge‘ Stil, den Simenon sonst bevorzugt.“ So finden sich im Roman ungewöhnlich bildreiche Sätze und ausführliche Seeszenen, die – ähnlich wie in Die Ferien des Monsieur Mahé – mit einem Ausbruch aus der Enge des Alltags korrespondieren. Bereits ganz zu Beginn wird Madame Monde durch eine Reihung von Metaphern eingeführt, in der etwa ihre Finger mit Ebenholz oder dem Schnabel eines Raubvogels verglichen werden. Franz Schuh betonte allerdings die Schwächen der „realistischen Schreibweise, die, um den Eindruck von Wirklichkeit hervorzurufen, Sätze wie den benützt: ‚Herr Ober…! Bringen Sie mir doch bitte ein neues Glas, mir ist ein Stück Languste in den Wein gefallen…‘“Franz Schuh: Maigrets Weltmeister. In Die Zeit vom 18. August 2006.
Interpretation
Monsieur Monde, dessen Name übersetzt „Herr Welt“ lautet, wurde von vielen Kritikern als französischer Jedermann oder Durchschnittsmensch interpretiert.Fenton Bresler: Georges Simenon. Auf der Suche nach dem „nackten“ Menschen, S. 227. Für Charles Taylor schwingen im Namen gleichermaßen Anklänge an plumpe Provinzialität und fade Weltoffenheit mit, die Simeons Antihelden perfekt umrissen.„The novel’s antihero is Norbert Monde, and that name, with its clashing echoes of podgy provincialism and bland cosmopolitanism, sums him up perfectly.“ In: Charles Taylor: . In: Salon.com vom 20. August 2004. Laut Franz Schuh will Monsieur Monde nicht „Herr der Welt“ sein, sondern sehnt sich nach Gewöhnlichkeit und einem Durchschnittsnamen. Jacques Dubois sah Monde in einer ganzen Reihe von Helden mittleren Alters in Simenons Werk, die aus einer täglichen Routine ausbrechen. Er verwies dabei etwa auf Romane wie Der Mörder, Der Mann, der den Zügen nachsah, Der Bürgermeister von Furnes oder Malétras zieht Bilanz.Michel Lemoine: La fuit de Monsieur Monde. In: Robert Frickx, Raymond Trousson (Hrsg.): Lettres françaises de Belgique. Dictionnaire des Œuvres. I. Le roman. Duclout Paris 1988, ISBN 2-8011-0755-7, S. 209. Auch Anne Richter sah den Roman mit seinen Themen der Flucht in eine bessere Zukunft und der Reise zu sich selbst als Symbol des gesamten Œuvres Simenons.Anne Richter: Georges Simenon et l’homme désintégré. La Renaissance du Livre, Brüssel 1964, S. 35.
Für Lucille F. Becker entsteht Mondes Gelassenheit am Ende aus der Akzeptanz seines Menschseins. Das Mitgefühl mit seiner ersten Ehefrau führe ihm vor Augen, dass man seine Vergangenheit nicht ablegen könne. Zwar lebe er für eine Weile so ungebunden und sorglos wie jene Menschen, die er sein Leben lang beneidet habe, doch am Ende begreife er, dass er sein Leben fortsetzen müsse. Erst nachdem er sich selbst direkt in die Augen geblickt habe, könne er seine Begrenzungen und Unzulänglichkeiten akzeptieren und in Zukunft mit Abgeklärtheit ertragen. Allerdings lasse sich die Veränderung, die in ihm stattgefunden hat, niemandem mitteilen, denn sie beruhe auf einer Erfahrung, die jeder Mensch selbst machen müsse.Lucille F. Becker: Georges Simenon. Twayne, Boston 1977, ISBN 0-8057-6293-0, S. 99–100. Für Franz Schuh erfährt Monde einen Moment der Erleuchtung, in dem er „seine Art, ein Mensch zu sein, seine Anstrengungen und Erschlaffungen, die Mühen und Aufregungen durchschaut und ihnen gegenüber frei wird.“
Ganz anders als die meisten Interpreten, die am Ende des Romans einen gereiften und befreiten Monde sehen – so auch der Diogenes Verlag in der Ankündigung als „heiter-versöhnlicher Roman über einen Neuanfang in der Mitte des Lebens“ auf der Webseite des Diogenes Verlags. –, findet Monde für Stanley G. Eskin auf seiner Flucht zwar seine wahre Identität, doch er verliere sie mit seiner Rückkehr gleich wieder. In Mondes Blick liegt für ihn am Ende tiefe Resignation, wobei Eskin auf eine Angewohnheit Simenons verweist, in den Augen seiner äußerlich heiteren Freunde nach Anzeichen einer unausgesprochenen Verzweiflung zu suchen, nach einem ebensolchen Blick wie jenem des Monsieur Monde.Stanley G. Eskin: Simenon. Eine Biographie, S. 266–267.
Rezeption
Laut Fenton Bresler ist Die Flucht des Monsieur Monde eines der erfolgreichsten und gleichzeitig eines der am meisten charakteristischen Werke Simenons. Für John Banville war das Motiv, aus den Verstrickungen des Lebens in die Anonymität zu entfliehen ein obsessiv wiederkehrendes Thema in Simenons Werk, das nirgends so sauber und überzeugend bearbeitet worden sei wie in Die Flucht des Monsieur Monde.„The urge to flee life’s embroilments and disappear into anonymity […] is an obsessively recurring theme in Simenon’s work. Nowhere is it worked out more neatly or more persuasively than in Monsieur Monde Vanishes.“ In: John Banville: The Escape Artist: John Banville on Georges Simenon. In: LA Weekly vom 28. Mai 2008.