Hans Andreas Guttner (* 6. Mai 1945 in St. Christophen, Niederösterreich; † 14. April 2025 in München) war ein deutsch-österreichischer Filmemacher, Regisseur, Autor und Produzent. Er war einer der ersten, der lange Dokumentarfilme fürs Kino drehte und dafür eine spezielle narrative Form entwickelte.

mini|Anlässlich der Nominierung als beste Kinodoku für die Romy am 7. April 2019: Special Screening im Filmcasino mit Katharina Lorenz, Gunther Baumann und Hans Andreas Guttner

Leben Guttner schloss sein Studium der Rechtswissenschaften und Psychologie in Wien mit der Promotion ab und studierte zudem Kommunikations- und Theaterwissenschaften in München, arbeitete als Schaubudengehilfe auf Schweizer Jahrmärkten, als Kellner in der Londoner Fleet Street, als Hilfsmatrose auf dem norwegischen Tanker Gunnar Knudsen, als Steward auf dem griechischen Luxusdampfer Arcadia und als Smoking-Kellner am Wörthersee. 1976 gründete er die Sisyphos Film (München) und 2014 die Guttner Film (Wien). Nach einer Reihe von Kurzfilmen, die als Vorfilme (u. a. Labyrinth zu French Connection) in den Kinos liefen, hatte er seinen ersten großen Erfolg mit Alamanya Alamanya – Germania Germania bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen 1979. Der Film thematisierte als einer der ersten die Arbeitsmigration und war der Anfang zu der Pentalogie Europa – Ein transnationaler Traum (1979–1996). Sie umfasst ferner die langen Kinodokumentarfilme Familie Villano kehrt nicht zurück (1981), Im Niemandsland (1983), Dein Land ist mein Land (1989) und Kreuz und quer (1996). Inzwischen gelten Alamanya Alamanya – Germania Germania und Familie Villano kehrt nicht zurück als Klassiker des deutschen Dokumentarfilms. Zu Guttners weiteren Arbeiten gehört Die türkische Trilogie: Der Basar von Urfa (2006), Der Schneiderjunge (2008) und Glückliche Reise (2009), des Weiteren Filme wie Die Megaklinik – Alltag im Klinikum Nürnberg (2004), Sean Scully: Art Comes from Need (2010) und zuletzt Die Österreich-Trilogie: Bei Tag und bei Nacht (2016), Die Burg (2019) und Tiergarten (2024).

Guttner initiierte zu Beginn der 1980er Jahre das Internationale Dokumentarfilmfestival München, war im Vorstand der Verleihgenossenschaft der Filmemacher und ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (ag dok) und der Interessengemeinschaft Österreichischer Dokumentarfilm (dok.at).

Seine Tochter Camilla Guttner ist Filmregisseurin (Blauhimmel, Die Akademie), seine Nichte Angela Lehner ist Schriftstellerin (Vater unser, 2001). Hans A. Guttner lebte in München und Wien. Am 14. April 2025 verstarb er in München unerwartet bei einer Routinebehandlung im Krankenhaus.

Werk Alamanya Alamanya – Germania Germania (Teil 1 von Europa – Ein transnationaler Traum)

Der Film war bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen 1979 der einzige bundesdeutsche Preisträger.

Entstanden aus den Recherchen zu einem (nicht verwirklichten) Spielfilm über Jugendliche im Münchener Westend, handelt der Film von der ersten Generation der damals noch „Gastarbeiter“ genannten Arbeitsmigranten. Er wurde, als er in Oberhausen uraufgeführt wurde, unter all den stereotypen Realitätsabbildungen als Provokation empfunden. Der Film polarisierte: auf der einen Seite große Zustimmung, auf der anderen große Ablehnung. Mit Alamanya Alamanya – Germania Germania betrat der deutsche Dokumentarfilm Neuland: in inhaltlicher Hinsicht, da das Thema der Arbeitsmigration bis dahin weder im Kino noch im Fernsehen der Bundesrepublik eine Rolle gespielt hatte, und in formaler Hinsicht, weil die Stilisierung, die der Film in Wort und Bild vornahm, eine bewusste Abkehr von den dokumentarischen Gewohnheiten der Zeit war. Die formale Strenge, mit der er sich den vorherrschenden Klischees des Dokumentarischen verweigerte, wurde als undokumentarisch missverstanden. Dass auch ein Dokumentarfilm sich die Mittel, mit der er Wirklichkeit darstellt, reflektiert und diese nicht willkürlich, sondern sinntragend einsetzt, galt vielen damals als formalistische Abweichung. Alamanya Alamanya – Germania Germania setzt gegen den Abbildrealismus filmsprachliche Mittel – horizontale Fahrbewegungen einerseits der Personen (mit dem Zug), andererseits der Kamera; lange Einstellungen; literarische Texte, die kontrapunktisch zum Bild eingesetzt sind und sich ihm gegenüber behaupten; musikalische Kontraste (südländische Populärmusik vs. Wagner). Durch diese Gestaltung vermied der Film jene Objektifizierung seiner Personen, die in Filmen über Minderheiten, Ausländer und Angehörige fremder Kulturen gang und gäbe ist und von diesen zu Recht als paternalistisch oder kolonialistisch empfunden wird.

Die Basler Zeitung: Die Bilder und die von einem türkischen Arbeitsemigranten in der BRD gesprochene Klage über den Verlust der Heimat und Anklage (des feindlichen Gast-Landes) formulieren unmittelbare Gefühle – mit einer Stärke, die einen vor Empörung fast aufspringen macht und gleichzeitig fasziniert: mit ihren langen Einstellungen, der Eisenbahnfahrt etwa durch den Tunnel in Realzeit, währenddessen die Leinwand schwarz bleibt, mit dem stimmigen Schnitt; mit der Vielschichtigkeit der Montage und dem im Off gesprochenen Text, der Konkretes subjektiv formuliert und den die Bilder wiederum im Konkreten verankern. Resultat ist eine Authentizität, die jeden Naturalismus weit hinter sich.Verena Zimmermann, Basler Zeitung vom 20. Oktober 1979

In der Reihe „Die Kurzfilme des Jahres“ lief Alamanya Alamanya – Germania Germania als einziger bundesdeutscher Beitrag in Krakau, Moskau, Amsterdam, Eindhoven, Gent, Budapest, New York u. andernorts.„Die Kurzfilme des Jahres“, Infoblatt des Münchner Filmmuseums 1979 o. D.

Der Film wurde in verschiedenen Sprachfassungen in mehr als 50 Ländern gezeigt.

Familie Villano kehrt nicht zurück (Teil 2 von Europa – Ein transnationaler Traum)

Um 1980 begann eine neue Phase in der Geschichte des deutschen Dokumentarfilms. Es war eine Zeit heftiger gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen und Debatten. Neue Filmemacher betraten den Schauplatz und neue Themen – Dritte Welt, Umweltpolitik, Migration – verschafften den Filmen von Peter Heller (Die Liebe zum Imperium, 1978), Peter Krieg (Septemberweizen, 1979/80), Hans Andreas Guttner (Familie Villano kehrt nicht zurück, 1981) unerwartete Aufmerksamkeit.

Doch musste für den Kinodokumentarfilm erst eine Infrastruktur aufgebaut werden. Zu diesem Zweck wurden die Verleihgenossenschaft der Filmemacher und der Verband der AG Dokumentarfilm gegründet. Der Film Familie Villano kehrt nicht zurück spielte dabei eine entscheidende Rolle, was das Feuilleton und das künftige internationale Münchner Dokumentarfilmfestival betraf. Da es Anfang der 80er Jahre nur drei bis vier Dokumentarfilme jährlich ins Kino schafften, wurden diese Filme von der Presse kaum beachtet. Als zur Münchner Pressevorführung von Familie Villano kein einziger Rezensent kam, lancierte Guttner über die Verleihgenossenschaft der Filmemacher eine Wette, um zu erreichen, dass Dokumentarfilme vom Feuilleton wahrgenommen würden. Die Wette, wonach nichtkommerzielle Dokumentarfilme aufgrund fehlenden Anzeigenvolumens von der Kritik im Unterschied zum kommerziellen Spielfilm nicht beachtet würden, erschien in der Zeitschrift Kirche und Filmepd Kirche und Film, Verleihgenossenschaft der Filmemacher (1982) und hatte eine verblüffende Wirkung: Bereits die nächsten Dokumentarfilme wurden in den Münchner Zeitungen ausführlich besprochen.

Das Unverständnis für neue Formen des Dokumentarfilms war anfangs nahezu allgemein. So verlangte die FBW für FAMILIE VILLANO einen einordnenden Kommentar, und auf Seite der politischen Filmemacher waren fast nur „sprechende Köpfe“ erwünscht. Alles andere galt als Formalismus. „Um die internationale Formenvielfalt des Dokumentarfilms zeigen zu können“, hatte Hans A. Guttner die Idee, ein internationales Festival anzuregen. Er initiierte über die AG Dokumentarfilm in vierjähriger Kleinarbeit zusammen mit Bertram Verhaag das Internationale Dokumentarfilmfestival München. Guttner schlug als erste Festivalleiterin die Programmmacherin des Maximkinos, weil damit eine Vorführmöglichkeit gegeben war, Gudrun Geyer vor.

Familie Villano kehrt nicht zurück ist ein Film von und mit den Villanos, einer Familie, die aus dem Dorf Lausdomini bei Neapel aufgebrochen war, weil es dort keine Arbeit mehr gab, die ihnen ein angemessenes Leben ermöglicht hätte, und die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schweren Herzens den Entschluss gefasst hatte, in Deutschland zu bleiben.

Der Film beginnt mit einer langsamen Annäherung (so wie sich die Villanos Deutschland in einer langen Bewegung genähert hatten) – einer langen subjektiven Fahrt durch die frühmorgendlich leeren Straßen von Fürth bis vor die Eingangstür des Hauses, in dem die Villanos wohnen. Zugleich hören wir auf der Tonspur Ausschnitte aus Bundestagsreden, die die Rückkehr der Migranten in ihre Heimat beschwören. Am Schluss wird das Lied „Torna al Sorriento“ mit dem „Wir kehren nicht zurück“ der Familie konterkariert und als Illusion desavouiert. Innerhalb dieser mehrfach kontrapunktischen Klammer zeigt der Film den Alltag der Villanos in Fürth und einen Besuch in ihrem Heimatdorf.

Es ist ein Film der kontrastierenden Beobachtungen, der mit relativ wenig Sprache auskommt. Der Film muss nichts erklären, die Villanos müssen nichts erklären. Der Zuschauer erlebt die Villanos nicht als Fremdkörper; sie werden uns im Laufe von anderthalb Stunden so vertraut, dass wir die Welt mit ihren Augen zu sehen beginnen.

Das Thema von Familie Villano kehrt nicht zurück heißt: Verlust und Notwendigkeit – Verlust der Heimat, Notwendigkeit der Migration. Dem stellten die Villanos den Zusammenhalt der Familie entgegen, eine Solidarität, die als ein Gegenmodell zur modernen Gesellschaft erscheint, in der die soziale Kommunikation einem egoistischen Individualismus und Sozialdarwinismus weichen musste.

In der Berliner Morgenpostth., Berliner Morgenpost vom 8. Januar 1983 wurde der Film als ein „stilles und beredsames Meisterwerk“ bezeichnet, und die Frankfurter RundschauKarsten Visarius, Frankfurter Rundschau vom 10. September 1982 empfahl:

„Man sehe sich diesen Film an; es lohnt sich. Kino, das bedeutet schließlich mehr als hochgespannte Träume, als falsche Fluchten, hier ist es: Auskunftsmittel, das uns der Wirklichkeit näher bringt.“

Im Niemandsland (Teil 3 von Europa – Ein transnationaler Traum)

Im Niemandsland porträtiert junge Türken in München. Nicht integriert leben sie zwischen den Kulturen – der türkischen ihrer Eltern und der deutschen. Die Darsteller (das Wort ist hier zweifellos gerechtfertigt), die sich von der deutschen Gesellschaft nicht beachtet im Niemandsland bewegen, suchen sich eine Ersatzwelt, die von rebellischen Ikonen der amerikanischen Populärkultur, Elvis Presley und James Dean, beherrscht wird, mit denen sie sich identifizieren können. Der Film zeigt Türken in Deutschland und protokolliert zur statistischen Wirklichkeit Bilder und Statements. An manchen Stellen bringt er diese Wirklichkeit zum Tanzen - … und die tanzt Rock’n’Roll!!!Hadwiga Fertsch-Röver, Pflasterstrand Nr. 204 (Pflasterstrand)