mini|Traditionelle Tänzer der Tolai bei einem Dorffest (Gazelle-Halbinsel 1918) mini|Tolai-Dorf (Hafeninsel Matupi um 1910) mini|Tolai besiedeln das fruchtbare Tiefland und vorgelagerte Inseln (rechts oben in Grün), die hohen Baining-Berge trennen die Halbinsel vom Rest Neubritanniens mini|Flagge der Provinz East New Britain mit Masken der Tolai und des Baining-Volkes in einem Ring aus Muschelgeld mini|Tolai-Skulptur: Holz, Pflanzenfasern, Federn, Schuppenplatten, Farbpigmente (Gazelle-Halbinsel 19. Jahrhundert)
Die Tolai sind ein indigenes Volk auf der Insel Neubritannien (New Britain, ehemals Neupommern) im Bismarck-Archipel von Papua-Neuguinea. Mit über 120.000 Angehörigen stellen sie in der östlichen Provinz East New Britain mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung. Sie siedeln fast ausschließlich auf der Gazelle-Halbinsel, wohin sie vor vermutlich 250 Jahren von der gegenüberliegenden Insel Neuirland kamen. Sie sprechen Kuanua, eine austronesische Sprache, die auch als „Tolai“ bezeichnet wird und verschiedene Dialekte umfasst.
Das Volk der Tolai bildet eine matrilineare Gesellschaft, die in zwei umfassende mütterseitige Erblinien unterteilt ist (Matri-Moieties), über die der Landbesitz geregelt und vererbt und zwischen denen geheiratet wird. Damit ist Frauen eine wirtschaftliche Unabhängigkeit gewährleistet, aber Führungsrollen werden oft von Männern eingenommen, auch die Wohnsitznahme nach einer Heirat liegt meist beim Ehemann oder seiner Familie (patrilokal).
Die Tolai hatten bereits ab 1870 Kontakte zu europäischen Händlern, welche die Küsten Melanesiens auf der Suche nach (zwangsverpflichtbaren) Arbeitskräften für ihre Plantagen in Australien und anderen südpazifischen Gebieten absuchten. Die auf den Plantagen entstandene Verkehrssprache Papua-Neuguineas, die heutige Amtssprache Tok Pisin, bezieht daher bis zu 10 % ihrer Worte aus der Kuanua-Sprache der Tolai.
Name und Herkunft
„Tolai“ als Bezeichnung für die Bewohner des östlichen Teils der Gazelle-Halbinsel stammt nicht von diesen selbst, sondern wurde von einer örtlichen Begrüßungsformel (im Sinne von „Kumpel, Freund“) abgeleitet und schließlich von ihnen als Eigenname übernommen, einen eigenen hatten sie nicht. Die frühen deutschen Forscher hatten sie „Toleute“ genannt, die frühen Missionare „Gunantuna“. Sie waren keine einheitliche Gruppe mit gemeinsamer Tradition, Sprache oder Identitätsgefühl, wehrten sich aber auch nicht gegen die Vereinheitlichung. Die früheste Erwähnung der Bezeichnung „Tolai“ stammt aus einer Ausgabe der Tageszeitung Rabaul Times von 1936.
Es wird vermutet, dass die Vorfahren der Tolai vor etwa 250 Jahren von der 30 km östlich gelegenen Insel Neuirland (New Ireland, ehemals Neumecklenburg) herüberkamen; zu den südlichen Bewohnern dort, vor allem dem kleinen matrilinearen Lak-Volk, bestehen noch immer große kulturelle Ähnlichkeiten (beispielsweise das Muschelgeld und der Duk-Duk-Geheimbund).
Siedlungen
Die Tolai besiedeln ein flaches Gebiet von etwa 800 km² im Nordosten der Gazelle-Halbinsel, vorwiegend im Umkreis der beiden Städtchen Rabaul und Kokopo () und entlang der Küsten, außerdem die Hafeninsel Matupi und teilweise die vorgelagerten Duke-of-York-Inseln. An den meisten Küsten der Halbinsel geht die Ebene nach etwa 1000 Meter in Hügel und Berge über, das ganze Gebiet der Tolai wird durch die hohen Bainingberge (bis 1500 m hoch) vom Westen Neubritanniens abgetrennt. In den fruchtbaren Tiefebenen, die ihr Wasser von den vielen Quellen in den Bergen bekommen, konnte sich eine relativ einheitliche Bevölkerung ausbreiten, die aber mittlerweile unter einer sehr hohen Bevölkerungsdichte leidet.
Örtliche Gemeinschaften von bis zu 300 Tolai leben in Dörfern, die aus verstreuten Häusergruppen (Weilern) in den waldähnlichen Landschaften bestehen und oft über eine einfach gebaute Kirche und Schule verfügen. Während in ländlichen Gebieten mit traditionellen Materialien gebaut wird, bestehen die meisten Häuser um die Städte Kokopo und Rabaul herum aus zwei Stockwerken mit Kupferdächern, Glasfenstern und vor allem einem eigenen Wassertank.
Nachdem Rabaul bereits 1937 beim Ausbruch des Tavurvur-Vulkans zerstört worden war, vergrub der große Ausbruch von 1994 die Stadt erneut unter vulkanischer Asche. Rabaul wurde an anderer Stelle neu aufgebaut, seitdem ist Kokopo (30 km südöstlich, 20.000 Einwohner, ehemals Herbertshöhe) Hauptstadt der Provinz East New Britain, in der die Tolai über die Hälfte der Gesamtbevölkerung bilden.
Wirtschaft
Traditionelle Haushalte sind Selbstversorger mit eigener Gartenbewirtschaftung (Hortikultur), meist in Gemeinschaften von einigen Kleinhaushalten; mehrere solcher verstreuten Weiler bilden zusammen ein Dorf. Auf dem fruchtbaren Boden, gedüngt von der Asche vieler Vulkanausbrüche, werden sehr ertragreich Taro- und Yamswurzeln sowie Süßkartoffeln angebaut; es gibt 70 Bananenarten. Während die Männer für das Anlegen eines (größeren) Gartens durch Brandrodung zuständig sind, übernehmen vorwiegend die Frauen seine Bewirtschaftung. Die hohe Artenvielfalt auf der Halbinsel hat zu vielen spezialisierten kleinen Produktionseinheiten und einem regen Güteraustausch untereinander geführt, der früher nur mit traditionellem Muschelgeld (siehe unten) abgewickelt wurde. Bereits vor dem Kontakt zu Europäern überzog das Siedlungsgebiet der Tolai ein Netz örtlicher Märkte, die den wechselseitigen Austausch zwischen Küsten- und Inlandbewohnern und ihre Versorgung ermöglichten.
Der Jahresverlauf ist in zwei Hälften unterteilt: taubar ist die Zeit der Südostwinde (Mai bis Oktober), labur die Zeit der Nordwest-Monsunwinde (Regenzeit von November bis April). An den Küsten fischen die Männer saisonabhängig mit Netzen und großen handgeflochtenen Fangkörben aus Pandanusblättern, die Frauen übernehmen den Fang und verkaufen ihn auf örtlichen Märkten. Eine beliebte Delikatesse sind die Eier von Bismarckhühnern (Familie der Großfußhühner), die Männer im warmen Boden nahe an Vulkankratern ausgraben.
Überall wachsen Kokospalmen, deren Bestandteile grundlegende Bedürfnisse bedienen: Die gehaltvollen Nüsse liefern Nahrung und Flüssigkeit und sind eine wesentliche Kochzutat, die geflochtenen Palmwedel werden wegen ihrer Wasser abweisenden Oberfläche zur Bedachung und als Matten genutzt, und die Palmstämme dienen als Bau- und Brennmaterial. Bereits die frühen europäischen Händler waren am einheimischen Kopra (getrocknetes Kokosnussfleisch) interessiert, die deutsche Kolonialverwaltung verstärkte ab 1902 die Plantagenwirtschaft, vor allem um ihren Hauptsitz in Kokopo herum (siehe dazu Geschichte der Gazelle-Halbinsel). Neben Kopra wurde ab den 1950ern auch Kakao zum wichtigen Exportgut.
Zusätzlich zur traditionellen Gartenbewirtschaftung nehmen viele Tolai bezahlte Arbeit an. Weil sie als zuverlässig gelten, wurden sie bereits zu Kolonialzeiten und später in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg als Vorarbeiter eingesetzt und stiegen in leitende Positionen auf. Tolai arbeiten als Doktoren, Rechtsanwälte, Lehrer sowie in der staatlichen Verwaltung, auch in anderen Landesteilen Papua-Neuguineas.
Landbesitz
Der angestammte Boden ist örtlichen Vunatarai zugeordnet, Untergruppen der matrilinearen Clans, die das Land besitzen und verwalten, obwohl ihre Mitglieder über viele Dörfer verstreut wohnen können. Die Leitung der Vunatarai teilt den Gruppenmitgliedern Land zu und regelt Nutzungsrechte von Nichtmitgliedern. Obwohl Männer grundsätzlich nicht Teil der mütterlichen Erbfolge sind, können sie einem Sohn auf Lebenszeit zur Versorgung ein Landstück aus ihrem mutterseitigen Clan übertragen – nach dem Tode entbrennen aber oft Streitigkeiten um die Rückgabe des Bodens an den Clan. Bereits vor dem Vulkanausbruch 1994 gehörte die Anzahl der Landstreitigkeiten unter den Tolai zu den höchsten in ganz Papua-Neuguinea; meistens ging und geht es darum, dass Väter ein Landstück ihres matrilinearen Clans an ihre eigenen Kinder vererben wollen, statt an ihre mutterseitigen Neffen.
Rund 40 % ihres angestammten Landes wurde von den deutschen Kolonialherren enteignet und an Ausländer übertragen – bis heute wurde es den Tolai nicht zurückgegeben.
Seit den ersten Kontakten ist die Anzahl der Tolai von geschätzten 30.000 auf über 120.000 angewachsen, wodurch die begrenzte Fläche des Tieflandes deutlich übervölkert ist und soziale Spannungen zunehmen. Entsprechend breiten sich Tolai auch in die angrenzenden Berge aus und besetzen dort das angestammte Land des Nachbarvolkes der Baining, die von ihnen als minderwertig angesehen werden.
Muschelgeld mini|Muschelgeld von der Insel Neuirland östlich der Gazelle-Halbinsel (um 1900) mini|Zeremonielle Präsentation von Loloi-Ringen aus Muschelgeld (Rabaul 1913)
Das traditionelle tabu-Muschelgeld (auch tambu, diwarra) der Tolai wird heute auch als offizielles Zahlungsmittel benutzt und in kleinen Mengen auf Märkten und teilweise in Geschäften verwendet. Es erfüllt wichtige Aufgaben innerhalb der Tolai-Gemeinschaft, ist außerhalb der eigenen Sprachgruppe aber kaum verbreitet. 1875 berichteten die ersten christlichen Missionare, dass die Tolai feste Handelsbeziehungen zum kleinen Volk der Nakanai im Westen der Insel unterhielten, um die wertvollen Schalen der kleinen Meeresschnecke Nassarius arcularius von der Nordküste zur Herstellung ihres Muschelgeldes zu erhalten.
Einheiten
Die zurechtgeschliffenen Schneckenschalen werden auf dünne Pflanzenfasern aufgezogen und in Zehnereinheiten gezählt. Die größte Einheit ist eine Muschelkette, die von Fingerspitze zu Fingerspitze zwischen zwei ausgebreitete Arme reicht (Pokono), international auch als fathom bezeichnet (abgeleitet vom Seefahrer-Längenmaß fathom „Faden“). Ein Pokono mit 300 bis 400 Muscheln entspricht einem Wert von 3 Kina (Landeswährung), rund 1 Euro (2013).
Zur Lagerung werden Hunderte von Muschelschnüren zu einem schmalen Ring (Loloi) unterschiedlicher Größe (bis 1 m) zusammengebunden und mit besonders haltbaren Pandanusblättern umwickelt. Diese Loloi – vergleichbar mit Goldbarren – werden in Muschelgeldkammern oder -hütten eingelagert, die jede Familie und auch die Vunatarai (örtliche Untergruppe des matrilinearen Clans) eigens dafür baut. Bei zeremoniellen Anlässen werden die Loloi-Ringe hervorgeholt und stolz präsentiert. Zur Herstellung von guten Beziehungen oder zur Abgeltung von besonderen Leistungen werden einzelne Loloi auch „verschenkt“. Als Brautpreis hat der Ehemann noch heute einen Loloi an die Eltern der Braut zu übergeben (400 Muschelschnüre, rund 400 Euro).
Spirituelle Bedeutung
Dem tambu- oder tabu-Muschelgeld der Tolai liegt ein spirituelles, religiöses Konzept zugrunde, das den Respekt beim Umgang mit ihm bestimmt: Muschelgeld erfüllt eine wesentliche Aufgabe im Todesfall einer Person, es ist eine Bedingung für ihren erfolgreichen Übertritt in die „Wohnstätte der Geistwesen“. Das Ziel einer Person ist, zu Lebzeiten möglichst viele Loloi-Ringe anzusammeln, die dann erst bei ihrer eigenen Begräbnisfeier aufgeschnitten und an die anwesenden Trauergäste ausgeteilt werden. Die Menge des verteilten Muschelgeldes entscheidet dabei über das fortdauernde Ansehen der verstorbenen Person, wie auch über ihren geglückten Eintritt in die Jenseitswelt. Gibt es im Todesfall kein Muschelgeld zum Verteilen, ist das eine große Schande für die verbleibenden Angehörigen des Clans und der Lineage (mütterseitige Abstammungsgruppe). Die verstorbene Person ist dann dazu verdammt, in immerwährendem Elend im „Land von IaKupia“ umherzuirren.
Nach über hundert Jahren der Christianisierung ist zwar viel von dem zugrunde liegenden traditionellen Glaubenssystem verloren gegangen, aber das Muschelgeld wird nach wie vor als eine „handfeste“ Verbindung der Lebenden mit ihren Vorfahren respektiert. Durch die Teilhabe an der Verteilung bei Begräbnissen sammelt jeder Tolai Muschelgeld an, das zum größten Teil von seinen (mütterseitigen) Vorfahren und deren Vorfahren und so fort stammt.