mini|Dar ul-Ulum Deoband
Dar ul-‘Ulum Deoband (; Haus der Gelehrsamkeit in Deoband), kurz Darul Uloom, ist eine 1866 gegründete islamische Hochschule in der Kleinstadt Deoband im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh.
Die einzige islamische Hochschule mit vergleichbarem Einfluss ist die al-Azhar-Universität in Kairo; die Dar ul-'Ulum Deoband gilt nach der al-Azhar als das zweitgrößte islamische theologische Zentrum der Welt.
Die von dort ausgehenden Lehren haben sich zu einer Bewegung formiert, deren Anhänger meist Deobandi genannt werden. Die „Deobandis“ selbst lehnen diese Bezeichnung ab, sie nennen sich selbst einfach Muslim. Die Bewegung hat Einfluss auf die Muslime in Pakistan und Indien, Bangladesch, Afghanistan, Malaysia, Südafrika und Indonesien.Indien: Gute Muslime, böse Muslime. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. März 2005.Pakistan: Lernen für den Kampf. In: Die Zeit, 3. Juli 2008. Außerdem hat sie auf die meist aus Südasien stammenden Muslime in Großbritannien großen Einfluss.
Lehre Rechtslehre Die Deobandi-Bewegung ist sunnitisch, gehört zur hanafitischen Rechtsschule, lehnt jedoch im Gegensatz zu den Barelwis in Pakistan die Gräber- und Heiligenverehrung ab. Sie steht für eine strenge und klassische Auslegung des sunnitisch-hanafitischen Islam und strebt die Rückkehr zu dessen „Wurzeln“ an.
Bei der Rechtsfindung wird kein taqlid zwingend vorausgesetzt, jedoch wird im Regelfall das hanafitische Recht befolgt. Es wird die Meinung vertreten, dass alle vier Rechtsschulen (Madhāhib) rechtens seien. Der Meinung von Taqi Usmani und Muhammad ibn Abidin zufolge solle ein Laie, dem die Fähigkeit und Kenntnis zu analysieren und zwischen den Argumenten und Belegen zu unterscheiden fehlen, sich besser an einer der Rechtsschulen orientieren. Dass jemand aufgrund seiner persönlichen Wünsche zwischen den Rechtsschulen das „passende“ Urteil heraussuche, wird als nicht zulässig erklärt. Als Beispiel führt Taqi Usmani in seinem Werk Contemporary Fatawa das Wudū' an, die islamische rituelle Waschung: Das Bluten zerstöre den Wudu nach Ansicht der Hanafiten, nicht aber der Schafiiten. Das bloße Berühren einer Person des anderen Geschlechtes zerstöre den Wudu nach Ansicht der Schafiiten, aber nicht der Hanafiten: Hier erst bei sexueller Absicht. Folglich werde ein „Wunschdenker“ seinen Wudu auch im Zusammentreffen beider Situationen als nicht zerstört ansehen, was rechtlich fraglich sei. Es wird bei Zustimmung für dieses Urteil auch auf Gelehrte anderer Rechtsschulen wie den Hanbaliten Ibn Taimiyya verwiesen. Es kann gesagt werden, dass die Deobandis grundsätzlich zum Taqlid raten.http://www.askimam.org/public/question_detail/14938 askimam.org:14938 Das Bilderverbot im Islam legen zahlreiche Gelehrte der Deobandis sehr streng aus. So seien auch Fotografien unzulässig.Maktoobaat vol. 1
Orthodoxe Haltung Die Deobandis stehen mit ihrer Forderung nach der „Reinigung des Glaubens“ gegen die auf dem indischen Subkontinent traditionell verbreitete tolerante islamische Denkschule des Sufismus. Die indischen Reiniger des Islam. NZZ, 22. Februar 2017
Die teils von Sufis und Schiiten praktizierten Ehrbezeugungen in Form von Schmuck an Heiligengräbern oder auch volkstümliche Praktiken wie das Schreiben von Wunschzetteln und ihr Anhängen an Bäumen gelten für die Deobandis als Unglaube (kufr) und Heidentum (schirk).warnews.com:The Deobandi-Wahhabi Lust for Control Over Personal Life Auch die Anrufung von „Vermittlern“ zu Gott gilt für sie als schwerer Unglaube. Hierbei wird kein Unterschied zwischen einem Pir, Imam, Propheten oder Heiligen gemacht. Gott allein dürfe nur unmittelbar angerufen und angebetet werden, da alles andere gegen den Tauhīd gerichtet sei. Das Bauen eines Mausoleums (Qubba/Türbe) oder von übermäßig großen und auffälligen Gräbern, wie es im Sufismus und bei den Schiiten üblich ist, lehnen die Deobandis ab. Gelehrte des Islam hätten dies, basierend auf einem Hadith, verboten. Das Anbringen eines kleinen Grabsteins mit den Daten des Verstorbenen für den Zweck der Erhaltung der administrativen Aufgaben auf einem Friedhof wird für zulässig erklärt.http://www.askimam.org/public/question_detail/18634 askimam:org:18634 Das Küssen von Gräbern und Grabsteinen betrachten sie als Makrūh. Sie verwerfen die Verehrung von Heiligen (Walis), Gräberkult (Besuchen) (Ziyāra) und gesprochenes oder schweigendes Gedenken Gottes (Dhikr) der Sufis.
Das Einbeziehen von Fürsprechern wie beispielsweise Heiligen oder Propheten beim Erbitten für Tote lehnen die Deobandis strikt ab. Dazu benutzen sie den Begriff Tawassul (),Vgl. Diskussion. worunter sie eine Form der Anbetung verstehen, während der man versucht, über eine Vermittlung Gott näher zu kommen. Erlaubte Formen sind laut den Deobandis, dass man sich mittels guter Taten, mit den Namen und Eigenschaften Gottes und mit dem Bittgebet eines rechtschaffenen lebendigen Menschen Gott zu nähern versucht, nicht jedoch über die Anrufung bereits Verstorbener, aufgrund ihrer „Stufe“ und ihrer „Wertschätzung“ bei Gott oder dergleichen. Jemand, der einen bereits toten Menschen als Vermittler zu Gott zu benutzt, z. B. „O Ali“, „O Muhammad“, mache sich der Beigesellung von Göttern () schuldig. Das Verbot wird in der Deobandi-Literatur unter anderem in dem Werk Fatawa Mahmudiya Faruqiya (Band 1, Seite 345) erwähnt; hier werden die Erbitter der Fürsprache von bereit verstorbenen Menschen als () bezeichnet.
Die Anwendung des dhikr sehen die Deobandi als zulässig, solange sich dieser auf gottesdienstliche Handlungen beschränkt, die sich direkt auf Belege in Koran und Sunna stützen. Zulässige Handlungen sind beispielsweise zusätzliche Gebete, Bittgebete (Dua), Rezitieren des Korans oder Aufzählen der 99 Namen Allahs. Gruppendhikr in Form von Tänzen (Semah), Einsatz von Musik (Qawwali) und desgleichen, wie sie im Bereich des Sufismus, der Aleviten und der Schia vorkommen, lehnen sie als verwerfliche Innovation (Bida) ab.
Die Deobandis lehnen die Feier des Mawlid an-Nabi (Geburtstag des Propheten) streng ab, da dieser eine Bid'a, eine unzulässige theologische Neuerung, sei. Der Deobandi-Mufti Muhammad Kadwa gibt an, dass es keinerlei Belege in Sunna oder Koran gebe, die eine Feier des Mawlid an-Nabi stützen würden. Daher sei es eine unerlaubte Einführung eines Feiertages, der somit als bida gilt.
Glaubensrichtung Die Deobandis gehören wie die Mehrheit der Hanafiten der Maturidiyya an. Damit glauben sie, gemäß der Marifetullah-Lehre (Kenntnis über Gottes Existenz), entsprechend der Maturidi-Theologie, dass jeder Nichtmuslim, einschließlich Christen und Juden, für ewig mit dem Höllenfeuer bestraft werde, falls er als Nichtmuslim sterbe, natürlich nur nachdem er vom Islam gehört habe und diesen kennen gelernt habe. Wer letztendlich ins Paradies komme, entscheide Gott allein. Auch müsse ein Mensch allein mit seinem Verstand erkennen, dass im Islam als verboten geltende Dinge wie Alkohol und Glücksspiel schlecht sind. Ebenfalls glauben die Deobandis gemäß der Maturidi-Theologie nicht an die „Erschaffenheit des Korans“ – der Koran sei „Gotteswort“. Der ʿIlm al-kalām ist fester Bestandteil der Deobandi-Lehre, seine Anwendung wird aber entsprechend Imam Maturidis Meinung auf das absolut Notwendige begrenzt.
Bei der Frage des Einklangs der Lehre des „wahdat al-wudschūd“ (Lehre von der Einheit des Seins) nehmen die Deobandis eine Position zwischen dem Gegner der Lehre Ibn Taimiyya und ihrem Ersteller ibn Arabi ein, wobei die Meinung ibn Arabis nicht als „wortwörtlich“ genommen, sondern interpretiert wird. Entsprechend der Maturidi-Glaubensdoktrin geben die Deobandis zwar an, dass Gott nicht an einem „bestimmten Ort“ existiere, aber auch in keiner „Einheit“ mit seiner Schöpfung, vielmehr sei die Existenz Gottes mit nichts anderem vergleichbar. Nicht einmal eine „Richtung“, Grenze oder Abgrenzung sei möglich. Gott sei erhaben über externe und interne Existenz, Zeit und Ort, die Mutmaßung über seine Existenz„art“ solle besser vermieden werden, da sie unter Umständen die Gültigkeit der Scharia und des islamischen Glaubens infrage stellen könne; es bestehe die Gefahr, Gott menschliche Eigenschaften (dhat) zuzuordnen.Deoband.org: Wahdat al-Wujud, Wahdat al-Shuhud and the Safest Position Die Korrektheit von Ibn Taimiyyas Glaubensvorstellungen wird bejaht, wobei darauf hingewiesen wird, dass er ebenfalls wie ibn Arabi in manchen Fragen von der Mehrheit der Gelehrten abweicht.albalagh:Articles of Faith: Are Maturidies Ahlus-Sunnah? Tendenziell zitieren die Deobandis bei Glaubensthemen (Aqida) ibn Arabi nicht, während ibn Taimiyya gelegentlich zitiert wird. Die Glaubensauffassung ibn Taimiyyas, gewisse Verse aus dem Koran ohne jegliche Interpretation (Tafsir) und Tawil (die Bevorzugung einer von mehreren Möglichkeiten ohne kategorische Schlussfolgerung oder Zeugnis) zu akzeptieren, sei absolut korrekt, nicht korrekt dagegen sei es, jeden, der einen Tawil anwende, ohne gegen die Scharia zu verstoßen, als irregegangen zu erklären.albalagh.net:Articles of Faith: Are Maturidies Ahlus-Sunnah? Letzteres bezieht sich vor allem auf Abu Mansur al-Maturidi und Abū l-Hasan al-Aschʿarī, die in ihrer Zeit versuchten, mit Hilfe des Tawil und des Ilm al Kalam Ansichten der Muʿtazila zu widerlegen. Letzteres bezieht sich traditionell auf die Anwendung des Tafwid (Akzeptanz ohne Interpretation) von sogenannten „mehrdeutigen Versen“ aus dem Koran. Die Deobandis sehen den Tafwid als zulässig an, solange man die „Bedeutung“ der Verse Gott überlässt und sie nicht mit der Schöpfung vergleicht oder Gott menschliche Eigenschaften zuschreibt. Neben ihrer eigenen Glaubensauffassung sehen sie die Athari und Aschari ebenfalls als korrekt an.Taqi Usmani: Tozeeh-ul-Quran (Urdu Version, Deoband 1999)
Politische Ausrichtung Inspiriert wurden die Gründer im Wesentlichen von dem eher als Hanafiten geltenden, jedoch tendenziell keiner Rechtsschule angehörenden Schāh Walī Allāh ad-Dihlawī. Er war auch eine wichtige Inspiration für die in Pakistan verbreitete, aber wesentlich kleinere Strömung der salafistischen Ahl-i Hadîth. Das Gedankengut der Tariqa-yi muhammadiya findet Bedeutung in der Deobandi-Bewegung.
Die Deobandis vertreten die Meinung, dass der Grund, warum die Muslime heutzutage hinter den Westen zurückgefallen und unterentwickelt seien, darin zu suchen sei, dass sie sich von den Erneuerungen und Abweichungen sowie unmoralischen Einflüssen fremder Religionen und der westlichen Kultur beeinflussen und damit von den ursprünglichen unberührten Lehren des Propheten Mohammed hätten abbringen lassen. Daher sei es wichtig, den Islam ohne fremde Ablagerungen und Einflüsse zu leben und die Rückkehr zu dessen „Wurzeln“ anzustreben.
Die Deobandi-Interpretation besagt, dass ein Muslim vor allem zur Loyalität seiner Religion gegenüber verpflichtet ist und erst dann dem Land, in dem er lebt. Ein Muslim müsse die Grenzen und Taten seines Handelns für die ganze Umma (islamische Gemeinschaft) sehen und nicht nur die nationalen Grenzen. Ein Muslim müsse wissen, dass es seine heilige Pflicht sei, den Dschihad überall dort zu führen, wo Muslime bedroht und getötet würden.Global-Security:Deobandi Islam Von terroristischen Vereinigungen wie der Al-Qaida und Osama bin Laden distanziert sich die Schule öffentlich. Es sei nicht mit dem Islam vereinbar, Zivilisten zu töten und Züge zu sprengen. Bin Laden habe nicht als „Teil der islamischen Gemeinschaft“ gehandelt.ZDF-Reportage Es wird ferner behauptet, die Amerikaner führten einen Krieg gegen den Islam; bin Laden und Saddam Hussein seien von Amerika erst erschaffen und benutzt, dann zu Terroristen erklärt worden; Amerika arbeite für die Juden, die mithilfe der Globalisierung die Könige der Welt werden wollten.