mini|hochkant|Hanussen, 1933 Erik Jan Hanussen, eigentlich Hermann Chajm Steinschneider (* 2. Juni 1889Siehe: https://www.steinschneider.com/biography/hanussen/hermann_ikg.htm in Wien-Ottakring; † in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1933Nach Kugel (1998), S. 250 f.: Um oder wahrscheinlich nach Mitternacht durch Erschießen im Hof oder Keller der Kaserne der Feldpolizei in der General-Pape-Straße in Berlin-Tempelhof/Schöneberg; vgl. Artikel Alexander von Pape. Nach Ausrauben sei die Leiche zur Vertuschung des Mordes in eine versteckte Tannenschonung im Staakower Forst „ca. 20 Meter von der Chaussee Neuhof-Baruth bei Kilometerstein 48“ (zwischen Zossen-Neuhof und Baruth) gebracht worden. in Berlin), war ein unter anderem als „Hellseher“ bekannter österreichischer Trickkünstler. Trotz seiner jüdischen Herkunft agierte er als Sympathisant der Nationalsozialisten.
Leben Kindheit und Jugend Hermann (Herschel) Steinschneider wurde in ärmlichen Verhältnissen geboren und verlor seine Mutter Juli Kohn im Alter von zehn Jahren. Sein Vater war Siegfried Steinschneider (1858–1910), Sohn aus der ersten Ehe des Mediziners Moriz Steinschneider (1824–1894), der als Handelsreisender bzw. Wanderbühnenschausteller tätig war. Siegfried Steinschneider heiratete bald nach dem Tod seiner ersten Frau die Witwe Berta Pick,Erik Jan Hanussen (Herman Steinschneider) die zwei weitere Kinder mit in die Ehe brachte. Drei Jahre später brach Hermann Steinschneider die Schule ab und lief von zu Hause weg.
Karriere Steinschneider versuchte sich in Wien mehrfach als Gesellschaftsreporter. Während dieser Zeit erpresste er betuchte Bürger mit Kolportagen in Klatschblättern und veröffentlichte die Tricks eines betrügerischen Hellsehers, die er später selbst adaptierte.
Als Kunstreiter und Reckakrobat trat er im Grand Zirkus Oriental auf und betrieb das angeblich „erste elektrische Kettenkarussell der Welt“, das in Wirklichkeit von verborgenen Kindern angetrieben wurde. Jahrelang hatte er Auftritte in Schmierentheatern und Zirkussen mit Zauberkünstlern, sogenannten „Experimental-Psychologen“, Hypnotiseuren oder Varietékünstlern. Im Ersten Weltkrieg schützte er sich vor gefährlichen Einsätzen, indem er den Zustand in der Heimat voraussagte. Das österreichische Militär bildete er im Wünschelrutengehen aus.
Auf der Suche nach Gelegenheitsarbeit versuchte er sich in Berlin in Gaststätten erfolglos als klassischer Zauberkünstler. Steinschneider kopierte die Gedankenlesedarbietung einer Varietékünstlerin „Frau Magda“ und trat in Kleinstadtvarietés in Europa als „Hypnotiseur“ auf. Auch in seiner Heimat Wien war er auf der Bühne zu sehen, zum Beispiel 1922 als Der Doktor Svengali mit Valérie von Martens und Karl Farkas. Später kopierte er die Show des als stärkster Mann der Welt gefeierten Kraftartisten Siegmund Breitbart, wobei es Steinschneiders zarter Assistentin „unter Hypnose“ gelang, gleichfalls Ketten zu zerreißen u. ä., da beide die gleichen Tricks anwendeten. Infolge des in der Presse ausgetragenen Konkurrenzkampfes der beiden Rivalen wurden beide im Dezember 1923 nach New York engagiert. Inzwischen nannte er sich – nach einer Vielzahl von Pseudonymen, Deck- und Künstlernamen – Erik Jan Hanussen und rühmte sich dänischer Herkunft. Wieder in Europa, zeigte Steinschneider Fakirkunststücke und präsentierte eine Hungerkünstlerin.
Obwohl er sich in seinem Buch Meine Lebenslinie selbst als Hochstapler enttarnt und sogar seine Tricks veröffentlicht hatte, betätigte er sich später als Hellseher. Er versuchte auch viele Jahre, eine eigene „Schule des Okkultismus“ zu gründen, was ihm letztlich aber nie gelang. Er verbesserte das klassische Hellsehkunststück „Zettellesen“ und machte in der Presse spektakuläre Vorhersagen, wobei er Zufallstreffer groß herausstellte. Mit Hilfe okkultistischer Beratungsgespräche erwarb Hanussen auch gesellschaftliche Kontakte.
Im Februar 1928 wurde Hanussen vor dem Kreisgericht in Litoměřice (Leitmeritz) (Tschechoslowakei) des hundertfachen Betruges angeklagt, weil er den „Schwachsinn“ (gemeint ist: die Dummheit oder Naivität) von Gutgläubigen ausgenutzt habe. Der Prozess dauerte mehr als zwei Jahre und wurde bis in die USA verfolgt. Im Mai 1930 wurde Hanussen schließlich freigesprochen, mit der Begründung, ein „nicht schwachsinniger“ Mensch müsse damit rechnen, dass ein Hellseher sich irren kann.Im Urteil vom 27. Mai 1930 heißt es wörtlich: „Wenn aber ein Mensch, der nicht schwachsinnig ist, zum Hellseher geht, um Erkenntnisse kraft einer geheimnnis- oder rätselvollen Seeleneigenschaft zu erlangen, kann [er] unmöglich mit voller Sicherheit hundertprozentige Wahrheit erwarten und darf sich nicht beklagen, wenn er eine irrige Antwort erhält. Sein Verhältnis zum Hellseher erinnert an gewisse Glücksanträge, bei denen sich auch niemand beschweren darf, wenn er eine Niete zieht“. Zitiert nach Wilfried Kugel: Hanussen – Die wahre Geschichte des Hermann Steinschneider (1998). Der Weg zu einer grandiosen Karriere wurde damit erst möglich gemacht.
Hanussen verlegte mehrere Zeitungen, mit denen er genau wie in seinen Beratungsgesprächen die Sehnsüchte der Leser bediente. Hanussens bunte Wochenschau war kurzfristig eine der auflagenstärksten Zeitungen Berlins. Durch „astrologische Börsentipps“ konnte er Aktienkurse beeinflussen. Seine Hellsehshows wurden in Berlin Tagesgespräch und füllten schließlich zweimal täglich die Berliner Scala. Hanussen verkaufte allerhand okkulte Produkte, konnte sich unter anderem eine Luxus-Yacht leisten und ließ in Berlin ein Gebäude als „Palast des Okkultismus“ ausbauen.
Obwohl er Jude war, suchte er ab 1930 die Nähe zum Nationalsozialismus und unterstützte in seinen astropolitischen Zeitungen den Aufstieg Hitlers.
Am 26. Februar 1933 soll bei der Eröffnungsfeier seines „Palastes des Okkultismus“ die von ihm engagierte Schauspielerin Maria Paudler „Feuer, Flammen, Verbrecher am Werk!“ deklamiert haben.SZ: Mordfall Erik Jan Hanussen Als dann einen Tag später – in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar – der Reichstag abbrannte, wurde diese Aussage als seine Vorhersage interpretiert.Telepolis: Erik Jan Hanussen, Hokus Pokus Tausendsassa
Durch Gefälligkeiten wie Kredite auf Spielschulden erwarb er sich Freunde in einflussreichen Kreisen, so auch den späteren Polizeipräsidenten von Berlin, Wolf-Heinrich Graf von Helldorff, der ihm sogar eine SA-Gruppe zur Verfügung stellte, um das Lokal seines größten Konkurrenten, das Romanische Café, zu stürmen und den Inhaber zum Hitlergruß zu zwingen.
Ermordung Wenige Wochen nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ wurde Hanussen am 23. März 1933 auf Befehl des SA-Gruppenführers von Berlin-Brandenburg Karl Ernst von einem SA-Kommando unter Führung von Wilhelm Ohst in seinem „Haus des Okkultismus“ in der Lietzenburger Straße in Berlin-Charlottenburg verhaftet. Außer Ohst gehörten dem Kommando noch Kurt Egger als Chef von Ernsts Stabswache, der Sturmführer Rudolf Steinle sowie eventuell Ernsts Chauffeur Wendt an. In das SA-Gefängnis Papestraße in Berlin-Tempelhof gebracht, wurde Hanussen in der Nacht zum 24. März 1933 mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits dort erschossen. In seinem eigenen Wagen, der zu diesem Zweck beschlagnahmt worden war, wurde der Leichnam aus Berlin herausgefahren und auf der Chaussee von Zossen nach Baruth abgelegt. Steinle erklärte 1934 in einem Verhör durch die Gestapo, dass er die tödlichen Schüsse abgegeben habe. Das Verfahren wurde aber bereits am 1. Juni 1933 eingestellt.Margret Boveri: Wir lügen alle. Walter Olten, 1986. S. 77. An der Bestrafung der Täter bestand offensichtlich kein Interesse.
Hanussens Leiche wurde am 7. April 1933Sterberegister Standesamt Jachzenbrück, Kr. Teltow, Nr. 8/1933 („Artist Hermann Steinschneider […] am siebenten April vormittags um acht Uhr […] tot aufgefunden“) von Waldarbeitern in einem Waldgebiet (Tannenschonung) zwischen Baruth und Neuhof bei Zossen südlich von Berlin, kurz hinter dem Ortsausgang von Baruth, gefunden. In den Zeitungen wurde noch am selben Tag ein „mysteriöser Leichenfund“ vermeldet.Siehe z. B. „Myteriöser Leichenfund“, in: Berliner Illustrierte Nachtausgabe vom 8. April 1933. Der Tote war von Leichenfraß gezeichnet und verstümmelt, so dass seine Identität erst festgestellt werden konnte, nachdem man in seiner Kleidung das Monogramm seines Schneiders entdeckt hatte, der den Käufer zu nennen wusste. Gestützt auf diesen Hinweis erfolgte eine eindeutige Identitätsklärung durch Angehörige und Mitarbeiter. Die Ermittlungen führte der Kriminalkommissar Hermann Albrecht.
Ein am 8. April 1933 vom Staatsanwalt beim Landgericht Berlin eingeleitetes Ermittlungsverfahren wegen des Todesfalles Hanussen wurde am 1. Juni 1933 wieder eingestellt. Die Ermittlungsakten gelten als verschollen. 1965 wurde ein neues Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Berlin eingeleitet, das sich bis 1968 hinzog und die äußeren Vorgänge um Hanussens Ermordung mit Hilfe von Unterlagen aus dem damaligen Berlin Document Center sowie durch die Befragung überlebender Zeugen weitgehend aufklären konnte. Da die Tatverdächtigen zu diesem Zeitpunkt alle verstorben oder gerichtlich für tot erklärt waren, wurde das Verfahren mit Einstellungsvermerk vom 1. Oktober 1968 eingestellt.
Die Motive für den Mord an Hanussen sind bis heute nicht vollständig geklärt. Im Wesentlichen werden in der Literatur zwei unterschiedliche Beweggründe für die Tat ins Feld geführt. Erstens sei Hanussens jüdische Herkunft den Nationalsozialisten Anfang 1933 bekannt gewesen. Graf Helldorff oder Karl Ernst oder Wilhelm Ohst, die zuvor in enger freundschaftlicher und geschäftlicher Beziehung zu Hanussen gestanden hatten, hätten ihn daraufhin (einzeln oder gemeinschaftlich) beseitigen lassen, um die politische Belastung, die die Freundschaft zu einem Juden in NS-Kreisen bedeutete, abzustreiten. Zweitens hatte Graf Helldorf aus der Zeit vor 1933 erhebliche Schulden bei Hanussen, die durch dessen Ermordung hinfällig geworden seien, so dass Helldorf also zur bequemen „Bereinigung“ seiner Schulden den Mordauftrag gegeben haben könnte. In der Tat belegen Dokumente aus dem Berlin Document Center, dass Ohst und sein Kommando Hanussens Wohnung durchsuchten und Quittungen und Schuldscheine Helldorfs bei Hanussen beschlagnahmten.
Allerdings gelangten diese Unterlagen nicht an Helldorf, sondern an Karl Ernst, der sie in seiner eigenen Wohnung aufbewahrte, wo sie nach seiner Erschießung im Sommer 1934 geborgen wurden. Die Berliner Staatsanwaltschaft schloss aus diesem Umstand in den 1960er Jahren, dass Ernst diese Unterlagen in seinen eigenen Besitz übernommen hätte, um sie gegebenenfalls als Druckmittel im internen Machtkampf der NS-Führer gegen Helldorf verwenden zu können.
Daraus ergeben sich zwei mögliche Befehlsketten des Mordauftrages. Entweder erteilte Helldorff den Auftrag, der über Ernst an die ausführenden Männer weitergegeben wurde, oder Ernst ordnete den Mord eigenmächtig an, ohne Helldorffs Wissen und Einverständnis. In beiden Fällen könnte Hanussens jüdische Abkunft Motiv für den Mordauftrag gewesen sein. Im Falle eines Auftrags Helldorffs, um dessen Schulden zu „tilgen“, müsste Ernst die Schuldscheine entgegen einem als wahrscheinlich anzunehmenden Befehl zur Übergabe derselben an Helldorf unterschlagen haben, um sie für seine Zwecke zu nutzen. Die Ermordung Hanussens könnte auch ein eigenmächtiges Projekt von Ernst gewesen sein, um in den Besitz von Material gegen Helldorff zu gelangen.
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