Das ehemalige Reformierte Gymnasium oder Pädagogium von Kreuznach im heutigen Landkreis Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz war ein Gymnasium, das von 1567 bis etwa 1799 bestand.

Geschichte Eine Lateinschule hatte in Kreuznach seit etwa dem 14. Jahrhundert bestanden.

Nach Einführung der Reformation wurde 1567 in dem eingezogenen Klostergebäude der Karmeliten an St. Nikolaus – dem sogenannten „Schwarz-Kloster“ – von Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz (1515–1576) und Markgraf Philipp II. von Baden (1559–1588) durch ihren gemeinsamen Oberamtmann Carsilius Baier von BellenhofenWilhelm Schneegans: Geschichte des Nahethals nach Urkunden und Sagen. 3. Aufl. Reinhard Schmithals, Kreuznach 1889, S. 31 Anm. ** (Google-Books). ein reformiertes Gymnasium („Pädagogium“) für die Vordere Grafschaft Sponheim errichtet, das die Lateinschule ablöste. Die Errichtung des Kreuznacher Gymnasiums fand in der Grabrede des kurpfälzischen Rates Wilhelm Roding (1549–1603) auf Friedrich III. Erwähnung.Wilhelm Roding: Oratio Funebris In Laudem Friderici Pii. S. R. Imperii Septemviri, Comitis Palatini ad Rhenum Ducis Bavariae. Johann Mareschall, Heidelberg 1577, S. 21 (www.digitale-sammlungen.de der Bayerischen Staatsbibliothek München); Gustav Wulfert: Das gelehrte Schulwesen Kreuznachs in geschichtlichen Umrissen. In: Programm des Königlichen Gymnasiums zu Kreuznach … zu der Gedenkfeier des 50jährigen Bestehens der Anstalt. R. Voigtländer, Kreuznach 1869, S. 18. 350px|mini|Auszug aus Stauronesus Vangionum illustrata (Übersetzung → Johannes Beusler) Der Mainzer Professor Johannes Beusler (* um 1498; † 1581) schenkte dem Gymnasium zwischen 1566Catalogus sive Index omnium meorum Ioannis Beusleri, Artium & Sacrarum LL. Doctoris, librorum, quos pecunia, meis laboribus aquisita, comparavi, tam in Philosophia, utroque Iure, quam sacra Theologia, Conscriptus Anno 1566. In Septembri. und 1571/72Kaspar Stemper: Stauronesus Vangionum illustrata. Augustin Kolbe, Marburg 1577, Blatt F1 (Gedicht über seine Kreuznacher Schola). seine umfangreiche Büchersammlung, die philologische, historische, philosophische, theologische, juristische und medizinische Werke enthielt. Viele der Bücher und der Bibliothekskatalog gelangten 1623 mit der Bibliotheca Palatina als Raubkunst aus der kurfürstlichen Bibliothek in Heidelberg, wohin sie 1601 überführt worden waren, nach Rom in die Vatikanische Bibliothek.

Von anderer Hand wurde hinzugefügt:

Einer der ersten Lehrer war 1568 Thomas Poppel († 1583/84)Auch Poppelius oder Boppelius; Beiträger zu Johannes Posthius; Epithalamia In Nvptias Clarissimi Viri Paschasii Brismanni Perlebergensis, Ivris Vtrivsqve Doctoris, Poetae Lavreati, Et Imperialis Camerae Advocati, Sponsi, & virginis genere animiq[ue] donis florentissimae Florentinae, consultissimi viri D. Martini Reichardi, I. V. L. & Imp. Cam. Advocati filiae, Sponsae. Bernhard Albinus, Speyer 1582, und zu J. Posthius (Hrsg.): Parergorum poeticorum … pars altera, nunc recens edita cum Adoptivis. 2. Aufl. Hieronymus Commelin, Heidelberg 1595, S. 198 (Digitalisat der Universitätsbibliothek Mannheim) (1. Aufl. Heinrich von Aich, Würzburg 1580); Epigrammata Ludovici Comiti palatini ad Rhenum Electore inscripta, Thomas Poppelius Belchrysius curabat, o. O. 1581. aus Beilngries (Belchrysius, Belchrysinus). Er widmete den fürstlichen Stiftern der Schule und dem Kreuznacher Stadtrat 1575 einen neulateinischen Gedichtband über Musentum und Barbarei.Thomas Poppel: Epistolae dvae. Altera Mnemosyne ad Barbariem. Altera Barbariae ad Mnemosynem. Ad Illvs. Principes Fridericvm Pal. Rhe. … et Dvcem Philippvm March. Bad. &c. super schola apud Crucenacenses nuperrimè ab ipsis instituta. Elegiaco carmine conscriptae à Thoma Poppelio Beilngrisiensi. In gratiam magnifici senatus ciuitatis Crucenaci. Johann Meier, Heidelberg 1575 (Google-Books). In dem Werk werden Johannes Beusler und viele Kreuznacher Honoratioren als Förderer der Schule und Schutzherren (patroni) der Stadt angesprochen: Stadtschultheiss (praetor nostrae urbi) Lic. Ludwig von Ortenberg (* um 1525; † nach 1578), Oberamtmann (praefectus) Nikolaus II. Schenk von Schmidtburg (* um 1534; † 1599), Truchsess Severin Sauer († 1585/87), Landschreiber Ludwig Meyer,Aus Mönchsroth-Ditterstetten, 1564 Keller zu Kreuznach, 1564, 1577 badischer Landschreiber zu Kreuznach; Landeshauptarchiv Koblenz (Bestand 33 Reichsgrafschaft Sponheim, Nr. 16913 und Nr. 20232), lehnte 1566 als Vertreter des Markgrafen einen „zwinglischen Bildersturm“ bei den Klostersäkularisierungen ab. Sebastian Meyer, auch Sebastianus Marius, ebenfalls aus Ditterstetten, Lic. jur. utr., war 1564 Schultheiß von Kreuznach und Rat von Haus aus des Pfalzgrafen Georg von Simmern. der markgräflich badische (Ober-)Amtmann Georg Wilhelm von Sötern († 1593), die Pfarrer Christoph Stollberger (* um 1530/35; † 1583)Aus Frankenhausen, 1553 immatrikuliert in Wittenberg, 1555 Pfarrer und Superintendent in Kreuznach, als Lutheraner 1557 von der reformierten Kurpfalz vertrieben, von Baden gestützt, ab 1577 Superintendent in Sobernheim. und Peter Hübener,Aus Hirschberg, 1550 immatrikuliert in Heidelberg, 1573 zweiter Pfarrer in Kreuznach, 1577 wegen Calvinismus entlassen. die Stadtärzte Erhard Neuphart (* um 1517; † um 1597)Siehe →Carsilius Baier von Bellenhofen. und Philipp Schopf (* um 1540/45; † 1596) sowie der Pfalz-Simmerer Rat Petrus SirckAuch Peter Lauer von Sierck, gelehrter juristischer Lizentiat, seit 1548 Trierer Ratsschöffe, Schwiegersohn des Bürgermeisters Johann Steuß († vor 1588 in Dusemond), 1558 Korrespondenzpartner von Johannes Calvin, 1559 Mitstreiter von Caspar Olevian, fand nach Verhaftung, Prozess und 1560 Verbannung aus Trier offenbar Aufnahme in der Pfalz, vgl. Karl Rudolf Hagenbach (Hrsg.): Leben und ausgewählte Schriften der Väter und Begründer der reformirten Kirche, Bd. VIII C. Olevianus und Z. Ursinus. R. L. Friderichs, Elberfeld 1857, bes. S. 55 (Google-Books).Am 13. April 1580 wurden die beiden miteinander verschwägerten Räte Lic. jur. Peter Sirck und Dr. Gabriel Seel († 1596 ) – beides Glaubensflüchtlinge – von Pfalzgraf Reichard von Simmern-Sponheim zu seinen Vertretern auf dem Rechtstage zu Zweibrücken ernannt, den Herzog Johann I. von Pfalz-Zweibrücken als kaiserlicher Commissarius in der Streitsache wegen des Kumbder Gerichts angesetzt hatte; Landesarchiv Speyer (Bestand A 1 Kurpfalz, Urkunden, Nr. 483). und Anton Winder (* um 1535/40; † nach 1600),Aus Kreuznach (GND=119871904); am 21. April 1556 als „Antonius Vuinderus Creutznachzensis“ immatrikuliert in Marburg, 1562 wahrscheinlich als Antonius Hybernius (Winter) zum Schreiber am hessischen Hof in Marburg bestellt, rechnete um 1565 mit Entlassung, 1566 hessischer Sekretär, 1575 Gesandter in Regensburg und beim Kurfürstentag zu Nürnberg, vielleicht Beiträger zu: Rudolph Goclenius, Johannes Jakob Huber, Johannes Lanius, Johannes Rudolf Lavater, Anton Winter: Theses philosophicae. Kaspar Scheffer, Marburg 1600.Ein Namensvetter Anton Winther (* 1540; † um 1633/34) aus Hersfeld (GND=124497934 und 124498876; am 15. November 1556 in Marburg immatrikuliert als „Antonius Hybernius Rotenburgensis“, Sohn des Superintendenten Justus Hybernius) ist Verfasser der juristischen Arbeit Antonius Vuinterus (junior) Hirsfeldensis: Assessor, sive consiliarius iudicialis, Bd. I und II. Johann Carolus, Straßburg 1615–1617 und Tübinger Dr. jur., Professor und Präses bei: Anton Winter, Christian-Heinrich Podewils: Disputatio Iuridica, De Maioribus Regalibus. Theodor Werlin, Tübingen 1619 u. a., ab 1613 Assessor und Advokat am Hofgericht zu Tübingen, 1621 in sachsen-coburgische Dienste getreten, konvertierte in Bamberg zum Katholizismus, 1629 Kanzler in Bamberg, von Kaiser Ferdinand III. 1631 als Präsident der Bamberger Malefizkommission eingesetzt.Ein „Jakob Winter von Kreuznach“ (vielleicht aus dem Pfälzer Adelsgeschlecht von Winter) wird 1507 als Rat des Kurfürsten Philipps von der Pfalz erwähnt; Staatsarchiv Amberg (Fürstentum Obere Pfalz, Kloster Ensdorf, Urkunde 591). 1604 immatrikulierte sich „Antonius Winderus Crucenacensis“ (ein Neffe Antons?) minderjährig in Heidelberg. Magister in siebenfältiger Kunst.„septena … Magister in arte“; Bl. B4–C1 (Google-Books). Stollberger und SchopfAlbert Rosenkranz: Geschichte der evangelischen Gemeinde Kreuznach. Ev. Kirchengemeinde, Kreuznach 1951, S. 21. und nach Poppels Andeutung (inspectio ludi) anscheinend auch der Jurist Sirck nahmen als Scholarchen (Schulpfleger) die Schulaufsicht wahr.

Poppel war Lehrer in Oppenheim gewesen, war seit 1568 Diaconus in Kreuznach und wurde ab 1577 Pfarrer der Pfarrkirche St. Sebastian in Oppenheim. Um 1573 wird der Rektor Henrich Bock aus Beelen („Belanus“) erwähnt.

Unter Kurfürst Ludwig VI. von der Pfalz wurde die Schule 1576 kurzzeitig lutherisch. Um 1587 wurde der lutherische Rektor Michael Schweicker († nach 1602) jedoch von den reformierten pfälzischen Räten abgesetzt und fand mit vielen seiner adeligen und bürgerlichen Schüler, die mit ihm die Kreuznacher Schule verließen, Aufnahme in der Lateinschule Weilburg.Nikolaus Gottfried Eichhoff: Geschichte des Herzoglich-Nassauischen Landesgymnasiums in Weilburg. L. E. Lanz, Weilburg 1840, S. 26f und 28f mit Namensliste (Google-Books).

Insgesamt hatte das Gymnasium vier Schulmeisterstellen.J. F. Gerhard Goeters: Die Reformation in Kreuznach. In: Hans-Christian Brandenburg, Johannes Polke (Hrsg.): 425 Jahre Reformation An Nahe und Glan (Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte 74). Rheinland-Verlag, Köln 1983, S. 21. Die Besoldung der Lehrer erfolgte aus den Einkünften, die dem aufgehobenen Karmelitenkloster zugestanden hatten. Neben dem Gymnasium bestanden eine städtische deutsche Elementarschule und eine Mädchenschule mit einer „Schulfrau“.

Nach der Eroberung Kreuznachs 1620 durch spanische Truppen wechselte das Gebäude mehrfach den Besitzer. Von 1623 bis zur schwedischen Eroberung 1632 und ab der Rückeroberung durch kaiserliche Truppen 1635/36 hatten es die Karmeliter wieder in ihrem Besitz.Gondulf Mesters: Die rheinische Karmeliterprovinz während der Gegenreformation (1600-1660). (Quellen und Abhandlungen zur Mittelrheinischen Kirchengeschichte 4). Jaeger, Speyer 1958, S. 26f (Digitalisat des Landesbibliothekszentrums Rheinland-Pfalz Koblenz). Johann Leonhard Weidner beklagte 1644 neben dem Niedergang anderer Schulen auch den der „particulier Schulen zu Creuznach“.Johann Leonhard Weidner: Teutscher Nation Apophthegmatum, Bd. IV. Ludwig und Daniel Elzevier, Amsterdam 1655, S. 53f (Google-Books). In den 1650er Jahren scheiterte ein Versuch der Franziskaner, in der überwiegend reformierten Stadt Kreuznach eine katholische Schule zu gründen. Nachdem Ludwig Philipp von Pfalz-Simmern (1602–1655) die Karmeliter wieder vertreiben wollte, erhielten sie das Klostergebäude 1652 auf Druck des Markgrafen Wilhelm von Baden (1593–1677) endgültig zurück. Bei dem Vergleich, der 1661 bestätigt wurde, wirkten der tolerante Mainzer Erzbischof Johann Philipp von Schönborn (1605–1673) und Landgraf Georg II. von Hessen-Darmstadt (1605–1661) als Vermittler.