miniatur|rechts|Fassade des Gebäudekomplexes an der Piazza del Duomo miniatur|rechts|Santa Maria della Scala, vom Ortsteil San Prospero aus gesehen (Westseite), links die Fassade des Doms miniatur|rechts|Rückseite des Gebäudes, im Hintergrund der Campanile des Doms miniatur|rechts|Wappen von Santa Maria della Scala am Hauptportal, links unten das Stadtwappen von Siena (Balzana), rechts unten der Löwe der Provinz Siena
Santa Maria della Scala ist ein ehemaliges Hospital (Ospedale di Santa Maria della Scala), Hospitium, Waisenhaus, Xenodochium, eine ehemalige Pilgerherberge und heutiger Museumskomplex (Complesso museale di Santa Maria della Scala) in Siena. Das Gebäude enthält wertvolle Biforen, Fresken, Lünetten, Reliefe, Säulenjoche, Skulpturen und Leinwandgemälde bedeutender Künstler seit dem 11. Jahrhundert und hat eine mehr als tausendjährige Geschichte.
Geografie Der Haupteingang liegt an der Piazza del Duomo (Domplatz) gegenüber dem Dom von Siena. Der Gebäudekomplex selbst mit seinen fast 350.000 m3 liegt im ältesten Stadtdrittel von Siena im Terzo di Città und verteilt sich dabei über die Contraden Adler (Aquila) und Wald (Selva). Linksseitig der Fassade grenzt das Gebäude mit dem Palazzo Squarcialupi an die Via del Capitano, rechtsseitig mit der Casa del Camerlengo an die Via dei Fusari und rückseitig an die Via del Fosso di Sant’Ansano.
Geschichte Legende und Frühgeschichte Einer Legende nach entstand das Hospital durch einen Schuhmacher (calzolaio) namens Sorore bzw. Beato Sorore, der sein Haus den Pilgern und Kranken zur Verfügung stellte. Er soll 832vgl. Vigni, S. 8. geboren und 898 gestorben sein. Seine Mutter soll am Tag vor seiner Geburt einen Traum (sogno della madre di Sorore) gehabt haben, in dem ihr Sohn eine Leiter zum Himmel ersteigt. Damit wurde die Herkunft des Namens erklärt. Die Herkunft des Namens Sorore ist unbekannt, scheint aber schon um 1440 gebräuchlich gewesen zu sein. Bei Ausgrabungen 1492 wurde eine gut erhaltene Leiche gefunden und dem Sorore zugeschrieben. Die Legende mit Lebensdaten und Lebensumständen dagegen scheint durch den dominikanischen Ordensbruder Gregorio Lombardelli entstanden zu sein, der 1585 seinen Text La vita del beato Sorore da Siena, fondator del grande ospedale di Santa Maria della Scala mit der (wahrscheinlich erfundenen) Legende veröffentlichte.vgl. Pecci 1756, S. XX f.
Erste Arbeiten an dem Gebäudekomplex fingen im 9. Jahrhundert durch Seneser Kanoniker an. Erstmals schriftlich erwähnt wurde das Gebäude am 29. März 1090 in einem Pergament, in dem ein Ehepaar einige Grundstücke dem Rektor Alberico vermachte. Zuerst wurde es als Hospiz benutzt, doch bereits im 10. Jahrhundert zudem als Hospital. Zu dieser Zeit gehörten zum Gebäude das Atrio und der erste Pellegrinaio (heutige Chiesa dell’Ospedale). Der Name des Gebäudes bezieht sich im ersten Teil (Santa Maria) auf den der Santa Maria Assunta geweihten Dom, der zweite Teil (della Scala) auf die zum Dom führende Treppe vor der Hauptfassade des Gebäudes. Hierbei ist nicht gesichert, ob sich die Leiter im Wappen auf den Traum der Mutter des Sorore oder auf den Dom bezieht. Die ersten Privilegien erhielt das Ospedale durch Papst Coelestin III. am 15. und 17. Juni 1194. Dadurch entfernte sich das Hospital nach zehnjährigem Streit von den Kanonikern und wandte sich einer selbstbestimmten, laizistischen Richtung zu. Erster Rektor wurde 1295 Incontrato degli Incontrati, der am 26. August des gleichen Jahres Gebietsankäufe bei Vallepiata (Piazza della Selva) tätigte. Diese setzten sich in den Amtszeiten von Cacciaconte di Berengario (1218–1243) und Ranieri di Stefano di Caccianieve (1243–1262) weiter fort. Der erste Friedhof des Hospitals (1215 dokumentiert) war der Raum zwischen dem Haupteingang und dem im Bau befindlichen Dom, der heutige Domplatz. Nach der Fertigstellung des Doms und der Domtreppe wurde der Platz im 13. Jahrhundert gepflastert und von der Stadt Siena als Ort der Repräsentation genutzt. 1250 wurde der erste Pellegrinaio in die (erste) Chiesa dell’Ospedale umgebaut. Als neuer (zweiter) Pilgersaal wurden die Säle Sant’Ansano und San Galgano dem Gebäudekomplex angefügt. Beide waren vorher eigenständige Häuser. Rechtsseitig der Fassade wurde 1290 der Palazzo del Rettore (Rektorenpalast) unter dem Rektor Orlando di Guglielmo da Chiusure (1286–1294 im Amt) und linksseitig 1298 die Casa delle Balìe (Ammenhaus) durch den Rektor Ristoro di Giunta Menghi in den Komplex eingegliedert.
Statuten und Expansion (Mittelalter) Erste schriftliche Regeln entstanden in den 1280er Jahren, betrafen aber zumeist Regeln, die das Zusammenleben und Verhalten im Orden definierten. Die ersten schriftlichen Statuten gaben sich die Ordensbrüder um 1299. Das Werk Ordo seu religio fratum hospitalis beate Marie virginis gloriose ante gradus maioris ecclesie Senesis in lateinischer Sprache entstand, um sich vor einer Einflussnahme der Republik Siena zu schützen. Die Regierung der Neun (Neunerrat, auch Governo dei nove) von Siena hatte schon 1295 begonnen, den Orden zur Buchhaltung und Rechenschaft gegenüber der Biccherna (eine Art Finanzamt und/oder Registratur) zu verpflichten. Im Mai 1305 wurden dann die Statuten in Volgare und in Latein veröffentlicht. Die in Volgare geschriebenen Statuten (Statuto dell’ospedale di Santa Maria Vergine di Siena dell’anno MCCCV) gehören damit zu den ersten Statuten in dieser Sprache (nach dem Breve di Montieri ,Mario Aschieri: Siena e la città-stato del medioevo italiano. Betti Editrice, Siena 2004, ISBN 88-7576-011-X, S. 68 f. aber noch vor den Statuten der Stadt Siena, die erst 1310 in Volgare erschienenMario Aschieri, Cecilia Papi: Il Costituto del Comune di Siena in volgare (1309–1310). Aska Edizioni, Florenz 2009, ISBN 978-88-7542-144-1.). Die Statuten von 1305, an denen auch Augustinus Novellus mitwirkteAlfonso De Romanis: AGOSTINO NOVELLO, beato. In: Enciclopedia Italiana (1929), definierten erstmals schriftlich die Rollen des Schatzmeisters (Camerlengo), des Notars und des Schriftführers. 1309 und 1318 wurden die Statuten erneuert und erweitert. Die Statuten von 1318 legten dem Rektor auf, vor Amtsannahme seinen gesamten Besitz der Gemeinschaft zu vermachen. Zudem wird erstmals die Institution des Speziale (Apotheker) erwähnt. Von 1305 bis 1404 wurden die Rektoren von Santa Maria della Scala von der Bruderschaft gewählt, danach von der Stadt Siena benannt. Dies erforderte ein Mindestalter von vierzig Jahren, die Amtszeit war bis zum Lebensende. Rektor war von 1404 bis 1410 Paolo di Paolo Serfucci, ihm folgte Carlo di Angiolino Bartoli (* ?; † 12. September 1444). Einfluss auf die Ernennung der Rektoren hatte aber schon vor 1404 die politische Situation in der Stadt. So wurde im Juni 1357 der dem Neunerrat (bis 1355 an der Regierung) nahestehende Rektor Cione di Mino Montanini kritisch gesehen und durch den dem Zwölferrat bequemeren Andrea Tori ersetzt.
Ab dem Ende des 13. Jahrhunderts expandierte das Hospital sowohl außerhalb wie auch innerhalb des eigenen Territoriums. Außerhalb, im Umland von Siena, entstanden sogenannte Grancie, befestigte Lagerhäuser, um den Bewohnern eine autonome Nahrungsversorgung sowie finanzielle Einnahmen zu verschaffen. Innerhalb begannen erhebliche Aus- und Umbaumaßnahmen am Gebäude, die in den 1330er Jahren den heutigen Pellegrinaio entstehen ließen. Die Hauptfassade mit den Biforen wurde im 13. Jahrhundert begonnen und 1335 von Ambrogio und Pietro Lorenzetti sowie Simone Martini mit Fresken verziert (Storie della Vergine, heute nicht mehr sichtbar). Das dritte (vom Domplatz sichtbare) Stockwerk mit den fünf Biforen rechtsseitig des Hauptportals entstand von 1300 bis 1350. Im 14. Jahrhundert wurden zudem weitreichende Veränderungen innerhalb der Struktur durchgeführt. So entstand in dieser Zeit der Fienile, zudem wurde der Palazzo Squarcialupi 1338 linksseitig angebaut und im untersten Stockwerk der Verbindungsgang Chiasso di Sant’Ansano mit einem Gewölbe überdacht. Am Ende des 14. Jahrhunderts wurden der Passagio und die Sala San Pio hinzugefügt. Rektor Andrea Tori erwarb 1359 die Reliquien der Corticella. Von 1445 bis 1447 entstand die Cappella del Sacro Chiodo (Alte Sakristei) auf Veranlassung des Rektors Giovanni di Francesco Buzzichelli (1428–1444), um die Reliquien auszustellen. Ihm folgten Urbano di Pietro del Bello (1444–1450) und Pietro di Niccolò Bolgarini (1450–1456). Von 1467 bis 1471 wurde dann die gesamte Fassade mit einem dritten Stockwerk und zehn Fenstern ausgestattet (Rektor von 1456 bis 1476 war Niccolò di Gregorio Ricoveri). Die politischen Spannungen in Siena unter der Herrschaft von Pandolfo Petrucci wirkten sich auch auf das Hospital aus, so dass der 1479 gewählte Rektor Salimbene Capacci (* 1433; † 1497) bereits 1480 nach Camerino fliehen musste und durch den den Noveschi nahestehenden Cino di Cecco Cinughi ersetzt wurde. Ab 1483 konnte Capacci sein Rektorat fortführen. Nach dem Ende der Republik Siena 1555 wurden 1575 die Grancie von Serre di Rapolano unter dem Rektor Claudio Saracini wieder aufgebaut, danach führte Ferdinando I. de’ Medici von 1591 bis 1599 weitreichende Reformen ein, die zum Rektorat von Agostino d’Agostino Chigi (23. Juni 1563–16. Juni 1639, im Amt von 1598 bis 1639) aus der Familie der Chigi führten. Seiner dreiundvierzigjährigen Amtszeit folgten Lorenzo Docci (1639–1660) und Niccolò di Carlo Rocchi, der vom 11. August 1660 bis zu seinem Tode am 27. Juni 1667 im Amt war.Peter Anselm Riedl, Max Seidel (Hrsg.): Die Kirchen von Siena. Band 1,1 (Abbadia all’Arco–S. Biagio), Bruckmann Verlag, München 1985, ISBN 3-7654-1941-9
Neuzeit und Entstehung des Museums Letzte größere Hinzufügungen an das Gebäude entstanden 1723 mit dem zweistöckigen rechten Teil des Komplexes, der an die Via dei Fusari grenzt. 1886 wurde Santa Maria della Scala Poli- und Universitätsklinikum. Im Krankenhaus starb am 19. September 1985 der italienische Schriftsteller Italo Calvino. Das neue Seneser Krankenhaus Policlinico Santa Maria le Scotte entstand in den 1980er Jahren. Mit der Fertigstellung der ersten beiden Bauabschnitte 1984 zog das Krankenhaus nach und nach in das neue Gebäude um, so dass für Santa Maria della Scala Pläne zur Restaurierung und zur Umwandlung in einen Museumskomplex entstanden. Die Ausschreibung der Stadt Siena gewann 1993 der Architekt Guido Canali aus Parma. Das Museo Archeologico Nazionale di Siena zog bereits 1993 ein, und 1995 konnte der Pellegrinaio dem Publikum freigegeben werden. Mit der Vollendung des dritten und vierten Bauabschnitts des neuen Poliklinikums zogen 1996 die letzten medizinischen Abteilungen aus dem Gebäude aus, und weitere Räume konnten restauriert und zugänglich gemacht werden. 1999 konnten die Mumien des Rektors Salimbene Capacci, seiner Frau Margherita Sozzini und die des Schriftstellers Girolamo Macchi († 1734) in der Sakristei freigelegt werden. Die letzte Freigabe eines Teilstückes fand 2003 mit der Eröffnung des Palazzo Squarcialupi statt. Zurzeit sind etwa 18.000 m2 zugänglich.
Künstler Im Gebäudekomplex befinden sich Werke von Pietro Aldi, Andrea di Bartolo, Domenico di Bartolo, Taddeo di Bartolo, Bartolo di Fredi, Girolamo di Benvenuto, Benvenuto di Giovanni, Domenico Beccafumi, Alessandro Casolani, Sebastiano Conca, Giacomo Cozzarelli, Guidoccio Cozzarelli, Ciro Ferri, Antonio Federighi, Sebastiano Folli, Francesco di Giorgio, Giovanni di Paolo, Jacopo di Mino del Pellicciaio, Ambrogio Lorenzetti, Pietro Lorenzetti, Rutilio Manetti, Simone Martini, Matteo di Giovanni, Bernardino Mei, Giuseppe Nicola Nasini, Paolo di Giovanni Fei, Astolfo Petrazzi, Jacopo della Quercia, Priamo della Quercia, Francesco Rustici, Simondio Salimbeni, Ventura Salimbeni, Sano di Pietro, Tito Sarrocchi, Sodoma, Pietro Sorri, Luca di Tommè, Andrea Vanni, Francesco Vanni, Lippo Vanni, Vecchietta und weiteren Künstlern.
Innenräume
Atrio
miniatur|rechts|Ehemaliger Haupteingang und Zugang zum Atrio an der Piazza del Duomo