Die evangelische Dorfkirche Kaulsdorf, seit 1912 mit dem Zusatz Jesuskirche, ist ein mittelalterliches Gotteshaus auf dem historischen Dorfanger des Ortsteils Berlin-Kaulsdorf im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Die Kirche wurde in den vergangenen Jahrhunderten mehrfach umgebaut, erweitert und in Teilen erneuert. Sie steht samt ihrer Einfriedung unter Denkmalschutz. Kirchenamtlich gehört sie seit 1945 zur Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Geschichte 1250–1715 Das erste Kirchengebäude an heutiger Stelle wurde um 1250 als einfacher Feldsteinbau im romanischen Stil errichtet. Die Saalkirche besaß eine halbrunde Apsis und war – nach Meinung von Fachleuten – ursprünglich turmlos. Sie erhielt erst im Spätmittelalter einen Fachwerk-Giebelturm für das Geläut aus drei Bronzeglocken. Im Dreißigjährigen Krieg geplündert und durch die Vertreibung der Bevölkerung dem Verfall preisgegeben, wurde die Kirche ab 1656 neu ausgestattet, zwischen 1685 und 1695 instand gesetzt und weiter neu eingerichtet. Der Name des Dorfes zur Kirchenbauzeit ist nicht überliefert, erst eine Urkunde von 1347 nennt Kaulsdorf als „Caulestorp“. Erstes schriftliches Material über die Kirche stammt aus dem Jahr 1450. Die Kaulsdorfer Gemeinde war seit 1412 „Altargut“ der Petrikirche Cölln und ab 1536 der Oberpfarr- und Domkirche Berlin (bis 1945).

1715–1874 In den Jahren 1715/1716 erfolgte ein barocker Umbau, in dessen Folge die zunächst vorhandenen schmalen Rundbogenfenster verbreitert oder zugemauert wurden. Das Kirchendach wurde abgetragen, der Ostgiebel mit der Apsis abgebrochen und die Kirche um etwa sieben Meter nach Osten verlängert. Die Wände des alten Kirchenschiffes wurden vermutlich um ungefähr einen Meter erhöht. Der erste Fachwerkturm war inzwischen „in- und auswendig gantz verfaulet“ und wurde durch einen gedrungenen Giebelturm aus Fachwerk mit Schallluken und einer welschen Haube ersetzt. In das Innere baute man einen neuen Glockenstuhl und ein neues Seigerhaus für die Kirchturmuhr ein. Schließlich wurde noch der Fußboden kleinteilig gepflastert.

1875–1912 Nachdem bereits 1834 der Seidenwirkerlehrling Heinrich Wohler die Kirche mit dem stark geschädigten Turm in einer Zeichnung festgehalten hatte,Die Originalzeichnung der Dorfkirche Kaulsdorf anno 1834 befindet sich heute in der Plankammer in Potsdam. beschloss die Dorfgemeinde Kaulsdorf 1874, eine repräsentative dreiteilige Backstein-Turmanlage im neogotischen Stil zu errichten. Der Königliche Dombaumeister Krüger entwarf den Turmneubau und nahm Anfang Juli 1875 mit dem Maurermeister Gerhardt aus Altlandsberg und dem Zimmermeister Stumpf aus Tasdorf die Arbeit auf. Der baufällige Fachwerkturm und eine hölzerne Trennwand im Inneren der Kirche wurden entfernt und die Südpforten durch einen neuen Haupteingang in der westlichen Giebelwand ersetzt. Die benötigten 67.000 Mauersteine lieferte der Bauerngutsbesitzer Carl Julius Gustav Bausdorf aus seiner Ziegelei auf der Caulsdorfer Feldmark. Und aus der Ziegelei Benno Knape in Oderberg kamen rund 30.000 Verblendsteine. Unter Verwendung der noch brauchbaren Hölzer entstand der neue Glockenstuhl. Die Turm- und Glockeneinweihung konnte Anfang 1876 gefeiert werden. Der steinerne Turm war nun 33 m hoch, besaß vier Dachlukenaufsätze und trug einen schiefergedeckten achteckigen Turmhelm. Die Bekrönung bestand aus einer Stange mit vergoldetem Turmknopf, Wetterfahne und schmiedeeisernem Kreuz. Kirche Kaulsdorf mit der Turmumbauaktion 1875, ehem. Homepage der EKBO, abgerufen am 14. September 2011.

1912–April 1945 mini|Westportal

Die rasche Bevölkerungszunahme in Kaulsdorf am Beginn des 20. Jahrhunderts führte zur Notwendigkeit, in der Kirche mehr Sitzplätze zu installieren, also wiederum einen Umbau vorzunehmen. So wurde ab 1912 nach dem Bericht des mit der Bauleitung beauftragten Regierungs- und Baurates Bernhard Hoffmann das Kirchendach „ohne Umdecken um rund 1,30 m gehoben“, die Langhauswände und die vorhandenen acht Fensteröffnungen wurden dementsprechend ebenfalls erhöht. Die ehemals nur mit Brettern verschalte Decke wurde anschließend verputzt und mit einer Voute entstand der Wandanschluss. Die Wandversätze von 1716 wurden abgeschrägt und mit Engelsflüchten verziert. Der nach dem Turmbau von 1875 noch erhaltene Giebelrest auf der Westempore wurde nun komplett beseitigt. Das Westportal erfuhr im Innern eine Verbreiterung, die Fenster erhielten neue farbige Verglasungen und eine neu gebaute Orgel der Gebrüder Dinse wurde installiert. Den nördlichen Anbau verwandelte man in eine benutzbare Sakristei zurück; er bekam einen separaten Eingang. Nach der Fertigstellung des Umbaus erhielt der Sakralbau bei der erneuten Einweihung am 8. Dezember 1912 den Namen Jesuskirche.

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, am 22. April 1945, wurde die Kirchturmspitze von deutschen Flakhelfern vor dem Einmarsch der Roten Armee nach Berlin abgeschossen.

Mai 1945–1991 Nach Kriegsende wurde die zerstörte Kirchturmspitze durch ein schlichtes Dach in Zeltform ersetzt. Im Jahr 1964 erhielt das Kirchenschiff einen neuen Außenputz und die Fensterrahmen wurden ausgetauscht. Zwischen 1979 und 1981 erfolgte eine Generalinstandsetzung, bei der die Behelfsturmspitze erneuert, mit Zinkblech gedeckt und ihr ein feuerverzinktes Kreuz aufgesetzt wurde. Auch das Umfeld der Kaulsdorfer Kirche wurde bei dieser Gelegenheit neu gestaltet.

Das Gebäude blieb in diesem Zustand bis nach der politischen Wende und diente den rund 3000 Mitgliedern der evangelischen Gemeinde für ihre Gottesdienste.

Ab 1991 Nun konnten schrittweise bauliche Erneuerungen vorgenommen werden: die Dächer erhielten neuen Schiefer in altdeutscher Deckung, das Langhaus wurde saniert und frisch gestrichen.

Wiederaufbau der Turmspitze

Im Ergebnis einer Spendensammlung, initiiert von der Firma Schilkin, dem Heimatverein Hellersdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf e. V. und der Wohnungsbaugesellschaft Hellersdorf, kamen 1999 die benötigten Mittel (etwa 500.000 Mark) für einen Wiederaufbau der Turmspitze mit ihrer historischen neogotischen Haube zusammen.

mini|Turmdach-Provisorium (1945–1999), seit dem 21. Jahrhundert auf dem Spielplatz der Kindertagesstätte

An den Projektierungen und Ausführungsplanungen, bereits 1998 begonnen, beteiligten sich die Kunsthistorikerin Sylvia Müller, die Denkmalschützer Christa Heese und Lothar Herrmann sowie der Architekt Klaus Schaffrick und die Firma Hoch- und Tiefbauplanung Schröder. Die Arbeiten wurden an neun verschiedene Firmen der Region vergeben und von dem Gemeindemitglied Joachim Klee koordiniert. Das rund 50-jährige Dachprovisorium wurde auf Vorschlag der Architekten im evangelischen Kindergarten als Baldachin wieder aufgestellt. Das Richtfest fand am 10. August 1999 statt und am 2. Oktober 1999 konnte der Abschluss der Arbeiten feierlich begangen werden.Infoheft Jesuskirche Berlin-Kaulsdorf, 2. Oktober 1999, Heimatverein Hellersdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf e. V. (Hrsg.), November 1999.

Baubeschreibung

Kirche Der Grundriss der Kirche ist rechteckig mit einer Länge von rund 25 Metern und einer Breite von etwa elf Metern. Das Fundament besteht aus unregelmäßig geschichteten, unbehauenen oder gespaltenen Feldsteinen unterschiedlicher Größe. Das Gebäude trägt ein schiefergedecktes abgewalmtes Satteldach. Der Kirchenhauptraum hat glatt verputzte Wände und besitzt einen nördlichen quadratischen und einen südlichen rechteckigen Anbau. Im Jahr 1875 ließ die Gemeinde nach einem Entwurf des Baurates Georg Erbkam vor der Westfassade des Gotteshauses einen Kirchturm im neogotischen Stil errichten.

mini|Hochzeitspforte

1880, nachdem der neue Turm fertiggestellt war, erhielt die Kirchenumfriedung einen neuen Eingang, der seit 1929 als Hochzeitspforte dient. Paare, die ihre kirchliche Trauung vollziehen lassen, treten durch dieses Portal aus dem Gotteshaus heraus und passieren dabei die doppelten Pfeilerpaare. Auf den Innenpfeilern stehen gusseiserne Kreuze, die durch einen Bogen miteinander verbunden sind, den mittig ein vergoldeter Stern schmückt. Das zweiflügelige Tor ist eine kunstvolle Schlosserarbeit.

Die 1999 rekonstruierte Turmspitze orientiert sich an den Originalfarben von 1875 und fällt durch hellere Materialien auf das Kirchengebäude auf.

Turm mini|hochkant|Erneuerte Turmspitze

Der Turm und die zwei Seitenhäuser wurden 1875 in der heutigen Form vor dem Westgiebel des Kirchengebäudes errichtet. Der Turm selbst besitzt einen quadratischen Grundriss.

Auf Höhe der Läuteetage werden seit dem 2. Juli 2000 drei Räume sowie eine ehemalige Dachkammer als Turmmuseum genutzt: In der Geschichtskammer gibt es wechselnde Ausstellungen. In der Glöcknerkammer befinden sich Tafeln zur Bau- und Ausstattungsgeschichte der Kirche, historische Urkunden und Glockendarstellungen. Im dritten Raum, in der Kunstkammer sind sakrale Exponate zu sehen, darunter Evangeliarien, Bibeln und Gesangbücher (ab 1793), eine aus einem einzigen Eichenstamm gefertigte Truhe aus der Zeit um 1470Joachim Klee: 25 Jahre Turmmuseum der Jesuskirche in Berlin-Kaulsdorf: Vielfache Kompetenz und guten Zusammenarbeit legten die Grundlage, veröffentlicht in Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg (Hrsg.): Offene Kirchen 2025: Kirchen – 80 Jahre nach Kriegsende, S. 68 und 69., eine historische Koffertruhe (als ehemalige Kirchenschatulle), vier Totenkronenbretter mit Konsolen aus dem 18. Jahrhundert, das mechanische Uhrwerk aus der Turmuhr von 1875 sowie der um 1920 ergänzte elektrische Aufzugsmechanismus, Auszüge aus dem ältesten Kaulsdorfer Gesamtkirchenbuch und dem ältesten Kirchenrechnungsbuch von 1685–1822/1823 und anderes. Ergänzend fungiert noch der Kirchendachboden als Nebenraum des Turmmuseums. Hier, unter den erhaltenen Originalteilen des Dachstuhls von 1716, gibt es ein Doppel der Befüllung des vergoldeten Turmknopfes von 1999 sowie ein Kirchenmodell und einige Pfeifen der Dinse-Orgel. Einige Tafeln früherer Ausstellungen stehen ebenfalls in diesem Raum. Der Zugang zum Museum erfolgt vom Kirchenvorraum aus. 10 Jahre Turmmuseum zu Kaulsdorf.

Ausstattung

Altar mini|hochkant|links|Altar und Altarfenster

Der Kircheninnenraum ist reich ausgestattet. Der Altar mit seinem Retabel wurde 1656 als erstes Ausstattungsstück nach dem Dreißigjährigen neu errichtet. Die zugehörigen Bilder zeigen die Auferstehung Christi und die Himmelfahrt Christi. Zum Altarretabel gehören Medaillons und eine Predella unter anderem mit dem Abendmahl Jesu. Fachleute identifizierten den Kirchenliederdichter Paul Gerhardt unter den dargestellten Personen. In der Folge wurde das Altarretabel mehrfach, zuletzt 1912, an die veränderten Raumhöhen angepasst. 1957–1958 erhielten die marmorierten Altarsäulen einen grauen Anstrich und die seitlichen Altarschranken mit den Kniebänken (Kommunionschranken) wurden beseitigt.

Kirchenfenster mini|hochkant|Figürliche Darstellung aus einem Altarfenster