mini|Wolfgang Beltracchi (2024) Wolfgang Beltracchi (* 4. Februar 1951 in Höxter als Wolfgang Fischer) ist ein deutscher Maler und ehemaliger Kunstfälscher. art - das Kunstmagazin, 22. September 2011 Er wurde am 27. Oktober 2011 in einem der größten Kunstfälscherprozesse seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt. Ermittler gehen von einem Betrugsgewinn zwischen 20 und 50 Millionen Euro aus.
Leben mini|Das ehemalige Beltracchi-Haus in Freiburg-Herdern Wolfgang Beltracchi wurde 1951 in Höxter in Nordrhein-Westfalen als jüngstes von fünf Kindern des Kirchenmalers und Restaurators Wilhelm Fischer (1906–1995) und dessen Frau, der Lehrerin Franziska Fischer (1908–1973), geboren und wuchs zunächst in Altenbergen (heute zu Marienmünster) auf. Die Familie zog bald nach Geilenkirchen um, wo er im Alter von 17 Jahren vom Gymnasium verwiesen wurde. Später gab er den Besuch der Werkkunstschule in Aachen auf und begann nach eigenen Angaben ein Wanderleben durch Wohngemeinschaften und Kommunen mit „Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll“.
Wolfgang Beltracchi (damals noch „Fischer“ mit Nachnamen) reiste durch Europa und Nordafrika, verkaufte hin und wieder ein eigenes Gemälde und wurde schließlich auf einem Hof in Viersen sesshaft. 1992 lernte er Helene Beltracchi kennen, sie heirateten 1993. Wolfgang nahm ihren Nachnamen an. 1995 verließen sie gemeinsam mit ihren Kindern Deutschland und lebten bis zur Verhaftung 2010 in Südfrankreich in der Nähe von Montpellier. 2005 kauften die Beltracchis ein Haus in Freiburg-Herdern, wo sie am 27. August 2010 verhaftet wurden. Eigener Aussage zufolge durfte Wolfgang Beltracchi acht Monate nach der Verhaftung erstmals wieder mit seinen Kindern in Kontakt treten.3Sat Dokumentation: Der Meisterfälscher 4: Wolfgang Beltracchi porträtiert Tochter Franziska (Minute 19 von 29)
Während der Haft hatten die Eheleute Beltracchi einen etwa 8000 Seiten umfassenden Briefwechsel, der von der Staatsanwaltschaft mitgelesen wurde.3Sat Dokumentation: Der Meisterfälscher 4: Wolfgang Beltracchi porträtiert Daniel Kehlmann (Minute 12 von 30) Seit ihrem Gefängnisaufenthalt leben die Beltracchis im luzernischen Meggen am Vierwaldstättersee.
Kunstfälschungen Beltracchi hatte über Jahre hinweg Bilder im Stil bekannter Maler wie Heinrich Campendonk, Max Ernst und Max Pechstein, Fernand Léger, André Derain und anderer gemalt.Stefan Koldehoff, Tobias Timm: Wer kennt diese Bilder?, ZEIT Online, 21. November 2011 Indem er die künstlerische Handschrift der Maler übernahm, gelang es ihm, anerkannte Experten zu täuschen und in den Nachahmungen authentische Werke vermuten zu lassen.Wolfgang Beltracchi. Große Kunst auf neue Art und Weise. Handelsblatt online, aufgerufen am 22. Mai 2015 Die ersten Bilder entstanden nach Fotos verschollener Originale, später kamen noch Kreationen hinzu, bei denen Teile verschiedener bekannter Bilder abgemalt und zu neuen Bildern zusammengesetzt wurden. Als Malgrund benutzte er Bilder unbekannter Künstler, die er übermalte. Dabei war wichtig, dass der Malgrund zur Epoche passte. Beltracchi war bereit, hohe vierstellige Beträge für Gemälde zu zahlen, um an die Leinwand zu kommen. Als „großen Glücksfall“ bezeichnet er den Fund eines „leeren“ Bildes, das er für 100 Franc kaufen konnte.Beltracchi selbst im Gespräch mit Otto Waalkes in youtube.com nach 16:50
Die Leisten der Rahmen wurden mit imitierten Aufklebern renommierter Galerien der Vergangenheit dekoriert, als Klebstoff wurde, wie sich später herausstellte, Sekundenkleber benutzt. Den Aufklebern nach wäre so manches Bild durch alle bekannten Galerien jener Zeit gegangen. Der angebliche Aufkleber des Galeristen Alfred Flechtheim war zuvor unbekannt und verschieden von jenem, den Flechtheim tatsächlich benutzte.Alfred Flechtheim – Die Sammlung Jägers Nachdem erste Zweifel aufgekommen waren, legte Beltracchi gefälschte alte Fotos von Arrangements nach, auf denen auch eine von seiner Frau gekaufte Skulptur zu sehen war. Unter diesen Fotos war eines, auf dem seine Frau Helene als ihre eigene Großmutter posierte, und mehrere gefälschte Bilder (die aus deren Besitz stammen sollten) waren an der Wand zu sehen. Damit gelang es, für die Bilder die nötigen Expertisen von anerkannten Fachleuten zu bekommen.Stefan Koldehoff, Tobias Timm: Falsche Bilder, Echtes Geld. Galiani, Berlin 2012, ISBN 978-3-86971-057-0. Laut Aussagen von Beltracchi sei der Kunstmarkt so unersättlich gewesen, dass von Experten als nicht authentisch erkannte Bilder konsequenzlos wieder zurückgegeben worden seien. Dem Verkauf anderer Bilder und der Glaubwürdigkeit der fiktiven Sammlung habe dies nicht im Wege gestanden.
Rechtlich handelt es sich beim Anbringen von falschen Signaturen, Stempeln, Aufklebern etc. auf Kunstwerken um Urkundenfälschung, sofern die Absicht besteht, die Werke später als echt in Verkehr zu bringen oder durch andere in Verkehr bringen zu lassen. Der Verkauf von Kunstwerken mit dem Vorsatz, dass es sich um Fälschungen handelt, kann Betrug sein.
Überführt wurde Beltracchi 2010 durch das Londoner Kunstanalyse-Unternehmen Art Analysis & Research,Alexander Menden: Kunstmarkt. Jagd auf Fälscher. Ein Besuch bei „Art Analysis & Research“, Süddeutsche Zeitung vom 9. Juni 2018 wo gefälschte Kunst mit modernsten Methoden enttarnt wird. Bei einem seiner gefälschten Werke – Rotes Bild mit Pferden – konnte dort moderne Farbe mit Titandioxid nachgewiesen werden, das zu der angegebenen Entstehungszeit der Bilder von Heinrich Campendonk noch nicht verwendet wurde.Das Titanweiß verrät den Fälscher. In: faz.net, 3. September 2010. Beltracchi hatte entgegen seiner üblichen Vorgehensweise, die Farben selbst anzumischen, eine fertige Tube Zinkweiß benutzt, die Spuren von Titanweiß enthielt.Wolfgang Beltracchi: Porträt des genialen Kunstfälschers - web.de Die Enttarnung Beltracchis löste Unsicherheit auf dem Kunstmarkt aus.Kunstfälscher Beltracchi: Oh, wie schön ist Panama. Es herrscht weiter große Unsicherheit auf dem Kunstmarkt, zeit.de vom 25. Oktober 2012Burkhard Müller: Beltracchi, in: Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, März 2015, S. 16.Von Peter Dittmar: Kunstkäufe: Der unsichtbare Markt. Kunstkäufe finden häufig im Geheimen statt. Das fördert illegale Geschäfte. In: zeit.de, 7. September 2017.
Seit seiner vorzeitigen Haftentlassung ist Beltracchi als Künstler mit eigener Handschrift tätig.
Vertrieb der Fälschungen Beltracchi und seine Frau Helene hatten zusammen mit Otto Schulte-Kellinghaus und einer Komplizin die Bilder als Werke der betreffenden Künstler in den internationalen Kunstmarkt geschleust und Preise bis zu einstelligen Millionenbeträgen pro Bild erzielt. Nach eigenen Angaben verkaufte er nie direkt an Museen oder Sammler, sondern an Auktionshäuser, denen er eine Expertise vorwies. Die Fälschungen gelangten vorrangig nach Japan, Frankreich, in die Vereinigten Staaten und nach Großbritannien.Iris Radisch, Adam Soboczynski: „Wir haben den Luxus genossen.“, Interview mit dem Ehepaar Beltracchi, zeit.de, 23. Januar 2014, abgerufen am 25. Februar 2014. Bei den betrügerischen Geschäften gab Beltracchi unter anderem vor, die Bilder stammten aus einer in Wirklichkeit nicht existierenden „Sammlung Werner Jägers“ (Werner Jägers war der Großvater Helene Beltracchis) bzw. einer ebenfalls fingierten „Sammlung Wilhelm Knops“. Unter anderem aus dem Besitz des Kunsthändlers Alfred Flechtheim, so die Geschichte der Fälscher, sollen verschollene Bilder teuer gehandelter Künstler in die Sammlung Werner Jägers gelangt sein.
Auktionshäuser und Galeristen haben aufkommende Zweifel ignoriert und weitere Nachforschungen unterlassen.
Die Staatsanwaltschaft schätzte die Gewinne der Bande auf 16 Millionen Euro.Ralph Gerstenberg: Die Abgründe des Kunstmarkts, Deutschlandradio, 30. September 2012, abgerufen am 12. Dezember 2012 Beltracchi besaß neben seinem Haus in Freiburg auch eines in Mèze, Südfrankreich.Kunstfälscher plant schon sein neues Leben. In: Express vom 27. September 2011
Verurteilung Wolfgang Beltracchi wurde am 27. Oktober 2011 vom Landgericht Köln wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs zu sechs Jahren Haft verurteilt. Helene Beltracchi erhielt eine Gefängnisstrafe von vier Jahren, Schulte-Kellinghaus von fünf Jahren. Den Verurteilten wurde Offener Vollzug gewährt.Niklas Maak: Das Schicksal korrigieren, faz.net, abgerufen am 11. Oktober 2012. Die Beltracchis hatten zu diesem Zeitpunkt bereits 14 Monate in Untersuchungshaft verbracht.Einschluss mit Engeln, buecher.de, abgerufen am 17. Februar 2018.
Wolfgang Beltracchi musste aus seinem Vermögen zwei Millionen Euro Schadensersatz an die von ihm geschädigte maltesische Firma des israelischen Unternehmers Vadim Shulman vom 12. Dezember 2013 Trasteco Limited zahlen, die ein angebliches Campendonk-Gemälde im Auktionshaus Lempertz ersteigert hatte. Das Auktionshaus Lempertz hatte in diesem Zusammenhang bereits 800.000 Euro Kommissionsgebühren an das Unternehmen zurückgezahlt.Kunstfälscher Beltracchi muss selbst zahlen. In: Spiegel Online, 11. Dezember 2012.
Am 9. Januar 2015 wurde Wolfgang Beltracchi vorzeitig aus der Haft entlassen und die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt.
Anzahl der bekannten Fälschungen und Verbleib