mini|Reiner Bredemeyer (1987) Hans Reiner Bredemeyer (* 2. Februar 1929 in Vélez, Kolumbien; † 5. Dezember 1995 in Berlin) war ein deutscher Komponist mit einem Œuvre von mehr als 600 Kompositionen. Er war dreißig Jahre Musikalischer Leiter des Deutschen Theaters Berlin und wurde zu einem der bedeutendsten Theaterkomponisten der DDR.Gerhard Müller: Ein Diogenes. In: Neues Deutschland, 2. Februar 2009. Von 1988 bis 1991 war er Professor und Leiter einer Meisterklasse für Komposition an der Akademie der Künste in Berlin.

Durch das Orchesterwerk Bagatellen für B. (1970) sowie seine Oper erlangte er Bekanntheit im deutschsprachigen Raum. Er komponierte die Musik zu preisgekrönten Filmen wie dem Spielfilm Die Frau und der Fremde (1985), der bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin den Goldenen Bären erhielt. Für seine Verdienste wurde er u. a. mit dem Kunstpreis, dem Nationalpreis und der Ehrennadel des Verbandes der Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR ausgezeichnet.

Leben Herkunft und Breslauer Kindheit Reiner Bredemeyer wurde 1929 als Sohn des deutschen Ehepaars Otto Wilhelm Karl Bredemeyer (* 15. September 1904 in Zwickau; † 23. August 1954 in Frankfurt am MainStandesamt Frankfurt am Main IV, Sterberegister Nr. 1318/1954.) und Erna Frieda Herta Bredemeyer, geborene Knobel (1907–1982), im kolumbianischen Vélez im Departamento de Santander geboren. Der Großvater väterlicherseits stammte aus Sachsen-Altenburg (dem heutigen Thüringen) und war Kaufmann.Standesamt Altenburg, Sterberegister Nr. 1975/1946. Reiner Bredemeyers in Frankfurt (Oder) sozialisierter Vater (zweite Ehe ab 1950) arbeitete seinerzeit als Bauingenieur für die Siemens-Bauunion in Kolumbien.Gerhard Müller: Bagatellen für B. Der Komponist Reiner Bredemeyer. Verlag Neue Musik, Berlin 2022, ISBN 978-3-7333-2756-9, S. 8.

Infolge der Weltwirtschaftskrise stellte das Unternehmen seine Tätigkeit in Südamerika ein und die Familie Bredemeyer kehrte Ende 1930 in ihre deutsche Heimat zurück. Aus beruflichen Gründen zog man 1934 ins schlesische Breslau, wo der Vater einen Job im Tiefbau fand. Die Familie lebte am Dahlienweg,Breslauer Adreßbuch. Unter Benutzung amtlicher Quellen. August Scherl Deutsche Adreßbuch-Gesellschaft m.b.H., Breslau 1936, S. 67. einer Gartensiedlung in Breslau-Gräbschen. Dort besuchte Reiner Bredemeyer die Volksschule und erhielt ab 1936 ersten Klavierunterricht bei der Klavierpädagogin Melida Gerstenberg. Später wurde er auch an der Violine ausgebildet.Gerhard Müller: Bagatellen für B. Der Komponist Reiner Bredemeyer. Verlag Neue Musik, Berlin 2022, ISBN 978-3-7333-2756-9, S. 9. Neben der Musik interessierte er sich auch für die Mathematik, was der Biograph Gerhard Müller (2022) als Voraussetzung für seine spätere Hinwendung zur musikalischen Avantgarde interpretierte. In der Horst-Wessel-Oberrealschule Breslau, einer Städtischen Oberschule für Jungen, gehörte Bredemeyer dem durch Günter Bialas geleiteten Schulorchester an, wobei er dort aufgrund von Einberufungen die Bratschenstimme spielen musste.Gerhard Müller: Bagatellen für B. Der Komponist Reiner Bredemeyer. Verlag Neue Musik, Berlin 2022, ISBN 978-3-7333-2756-9, S. 10. Trotz seiner „allergische[n] Abneigung gegen alles Militärische“ konnte er sich der Hitlerjugend nicht entziehen. Auf Vermittlung von Bialas spielte er als „Pimpf“ in der „Rundfunkspielschar“ des Senders Breslau. Sein Bewerbungsversuch beim Musischen Gymnasium Frankfurt unter Kurt Thomas blieb hingegen erfolglos.

Im September 1944 wurde er für Schanzarbeiten herangezogen. Das „Unternehmen Blücher“ bewahrte ihn ab November 1944 vor dem Fronteinsatz. 1945 geriet er in Bayern kurzzeitig in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft. Mit seinen Eltern im mittelfränkischen Happurg gestrandet, arbeitete der sechzehnjährige Bredemeyer nach Kriegsende zunächst als Hilfsarbeiter. An Gymnasien in Hersbruck und Fürth besuchte er die zehnte und elfte Klasse. Generalmusikdirektor Ewald Lindemann gab ihm in dieser Zeit Instrumentalunterricht. Ende 1946 ging er nach München.Gerhard Müller: Bagatellen für B. Der Komponist Reiner Bredemeyer. Verlag Neue Musik, Berlin 2022, ISBN 978-3-7333-2756-9, S. 12.

Münchner Jahre und erste Erfolge Dort legte er 1948 sein Abitur an der Maria-Theresia-Oberrealschule ab. Wenig später schrieb er sich für Klavier, Dirigieren und Komposition an der Münchner Akademie für Tonkunst ein. 1951 folgte das Staatsexamen. Sein Kompositionslehrer war Karl Höller, dem Bredemeyer allerdings wenig Wertschätzung entgegenbrachte.Gerhard Müller: Bagatellen für B. Der Komponist Reiner Bredemeyer. Verlag Neue Musik, Berlin 2022, ISBN 978-3-7333-2756-9, S. 13.

Viel prägender für seine Entwicklung waren der Komponist Karl Amadeus Hartmann sowie der Philosoph Max Bense und der Dichter Georg Widmaier. So besuchte er in München wiederholt Aufführungen der von Hartmann veranstalteten Konzertreihe musica viva. Die Konzertreihe brachte ihm die Neue Musik von Igor Strawinsky, Béla Bartók, Anton Webern, Edgar Varèse, Charles Ives und Erik Satie näher. 1951 wohnte er einem Konzert bei, das Strawinsky selbst dirigierte. Auf Bense traf er während seiner regelmäßigen Besuche des Arbeitskreises sozialdemokratischer Akademiker.Gerhard Müller: Bagatellen für B. Der Komponist Reiner Bredemeyer. Verlag Neue Musik, Berlin 2022, ISBN 978-3-7333-2756-9, S. 14. Dessen technologische Ästhetik wirkten auf Bredemeyer „wie eine Befreiung aus der Vormundschaft des herrschenden idealistischen Ideengutes“.Gerhard Müller: Bagatellen für B. Der Komponist Reiner Bredemeyer. Verlag Neue Musik, Berlin 2022, ISBN 978-3-7333-2756-9, S. 15. Bredemeyers Freund Widmaier stand für die „Erneuerung der politischen Poesie“.

Gemeinsam mit Josef Anton Riedl war er 1950 Mitbegründer der Deutschen Sektion der Jeunesses Musicales International, dessen Präsident er wurde.Gerhard Müller: Bagatellen für B. Der Komponist Reiner Bredemeyer. Verlag Neue Musik, Berlin 2022, ISBN 978-3-7333-2756-9, S. 17. Mithilfe eines Stipendiums war er 1951 erstmals Teilnehmer des klassisch-modernen Rencontres Internationales des Festivals de Provence in Aix-en-Provence, Arles und Avignon im Südosten Frankreichs, das er bis 1954 regelmäßig besuchen sollte. 1951 wurden hier seine Quatre pièces à 18 mesures uraufgeführt. In Aix ergaben sich viele internationale Musikerkontakte wie mit Luigi Nono und Bruno Maderna.

In der bayerischen Landeshauptstadt wurde er sowohl stilistisch als auch politisch sozialisiert: Anlässlich des zehnjährigen Jahrestags des Attentats vom 20. Juli 1944 komponierte er das Werk memento (Text: Wolfgang Paul), das im Bayerischen Rundfunk uraufgeführt wurde. Es war eine Art „Abschiedsgruß“, denn Bredemeyer konnte in München keine gesicherte Existenz aufbauen.Gerhard Müller: Bagatellen für B. Der Komponist Reiner Bredemeyer. Verlag Neue Musik, Berlin 2022, ISBN 978-3-7333-2756-9, S. 25 f. Eine für 1954 angemeldete Teilnahme an den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt zog er zurück.Absage von Reiner Bredemeyer nach Anmeldung zu den Ferienkursen (Online-Datenbank des Archivs des IMD), imd-archiv.de, abgerufen am 2. August 2024. Mit dem Besuch der Delegiertenkonferenz des Verbandes der Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR wandte er sich beruflich und privat dem anderen Deutschland zu.

Übersiedlung in die DDR Im Jahr 1954 machte er während seines Besuchs in Ostberlin Bekanntschaft mit dem Nestor der DDR-Musik Paul Dessau, in dessen Freundeskreis er bald aufgenommen werden sollte: Zu diesem gehörten junge Avantgarde-Komponisten wie Friedrich Schenker, Paul-Heinz Dittrich und Friedrich Goldmann. Bredemeyers Motive zur Übersiedlung müssen so v. a. auch aus künstlerischer Sicht verstanden werden.Gerhard Müller: Bagatellen für B. Der Komponist Reiner Bredemeyer. Verlag Neue Musik, Berlin 2022, ISBN 978-3-7333-2756-9, S. 29 f. Als Assistent Dessaus an der Staatlichen Schauspielschule Berlin erhielt er die Möglichkeit, an der Instrumentierung des Pessach-Oratoriums „Hagadah“ mitzuwirken.Gerhard Müller: Bagatellen für B. Der Komponist Reiner Bredemeyer. Verlag Neue Musik, Berlin 2022, ISBN 978-3-7333-2756-9, S. 32. Nach Dessaus Tod 1979 war er mit Schenker und Goldmann an der Gemeinschaftskomposition In memoriam Paul Dessau (1980) beteiligt.Gerhard Müller: Bagatellen für B. Der Komponist Reiner Bredemeyer. Verlag Neue Musik, Berlin 2022, ISBN 978-3-7333-2756-9, S. 33.

Auf Vermittlung seines Mentors war Bredemeyer von 1954 bis 1957 erster Meisterschüler bei Rudolf Wagner-Régeny an der Deutschen Akademie der Künste. Dieser beherrschte zwar die musikalische Handwerkskunst, haderte aber mit der Zwölftonmusik, für die sich Bredemeyer interessierte.Gerhard Müller: Bagatellen für B. Der Komponist Reiner Bredemeyer. Verlag Neue Musik, Berlin 2022, ISBN 978-3-7333-2756-9, S. 34. So ist auch das ambivalente Verhältnis seines Meisterlehrers zu ihm zu verstehen: „Begabung und handwerkliches Können sind zweifellos vorhanden. Aber in seiner musikalischen Ausdrucksweise wie in der allgemeinen geistigen Haltung zeigte sich eine gewisse Verworrenheit, die leider noch nicht sicher voraussehen lässt, ob er in einer weiteren Entwicklung zu klaren, positiven Leistungen gelangen wird.“Nina Noeske: Musikalische Dekonstruktion. Neue Instrumentalmusik in der DDR. Böhlau Verlag, Köln 2007, ISBN 3-412-20045-X, S. 44 f.; zitiert nach: Daniel Zur Weihen: Komponieren in der DDR. Institutionen, Organisationen und die erste Komponistengeneration bis 1961 (= Aus Deutschlands Mitte. Bd. 29). Böhlau, Köln 1999, ISBN 3-412-09399-8, S. 359. Hanns Eisler, durchaus ein musikalisches Vorbild Bredemeyers, befürwortete die Fortsetzung seines Berliner Meisterstudiums nicht. Intern urteilte er über seine Musik wie folgt: „Leider sind die Arbeiten Bredemeyers auch besonders langweilig.“Nina Noeske: Musikalische Dekonstruktion. Neue Instrumentalmusik in der DDR. Böhlau Verlag, Köln 2007, ISBN 3-412-20045-X, S. 45 f.; wiedergegeben nach: Daniel Zur Weihen: Komponieren in der DDR. Institutionen, Organisationen und die erste Komponistengeneration bis 1961 (= Aus Deutschlands Mitte. Bd. 29). Böhlau, Köln 1999, ISBN 3-412-09399-8, S. 360.

Dessau und Wagner-Régeny ließen in Bredemeyer den Theaterkomponisten reifen.Gerhard Müller: Bagatellen für B. Der Komponist Reiner Bredemeyer. Verlag Neue Musik, Berlin 2022, ISBN 978-3-7333-2756-9, S. 39. Sein erstes Engagement trat er wohl auf Vermittlung seines Lehrers und Eislers 1957 in Berlin-Friedrichshain beim Theater der Freundschaft an, dem ersten Kinder- und Jugendtheater der DDR. Bredemeyer übernahm die Leitung der dortigen Schauspielmusik. Zu seinem Aufgabenspektrum gehörte das Komponieren, Einstudieren und Dirigieren. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit schuf er die Schauspielmusik zur bekannten Märchenkomödie Das Untier von Samarkand von Anna Elisabeth Wiede.Gerhard Müller: Bagatellen für B. Der Komponist Reiner Bredemeyer. Verlag Neue Musik, Berlin 2022, ISBN 978-3-7333-2756-9, S. 40. Insgesamt verantwortete er hier unter den Intendanten Josef Stauder und Ilse Rodenberg neun Theatermusiken.Gerhard Müller: Bagatellen für B. Der Komponist Reiner Bredemeyer. Verlag Neue Musik, Berlin 2022, ISBN 978-3-7333-2756-9, S. 41.