mini|Gaspar de Crayer: Philipp IV. von Spanien mit einem Hofzwerg, um 1620–1625

Herrscher vergangener Jahrhunderte hatten an ihren Höfen häufig die Charge (das Amt) eines Hofzwergs zu vergeben. Die den Hofzwergen zugeteilten Aufgaben konnten vielfältiger Art sein, und es gab auch kleinwüchsige Frauen an den Höfen, die normalerweise zum Hofstaat einer adeligen Frau gehörten. In manchen Fällen hatte ein Hofzwerg zugleich die Position eines Hofnarren inne.

Historisches

Kleinwüchsige Menschen lebten bereits in der Antike im Alten Ägypten und in China an den Höfen von Herrschern.Betty M. Adelson: The Lives of Dwarfs. Rutgers University Press, New Jersey 2005, ISBN 0-8135-3548-4. In China wurden sie nicht immer gut behandelt, Konfuzius selber soll die Exekution einiger Hofzwerge befohlen haben, Kaiser Hsuan-Tung hielt sie in einem sogenannten „Rastplatz für begehrenswerte Monster“Im englischen Original: „Resting Place for Desirable Monsters.“ Betty M. Adelson: The Lives of Dwarfs, Rutgers University Press New Jersey, 2005. und Kaiser Wu Di aus der westlichen Han-Dynastie importierte zahlreiche Kleinwüchsige als Sklaven. Als ein Provinzgouverneur namens Yang Cheng für die kleinen Menschen eintrat und dem Kaiser sagte, sie seien keine Sklaven, sondern seine Untertanen und sollten auch so behandelt werden, war Wu Di gerührt und ließ sie frei. Yang Cheng soll von einigen Familien der betroffenen Kleinwüchsigen vergöttlicht worden sein und sein Bild wurde noch jahrhundertelang verehrt. Hofzwerge gab es jedoch auch weiterhin am chinesischen Kaiserhof. Für den Hof der hunnischen ist in der Völkerwanderungszeit Zerkon belegt, der als kleinwüchsiger Hofnarr diente.

mini|hochkant|Die Hofzwergin Maria Bárbola und der Zwerg Nicolás de Pertusato, in Diego Velázquez: Las Meninas (Ausschnitt), 1656Identifikation der Personen in: José Lopez-Rey: Velázquez - Sämtliche Werke. Wildenstein Institute / Benedikt Taschen-Verlag, Köln 1997: S. 209.

Die besondere Rolle, die Zwergen noch an europäischen Herrscherhöfen des 15. bis 18. Jahrhunderts häufig zukam, erklärt sich aus allerhand Eigenschaften, die kleinwüchsigen Menschen zugeschrieben wurden. Sie wurden als Rätsel der Natur angesehen und man verband mit ihnen mystische Fähigkeiten, so dass sie häufig als Glücksbringer gesehen wurden. Gelegentlich wurden ihnen heilende Fähigkeiten zugeschrieben. Aufgrund ihrer Kleinheit waren sie nicht selten auch Spielkameraden für fürstliche Kinder (siehe z. B. Velázquez’ Gemälde Las Meninas oder sein Porträt Prinz Baltasar Carlos mit einem Zwerg),c:Category:El príncipe Baltasar Carlos con un enano (Velázquez) und konnten dann manchmal auch später die Rolle eines besonders nahestehenden und geliebten Vertrauten haben. Auch ein gewisser Hang zum Niedlichen, (scheinbar) Kindlichen und Unschuldigen könnte eine Rolle gespielt haben, ähnlich wie bei den zahlreichen Figuren von Putti, die man in der Kunst von Renaissance und Barock findet. Hofzwerge wurden auffällig häufig mit Tieren wie Hunden, exotischen Vögeln (Papageien, Kakadus) oder Äffchen dargestellt, scheinen sich also auch um die Tiere bei Hof gekümmert zu haben. Da große Hunde wie Doggen oder Schäferhunde neben einem Kleinwüchsigen oft beinahe wie ein Pferd wirken, könnte dieser optische Effekt auf Gemälden allerdings auch gewählt worden sein, um die Kleinheit eines Zwerges besonders hervorzuheben (z. B. Kardinal Granvelles Zwerg und Dogge von Anthonis Mor, um 1549–1560, Louvre, Paris).

Der Wunsch, sich mit Kleinwüchsigen zu umgeben, entstammte einem allgemeinen Interesse an wunderlichen oder „wundersamen“ Erscheinungen des Lebens. Bezeichnenderweise fällt die Blütezeit der Hofzwerge im 16. und 17. Jahrhundert zusammen einerseits mit dem schrecklichen Hexenaberglauben, andererseits mit der Erscheinung der sogenannten Wunderkammer. In der berühmten Kunst- und Wunderkammer von Schloss Ambras existiert z. B. ein Gemälde, auf dem ein Riese und ein Zwerg in Lebensgröße nebeneinander zu sehen sind,:Datei:Giovanni Bona.jpg und daneben auch Darstellungen von merkwürdigen und seltenen Phänomenen, wie Männer mit vollkommen behaartem Gesicht,:Datei:16th-century unknown painters - The "Hairy Man from Munich" - WGA23788.jpg bärtige Frauen,:Datei:Innsbruck 2 264.jpg behinderte Menschen:Datei:BildniseinesbehindertenMannes.jpg etc. Die genannten Phänomene standen dabei auf einer ähnlichen Stufe mit anderen Raritäten der Natur, wie besondere Muscheln, kostbare Edelsteine, Objekte aus ungewöhnlichen Materialien wie Nautilusschnecken, Bezoare, Seychellennüsse, Narwalzähne, deren genaue Herkunft damals oft nicht bekannt und daher sagenumwoben war.Géza von Habsburg: Fürstliche Kunstkammern in Europa. Stuttgart et al. 1997, S. 118–119, 122–126. So hielt man z. B. Narwalzähne für das Horn des sagenumwobenen Einhorns, dem wundersame Fähigkeiten zugeschrieben wurden.Géza von Habsburg: Fürstliche Kunstkammern in Europa. Stuttgart et al. 1997, S. 126. Eine ähnliche Aura des Wundersamen und Märchenhaften umgab also auch kleinwüchsige Menschen oder „Riesen“ und machte sie daher zu etwas Besonderem und Kostbarem, einem Faszinosum, das man bei Hofe gern um sich haben wollte.

mini|hochkant|Alonso Sánchez Coello: Infantin Isabella Clara Eugenia und ihre Zwergin Magdalena Ruiz, 1585–1588, Prado, Madrid

Abgesehen von einem solchen beinahe ‚wissenschaftlichen‘ Interesse – allerdings noch nicht im modernen naturwissenschaftlichen Sinne – dürfte auch eine Rolle gespielt haben, dass Zwerge das Gegenteil einer ‚imposanten Erscheinung‘ darstellen. Daher konnten sie durch ihren Kontrast sowohl die Grandeur des Edelmannes oder die Schönheit und Anmut der Edeldame betonen (insbesondere in Porträts), aber auch eine vanitas-artige Mahnung darstellen, die den Fürsten und die Fürstin (und/oder den Betrachter) an die eigene Kleinheit und Zerbrechlichkeit hinter einer großartigen oder pompösen Fassade erinnerte. In vielen Fürstenporträts mit Zwerg oder Zwergin ist auch neben einer besonderen Zuneigung nicht zu übersehen, dass Zwerge und andere Behinderte für den Herrscher auch Schutzbefohlene waren. Fürst oder Fürstin halten ihre Hand schützend über dem Haupt von Zwerg oder Zwergin, die dabei wie ein Symbol und eine besonders sichtbare Verkörperung des Schwachen erscheinen – so wie es seit dem Mittelalter zu den ritterlichen (und adligen) Tugenden gehörte, die Schwachen zu beschützen. Beispielhaft ist dabei Coellos Porträt der Infantin Isabella Clara Eugenia mit ihrer Zwergin Magdalena Ruíz, doch findet sich dieselbe liebkosende oder schützende Geste in ähnlicher Weise in diversen anderen Porträts.siehe c:Category:Portraits with dwarves

Ähnlich wie (andere) behinderte Menschen oder sogenannte Krüppel traten Hofzwerge jedoch auch in der Funktion eines Hofnarren in Erscheinung, die gerade wegen ihrer bereits äußerlich sichtbaren „Unwichtigkeit“ und Kleinheit Dinge aussprechen durften und sich alles Mögliche herausnehmen konnten, was normale Sterbliche oder Höflinge, die an die strenge Hofetikette gebunden waren, sich nicht einmal im Traum hätten erlauben dürfen. Natürlich konnten sie auch zu einem harmlosen Amüsement und zur Heiterkeit der Herrscher beitragen. Unter Umständen umgab sich ein Herrscher mit einer größeren Gruppe von ungewöhnlich aussehenden Menschen. Es kann jedoch keineswegs davon ausgegangen werden, dass man einfach über Kleinwüchsige oder Behinderte an sich lachte (oder sich über sie lustig machte), sondern dass die Hofzwerge, die den Beruf eines Narren ausübten, bestimmte humorvolle und witzige Qualitäten mitbringen mussten, die nicht jeder besaß. Dass das besondere Aussehen dabei zu besonderen Effekten oder „Theatercoups“ ausgenutzt werden konnte, versteht sich von selbst, z. B. wenn bei einem Gala-Diner ein Hofzwerg zur Überraschung der Anwesenden aus einer Pastete heraussprang. So geschehen z. B. bei einem Fest, das der Herzog von Buckingham für König Karl I. von England und seine Gemahlin gab und wo der ungewöhnlich hübsche und kleine Jeffery Hudson (1619–1682) der Pastete entstieg. Königin Henrietta war so entzückt über den Scherz und das Männlein, dass sie ihn sofort adoptierte,Hugh Chisholm: Dwarf. In: Encyclopaedia Britannica. Band 8, Cambridge University Press, Cambridge 1911, S. 739–740. und sich auch von van Dyck mit ihm malen ließ.:Datei:Anthonis van Dyck 013.jpg

mini|links|hochkant|Diego Velázquez: Ein Hofzwerg mit Büchern, vermutlich Don Diego de Acedo gen. „el Primo“ (Prado, um 1645)José Lopez-Rey: Velázquez – Sämtliche Werke. Wildenstein Institute / Benedikt Taschen-Verlag, Köln 1997: S. 133–136.

Besonders verbreitet scheint die Sitte der Hofzwerge am spanischen Hof gewesen zu sein, der auf der anderen Seite berüchtigt für sein strenges Hofzeremoniell war und auch Vorreiter der besonders strengen und einengenden spanischen Hoftracht war. Die Vermutung liegt nahe, dass Hofzwerge und -narren ein gewisses Gegengewicht und eine Auflockerung dieser Strenge schaffen sollten. Sie wurden im 16. und 17. Jahrhundert nicht selten zusammen mit einem Mitglied der königlichen Familie – dem König selber, der Königin oder den Infanten – gemalt, von Malern wie Alonso Sánchez Coello, Frans Pourbus d. J., Rodrigo de Villandrado, Gaspar de Crayer, Diego Velázquez, Juan Carreño de Miranda u. a. Die heutzutage wohl bekanntesten spanischen Hofzwerge lebten am Hof Philipps IV. und wurden von Velázquez porträtiert, darunter (wahrscheinlich) Francisco Lescano, genannt „el Niño de Vallecas“ (der Junge aus Vallecas), Diego de Acedo und Sebastián de Morra.José Lopez-Rey: Velázquez - Sämtliche Werke. Wildenstein Institute / Benedikt Taschen-Verlag, Köln 1997: S. 131, 133–136 (Zwergenporträts), 137–139, 208–209 (Las Meninas), 260–264 (Katalog). Auch auf Velázquez berühmtem Gemälde Las Meninas sind neben der Infantin und ihren Hoffräulein die Hofzwergin Maribárbola und der Zwerg Nicolás de Pertusato zu sehen.José Lopez-Rey: Velázquez - Sämtliche Werke. Wildenstein Institute / Benedikt Taschen-Verlag, Köln 1997: S. 209. Spanische Infantinnen, die ins Ausland verheiratet wurden, wie beispielsweise Maria Teresa von Spanien oder ihre Halbschwester Margarita, nahmen häufig Zwerginnen mit. Diese hatten dann oft eine wichtige Vertrauensposition und durften beispielsweise die Schokolade der Königin zubereiten – ein damals noch ganz neues Produkt aus Amerika und eine wesentlich kompliziertere Aufgabe als ein modernes Kakaogetränk zu mixen.

Zu den ersten Herrschern in Mitteleuropa, von deren Höfen Berichte über Zwerge überliefert sind, gehört auch Rudolf II. (1552–1612), der am spanischen Hof erzogen worden war, und der auch ein besonders starkes Interesse an Alchemie, Goldmacherei und an der magischen und esoterischen Heilwirkung von Edelsteinen hatte;Géza von Habsburg: Fürstliche Kunstkammern in Europa. Stuttgart et al. 1997, S. 115–139, hier: S. 136. er war ein besonders leidenschaftlicher Sammler, der fast ausschließlich für seine Kunst- und Wunderkammer lebte. Auch seine Hofzwerge waren berühmt, begehrt und berüchtigt. Viele Adlige in Rudolfs Umfeld strebten danach, es ihm gleichzutun.

Besonders erstrebenswert schien es, einen Zwerg als Kammerdiener, Page, Butler oder Sekretär zu haben. Der folgende Textauszug aus Otto Flakes Buch über den Türkenlouis stellt einen besonders extremen und auch für die Zeit um 1700 etwas ‚entarteten‘ Fall einer Vorliebe für Hofzwerge dar:

„Wenn auch im Hause Neuburg nicht viel Geld zu finden war, so muss Maria Franziska doch einiges mitgebracht haben, sonst wären die achtunddreißig Zwerge, die sie sich hielt und die eine neue Note in das Baden-Badener Stadtbild fügten, unverständlich. Sie gab ihnen Namen wie Dürrschnabel und Dürrschnablin, stiftete auch gern Ehen zwischen ihnen. Markgraf Wilhelm befahl ihr, als es ihm zu arg wurde, dreißig zu entlassen.“

Die Sitte der Hofzwerge endete in der Zeit der Aufklärung.