Ennahda () ist eine tunesische Partei, die als gemäßigt islamistisch gilt. Sie bezeichnet sich selbst als muslimisch-demokratisch, analog zu den christdemokratischen Parteien Europas. Die Partei unter Führung von Rached al-Ghannouchi bezieht sich mit ihrem Namen auf die arabische Nahda („Wiedererwachen“, „Renaissance“) des 19. Jahrhunderts, die sich um eine Verbindung der Werte des Islams mit der Moderne bemühte. Sie ist eine der einflussreichsten tunesischen Parteien der Gegenwart.
Ennahda ging 1988 direkt aus ihrer Vorgängerpartei Mouvement de la Tendence Islamique hervor. Unter der Herrschaft Ben Alis war sie verboten und ihre Anhänger wurden politisch verfolgt. Die Führung agierte hauptsächlich aus dem Ausland. Nach der Jasminrevolution etablierte sie 2011 zügig flächendeckende Parteistrukturen in ganz Tunesien.
Seit der Wahl zur Verfassunggebenden Versammlung am 23. Oktober 2011 ist Ennahda mit unterschiedlicher Stärke im tunesischen Parlament vertreten. Von 2011 bis 2014 war sie mit zwei Juniorpartnerinnen Teil der Übergangsregierung und beteiligte sich als stärkste Fraktion an der Verfassungsgebenden Versammlung.
Geschichte Die Partei blickt auf eine lange Geschichte von großer personeller und struktureller Kontinuität innerhalb des politischen Islam in Tunesien zurück. Ihre Geschichte ist eng mit der Entwicklung des Islamismus in Tunesien verwoben, sodass die Geschichte Ennahdas zugleich in großen Teilen die Geschichte des politischen Islams in Tunesien ist. Kennzeichnend für den politischen Islam in Tunesien ist sein bewegungsartiger Charakter, der sich über lange Zeit in einer Vielzahl religiöser sowie politischer Gruppen und Organisationen niederschlug, die in verschiedenen gesellschaftlichen Feldern tätig waren. Deren Großteil schloss sich zu Beginn der 1980er Jahre in einer einzigen Partei zusammen. Dieser Aspekt spiegelt sich bis heute im Namen der Partei wider.
Offiziell gegründet wurde Ennahda im Jahre 1988. Tatsächlich handelte es sich hierbei jedoch eher um eine Umbenennung ihrer illegalen Vorgängerpartei, die bereits am 6. Juni 1981 unter dem Namen Mouvement de la Tendance Islamique („Bewegung der Islamischen Tendenz/Ausrichtung“, MTI) gegründet wurde. Der MTI selbst geht auf eine breitere islamische Erneuerungsbewegung der 1960er und 1970er Jahre zurück, in deren Zentrum eine Untergrundorganisation mit dem Namen al-ǧamāʿa al-islāmiyya („Die islamische Gruppe“) stand. Ernstzunehmende Konkurrenz im islamistischen Lager bekam sie erst in den frühen 2000er Jahren, im Zuge der Verbreitung des politischen Salafismus in Tunesien.
Die Ursprünge Im postkolonialen Tunesien regierte seit 1956 Präsident Bourguiba, dessen Säkularismus im Stile Atatürks Religion zunehmend aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen schien. Umfassende politische und soziale Reformen sollten traditionelle islamische Kulturformen beseitigen. Diese umfassten neben unter anderem das traditionelle Gerichts- und Bildungswesen, das Tragen des Kopftuchs, das Fasten im Ramadan sowie die Enteignung religiöser Stiftungen, wie Moscheen, Koranschulen und andere islamische Institutionen. Mit ihrem Fortschreiten nahm die Herrschaft Bourguibas immer autoritärere Züge an.
In dieser in Teilen von kulturellen Krisen und Autoritarismus erschütterten Gesellschaft fand der politische Islam in Tunesien seinen Ursprung. Seine Keimzelle bildete eine personal kleine Gruppe von Zaituna-Absolventen mit dem Namen al-ǧamāʿa al-islāmiyya. Ihr Ziel war die Wiederbelebung der islamischen Kultur Tunesiens. Eines ihrer führenden Gründungsmitglieder, Raschid al-Ghannuschi, übertrug zu diesem Zweck Konzepte, die er während seiner Studienaufenthalte in den 1950er Jahren in Ägypten und Syrien kennengelernt hatte. Er war Mitglied dortiger Ableger der islamischen Erweckungsbewegung Tablighi Jamaat, deren Ziele und Strukturen er nach seiner Rückkehr nach Tunesien zu Beginn der 1960er nachbildete.
Eine weitere Quelle war die Bewegung der Muslimbruderschaft, mit der er in Ägypten im Kontakt gestanden hatte und die im Gegensatz zur Tablighi Jamaat nicht nur die spirituelle, sondern auch eine politische Erneuerung suchte. Durch einflussreiche Gründungsmitglieder wie Ghannuschi, Abdelfattah Mourou und Ahmida al-Naifar und fanden aber auch spezifisch tunesische Ansätze ihren Weg in die Organisation, wodurch sich eine regionale, tunesische Prägung entwickelte. Ihnen gelang es, insbesondere in den südlichen Landesteilen, ein Netzwerk kleiner Zellen zu etablieren. Aus diesem Netzwerk entwickelte innerhalb eines Jahrzehnts eine gut aufgestellte Organisation, die die Rückkehr zu islamischen Werten predigte. Misstrauen des repressiven Staates gegenüber religiösen Organisationen führten dazu, dass die Gruppe trotz ihrer zunächst unpolitischen Ausrichtung im Untergrund agieren musste.
Mouvement de la Tendance Islamique mini|Abdelfattah Mourou, einer der Gründer der Partei In den 1970er Jahren kam es in Tunesien zu immer stärkeren Protesten gegen die politische Führung. Die Proteste wurden hauptsächlich durch die linke Opposition getragen, gegen die der Staat mit Repressionen reagierte. Um die linke Opposition zu schwächen, lockerte die Regierung ihr Verhältnis zu religiösen Gruppierungen und ließ entsprechenden Strukturen als Gegengewicht größere Freiräume für Organisation und öffentliche Debatten.
Besonders an den Universitäten wurden Ableger der ǧamāʿa al-islāmiyya aktiv. Flaggschiff dieser universitären Gruppen war die Association pour la sauvegarde du Quran (Verein zur Bewahrung des Korans). In dieser Organisation besprachen prominente Vertreter der Bewegung den Islam als Lösung für aktuelle gesellschaftliche Probleme. Diese Debatten wurden auch außerhalb der Gruppen wahrgenommen. Sie bildeten den Ausgangspunkt für eine breite islamistische Studentenbewegung. In den zahlreichen Studentenorganisationen um die Association sammelten sich Ende der 1970er Jahre Anhänger der aufkeimenden islamistischen Opposition, von denen später viele Ennahdas Vorgängerpartei Mouvement de la tendance islamique angehören sollten.
Im Verlauf der 1970er entstand so ein breites Netzwerk verdeckter und offener Gruppen, die in intellektuellem Austausch miteinander und im Kampf mit säkularen Gruppierungen standen. Insbesondere im universitären Umfeld kam es zu militanten Auseinandersetzungen zwischen islamischen und linken Gruppen. Die Situation der allgemeinen gesellschaftlichen Dynamik sorgte für eine zunehmende Politisierung der islamischen Gruppen, die in zunehmend offen politischen Forderungen der Bewegung mündeten. Die Islamische Revolution im Iran 1979 führte auch in Tunesien zu einem Wachstumsschub des politischen Islam, den die Regierung zunehmend als Gefahr betrachtete.
Die Geheimorganisation der ǧamāʿa al-islāmiyya wurde zu Beginn des Jahres 1981 durch staatliche Geheimdienste aufgedeckt. Um einem Verbot zuvorzukommen, erklärte die Führung unter Raschid al-Ghannuschi und Abdelfattah al-Mourou am 6. Juni 1981 öffentlich die Gründung einer neuen Partei mit dem Namen Mouvement de la tendance islamique. Mit diesem Zug erhofften sie nicht nur einem Verbot zu entgehen, sondern auch einen Schritt in Richtung Legalität zu machen. Bourguiba hatte zuvor verkündet, im Rahmen einer politischen Liberalisierung seine Einparteienherrschaft zu lockern und das Feld für andere Parteien zu öffnen. Das MTI wurde rasch zum größten Sammelbecken der islamistischen Bewegung in Tunesien und vereinigte die Mitglieder der zahlreichen verstreuten Gruppen und Organisationen in sich. Die Forderungen des MTI ließen sich in fünf wesentlichen Punkten zusammenfassen:
Wiederbelebung des islamischen Charakters Tunesiens Wiederbelebung des islamischen Denkens in Tunesien Bekämpfung von Vetternwirtschaft und ausländischem Einfluss Schaffung eines Sozialsystems, beruhend auf Privateigentum Kampf dem Imperialismus auf dem Wege der Förderung der politischen und kulturellen Einheit auf allen Ebenen
Diese Forderungen bedeuteten einen radikalen Bruch mit der Säkularisierungspolitik Bourguibas. Einer Legalisierung der Partei wurde nicht stattgegeben. Stattdessen kam es im August 1981 zu einer ersten großen Repressionswelle gegen das MTI, bei der etliche Mitglieder, darunter auch die Führungsebene, verhaftet wurden und zum Teil für Jahre in Haft blieben. Ab Mitte der 1980er Jahre folgten einige Abspaltungen, unter anderem von einer salafistischen Fraktion, die jedoch über Jahrzehnte in der Bedeutungslosigkeit verschwand. Eine weitere Abspaltung geschah durch eine liberale Fraktion um das Gründungsmitglied Ahmida al-Naifar. 1987 kam es unter dem bis heute nicht eindeutig geklärten Vorwurf eines geplanten Staatsstreiches zu einer neuen Verhaftungswelle gegen Parteimitglieder. Das MTI behielt trotz dieser Repressionen und kleineren Abspaltungen an seinen Rändern die zentrale Position als Sammelbecken innerhalb des politischen Islams.
Verbot unter Ben Ali Am 7. November 1987 übernahm der damalige Ministerpräsident Ben Ali das Amt des unter Alterserscheinungen leidenden Bourguibas. Wie schon sein Vorgänger versprach Ben Ali eine Liberalisierung Tunesiens. Unter dem Motto des „Nationalen Paktes“ sollten wirtschaftliche und politische Reformen die alten Strukturen aufbrechen und breite politische Partizipation verschiedener Bevölkerungsgruppen ermöglichen. Religiöse Inhalte wurden aber weiterhin staatlich dirigiert. Unautorisierte Predigten in Moscheen waren ebenso verboten wie religiös ausgerichtete Parteien.
Das MTI blieb trotz Verbot weiterhin aktiv und bemühte sich erneut um einen legalen Status. Im Hinblick auf die 1989 bevorstehenden Parlamentswahlen trat sie von da an unter dem Namen Ḥarakat an-Nahḍa auf. Als die Zulassung verwehrt blieb, entschied sich die Partei ihre Kandidaten auf unabhängigen Listen kandidieren zu lassen. Die Regierung ließ dies zunächst zu und die Vertreter der Partei gewannen laut offiziellen Zahlen insgesamt rund 14 % der Stimmen. Daraufhin kam es im Frühjahr 1991 zu neuen Repressionen gegen Ennahda.Vgl. Hamdi 1998, S. 65 ff. Der Partei wurde vorgeworfen, einen militanten Flügel zu betreiben und auf einen Staatsstreich hinzuarbeiten. Verwiesen wurde auf die zunehmend von Gewaltrhetorik geprägten Äußerungen Ghannuschis und den Umstand, dass dieser die Anschuldigen nicht zurückgewiesen hatte. Es kam zu Ausschreitungen in verschiedenen Teilen des Landes. Unter anderem griffen Ennahdaanhänger das Hauptquartier der Regierungspartei an. Ein Mensch wurde bei den Übergriffen getötet.
Im Verlauf der Repressionswelle wurden rund 30.000 Parteimitglieder verhaftet. Auch einige Mitglieder der Parteiführung gingen zum Teil bis zur Revolution 2011 in Haft, andere Teile, unter ihnen Raschid al-Ghannuschi, gelang es sich ins Exil abzusetzen. Von dort aus pflegten sie ihre Netzwerke und versuchten von außen in die tunesische Politik zu intervenieren. Bis zur Jasmin-Revolution existierte von 1991 an keine sichtbare Präsenz Ennahdas innerhalb Tunesiens.
Wiederaufbau nach der Revolution mini|Die Führung der Partei auf einer Veranstaltung 2011 Am 1. März 2011 legalisierte die tunesische Übergangsregierung im Zuge einer Generalamnestie auch Ennahda und zehntausende von Anhängern wurden aus dem Gefängnis entlassen. Ennahda baute innerhalb kurzer Zeit eine funktionierende Struktur von regionalen Untergliederungen und Jugend- sowie Frauenorganisationen auf. Bereits am 30. Januar 2011 war Raschid al-Ghannuschi und Beifall von Ennahdaanhängern aus dem Exil zurückgekehrt. Die Partei galt danach als bestorganisierte und am breitesten aufgestellte Partei des postrevolutionären Tunesiens und ihre plötzliche Mobilisierungsfähigkeit nach zwei Jahrzehnten der Abwesenheit überraschte viele Beobachter.