In der Zeit des Nationalsozialismus gingen mehrere hundert Verfolgte ins Exil in der Türkei. Diejenigen, die von Deutschland ausgebürgert wurden oder aus anderen Gründen staatenlos waren,Der Jurist Ernst E. Hirsch geht darauf ein: „Durch welchen Rechtsakt und zu welchem Zeitpunkt ich die dt. Staatsangehörigkeit verloren habe, kann ich nicht mehr feststellen. … ich (habe) mich nicht bemüht, meinen dt. Reisepass, der spätestens im Frühjahr 1938 abgelaufen war, verlängern zu lassen. Denn entweder war ich schon ausgebürgert, wie ein mir zugetragenes Gerücht unter Hinweis auf eine Veröffentlichung im dt. Reichsanzeiger wissen wollte; oder ich musste damit rechnen, daß in meinen Paß ein „J“ und der Name „Israel“ als zusätzlicher Vorname von Amts wegen eingetragen würden, um mich auf diese Weise zu brandmarken.“ In: Als Rechtsgelehrter … 2008, S. 157. bekamen zum Teil „heimatlos“ in den Pass gestempelt, was zu einem Synonym für den Status der Exilanten wurde und als haymatloz in die türkische Sprache eingegangen ist.Heute wird der Begriff im aktuellen Kontext oft auch „haymatlos“ mit s geschrieben, zum Beispiel als Name für kulturelle Events, Bars usw.
Geschichte Das Osmanische Reich pflegte seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts enge wirtschaftliche und militärische Beziehungen zum Deutschen Reich. Seit dieser Zeit befanden sich eine Reihe von Deutschen im Land, die dort häufig Beraterverträge hatten, insbesondere im Zusammenhang mit dem Bau der Bagdadbahn und dem Aufbau der deutschen Militärmissionen. Knapp zehn Jahre nach der Ausrufung der Republik Türkei durch Atatürk erfolgte die Machtübernahme der NSDAP. Unmittelbar nach der politisch und rassistisch motivierten Ausschaltung von missliebigen Personen aus dem Beamtenapparat flohen viele Verfolgte unter anderem in die Türkei. Diese bezeichneten sich ironisch als „Deutsche Kolonie B“ – in Abgrenzung zu den sogenannten „Reichs- und Volksdeutschen“. Die meisten der Exilanten haben Deutschland verlassen, weil sie sich wegen antisemitischer Verfolgung, aus beruflichen oder sonstigen Gründen nicht mehr sicher fühlten. Teilweise ist es schwer, reguläre Arbeitsmigration oder Exil wegen politischer Verfolgung zu unterscheiden.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Atatürk in der Türkei tiefgreifende Reformen durchgesetzt, die auf eine Verwestlichung der Gesellschaft zielten. Zum Vorantreiben dieser Entwicklung waren westliche Wissenschaftler und Techniker willkommen. 1933 wurden die türkischen Universitäten reformiert und im Juli wurden die ersten Verträge mit deutschen Wissenschaftlern abgeschlossen. Mit ihrer Anstellung verpflichteten sie sich, Türkisch zu lernen und Lehrbücher auf Türkisch zu publizieren. Dafür erhielten sie in der Regel sehr gut dotierte Positionen an den Hochschulen und bei Regierungsbehörden, teilweise wurden sogar spezielle Institute gegründet, die von Exilanten geleitet wurden. Nach der Machtübernahme der NSDAP nutzten viele Akademiker, die aus dem deutschen Wissenschaftsbetrieb verdrängt wurden, die Angebote der türkischen Regierung. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland folgten Emigranten aus Österreich und später aus den im Zweiten Weltkrieg besetzten Ländern. Ab 1937 zogen einige derjenigen, die in der Türkei Zuflucht gesucht hatten, in andere Länder, besonders die USA, aber auch Großbritannien, weiter. Bis 1945 hatten circa 1.000 Exilanten aus dem deutschsprachigen Raum in der Türkei Zuflucht gefunden. Der Türkei-Historiker Stanford Shaw schreibt dazu:
Im Zuge der seit der Republikgründung verfolgten Propagierung der türkischen Nation und des damit verbundenen Assimilationsdrucks auf andere ethnische Gruppen erließ die Türkei Gesetze, welche nicht nur jüdischen Flüchtlingen die Einwanderung verweigerten oder erschwerten, sondern auch türkische Staatsbürger jüdischen Glaubens diskriminierten. So widersetzte sich die Regierung in Ankara den Versuchen der deutschen Regierung, in Frankreich lebende türkische Staatsbürger jüdischen Glaubens (die erst aufgrund der türkischen Nationalitätenpolitik dorthin emigriert waren) in die Türkei zu repatriieren. Die restriktive Haltung der Türkei und Großbritanniens war mit ein Grund für die Versenkung der Struma durch ein sowjetisches U-Boot 1942 und den Tod von fast 800 Menschen. Im Verlauf der europäischen Judenverfolgung widersetzten sich einzelne türkische Diplomaten der offiziellen Linie Ankaras und setzten sich für verfolgte Juden ein. Der türkische Generalkonsul auf Rhodos, Selahattin Ülkümen, rettete etwa 50 Juden vor der Deportation in die Vernichtungslager und wurde dafür 1990 als Gerechter unter den Völkern geehrt. So auch İsmail Necdet Kent (1911–2002) der als türkischer Generalkonsul in Marseille (1942 bis 1945) zahlreichen verfolgten Juden mit der Ausstellung von türkischen Reisepässen (Türk Pasaportu) die Ausreise in die Türkei ermöglichte.
Vereinzelt haben sich Exilanten – in der Regel erfolgreich – um die türkische Staatsbürgerschaft bemüht. Es gab auch einige Hochzeiten mit einheimischen Partnern. Bis 1949 waren circa zwei Drittel der Exilanten in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt. Weitere knapp 30 Prozent siedelten in die USA über und einige wenige wurden in der Türkei heimisch. Über die enormen Anpassungsprobleme und die sehr autoritäre Beziehung des türkischen Staates zu den Einwanderern, Faktoren, die in der Regel zum Weiterziehen motivierten, berichtet anschaulich Liselotte Dieckmann.Egon Schwarz, Matthias Wegner (Hrsg.): Verbannung: Aufzeichnungen deutscher Schriftsteller im Exil. Hamburg 1964, .
Albert Einstein als Ehrenpräsident des Œuvre de secours aux enfants (OSE oder World Union OZE) bot der türkischen Regierung unter Ismet Inönü am 17. September 1933 an, dass vierzig deutsche Professoren und Ärzte zur Arbeit in die Türkei kommen, für diese ein Jahr lang kostenlos. Das Angebot wurde abgeschlagen; die Vermutungen in der heutigen Literatur gehen dahin, dass die Türkei kein solches Projekt mit einer explizit jüdischen Organisation wünschte.
Die Emigrantenkinder von Ankara In und mit der Emigration zu leben, ist immer auch eine Herausforderung für die davon betroffenen Kinder und Jugendlichen. Normalerweise überwiegt bei der Behandlung dieser Thematik der Blick auf die mit dem Exil verbundenen Bedrohungen und die sich daraus oftmals ableitenden „traumatischen Wirkungen über mehrere Generationen“ hinweg.So Claus-Dieter Krohn, Erwin Rotermund, Lutz Winckler, Wulf Koepke (Hrsg.): Kindheit und Jugend im Exil – Ein Generationenthema. In: dies. (Hrsg.): Exilforschung: Ein Internationales Jahrbuch, Jg. 24. edition text + kritik, München 2006, ISBN 3-88377-844-3, Vorwort. Um so erstaunlicher, wenn ausgerechnet in einer Studie über die Emigrationserfahrungen deutscher Kinder in Ankara am Schluss das Fazit lautet:
Die Gründe für diese auf viele Interviews mit Betroffenen gestützte Einschätzung sind in der besonderen Exilsituation in der Türkei zu suchen – wobei allerdings offen bleiben muss, ob sich Hillebrechts auf die Kinder in Ankara bezogene Einschätzung für die gesamte Türkei verallgemeinern lässt, denn es gibt bislang keine vergleichbare Untersuchung über Emigrantenkinder, die an anderen Orten der Türkei lebten.
Lebensraum Ankara Zu den etwa 1000 deutschsprachigen Flüchtlingen in der Türkei zählten auch an die 275 Kinder. Von diesen Kindern lebten um die 53 mit ihren Eltern in Ankara, 10 weitere wurden hier geboren.
27 der mit ihren Eltern in die Türkei gekommenen Mädchen und Jungen waren zwischen 1925 und 1932 geboren worden und somit bei Kriegsausbruch zwischen sieben und 14 Jahre alt. Die Väter dieser 63 Kinder waren fast durchweg Akademiker, vielfach aufgrund ihres jüdischen Glaubens von den deutschen Hochschulen vertrieben, aber weiterhin in Ankara an der Hochschule tätig.Sabine Hillebrecht: Freiheit in Ankara. S. 200. Sie kamen nicht als Bittsteller ins Land, sondern als gefragte Fachkräfte, woraus sich eine völlig andere Situation ergab als bei den vielen anderen Emigrantinnen und Emigranten, die für sich und ihre Familien auf Einreisemöglichkeiten in die USA oder nach Großbritannien hofften oder vor den Konsulaten fremder Länder um Visen betteln mussten.
Viele dieser Kinder hatten keine Vorstellungen von der Türkei oder allenfalls solche, die sie der Lektüre von Karl May entlehnt hatten. Der Abschied aus Deutschland fiel ihnen meistens nicht schwer, da er – bis gegen Ende der 1930er Jahre – oft Folge eines geplanten und nahezu geordneten Umzugs war. Durch das Fehlen eines direkten Fluchterlebnisses war die Reise in die Türkei bereits die erste Station eines großen Abenteuers, auf die als zweite Station Istanbul folgte.Sabine Hillebrecht: Freiheit in Ankara. S. 201.
Auf Istanbul folgte der Kulturschock – zumindest für die Erwachsenen: Ankara. Die Stadt hatte um 1935 herum etwa 120.000 Einwohner, sie lag in einer kahlen Steppe, Straßen waren vielfach nicht befestigt, Kamel-Karawanen gehörten noch zum Alltag, das Klima in den heißen Sommermonaten war gewöhnungsbedürftig, bäuerliche Gesellschaft und westlich orientierte Moderne begegneten sich auf engstem Raum. Für die Kinder scheint das weniger problematisch gewesen zu sein. Ihnen ließ die überschaubare Größe der Stadt viel Bewegungsraum, sie fühlten sich frei und unbeschwert, genossen ein vergleichsweise unreglementiertes Leben und ließen sich stark beeinflussen von der Weite der türkischen Landschaft um Ankara herum.Sabine Hillebrecht: Freiheit in Ankara. S. 212.
Begünstigt wurden diese positiven Aspekte durch die Wohnsituation. Die Emigrantenfamilien lebten in der Neustadt in Wohnungen mit europäischen Standards. Die Erwachsenen pflegten enge Kontakte untereinander, machten gemeinsame Ausflüge und hielten Traditionen aus der alten Heimat aufrecht. Sie lebten hier „in stabilen Verhältnissen, und die Türkei blieb bis drei Monate vor Kriegsende offiziell politisch neutral, so dass die Kinder zwar den Kriegszustand mit Lebensmittelrationalisierungen und Verdunklungsmaßnahmen kennenlernten, aber doch nie in Lebensgefahr schwebten“.Sabine Hillebrecht: Freiheit in Ankara. S. 209. Diese besondere Situation förderte auch das enge Miteinander der Kinder. Sie hatten viele Kontakte untereinander und nutzten sie für gemeinsamen Aktivitäten – begünstigt durch die schon erwähnte Übersichtlichkeit Ankaras (das aber auch schon mit Kinos und Filmen aus Amerika lockte).
Abgrenzungen gab es auch, aber nur nach außen hin: Wie gleich noch zu zeigen sein wird, gingen nur wenige Emigrantenkinder auf türkische Schulen. Dadurch ergaben sich so gut wie keine Kontakte zu türkischen Kindern. Und selbstverständlich wurden keine Kontakte zur Kolonie A, den Reichsdeutschen, unterhalten.
Die türkische Schule Im Gegensatz zu Istanbul, wo bereits seit 1868 eine deutsche Schule bestand, gab es in Ankara in den 1930er- und 1940er-Jahren noch keine deutsche Schule.
Der Besuch einer türkischen Schule kam für die meisten Emigrantenkinder nicht oder nur in Ausnahmefällen in Betracht. Zum einen waren die türkischen Schulen nicht auf ausländische Schüler vorbereitet, zum anderen bereitete den deutschen Schülern die Eingewöhnung in den Alltag der türkischen Schulen große Schwierigkeiten. Zu den sprachlichen Problemen hinzu kamen die aus deutscher Sicht langen täglichen Unterrichtszeiten und das völlig andere Schulklima:
Gegen den Besuch einer türkischen Schule sprach darüber hinaus, dass die meisten Emigrantenfamilien ihren Aufenthalt in der Türkei nur als vorübergehend betrachteten. Aus dieser Sicht war der Besuch einer türkischen Schule und ein entsprechender Abschluss wenig erstrebenswert, weil er weder eine Möglichkeit zur Vermittlung deutscher kultureller Werte im Schulalltag bot, noch die Grundlagen schuf für ein eventuelles Studium in den USA, dem eigentlichen Emigrationsziel vieler akademischer Emigranten.