Als Acto de Repudio (Spanisch, wörtliche Bedeutung: „Ablehnungsaktion“, seltener Mitin de Repudio) wird in Kuba eine von der Regierung koordinierte Form der politischen Demonstration bezeichnet, die sich gegen Regierungskritiker richtet.

Es handelt sich um inszenierte Maßnahmen zur Einschüchterung und Demütigung, bei denen sich eine größere Zahl Anhänger und Vertreter der Regierung in Zivilkleidung an einem öffentlichen Ort versammelt, um einzelne Mitbürger lautstark zu beschimpfen, am Betreten oder Verlassen einer belagerten Wohnung zu hindern oder teilweise auch tätlich anzugreifen.

Geschichte Die von Revolutionsführer und Staatspräsident Fidel Castro geführte kubanische Regierung setzte Actos de Repudio in großer Zahl erstmals 1980 im Zusammenhang der Massen-Ausreise von 125.000 Kubanern über den Hafen Mariel in die Vereinigten Staaten ein, zunächst noch unter maßgeblicher Einbindung der unter Regierungskontrolle stehenden (Nachbarschafts-)Komitees zur Verteidigung der Revolution. Damals richteten sich die Aktionen gegen die zahlreichen Mitbürger, die den Wunsch auf Ausreise geäußert hatten und dafür von Fidel Castro öffentlich als arbeitsscheuer „Abschaum“ und „Lumpenproletariat“ beschimpft worden waren.Fidel Castro: Discurso pronunciado por el Comandante en Jefe Fidel Castro Ruz (…) el 1° de marzo 1980 auf der Webseite des kubanischen Staatsrats, abgerufen am 17. Oktober 2011 (spanisch) Seitdem sind Hassprotestaktionen dieser Art, die von den staatlichen Medien als spontane Äußerungen des Volkszorns bezeichnet werden, die jedoch nie ohne unmittelbare Beteiligung staatlicher Sicherheitsorgane erfolgen, zu einem häufig wiederholten Phänomen geworden, das auch seit Übernahme des Präsidentenamtes durch Raúl Castro 2008 gegen Oppositionelle zum Einsatz kommt.Amnesty International: Document – Cuba: Three brothers detained for dissent. Meldung auf der AI-Webseite vom 2. August 2013, abgerufen am 24. Oktober 2013 (englisch).

Akteure und Ablauf Bei den Akteuren handelt es sich inzwischen in der Regel nicht mehr um unmittelbare Nachbarn, sondern um Angehörige spezieller schneller Eingreifbrigaden („Brigadas de Respuesta Rápida“, seit 1991), unter Führung von in Zivil auftretenden Angehörigen der Sicherheitskräfte.Amnesty International: Cuba: prisoners of conscience / legal concern vom 27. November 1991, abgerufen am 17. Oktober 2011 (englisch) Auch besondere Abordnungen des Frauenverbands oder studentischer Mitglieder des kommunistischen Jugendverbands sind schon bei Actos de repudio in Erscheinung getreten. In der Regel tritt den Adressaten der Actos de Repudio eine anonyme Menschenmenge entgegen, die sich meist aus Angehörigen relativ wenig gebildeter Gesellschaftsschichten zusammensetzt. In den letzten Jahren gibt es Versuche von Exilkubanern, über im Internet veröffentlichte Fotos von Actos de Repudio einzelne Geheimdienstmitarbeiter und andere Beteiligte namentlich zu identifizieren, um ihnen den Schutz der Anonymität zu entziehen und sie gegebenenfalls gegenüber Bekannten oder Familienmitgliedern in Rechtfertigungsnot für ihr Tun zu bringen.Juan Carlos Chavez: in: El Nuevo Herald vom 24. Februar 2010, abgerufen am 27. November 2011 (spanisch)Pascal Fletcher: Reuters-Meldung vom 24. April 2010, abgerufen am 27. November 2011 (englisch)

Bei einem typischen Acto de Repudio wird die Wohnung der Zielperson(en) belagert und die Bewohner (und Besucher) der Wohnung werden lautstark bedroht und beschimpft und für die Dauer der Demonstration am Betreten oder Verlassen gehindert – teilweise unter aktiver Körperverletzung.Human Rights First: , o. D., abgerufen am 18. Mai 2013 (englisch) Von mehreren Actos de Repudio sind auch Stein- und Farbbeutelwürfe dokumentiert, ebenso gewaltsames Eindringen in Wohnungen. Bis in jüngste Zeit werden auch Exkremente und Eier als Wurfgeschosse gegen Wohnungen verwendet, häufig wird auch eine Art Bitumen in Kondome abgefüllt und in den Hauseingang gespritzt, oder die Kondome werden durch den Aufprall an der Hauswand zum Platzen gebracht.Mientras Wilman Villar agonizaba, los esbirros acosaban a los opositores Video auf YouTube mit Spuren eines Acto de Repudio gegen den Oppositionellen Jorge Cervantes García, hochgeladen am 23. Januar 2012, abgerufen am 29. Januar 2012 (spanisch) Bei Actos de Repudio sind regelmäßig seit Jahrzehnten bekannte Sprechchöre zu hören, die entweder die Opposition beschimpfen und dabei teilweise entmenschlichen (z. B. „Pin, pon, ¡fuera! ¡Abajo la gusanera!“ – „Raus mit ihnen! Nieder mit dem Gewürm!“), oder die Revolution und die Gebrüder Castro feiern (z. B. „¡Esta calle es de Fidel!“ – „Diese Straße gehört Fidel!“, „Para lo que sea, Fidel“ – „Fidel, egal wofür“ und „¡Viva la revolución!“ – „Es lebe die Revolution!“).acto de repudio, 14 de octubre de 2013 filmado por Luz Escobar. Video auf YouTube mit Bildern einer Aktion vom Oktober 2013, abgerufen am 24. Oktober 2013 (spanisch)

Insbesondere zur Behinderung von Demonstrationen oder öffentlichen Versammlungen von Regimekritikern – z. B. der prominenten Gruppe Damas de Blanco („Damen in Weiß“) – gibt es Actos de Repudio auch abseits von Privatwohnungen. in: Nuevo Herald vom 18. März 2010, abgerufen am 25. September 2011 (spanisch) Seit einer Intervention der Katholischen Kirche in Kuba gegenüber der Regierung im Mai 2010 können die Damas de Blanco wieder ihre traditionellen sonntäglichen Schweigemärsche in einem Außenbezirk von Havanna durchführen, an denen sie zuvor mehrfach durch Actos de Repudio gehindert worden waren.Acoso a las Damas de Blanco en su tercera jornada de protestas en Cuba in: El País vom 17. März 2010, abgerufen am 26. September 2011 (spanisch) Bei vorab angekündigten Veranstaltungen werden prominente Regimekritiker oft durch Actos de Repudio am Verlassen ihrer Wohnung und dadurch an der Teilnahme gehindert.Cuba: detenidos en protesta in: BBC Mundo vom 28. September 2007, abgerufen am 25. September 2011 (spanisch)Agence France Presse: Meldung vom 25. September 2011, abgerufen via Google News am 24. Oktober 2013 (spanisch)

Bei Actos de Repudio größeren Ausmaßes werden die Protestierenden in von staatlichen Stellen bereitgestellten Bussen zum Ort des Protests gefahren, ebenso wird die Versorgung mit Zwischenmahlzeiten und Erfrischungsgetränken durch die Behörden gewährleistet. Im September 2011 wurde erstmals ein Acto de Repudio bereits vorab in einem der Regierung nahestehenden prominenten Blog angekündigt.Damas de Blanco intentan nueva provocación imperial en La Habana im Blog Cambios en Cuba vom 21. September 2011, abgerufen am 17. Oktober 2011 (spanisch) Den entsprechenden Straßenzug rings um den Ort des inszenierten Protests in der Innenstadt von Havanna riegelten dann uniformierte Polizisten ab, die neben offiziellen in- und ausländischen Pressevertretern nur staatlich autorisierte Demonstranten passieren ließen. Unmittelbar vor dem belagerten Wohnhaus bildeten teilweise mit Sprechfunk ausgestattete Geheimdienstmitarbeiter die erste Reihe der Menschenmenge und waren für die unmittelbare Gewaltanwendung verantwortlich, mit Hilfe derer die Regierungskritiker, als diese versuchten das Haus zu verlassen, wieder hinein gezwungen wurden.Cuba: Diseccionando un acto de repudio a las Damas de Blanco im Blog Un Cubano en Canarias vom 25. September 2011, abgerufen am 26. September 2011 (spanisch) in: Diario de Cuba vom 25. September 2011, abgerufen am 26. September 2011 (spanisch). Von einer ähnlichen, ebenfalls gegen eine Versammlung der Damas de Blanco gerichteten Einschüchterungsaktion berichtete beispielsweise die spanische Nachrichtenagentur EFE im März 2011 von auf der Straße eigens installierten Lautsprechern, über die regierungsfreundliche politische Lieder gespielt wurden, von Megaphonen zur Verstärkung der Sprechchöre sowie von einem deutlich sichtbaren Aufgebot an uniformierten Polizeibeamten und in zivil auftretenden Mitarbeitern der Staatssicherheit.EFE: Meldung vom 18. März 2011, abgerufen über Noticias24.com am 24. Oktober 2013 (spanisch)

Für prominente Teilnehmer an Actos de Repudio gibt es nur wenige belegte Beispiele: 1980 nahmen mehrere Musiker der Nueva-Trova-Bewegung, darunter deren bekannteste Vertreter Pablo Milanés und Silvio Rodríguez, an einem einwöchigen Acto de Repudio gegen die Familie des Sängers Mike Porcel teil, der (erfolglos) einen Ausreiseantrag gestellt hatte und dafür aus der Bewegung ausgestoßen wurde.Mike Porcel recuerda el acto de repudio que le hiciera Pablo Milanés y otros miembros de la Nueva Trova en 1980 im Blog El Imparcial Digital vom 31. August 2011, abgerufen am 17. Oktober 2011 (spanisch) Im März 1990 nahmen der damalige Präsident des Kommunistischen Jugendverbands, Roberto Robaina, und der Präsident des Nationalen Studentenverbands, Felipe Pérez Roque an einem Acto de Repudio gegen den vom historischen Teilnehmer der Revolution zum prominenten Dissidenten gewandelten Gustavo Arcos teil – Robaina (1993–1999) und Pérez Roque (1999–2009) dienten später jeweils als Außenminister in der kubanischen Regierung.Oscar Peña: Una apertura nacional in: El Nuevo Herald vom 26. Februar 2011, abgerufen am 7. August 2012 (spanisch)

Im Mai 2012 starb die 94-jährige Antonia Rodríguez Mirabal, deren Wohnhaus in Santa Clara an den beiden vorangegangenen Tagen Ziel eines von ihr unmittelbar erlittenen, gewaltsamen Acto de Repudio war, an den Folgen eines Schlaganfalls. Die Studenten und Jugendlichen, die die gegen die Nichte der Frau gerichtete Einschüchterungsaktion gemeinsam mit Angehörigen der Staatssicherheit sowie uniformierten Vertretern der Polizei und des Innenministeriums durchführten,Jorge Luis García: imagen del acto de repudio frente a la CCO Foto via Twitter vom 17. Mai 2012, abgerufen am 21. Mai 2012 hatten das Haus nach Angaben der Familie sowie anwesender Oppositioneller zwei Tage lang belagert und mit Steinen beworfen, die Familie am Einkauf von Lebensmitteln gehindert sowie Parolen geschrien.Villa Clara: Muere una anciana tras dos días de actos de repudio in: Diario de Cuba vom 20. Mai 2012, abgerufen am 21. Mai 2012 (spanisch)The Killing of a Grandmother im Blog Capitol Hill Cubans vom 20. Mai 2012, abgerufen am 21. Mai 2012 (englisch) Eine Woche später starb in der Stadt Guantánamo die 74-jährige Nachbarin eines inhaftierten Dissidenten an einem Herzinfarkt, den sie während eines behördlich koordinierten Mob-Angriffs auf das Wohnhaus seiner Familie erlitt.Muere una mujer tras sufrir un infarto durante un acto de repudio en Guantánamo in: Diario de Cuba vom 23. Mai 2012, abgerufen am 24. Mai 2012 (spanisch)

Kritik Amnesty International und andere in- und ausländische Beobachter haben mehrfach ebenso auf die Verantwortung der kubanischen Regierung für die Actos de Repudio hingewiesen wie auf deren Unvereinbarkeit mit den Menschenrechten.Amnesty International: Cuba: Fundamental freedoms still under attack Dokument AMR 25/001/2006 vom 17. März 2006, abgerufen am 25. September 2011 (englisch) Das Auswärtige Amt bezeichnet in seiner öffentlichen Beurteilung der aktuellen Menschenrechtssituation die Actos de Repudio als „besorgniserregend“.Auswärtiges Amt: Kuba: Innenpolitik in: Reise- und Sicherheitshinweise (Stand: Januar 2013), abgerufen am 18. Mai 2013 Als einzige in Kuba lebende und sich dem politischen System verbunden fühlende Prominente haben die populären Musiker Carlos Varela und Pablo Milanés (unabhängig voneinander) 2010 und 2011 die Praxis der Actos de Repudio ausdrücklich abgelehnt, worüber in den kubanischen Medien jedoch nicht berichtet worden ist.Carlos Varela Opposes Hate Rallies in: Havana Times vom 5. Mai 2010, abgerufen am 26. September 2011 (englisch) in: Café Fuerte vom 30. August 2011, abgerufen am 7. August 2012 (spanisch)