mini|hochkant=1.5|Mahmut Celayir vor seinem GemäldeIn der Spur der Schatten, 2006

Mahmut Celayir (* 1. Mai 1951 in Bingöl, Türkei) ist ein kurdisch-deutscher Maler.

Leben Herkunft Mahmut CelayirAussprache: machmut tschelajir, IPA: [maxmut tʃelajir]. wurde am 1. Mai 1951 als Sohn des Maurers Serif Celayir und seiner Frau Kumey Sedxunun in dem kleinen Bergdorf Kur als erstes von sechs Kindern geboren.Der Geburtstag steht nicht genau fest. Celayirs Mutter sprach bei der Registrierung der Geburt „von der Schneeschmelze und dem hellen Licht des Frühlings“, und so wurde als Geburtstag der 1. Mai festgelegt (Lipps-Kant 1999, Seite 141). – Kur (türkisch Dikme), ca. 1660 m über NN: . Kur liegt in der türkischen Provinz Bingöl ca. 20 km westlich von der Provinzhauptstadt Bingöl. Celayir ist Kurde und gehört zur iranischen Bevölkerungsgruppe der Zaza.

Ausbildung Nach dem Besuch der Grund- und Mittelschule von 1960 bis 1968 besuchte er bis 1971 das Gymnasium in Tunceli, das er mit dem Abitur abschloss.Etwa 100 km westlich von Bingöl: . Als Zwanzigjähriger begann er 1972 ein Studium mit dem Schwerpunkt Druckgraphik an der Hochschule für angewandte Künste in Istanbul unter den Lehrern Mustafa Aslier,Mustafa Aslier hat das einzige deutschsprachige Werk über türkische Malerei veröffentlicht (Aslier 1989). B. Naci Islimyeli, Ergin Inan und Mustafa Plevneli.Website Mustafa Plevneli (türkisch). Ab 1976 absolvierte er ein zweijähriges Praktikum an dem TV Institut der Anadolu-Universität in Eskisehir, wo er sich besonders den Fächern Graphik und Bühnenbild widmete.Eskisehir liegt ca. 190 km westlich von Ankara: . Nach zweijährigem Militärdienst kehrte Celayir 1980 nach Istanbul zurück.

Bühnenbildner in Istanbul 1982 trat er eine Stelle als Bühnenbildner am Staatstheater Istanbul an. Dort wirkte er auch an der Gestaltung des Bühnenbilds für das Theaterstück „Götter und Menschen. Gilgamesch“ mit, ein Werk des türkischen Dramatikers Orhan Asena.Spuler 1968, S. 78–90, zu „Götter und Menschen. Gilgamesch“ siehe S. 84–86. Das Gilgamesch-Epos regte ihn an, sich mit der Kunst der Hethiter und des alten Mesopotamien zu beschäftigen, die er in lokalen Museen und teilweise vor Ort studieren konnte.

Maler in Berlin 1984 gab Celayir die feste Anstellung am Theater auf, um zukünftig als freischaffender Künstler zu wirken. Wie in den Jahren zuvor nahm er auch 1984–1986 noch einmal an Wettbewerben teil, bei denen einige seiner Werke ausgezeichnet und angekauft wurden (siehe Auszeichnungen). 1986 kam er erstmals nach Deutschland. In Berlin befasste er sich mit der Landschaftsmalerei, die er zum Mittelpunkt seines Schaffens erkoren hatte. Besonders die deutschen Meister der Romantik (u. a. Caspar David Friedrich, Carl Blechen und Adolph von Menzel) zogen ihn an, die er in Berlin im Museum studieren konnte. Zu Caspar David Friedrich fühlte er eine Seelenverwandtschaft, denn „meine Tradition ist die Romantik, ihre Melancholie, die Suche nach der inneren Landschaft. [Caspar David] Friedrich … hat diese innere Landschaft gesucht und gemalt“.Aus einem Interview mit Mahmut Celayir in der Kornwestheimer Zeitung vom 8. Februar 2008 (Sedler 2008). In Berlin kam er in Kontakt mit der Galerie Oberlicht, wo 1987 auch seine erste deutsche Einzelausstellung stattfand.

Maler in Stuttgart 1988 verlegte Celayir seinen Lebensmittelpunkt nach Deutschland und ließ sich in Stuttgart nieder. Den Kontakt zur Heimat erhielt er sich durch viele Reisen dorthin und durch wiederholte Ausstellungen in Istanbul, Ankara und Izmir. Ein Aufenthalt in Ostanatolien änderte 1991 seinen Blick auf die Landschaft. Statt der lichtdurchfluteten Weite einsamer Landschaften wurde nun die flächenfüllende Vegetation der Erdscholle in endloser Wiederkehr dürrer Pflanzen, die sich in perspektivischer Weite verlieren, zu seinem Thema. Im Laufe der Jahre wandelt sich die konkret-realistische Sicht der Scholle zu einer abstrakteren Auffassung, die oftmals noch den Ursprung erkennen lässt. Parallel dazu entstehen bis heute fotorealistische Landschaften und Landschaftsfotografien.

Nach ersten Ausstellungen in der Türkei folgten ab den 1990er Jahren fast jährlich Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland und der Türkei, sowohl in Kunstgalerien als auch in renommierten Museen. Die bisher größte Werkschau richtete 2008 das Museum im Kleihues-Bau in Kornwestheim aus, die einen Überblick über 24 Jahre seines Schaffens gab.

Rückkehr Nach 22 Jahren in Stuttgart kehrte der damals 59-Jährige im Jahr 2010 in die Türkei zurück. Er lebt und arbeitet jetzt in Istanbul.

Werk mini|hochkant| mini|hochkant| mini|hochkant=1.15| mini|hochkant| Nach phantastisch-realistischen Anfängen schuf Celayir einige Jahre mythisch inspirierte Werke, bevor er sich seinem zukünftigen Haupttätigkeitsfeld, der Landschaftsmalerei zuwendete, auf der Suche „nach dem verlorenen Paradies“ seiner Heimat.Aus einem Interview mit Mahmut Celayir in der Kornwestheimer Zeitung vom 8. Februar 2008 (Sedler 2008). In den ersten Jahren modellierte er in pointillistischer Manier die einsame, weite Berglandschaft seiner Heimat. Zu Beginn der 1990er Jahre wendete er sich jedoch ab von der großräumigen Perspektive und sezierte in seinen flächenfüllenden Bildern den Boden seiner Heimat, indem er ihn Scholle um Scholle zu einem Tableau der Dürre und Kargheit zusammensetzte. Nur wenig später beginnt er damit, die Schollenstruktur aufzulösen und zu verselbständigen. Die bisher realistisch gesehene Bodenoberfläche wird abstrakt verfremdet. Nach der Jahrtausendwende kreiert er auch fotorealistische Landschaften und Landschaftsfotografien.

Anfänge Über Celayirs Werke aus der Zeit vor 1972 ist nichts bekannt. In den siebziger Jahren porträtierte er u. a. Bewohner seines Dorfs und schuf phantastisch-realistische Radierungen.

Die kleinformatige Radierung Lastensattel (Abbildung) zeigt gleichnishaft das Ringen zwischen Natur und menschlicher Zivilisation. Ein Baumriese, der mit seinen bombastischen Ausmaßen an den Weltenbaum erinnert, wird von einem gigantischen Häusergebirge wie vom Blitz mittlings in zwei Hälften zerrissen. Wer wird den Kampf überstehen?

Mythos Während seiner Tätigkeit am Staatstheater Istanbul (1982–1984) beschäftigte sich Celayir vorwiegend mit Themen aus der mesopotamischen Geschichte. Er verwendete Versatzstücke aus der Architektur und der Reliefkunst Mesopotamiens und schuf daraus eigene, surreal anmutende Kompositionen in Mischtechnik und Öl.

In dem etwa DIN A3-großen Bild Gedenkstein (Abbildung) greift Celayir ein altes assyrisches Motiv auf. Seine ins Monumentale vergrößerte Schutztafel wird statt von einem göttlichen Schutzgeist von einem Nomaden gehalten, von dem man, wie bei diesen Schutztafeln üblich, nur Kopf und Hände sieht. Die Tafel selbst ist nach Art eines Ischtar-Tors gestaltet und trägt ein dreistöckiges Relief mit Figuren der assyrischen Mythologie. Im Hintergrund öffnet sich ein weites, ödes Bergland mit einem unheilverkündenden Himmel.

Die weite Landschaft Von 1984 bis 1991 modellierte Celayir die weite, einsame Berglandschaft seiner Heimat in meist großformatigen Bildern. Nur selten wird die Einsamkeit der endlosen Weite durchbrochen (oder unterstrichen) durch vereinzelte Nomaden, Tiere oder Zelte, oft nur durch eine einzige, in der Landschaft verlorene, fast unsichtbar winzige Menschengestalt.

Aber auch Zeichen einer feindlichen Zivilisation tauchen auf, z. B. vereinzelte Leitpfosten und Messlatten oder der Kondensstreifen eines vorüberfliegenden Flugzeugs, die in ihrer Fremdartigkeit ein Gefühl der Bedrohung hervorrufen. Die Bilder erinnern an Giorgio de Chirico und seine beklemmenden metaphysischen Szenarien auf einsamen Plätzen oder an den belgischen Surrealisten René Magritte, der Gebirgslandschaften als bedrohlichen Hintergrund einsetzte und verhüllte oder verdeckte Gesichter, Mondsichel und Spiegel in absurd erscheinenden Szenen kombinierte.

In dem Bild Der Spiegel (Abbildung) zieht vor einer Bergkulisse hoch am Himmel ein Flugzeug vorbei. Ein Mann verbirgt sein Gesicht hinter einem Spiegel, und statt sich in ihm zu betrachten, fängt er mit ihm das Abbild der Mondsichel auf.

In Die Große Einsamkeit der Alamanci Frau I (Abbildung) ist eine Frau mit ihrer Tochter in der unendlichen Weite der Hochebene unterwegs, um in einer nahen Schutzhütte ihre Zuflucht zu suchen. Die Alamanci fristet ihr Leben allein hier, während ihr Mann in Deutschland seinem Broterwerb nachgeht.

Von der Maltechnik her erinnern die Bilder dieser Zeit an die pointillistische Technik eines Seurat oder die virgulistische Technik von Impressionisten wie van Gogh.Als Virgulismus (französisch virgulisme) wird eine Maltechnik bezeichnet, bei der die Farben in kleinen Strichen (französisch virgule = Komma) nebeneinander gesetzt werden. Kleine oder größere Farbpunkte oder -striche verbinden sich zu einem Lokalton, und unendlich viele Punkte oder Striche setzen sich zu einem Bild zusammen.

Die verdorrte Landschaft mini|hochkant=1.75| Bei manchen der weiten Landschaften scheint bereits der Same angelegt für Celayirs flächenfüllende Bilder der heimatlichen Scholle, die er 1991 zu seinem Thema erkor. Während bis dahin der Blick des Malers in die Weite der Landschaft und des Himmels schweifte, richtete er ihn nun hinab zur Erde, auf die karge, endlos weite Scholle seiner Heimat. Setzten sich die weiten Landschaften aus unendlich vielen Punkten und Strichen zusammen, so verband er nun Schollenstücke in endloser, abwechslungsreicher Wiederkehr zu einem perspektivischen Bildteppich, dessen Elemente immer weiter schrumpfen, bis sie sich beinahe auflösen, um sich manchmal sogar in einen flimmernden Streifen des blauen Himmels zu verflüchtigen.

Eine Parallele zu M. C. Escher ist nicht zu übersehen. Während dieser seine regelmäßigen Flächenfüllungen (Metamorphosen) mit grafischen Elementen füllte, nahm sich Celayir jedoch die Natur zum Vorbild. Häufig wiederkehrende Motive sind kleine Scholleninseln mit dicken Blätterkugeln und wie Spargel hochschießenden Stängeln, zwischen denen immer wieder die nackte dunkle Erde, Kriechpflanzen oder Steine auftauchen. Bisweilen passt sich die Farbgebung dem Spiel des Lichtes an und wechselt mit zunehmender Distanz, von flammenden Rot oder knalligem Gelb bis zu verschwimmenden Pastelltönen.

Viele der oft wandfüllenden Bilder sind mehrteilig, meist als Diptychon oder Triptychon angelegt, ein Stilmittel, das er auch später weiterverwendet. „Thematisch und gestalterisch aufeinander bezogen“ sind die Einzelbilder kaum voneinander zu unterscheiden, was den Bildern „eine Form der Erhöhung, der inhaltlichen Steigerung“ verleiht.Barbara Lipps-Kant: Mahmut Celayir – Mitos Mazara – Mythos Landschaft, deutsch-türkisch, Kadiköy-Istanbul 1999, ISBN 975-8126-19-9. S. 27.

Die abstrakte Landschaft

Ab 1992 entstehen Bilder, in denen Celayir die Erdschollen der verdorrten Landschaften nach und nach in abstrakte Formen auflöst. Dabei geht er drei verschiedene Wege: Die Erdschollen verbinden sich und durchziehen in langen, annähernd monochromen Streifen und Bögen die Landschaft (Bild 1). Die Schollen lösen sich voneinander und schweben in Fetzen (Bild 2a) oder als kalligraphische Formen (Bild 2b) über meist einfarbigen Untergründen. Wie in einer Nahaufnahme sprießen im Vordergrund spargelähnliche Stengel zwischen verdorrten Blättern empor (Bild 3a) – eine Reminiszenz an die verdorrten Landschaften, oder es verweben sich farbenfrohe Knäuel von dicht gesetzten Strichen und Bögen zu einer abstrakten Schollenstruktur (Bild 3b). In der Ferne verjüngt sich die Landschaft perspektivisch und löst sich in immer kleineren Strichen und Bögen auf, die an Luftaufnahmen gigantischer Metropolen erinnern.

Teilweise collagiert der Künstler seine Bilder mit Ausrissen aus Zeitungen (Bild 1), oder er verbindet sie mit Messlatten und geschichteten Steinpyramiden (Steinmännchen) zu Installationen (Bild 4).

Die fotorealistischen Landschaften