mini|hochkant=1|Zunftkelch Das Ehrsame Handwerk der Steinmetzen und Maurer im kaiserlichen Steinbruch am Leithaberg war eine historische Zunftorganisation im heutigen Kaisersteinbruch, die ab 1615 als Viertellade dokumentiert ist. Sie unterstand organisatorisch der Haupthütte in Wiener Neustadt. Das Handwerk erlangte durch den Abbau und die Verarbeitung des hochwertigen „Kaisersteins“ überregionale Bedeutung für Großbauprojekte im Raum Wien und Niederösterreich.
Geschichte Der im Leithagebirge gewonnene Kaiserstein fand bereits in der römischen Antike, etwa bei der Villa von Königshof-Ödes Kloster, Verwendung. Der älteste erhaltene steinerne Brunnen in Wien ist der von Pietro Solari im Jahr 1552 errichtete Schweizerhofbrunnen in der Wiener Hofburg. Während des Mittelalters operierten die Gewerbe der Steinmetzen und Maurer als getrennte Handwerke. Eine engere Kooperation entwickelte sich erst im 17. Jahrhundert, als sich lokale Meister gegen die Konkurrenz der italienischen Magistri Comacini aus der Region um den Comer See abzugrenzen versuchten.Johanna M. Nemeth: Entwicklung der Zunft der Bau- und Maurermeister in Wien 1683–1800. Dissertation, Universität Wien 1982.
Rechtlicher Status Die rechtliche und steuerliche Zugehörigkeit des Steinbruchs war umstritten. Ein Vertrag aus dem Jahr 1609 wies die Ortsherrlichkeit der niederösterreichischen Kammer zu, während die Grundherrschaft beim Stift Heiligenkreuz verblieb. Die niederösterreichischen Stände versuchten daher die Einhebung der Weinsteuer, des „Täz“ einzufordern.Niederösterreichisches Landesarchiv: Ständische Akten B 9/24. Ein Bericht des Rentmeisters Johann Miller vom 20. Februar 1618 hielt jedoch fest, dass das Gebiet der ungarischen Jurisdiktion unterstand. Laut Aussage des Abtes Christoph Schäffer waren zu dieser Zeit sechs Meister und ein Bildhauer im Steinbruch ansässig, deren Gesinde vollständig von der Steinmetzarbeit lebte.Harald Prickler: Burgenländische Heimatblätter 1961.Helmuth Furch: 400 Jahre Kaisersteinbruch 1590–1990. Festschrift, Bericht des Johann Miller 1618. Kaisersteinbruch 1990, ISBN 3-9504555-1-5, S. 22 f.
mini|hochkant|Hauptportal von Schloss Ebersdorf, 1618 errichtet Zu den namentlich genannten Meistern gehörten unter anderem Ulrich Payos, Pietro de Magistris, Nicolae di Novo, Andre Ruffini und Antonius Bregno. Als kaiserliche Handwerker waren sie verpflichtet, staatliche Bauvorhaben prioritär zu behandeln, wie etwa die Errichtung des Haupttores von Schloss Ebersdorf.
Handwerksordnungen und Privilegien mini|hochkant|Dom von Wiener Neustadt mini|hochkant|Siegel im 17. Jahrhundert, ab 1617Museum Mosonmagyaróvár: Siegel des Kaisersteinbrucher Steinmetzhandwerkes. Die erste urkundlich belegte Handwerksordnung der Wiener Neustädter Zeche stammt aus dem Jahr 1615 und wurde am 16. März 1617 von Kaiser Matthias bestätigt. Diese Ordnung umfasste zahlreiche Handwerksgenossen umliegender Orte, darunter die Viertelladen in Baden und dem kaiserlichen Steinbruch.Stadtarchiv Wiener Neustadt: Denen bürgerlichen Steinmetz- und Maurer in der Neustadt Zechbuch, angefangen anno 1617.
Der Zunftbezirk reichte von Kirchschlag, Schottwien, Neunkirchen, Piesting, Leobersdorf, Pottenstein, Ebenfurth, Baden, Gumpoldskirchen, Mödling, Petersdorf, Rodaun, von Deutsch- und Ungarisch Brodersdorf, Purbach, Milchdorf, bis nach Eisenstadt und Ödenburg.Josef Mayer: Geschichte von Wiener Neustadt. 4 Bände. 1924–1928.Helmuth Furch: Denen Meistern eines ehrsamen Handwerks der Steinmetzen und Maurer im kaisl. Steinbruch am Leithaberg. In: Mitteilungen des Museums- u. Kulturvereines Kaisersteinbruch, 1990–2000. 59 Bände. ISBN 978-3-9504555-3-3. Teil 1, Nr. 29, 1993, S. 18–25 (permalink.obvsg.at). Einige Artikel daraus: Aufgrund der abgelegenen Lage des Steinbruchs erhielten die dortigen Meister die Sondergenehmigung, zwei Lehrlinge statt nur eines einzustellen. Die Ausbildung dauerte für Maurer drei Jahre, für Steinmetze fünf Jahre. Zudem wurde festgelegt, dass Meister ein Jahr Garantie für die von ihnen errichteten Gebäude leisten mussten. Die Arbeitszeit der Gesellen und Poliere war streng geregelt und orientierte sich am Tageslicht, mit festgelegten Pausen für Frühstück, Mittagessen und Jause.Josef Mayer: Geschichte von Wiener Neustadt. 3. Band. S. 414.
Das Amt des Obervorstehers (Viertelmeister) wechselte jährlich; namhafte Vertreter waren Andre Ruffini (1626) und Ambrosius Petruzzy (1640); Mathias Lorentisch 1644, Domenicus Petruzzy 1651, Giorgio Regondi 1657.
Kaiser Ferdinand II. bestätigte am 11. August 1625 die Handwerksordnung für die Meister „welscher Nation“ in Niederösterreich, sie kamen mit der Bitte um eine eigene Handwerksordnung und schrieben einfach die Anrede: Kayßer.Kaiser Ferdinand II. In: Helmuth Furch: Historisches Lexikon Kaisersteinbruch. 2. Band: I–Z. Kaisersteinbruch 2004, S. 270 f. die deutschen Handwerker behielten ihre traditionellen Freiheiten. Diese Ordnung verpflichtete die Gesellen unter anderem zur Teilnahme an katholischen Prozessionen wie dem Fronleichnamsfest. Im Jahr 1649 schlossen sich die Steinmetzhandwerke des Leithagebirges organisatorisch in der Kaisersteinbrucher Viertellade zusammen. Der Wirkungsbereich erstreckte sich auf die herrschaftlichen Marktflecken Sommerein, Mannersdorf, Hof, und Au, weiters Maria Loretto, Winden, Jois und Kaisersteinbruch selbst.Landesarchiv Burgenland: Zunftakten, Freisprechbuch der Steinmetzen und Maurer in Steinbruch. A/VI-1l, Fasc. 1/2. Am Buchdeckel mit „ab 1764“ beschrieben, tatsächlich ab 1791. Das bedeutet, dass jede Zunfthandlung, wie „Aufdingung“ (Aufnahme von Lehrlingen), „Freisprechung“ (zum Gesellen freisprechen) usw. vor offener Lade in Kaisersteinbruch abgehalten wurde. Dieses Freisprechbuch der Steinmetzen und Maurer in Kaisersteinbruch dokumentiert die tatsächliche Bedeutung dieses Handwerks.
Streit der Haupthütten in Wien und Wiener Neustadt In den Streit der beiden Haupthütten in Wien und Wiener Neustadt um Machtbereiche, größeren Einfluss und viel Geld wurde die Viertellade in Kaisersteinbruch ab 1644 hineingezogen.Helmuth Furch: Denen Meistern eines ehrsamen Handwerks der Steinmetzen und Maurer im kaisl. Steinbruch am Leithaberg. In: Mitteilungen des Museums- und Kulturvereines Kaisersteinbruch. Teil 2, Nr. 30, Jänner 1994, S. 21–29. Die Wiener Meister versuchten, die Kaisersteinbrucher Handwerker zur Loslösung von Wiener Neustadt zu bewegen, und drohten mit Sanktionen, wie dem Ausschluss der Gesellen von Baustellen.Wiener Stadt- und Landesarchiv: Steinmetzakten. A 61/22. Im November 1644 leisteten daher die Kaisersteinbrucher Meister Pietro Maino Maderno, Peter Concorz und Hieronymus Bregno Geldbeträge an die Zunft in Wien, um die Benachteiligung ihrer Gesellen zu beenden.Stadtarchiv Wiener Neustadt: Steinmetzakten. H 111.
mini|hochkant|Quattuor Coronati, Zunftfahne 1650
Zunftfahne mit den Schutzpatronen Das von alters her verwendete Wappen auf ihren Zechfahnen, darauf die fünf heiligen Schutzpatrone: Claudius, mit einem Maßstab Nicostratus, mit dem Winkelmaß Symphorianus, mit dem Zirkel Castorius, mit der Gesichtsmaß Simplicius, mit zwei Steinmeisseln in der rechten, und eine Triangel-Bleywag in der linken Hand haltend.
Alle fünf sind in altrömischer Tracht mit nach vorne gerichtetem Gesicht und grünen Lorbeerkränzen auf dem Haupt, nebeneinander stehend, vor welchem auf grünem Rasen eine der quer liegende Säule aus rotem Marmor, hinter solcher auf drei Staffeln, darauf ist ein achteckiges einfaches Kreuz aufgerichtet, alles aus weißem Stein gehauen.Auszüge eines Dokumentes aus dem Archiv Mosonmagyaróvár.
Konflikte mit der geistlichen Grundherrschaft des Stiftes Heiligenkreuz Der neue Richter Ambrosius Regondi zeigte Abt Michael Schnabel beim ungarischen Palatin Paul Pálffy an, da dieser den Kaiseradler auf dem Kirchturm entfernen lassen wollte. Der Abt wiederum beklagte sich 1653 über das eigenmächtige Verhalten der Steinmetze, die ohne sein Einvernehmen eine Handwerksordnung durchgesetzt und eigenständige Zunftversammlungen abgehalten hatten.
Nach dem Türkenkrieg: Kaiser Leopold I. bestätigt 1690 die eigenständige Viertellade
Am 29. März 1689 genehmigte Leopold I. dem Handwerk der Steinmetz- und Maurermeister in Wiener Neustadt und den incorporierten Viertelladen ihre Handwerksordnung und am 1. Juni 1690 erhielt die Viertellade Kaisersteinbruch eine bestätigte Kopie. „Dieses Exemplar ist seinem, bei der Hauptlade allhier liegenden Original von Wort zu Wort gleichlautend collationiert, und mit dem größeren Insigl verfertigt, ausgehändigt worden. Actum Hauptlade Neustadt.“
Kaiser Karl VI. bestätigt 1714 die Viertellade Durch den Ausbruch des Rákóczi-Aufstands (1703) und eine anschließende Pestepidemie wurde die Verbindung zur Hauptlade in Wiener Neustadt jahrelang unterbrochen. Aus diesem Grund erließ Kaiser Karl VI. im Jahr 1714 eine eigenständige Zunftordnung mit 38 Artikeln für die Viertellade Kaisersteinbruch. Diese regelte unter anderem die Erbringung des Meisterstücks sowie moralische und religiöse Pflichten der Zunftmitglieder.Hans Kietaibl: Die Bruderschaft der Maurer und Steinmetze in Kaisersteinbruch. In: Helmuth Furch 1992/2015: (PDF; 23,9 MB) S. 18–22.
mini|hochkant|Siegel im 18. Jahrhundert
Maria Theresias bestätigt 1747 die Handwerksordnung Die Kaiserin erneuerte diese Handwerksordnung im Jahr 1747 auf Bitten der beteiligten Meister. „Wir, Maria Theresia, von Gottes Gnaden Römische Kaiserin etc. …Archiv Mosonmagyaróvár: Dokument der Handwerksordnung 1747 von Maria Theresia.Helmuth Furch: Handwerksordnung 1764. In: Mitteilungen des Museums- und Kulturvereines Kaisersteinbruch: . Nr. 9, Juni 1991, S. 8 f. tun kund mit diesem Brief allermänniglich, dass die der Neustädterischen Zunft einverleibten Meister, als zur Neustadt, Baden, in Unserem kaiserlich-königlichen Steinbruch am Leithaberg, Eisenstadt, Bruck an der Leitha,Stadtarchiv Bruck an der Leitha: Protokoll und Meisterbuch eines ehrsamen Handwerks der Steinmetz- und Maurer Viertellade Bruck an der Leitha – anno 1749. Himberg, Neunkirchen und Deutsch Brodersdorf alleruntertänigst gebeten. Wir geruhen als jetzt regierende Frau und Erblands-Fürstin in Österreich … die 1714 bestätigte Handwerksordnung und Freiheit gleichfalls zu erneuern und zu gestatten.“
Unter Kaiser Joseph II. wurde das Selbstverwaltungsrecht der Zünfte im Sinne des aufgeklärten Absolutismus stark beschnitten; nach 1780 wurden keine neuen Zunftordnungen mehr bestätigt.Roman Sandgruber, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien: Das historische Gewerbe, Satzung und Leben der Zünfte. Age d’Homme, Karolinger Verlag, Wien 1980, S. 84.
Hilfslade zur Unterstützung der Witwen Zur sozialen Absicherung existierte im Steinbruch eine sogenannte Hilfslade, die um 1800 von Meister Laurenz Pansipp verwaltet wurde. Sie finanzierte aus Beiträgen der Meister und Gesellen die Begräbniskosten für Witwen verstorbener Zunftmitglieder. „Das Steinmetzhandwerk erscheint bei solchen Begräbnissen vor der Kirche mit ihren Standarten und geht ordentlich zu dem Leichenhause mithin und begleitet es so mit brennenden Wachskerzen zur Grabstatt.“
Die Viertellade wird am 7. Juni 1801 dem Wiener Neustädter Handwerk zurückgegeben Das organisatorische Ende der seit 1617 bestehenden Viertellade (4.tl laad) kam per Regierungsbefehl am 7. Juni 1801.
Da wurden die Meister aus Sommerein, Mannersdorf, Hof und Au in die Zunft von Bruck an der Leitha eingegliedert, wodurch die seit 1649 bestehende Gemeinschaft aufgelöst und die verbliebene Viertellade an das Wiener Neustädter Handwerk rückübertragen wurde.
Einige Beispiele 10. Juni 1792: Maria Loretto