Das Kastell Walldürn (auch als Kastell Alteburg bezeichnet) war ein römisches Militärlager am sogenannten „Vorderen Limes“ des Obergermanisch-Rätischen Limes und zählt zum UNESCO-Welterbe. Seine Überreste gelten außerdem als archäologisches Denkmal und befinden sich heute unter einer als Wiese genutzten Fläche südöstlich der baden-württembergischen Stadt Walldürn im Neckar-Odenwald-Kreis. Insbesondere die Studien zu einem mit modernen Methoden ergrabenen Abschnitt des kastelleigenen Lagerdorfes (Vicus), aber auch die Grabungen am Militärbad brachten der Limesforschung wichtige Erkenntnisse. Speziell die aus dem Kastellbad stammende Bauinschrift und die sich aus ihr ergebenen Fragestellungen beschäftigen seit Generationen die internationale Wissenschaft.

Lage mini|Die Karte zeigt den Verlauf des Vorderen Limes im Umfeld des Kastells Walldürn. mini|Lageplan des Kastells zur Zeit der Forschungen durch die Reichs-Limeskommission Die nordöstlich orientierte Anlage wurde auf einer flachen Anhöhe mit weitem Blick ins Land errichtet. Die Gegend ist in diesem Abschnitt nicht von tiefen Einschnitten zerfurcht, wie etwas weiter nördlich und südlich. Der fast schnurgerade von Nordwesten kommende Limes knickt rund 300 Meter östlich des Kastells an dem Wachturm Wp 7/39 deutlich nach Süden ab, um südlich der Hohen Straße bei Wp 7/46 erneut die Richtung nach Südosten zu ändern.Willi Beck, Dieter Planck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1980, ISBN 3-8062-0242-7, S. 45–48, hier: S. 45. Von der Prätorialfront, der dem Feind zugewandten Schmalseite der Befestigung blickten die Soldaten fast genau auf den vor ihnen liegenden Limesknick, die Dekumanseite, die rückwärtige Lagerseite war nur wenige Schritte von dem etwas unterhalb nach Nordwesten fließenden Marsbach entfernt. Die etwas südöstlich des Kastells gelegene Quelle dieses Baches befand sich bereits im Barbaricum.

Forschungsgeschichte Das Kastell ist seit alters her auch unter dem Namen Alteburg bekannt. 1766 veröffentlichte der kurpfälzische Hofrat, Publizist und Historiker Andreas Lamey (1726–1802) die Inschrift eines Weihealters für den Kriegsgott Mars und die Siegesgöttin Victoria, der von diesem Platz stammte. Da der in der wissenschaftlichen Literatur immer wieder hervorgehobene Stein am Marsbach gefunden wurde, gab man dem Gewässer kurzerhand den Namen des Gottes.Dietwulf Baatz, Fritz-Rudolf Herrmann, Bernhard Beckmann: Die Römer in Hessen. Theiss, Stuttgart 1982, ISBN 3-8062-0267-2, S. 435.. 1768 und 1773 wurde Walldürn auch durch den frühen provinzialrömischen Forscher Christian Ernst Hanßelmann (1699–1776) erwähnt. Die zur selben Zeit (1772) niedergeschriebenen Ausführungen des kurmainzischen Benediktinerpaters und Geschichtsschreibers Joseph Fuchs (1732–1782) zeigen, dass damals sowohl Reste des Limes als auch des Kastells noch oberirdisch zu sehen waren.Sabine Weinrich-Kemkes: Zwei Metalldepots aus dem römischen Vicus von Walldürn, Neckar-Odenwald-Kreis. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg 18 (1993), S. 253–324, hier: S. 253. In der Folge fanden bereits im frühen 19. Jahrhundert kleinere Sondierungen statt,Dieter Planck: Neue Forschungen am obergermanischen und raetischen Limes. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Teil 2. Principat. Band 5.1, de Gruyter, Berlin 1976, S. 440–454, hier: S. 424. denen 1881 eine flüchtige Untersuchung der Umfassungsmauer und 1882 die Entdeckung eines Doppelgrabens folgte. Im AprilWilhelm Conrady: Walldürn. (Kastell Alteburg.). In: Limesblatt: Mitteilungen der Streckenkommissare bei der Reichslimeskommission. Nr. 24 (30. September 1897). S. 649–558; hier: S. 649. und Oktober 1896Wilhelm Conrady: Walldürn. (Kastell Alteburg.). In: Limesblatt: Mitteilungen der Streckenkommissare bei der Reichslimeskommission. Nr. 24 (30. September 1897). S. 649–558; hier: S. 653. sowie 1897 kam es zu recht umfangreichen Ausgrabungen am Kastell und an dessen Bad unter der Leitung von Wilhelm Conrady (1829–1903) und mit Mitteln der Reichs-Limeskommission (RLK). Erst in den Jahren 1972/1973 setzten Wissenschaftler erneut den Spaten in Walldürn an. Damals wurde die Kastelltherme durch den Archäologen Dietwulf Baatz (1928–2021) und mit Mitteln des Landesdenkmalamtes erneut systematisch untersucht und anschließend für die Öffentlichkeit konserviert. Im selben Jahrzehnt veranlasste die Stadt Walldürn in Zusammenarbeit mit dem Landesdenkmalamt einen Ankauf des Kastellareals, das damit für die Nachwelt gerettet werden konnte und als eines der ersten archäologischen Denkmäler Baden-Württembergs der öffentlichen Hand übergeben wurde. Nachdem die einst zum Vicus gehörende nordwestliche Fläche zwischen Bad und Kastell gleichfalls durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung von der vollkommenen Zerstörung bedroht war, fand 1982 und 1983 erstmals eine größere zusammenhängende Grabung in diesem Gebiet statt,Willi Beck, Dieter Planck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1980, ISBN 3-8062-0242-7, S. 45–48, hier: S. 46. die unter der Leitung des Archäologen Egon Schallmayer und mit Mitteln des Landesdenkmalamtes Karlsruhe erfolgte.Sabine Weinrich-Kemkes: Zwei Metalldepots aus dem römischen Vicus von Walldürn, Neckar-Odenwald-Kreis. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg 18 (1993), S. 253–324; hier: S. 255. Mit Ausnahme der Badeanlage ist heute von den antiken Bauten nichts mehr zu sehen.

Baugeschichte

Datierungsansatz Die zeitliche Verortung für die Errichtung des Vorderen Limes hat die ältere Forschung – darunter der Althistoriker Géza Alföldy (1935–2011) – „um 155 n. Chr.“ gemutmaßt.Dieter Planck: Archäologie in Württemberg. Ergebnisse und Perspektiven archäologischer Forschung von der Altsteinzeit bis zur Neuzeit. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0542-6, S. 267. Neuere Funde und Methoden könnten diese Annahme zeitlich möglicherweise genauer fassen und korrigieren. So stützen dendrochronologische Untersuchungen die Überlegung, der Vordere Limes sei mit dem Rätischen Limes, von dem zeitlich dazu passende Datierungen stammen, in einer provinzübergreifenden Ausbaumaßnahme kurz nach dem Tod des Kaisers Antoninus Pius (Januar 161) errichtet worden.Bernhard Albert Greiner: Der Beitrag der Dendrodaten von Rainau-Buch zur Limesdatierung. In: Limes XX. Estudios sobre la fontera Romana. Ediciones Polifemo, Madrid 2009, ISBN 978-84-96813-25-0, S. 1289. An den bisher frühesten dendrochronologisch analysierbaren Bauhölzern aus dem Benefiziarier-Weihebezirk des Kastells Osterburken konnte das Fälldatum auf den Winter 159/160 n. Chr. bestimmt werden.Claus-Michael Hüssen: Die römische Besiedlung im Umland von Heilbronn. Theiss, Stuttgart 2000, ISBN 3-8062-1493-X, S. 145. Allerdings fand sich unter dem Tempel eine steinerne Quellfassung mit Nymphe und Weiheinschrift, die stratigraphisch zweifelsfrei älter war.. Durch Alföldys Forschungen zeichnet sich ab, dass die Anlage der Quellfassung während der Statthalterschaft des Gaius Popilius Carus Pedo erfolgt sein könnte.Klaus Kortüm: Osterburken. Römischer Grenzposten zwischen Neckartal und Taubergrund. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. 35, 1/2006, S. 41. Weitere Osterburkener Hölzer konnten nach Aussage des provinzialrömischen Archäologen Klaus Kortüm vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg in das Jahr 161 n. Chr. datiert werden, was die Überlegungen stützt.Klaus Kortüm: Osterburken. Römischer Grenzposten zwischen Neckartal und Taubergrund. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. 35, 1/2006, S. 44. Auch die Neubewertung der Weihesteine des Zenturios Veranius Saturninus, der noch 158 n. Chr. das Numerusbad von Neckarburken durch seine Einheit, den dort kasernierten Numerus Brittonum Elantiensium (Einheit der Elzbrittonen) neu errichten. und vergrößern ließ, lässt eher an einen Umzug um 160 n. Chr. denken. Der Zenturio hinterließ an seinem neuen Garnisonsort Osterburken gleichfalls einen Weihestein – allerdings ohne Datierung.. Betont werden sollen in diesem Zusammenhang auch die dendrochronologisch untersuchten Holzproben aus einem unmittelbar im Kastell Murrhardt ergrabenen Brunnen der um 159 n. Chr. entstand.Bernd Becker: Fällungsdaten römischer Bauhölzer anhand einer 2350jährigen süddeutschen Eichen-Jahrringchronologie. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg. Band 6, Theiss, Stuttgart 1981, ISBN 3-8062-1252-X, S. 386. Daneben gibt es aus dem Kastell Jagsthausen noch das bisher älteste datierbare Inschriftenbruchstück vom „Vorderen Limes“ aus der Regierungszeit des Kaisers Antoninus Pius, das einer Zuordnung bedarf.. Erst neue Funde und Analysen werden möglicherweise eine endgültige Bewertung der damaligen Geschehnisse möglich machen.

Möglicherweise besaß die Garnison – wie vielfach an den Kastellplätzen des Limesgebietes nachgewiesen – eine in Holz-Erde-Bauweise errichtete Vorläuferanlage aus der Frühphase des Vorderen Limes. Als Nachweis für das ältere Kastell könnten die Reste eines Grabens gelten, der sich unter der jüngeren steinernen Wehrmauer fand.Jürgen Obmann (Hrsg.): Limesentwicklungsplan Baden-Württemberg. Schutz, Erschließung und Erforschung des Welterbes. Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Esslingen 2007, S. 67.

Umwehrung mini|Grundriss und Gräben zur Zeit der RLK Die 84,3 × 96,5 Meter (= 0,8 Hektar) große, rechteckige Befestigung folgte dem während der Prinzipatszeit ausgeprägten typischen Bauschema für Kastelle, das den Größen der Anlagen entsprechend angepasst werden konnte. So besaß die Alteburg an allen vier Seiten der in Steinbauweise errichteten Wehrmauer je ein Tor, das wahrscheinlich von je zwei Tortürmen flankiert gewesen ist. Während der Grabungen im Jahre 1881 wurde zwar ausschließlich einer dieser Tortürme an der Ostseite der Porta principalis dextra – dem Südosttor – ausmacht, doch sind die übrigen Türme, nach denen Conrady im April 1896 suchte, möglicherweise übersehen worden. Diese Frage könnte nur eine bis heute ausstehende neue Grabung am Kastell klären.Willi Beck und Dieter Planck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1980, ISBN 3-8062-0242-7, S. 45–48; hier: S. 46. Der 5,50 × 5,10 Meter umfassende Torturm wurde ab Oktober 1896 erneut untersucht. Das im Kern liegende Gussmauerwerk war durch grob behauene Außenmauern verschalt worden. An diesem Tor war während der ersten Grabung noch eine große Anzahl an mächtigen Balkennägeln gefunden worden, die offensichtlich von den hölzernen Torflügeln stammten. Quer zur Zufahrt wurde auch noch ein Teil einer Schwellplatte beobachtet, die eine Einschrieberinne für die Torflügel aufwies. Wie Conrady nach Rücksprache mit dem Grundstückseigner in Erfahrung bringen konnte, hatte dieser bereits vor Jahren eine 4 × 4 Meter große Bodenplatte ausgegraben und fortgeschafft, die zwischen der Toröffnung lag. Als Annäherungshindernis lag hinter einer 0,45 bis 0,50 Meter breiten Berme vor der Umfassungsmauer ein insgesamt 11,25 Meter breiter Doppelspitzgraben, der bei der Grabung vom April 1896 noch 1,10 bis 1,20 Meter tief war.Wilhelm Conrady: Walldürn. (Kastell Alteburg.). In: Limesblatt: Mitteilungen der Streckenkommissare bei der Reichslimeskommission. Nr. 24 (30. September 1897), S. 649 ff.; hier: S. 651.

Innenbebauung