Jean-Luc Darbellay (* 2. Juli 1946 in Bern) ist ein Schweizer Arzt, Komponist, Dirigent und Klarinettist. Er gilt als einer der führenden Schweizer Komponisten der Gegenwart. Darbellay ist Mitglied der Komponistengruppe Groupe Lacroix und Mitbegründer des Festival L’art pour l’Aar. Er war von 1994 bis 2007 Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Neue Musik (SGNM) und der ISCM Switzerland, der schweizerischen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (ISCM). Sein Œuvre beläuft sich auf über 280 Werke aller Gattungen. Zu seinen bekanntesten Werken gehört Requiem (2005) für Soli, Chor und Orchester, das unter der Leitung von Fabio Luisi uraufgeführt wurde. Für sein Schaffen wurde er mit dem französischen Orden Chevalier des Arts et des Lettres geehrt. Zuletzt war er Composer in Residence beim Orchestre de Chambre de Lausanne und beim Festival Sommets Musicaux de Gstaad.
Leben Herkunft und Medizinerberuf Jean-Luc Darbellay entstammt einer alteingesessenen Walliser Familie. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1330.Thiessoz Reynard: Jean-Luc Darbellay, compositeur. 2011, S. 41. Er wurde 1946 als Sohn des musikbegeisterten Berner Arztes Pierre Darbellay (1912–1980) und von dessen Frau Rita Lohner (1913–1993) geboren. Seinen ersten Violinunterricht erhielt er im Alter von neun Jahren bei Magda Lavanchy, einer Schülerin des belgischen Geigers Eugène Ysaÿe, an der Berner Musikschule. Auf Grund seines Interesses für Jazz wechselte er im Jahr 1964 zur Klarinette. Zwei Jahre später gab er sein erstes öffentliches Konzert. Nach der Matur an einem humanistischen Gymnasium in Bern entschied er sich, wie sein Bruder und sein Vater zuvor, für ein Medizinstudium, welches er 1966 an der Universität Bern antrat und 1972 mit dem Eidgenössischen Staatsexamen abschloss.Europa Publications (Hrsg.): International Who’s Who in Classical Music 2012. Routledge, London 2012, S. 202. 1968 gründete er das Medizinerorchester Bern, in dem er den Klarinettenpart übernahm. Er wurde zum Dr. med. promoviert und arbeitete drei Jahre als Assistenzarzt in einem Krankenhaus in Baden bei Zürich. Neben seinem kompositorischen Schaffen war er von 1980 bis zu seiner Pensionierung 2012 als Allgemeinmediziner in Bern tätig.Dominique Auzias, Jean-Paul Labourdette: Le Petit Futé Suisse. Nouvelles Editions de l’Université, Paris 2009, ISBN 2-7469-2494-3, S. 445.Svend Peternell: Der Routinier fordert Junge heraus. In: Berner Oberländer. 25. Januar 2012.Oliver Meier: Berns fleissigste Konzertgängerin. In: Berner Zeitung. 26. Juli 2012, S. 9.
Musikstudium und Ensemblegründungen Von 1975 bis 1979 studierte er Klarinette bei Kurt Weber, dem Solisten des Berner Symphonieorchesters, am Berner Konservatorium. Weiterhin gehörten u. a. zu seinen Lehrern Theo Hirsbrunner (Schüler von Pierre Boulez) in Tonsatz und Komposition und Paul Theissen in Dirigieren. Darbellay bezeichnete sich selbst als musikalischen Enkel von Pierre Boulez.Rovner: An Interview with Jean-Luc Darbellay. 2001, S. 1. 1976 gab er sein Debüt als Dirigent beim Orchester der Internationalen Sommerakademie Biel. Noch während des Studiums gründete er das Ludus Ensemble in Bern, dem er bis heute vorstehtEuropa Publications (Hrsg.): International Who’s Who in Classical Music 2003. Routledge, London 2003, ISBN 1-85743-174-X, S. 173. und dessen Repertoire Schweizer Komponisten wie Ulrich Amann, Robert Blum, Caroline Charrière, Hans Eugen Frischknecht, Paul Hindemith, Arthur Honegger, Frank Martin, Othmar Schoeck und Alfred Schweizer umfasst. Bisher gab das Kammerensemble über 300 Konzerte im In- und Ausland. Das auf zeitgenössische Kammermusik spezialisierte Ensemble Accroche Note um die Sängerin Françoise Kubler und den Klarinettisten Armand Angster aus Strassburg trug in den 1980er Jahren wesentlich zur Verbreitung erster Kompositionen Darbellays bei.Thiessoz Reynard: Jean-Luc Darbellay, compositeur. 2011, S. 42. Im Jahr 1982 war Darbellay Teilnehmer der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt. Er besuchte ebenda Kompositionskurse bei Brian Ferneyhough, Helmut Lachenmann, Gérard Grisey, Michaël Levinas und Wolfgang Rihm.
Ab 1984 nahm er u. a. an Dirigierkursen bei Pierre Dervaux, Jean-Marie Auberson und Franco Ferrara teil. Nach seinen einjährigen Kompositionsstudien bei Cristóbal Halffter war er 1989, 1991 und 1993 Assistent Edisson Denissows bei den Internationalen Musikfestwochen Luzern (IMF).Thiessoz Reynard: Jean-Luc Darbellay, compositeur. 2011, S. 44. Von 1991 bis 1994 besuchte er Kurse bei Dimitri Terzakis am Berner Konservatorium. Bei einem Workshop in Perugia 1992 arbeitete er mit John Cage zusammen. Von 1992 bis 1995 besuchte er Kompositionsseminare von Pierre Boulez am Collège de France und am IRCAM in Paris. Ausserdem nahm er an Meisterkursen für Komposition bei Klaus Huber und Heinz Holliger teil.Thiessoz Reynard: Jean-Luc Darbellay, compositeur. 2011, S. 45. Nach dem gemeinsamen Denissow-Meisterkurs 1993 gründete er mit Michael Baumgartner, John Wolf Brennan, Christian Henking, Stephan Sabotta und Michael Schneider die Komponistengruppe Groupe Lacroix. Die Gruppe wurde später um Marianne Schroeder, Michael Radanovics und Alfons Karl Zwicker erweitert.Groupe Lacroix im Music Information Center Austria. Im Jahr 1995 rief er das Ensemble Spectrum, bestehend aus dem Pianisten Victor Yampolski, der Cellistin Natalia Savinova und dem Violinisten Mikhail Tsinman, ins Leben. 1997 gründete er mit dem Hornisten Olivier Darbellay und dem Saxofonisten Marc Sieffert das Ensemble Orion. Konzertreisen führten ihn durch Europa, in die Vereinigten Staaten, nach Kanada, Asien, Südamerika und Australien.Biographie von Jean-Luc Darbellay bei Musinfo.
Kompositorische Arbeit mini|Besetzungszettel der Uraufführung von Requiem (2005) für Soli, Chor und Orchester Den kompositorischen Durchbruch schaffte Darbellay mit seinem Konzert für Violoncello und Ensemble (1989), das im Entstehungsjahr vom finnischen Solisten Anssi Karttunen im Maison de Radio France in Paris uraufgeführt wurde.Der Komponist. In: Berner Zeitung, 26. Juni 2008, S. 37. Er arbeitete intensiv mit dem Cellovirtuosen Siegfried Palm zusammen, dem er sieben Stücke widmete. Ihre erste Begegnung ereignete sich bei einem Kurs von György Kurtág in Bern.Rovner: An Interview with Jean-Luc Darbellay. 2001, S. 2. Kurtág komponierte das Stück Lebenslauf op. 32 (1992) für zwei Bassetthörner und zwei Klaviere, das Darbellay bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik zur Uraufführung brachte.Bálint András Varga: György Kurtág. Three Interviews and Ligeti Homages. University of Rochester Press, Rochester 2009, ISBN 978-1-58046-328-7, S. 136 f. Für Radio Suisse Romande (RSR) und Radio Kanada komponierte er das Streichquartett Ecumes (1996).Thiessoz Reynard: Jean-Luc Darbellay, compositeur. 2011, S. 46. Anlässlich des 70-jährigen Bauhaus-Jubiläums in Dessau schuf er für den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) das Werk Ein Garten für Orpheus (1996) für Horn, Bassetthorn und Streicher mit Bezügen zu Paul Klee.Thiessoz Reynard: Jean-Luc Darbellay, compositeur. 2011, S. 47. Ausserdem brachte das Schweizer Nouvel Ensemble Contemporain (NEC) seine Werke Chandigarh (1996) für 17 Instrumente und Mégalithe – Lutèce (2001) für Horn und Ensemble zur Uraufführung.Thiessoz Reynard: Jean-Luc Darbellay, compositeur. 2011, S. 51.
Unter der Leitung des italienischen Dirigenten Fabio Luisi wurde das Auftragswerk des Westschweizer Radios Oyama (1999) für grosses Orchester vom Orchestre de la Suisse Romande im Jahr 2000 uraufgeführt.Thiessoz Reynard: Jean-Luc Darbellay, compositeur. 2011, S. 50. Das Programm wurde live vom Westschweizer Fernsehen (TSR) übertragen. Später folgten Aufführungen in Weimar und im Leipziger Gewandhaus mit dem MDR-Sinfonieorchester unter Fabio Luisi.Roland Mischke, Rolf Hosfeld: Kulturverführer Leipzig und Umgebung. Mit Chemnitz, Halle, Wittenberg. Helmut Metz Verlag, Hamburg 2004, ISBN 3-937742-01-8, S. 41. Abermals kam es zu Übertragungen, diesmal bei France Musique. Darüber hinaus wurde das Stück der Tribune internationale des compositeurs des Internationalen Musikrates der UNESCO in Paris vorgestellt sowie in Hongkong und Kiew dargeboten. Selbiger Dirigent dirigierte auch sein wichtigstes Werk, Requiem (2005) für Soli, Chor und Orchester.Thiessoz Reynard: Jean-Luc Darbellay, compositeur. 2011, S. 54. 2007 wurde Echos (2007) für Horn und grosses Orchester während des Festivals Présences von Radio France uraufgeführt.Thiessoz Reynard: Jean-Luc Darbellay, compositeur. 2011, S. 57. Darbellays Klarinettenkonzert Zéphyr (2008) wurde u. a. durch den Solisten Stephan Siegenthaler im Rudolfinum in Prag uraufgeführt. 2010 und 2011 folgten die Uraufführungen von Dernière lettre à Théo (2010) für Bariton und Orchester durch das Orchestre de la Suisse Romande und Cosmos (2011) für Perkussion und Orchester durch das Orchestre de Chambre de Lausanne.Thiessoz Reynard: Jean-Luc Darbellay, compositeur. 2011, S. 59.
Jean-Luc Darbellay komponierte über 280 Werke aller Genres, auch eine Kammeroper. Mehrheitlich sind seine Werke bei Ricordi BerlinJean-Luc Darbellay beim Bühnen- und Musikverlag Ricordi. und Musica Mundana erschienen. In der Saison 2011/12 war Darbellay Composer-in-Residence beim Orchestre de Chambre de Lausanne und 2012 beim Klassikfestival Sommets Musicaux de Gstaad. Im Rahmen des Projekts Œuvres Suisses schuf er die sinfonischen Werke «Convergences (Verzerrte)» (Berner Symphonieorchester) und «ANGES. L’univers mystérieux de Paul Klee» (Orchestre de la Suisse Romande).Werke. In: oeuvressuisses.ch. Abgerufen am 18. Februar 2018. Seine Kompositionen wurden in internationale Musikfestivals aufgenommen, u. a. Festival Alternativa in Moskau, Festival Présences in Paris, Pan Music Festival in Seoul, Brucknerfest in Linz, Wien Modern und Prague Premières sowie mehrere Weltmusiktage der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (Bukarest 1999, Luxemburg 2000, Hongkong 2002, Ljubljana 2003, Luzern 2004, Hongkong 2007, Göteborg 2009 und Zagreb 2011).
Im Jahre 2017 wurde er von Arnaud Merlin bei France Musique (Radio France) porträtiert.Arnaud Merlin: Jean-Luc Darbellay, cors et âme. In: francemusique.fr. 28. Juni 2017, abgerufen am 10. Februar 2018.
Organisation von Neuer Musik Darbellay war 2002/03 gemeinsam mit den Schweizer Komponisten Hans Eugen Frischknecht, Ursula Gut und Alfred Schweizer Gründermitglied des zeitgenössischen Festivals L’art pour l’Aar.Oliver Meier: Emsig im Dienst der Neuen Musik. In: Berner Zeitung. 26. Juni 2008, S. 37. Er holte im Laufe des 20-jährigen Bestehens Komponisten wie Chan Wing-wah, Andor Losonczy und Max E. Keller nach Bern. Von 1994 bis 2007 war er Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Neue Musik (SGNM) und der ISCM Switzerland, der Schweizer Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (ISCM). Von 2003 bis 2007 waltete er im Vorstand (ExCom) der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (ISCM). Er initiierte u. a. die ISCM World Music Days 2004 in der Schweiz. Darbellay ist ferner Einzelmitglied der Gesellschaft für Neue Musik in Darmstadt. Website der Gesellschaft für Neue Musik, abgerufen am 29. Januar 2013., Stiftungsrat der Fondation de l’Orchestre de la Suisse Romande. Website des Orchestre de la Suisse Romande. und Kuratoriumsmitglied der Freunde des MDR-Sinfonieorchesters.Verein. Vorstand und Kuratorium. Website der Freunde des MDR-Sinfonieorchesters, abgerufen am 29. Dezember 2013.
Familie und Vorlass Er ist seit 1971 mit der aus Schnottwil stammenden Laborantin und Klarinettistin Elsbeth Darbellay-Fahrer verheiratet. Sie haben zwei gemeinsame Kinder, den Hornisten Olivier Darbellay (* 1974) und die Violinistin Noëlle-Anne Darbellay (* 1980).