Das Kleinkastell Haselburg ist ein römisches Militärlager am sogenannten „Vorderen Limes“ des Obergermanisch-Rätischen Limes. Es befindet sich heute zwischen den Dörfern Reinhardsachsen und Gerolzahn, zwei zur Stadt Walldürn gehörenden Stadtteilen im Neckar-Odenwald-Kreis, Baden-Württemberg. Von der Anlage ist nur das teilrekonstruierte Osttor sichtbar. Die Haselburg ist neben dem Kleinkastell Rötelsee die einzige Anlage ihrer Art an diesem Limesabschnitt, die mit modernen Mitteln ergraben wurde. Insbesondere der dreiphasige Ausbau hat sehr wichtige Erkenntnisse zur Entwicklungsgeschichte des Limes in Südwestdeutschland geliefert.Willi Beck, Dieter Planck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1980, ISBN 3-8062-0242-7, S. 42.

Lage mini|Der Verlauf des Vorderen Limes im Umfeld des Kastells Walldürn mini|Lageplan des Kastells zur Zeit der RLK mini|Grundriss und Profil der Grabung von Conrady

Die fast mittig zwischen dem Beginn des „Vorderen Limes“ am Kastell Miltenberg-Ost und dem Kastell Walldürn positionierte Fortifikation wurde auf einer flachen, nach Osten leicht abfallenden Bodenwelle errichtet. Diese Welle ist Teil eines Höhenzuges, der das westliche Hambrunner Tal von dem östlichen Kaltenbachtal an der badisch-bayerischen Grenze trennt und auf der sich der Limes als fast schnurgerade Linie von Nordwesten nach Südosten entlang zieht, ohne Rücksicht auf die topographischen Bedingungen des Terrains zu nehmen. Rund 70 Meter von den Grenzanlagen entfernt, hatte die Besatzung auf den Wällen des Kastells ein ausgezeichnetes Sichtfeld. Mit Blick nach Norden waren die nächsten, fast auf gleicher Höhe stehenden Limeswachtürme zu beobachten und auch in südlicher Richtung – dort fällt die von der Garnison besetzte Bodenwelle zunächst in einen schmalen Sattel ab – standen die nächsten Türme an dem ansteigenden Hang unter Kontrolle. Nach Osten war mit Blick über den Limes wohl insbesondere die Mündung des Kaltenbachs in das schmale, tief eingeschnittene Tal der Storchsklinge von Interesse. Von dort stieg nach Ansicht des am Kleinkastell Haselburg grabenden Archäologen Hans Ulrich Nuber (1940–2014) ein Weg durch die Grenzanlagen aus dem Barbaricum zum Kastell hinauf, der überwacht werden musste.Hans-Ulrich Nuber: Das römische Kastell Haselburg. In: Freiburger Universitätsblätter. 65, 1979, S, 63 ff., hier: S. 69.Britta Rabold, Egon Schallmayer, Andreas Thiel: Der Limes. Theiss, Stuttgart 2000, ISBN 3-8062-1461-1, S. 74.

Forschungsgeschichte Die bis in das 18. Jahrhundert offensichtlich noch gut erhaltene Umfassungsmauer des Kleinkastells in der Flur Haselburg soll zum Bau der 1726 im Rohbau vollendeten Kirche von Reinhardsachsen und anschließend für den Wegebau abgebrochen worden sein. Die vielfach in der Literatur genannte Erbauungszeit der Reinhardsachsener Kirche um 1780 ist falsch. Sie bezieht sich möglicherweise nur auf die Wegebaumaßnahmen. Bis zur Zeit der ersten wissenschaftlichen Grabungen war das Kastell den Zerstörungen durch die Anwohner ausgesetzt.Ernst Fabricius in: Ernst Fabricius, Felix Hettner, Oscar von Sarwey (Hrsg.): Der obergermanisch-raetische Limes des Roemerreiches. Abteilung A, Band 4. Strecken 7 bis 9, Verlag von Otto Petters, Heidelberg/Berlin/Leipzig 1931, S. 15. Im Jahre 1880 kam es zu einer erstmaligen Untersuchung am Kastell, der 1892 eine umfassende Grabung unter der Leitung von Wilhelm Conrady (1829–1903) und mit Mitteln der Reichs-Limeskommission (RLK) folgte. Conrady hinterließ laut dem Archäologen Ernst Fabricius (1857–1942), der unter anderem die redaktionelle Aufarbeitung dieser Limesstrecke für das Standardwerk Der obergermanisch-raetische Limes des Roemerreiches (ORL) vornahm, jedoch nur eine unzureichende Dokumentation.Ernst Fabricius: Der obergermanische Limes von Miltenberg am Main bis zum Haghof bei Welzheim. In: Ernst Fabricius, Felix Hettner, Oscar von Sarwey (Hrsg.): Der obergermanisch-raetische Limes des Roemerreiches. Abteilung A, Band 4. Strecken 7 bis 9, Petters, Heidelberg/Berlin/Leipzig 1931, S. 70–73, hier: S. 70. Fabricius notierte in dem 1931 erschienenen ORL-Bericht zur Haselburg, dass er bei einem Ortsbesuch noch lose Steine, gebrannten Lehm und römische Scherben auf dem Acker finden konnte, der über der Lagerfläche lag.

Nachdem das unter der Erde liegende Kleinkastell durch die anhaltende intensive landwirtschaftliche Nutzung im 20. Jahrhundert massiv in seinem Bestand bedroht war und weiterhin durch den Pflug herausgerissene Baureste und Kleinfunde auf der Ackeroberfläche lagen, erfolgte zwischen August und Oktober 1975 eine vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg beauftragte, vollständige Neuaufdeckung des Kastellareals unter der Leitung von Nuber. Welchen Schaden die Anlage seit den Zeiten Conradys genommen hatte, zeigte sich nach dieser auf einer Fläche von 1800 Quadratmetern vorgenommene Neuaufdeckung.Hans Ulrich Nuber: Ausgrabungen im römischen Kleinkastell Haselburg (Walldürn-Reinhardsachsen, Neckar-Odenwald-Kreis). In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 5. Jahrgang (1976), Heft 2, S. 64–67; hier: S. 65. Die Ausgrabung rief bei der örtlichen Bevölkerung so viel positives Interesse hervor, dass der Geländeabschnitt mit dem Osttor des Kleinkastells erworben wurde.Hans Ulrich Nuber: Ausgrabungen im römischen Kleinkastell Haselburg (Walldürn-Reinhardsachsen, Neckar-Odenwald-Kreis). In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 5. Jahrgang (1976), Heft 2, S. 64–67; hier: S. 67. Mittels einer geringfügigen Aufmauerung fand 1980 eine Teilrekonstruktion und Konservierung dieses Tores statt.

Baugeschichte Datierungsansatz Die zeitliche Verortung für die Errichtung des Vorderen Limes hat die ältere Forschung – darunter der Althistoriker Géza Alföldy – „um 155 n. Chr.“ gemutmaßt.Dieter Planck: Archäologie in Württemberg. Ergebnisse und Perspektiven archäologischer Forschung von der Altsteinzeit bis zur Neuzeit. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0542-6, S. 267. Neuere Funde und Methoden könnten diese Annahme zeitlich möglicherweise genauer fassen und korrigieren. So stützen dendrochronologische Untersuchungen die Überlegung, der Vordere Limes sei mit dem Rätischen Limes, von dem zeitlich dazu passende Datierungen stammen, in einer provinzübergreifenden Ausbaumaßnahme kurz nach dem Tod des Kaisers Antoninus Pius (Januar 161) errichtet worden.Bernhard Albert Greiner: Der Beitrag der Dendrodaten von Rainau-Buch zur Limesdatierung. In: Limes XX. Estudios sobre la fontera Romana. Ediciones Polifemo, Madrid 2009, ISBN 978-84-96813-25-0, S. 1289. An den bisher frühesten dendrochronologisch analysierbaren Bauhölzern aus dem Benefiziarier-Weihebezirk des Kastells Osterburken konnte das Fälldatum auf den Winter 159/160 n. Chr. bestimmt werden.Claus-Michael Hüssen: Die römische Besiedlung im Umland von Heilbronn. Theiss, Stuttgart 2000, ISBN 3-8062-1493-X, S. 145. Allerdings fand sich unter dem Tempel eine steinerne Quellfassung mit Nymphe und Weiheinschrift, die stratigraphisch zweifelsfrei älter war.. Durch Alföldys Forschungen zeichnet sich ab, dass die Anlage der Quellfassung während der Statthalterschaft des Gaius Popilius Carus Pedo erfolgt sein könnte.Klaus Kortüm: Osterburken. Römischer Grenzposten zwischen Neckartal und Taubergrund. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. 35, 1/2006, S. 41. Weitere Osterburkener Hölzer konnten nach Aussage des provinzialrömischen Archäologen Klaus Kortüm vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg in das Jahr 161 n. Chr. datiert werden, was die Überlegungen stützt.Klaus Kortüm: Osterburken. Römischer Grenzposten zwischen Neckartal und Taubergrund. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. 35, 1/2006, S. 44. Auch die Neubewertung der Weihesteine des Zenturios Veranius Saturninus, der noch 158 n. Chr. das Numerusbad von Neckarburken durch seine Einheit, den dort kasernierten Numerus Brittonum Elantiensium (Einheit der Elzbrittonen) neu errichten. und vergrößern ließ, lässt eher an einen Umzug um 160 n. Chr. denken. Der Zenturio hinterließ an seinem neuen Garnisonsort Osterburken gleichfalls einen Weihestein – allerdings ohne Datierung.. Betont werden sollen in diesem Zusammenhang auch die dendrochronologisch untersuchten Holzproben aus einem unmittelbar im Kastell Murrhardt ergrabenen Brunnen der um 159 n. Chr. entstand.Bernd Becker: Fällungsdaten römischer Bauhölzer anhand einer 2350jährigen süddeutschen Eichen-Jahrringchronologie. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg. Band 6, Theiss, Stuttgart 1981, ISBN 3-8062-1252-X, S. 386. Daneben gibt es aus dem Kastell Jagsthausen noch das bisher älteste datierbare Inschriftenbruchstück vom „Vorderen Limes“ aus der Regierungszeit des Kaisers Antoninus Pius, das einer Zuordnung bedarf.. Erst neue Funde und Analysen werden möglicherweise eine endgültige Bewertung der damaligen Geschehnisse möglich machen.

Die Befunde von der Haselburg lieferten den Nachweis, dass Kleinkastelle – wie die meisten Kohortenkastelle im Limesgebiet – eine mehrphasige Baugeschichte besitzen können.

Holz-Erde-Kastell Das ursprünglich als Holz-Erde-Anlage konzeptionierte rechteckige Kleinkastell wurde im Zuge des frühen Ausbaus der Militärbasen am Vorderen Limes auf einer Grundfläche von 41 × 37 Metern (0,15 Hektar) errichtet. Als Umwehrung diente ein PalisadenzaunHans Ulrich Nuber Zenturienkastell Haselburg. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 360 ff.; hier: S. 361. mit abgerundeten Ecken (Spielkartenform). Das Kastell besaß in allen Bauphasen stets zwei Zugänge. Im Osten befand sich das Haupttor in der Prätorialfront, die limeswärts ausgerichtet war und an der rückwärtigen Dekumanseite konnte das Westtor ermittelt werden. Den linken und rechten Rand der die beiden Tore im Inneren verbindenden Lagerstraße säumte je ein länglich-rechteckiger Fachwerkbau in Schwellbalkentechnik zur Unterbringung der Mannschaften. Die innere Einteilung dieser Bauten folgte dem in der Prinzipatszeit genormten Schema. Sie besaßen für jedes Contubernium einen vorderen, größeren Aufenthaltsraum und eine kleinere rückwärtige Schlafkammer. Der an der südlichen Baracke östlich anschließende größere Kopfbau war dem Kommandanten vorbehalten und besaß wie der für seinen Stellvertreter reservierte Endtrakt der nördlichen Baracke einen eingetieften Erdkeller. In der Nordostecke der Befestigung lag ein 11,6 × 7,5 Meter großes, ebenfalls in Fachwerkbauweise errichtetes Korridorhaus, dessen über die Breitseite geführter Mittelgang je drei fast gleich große Räume zu beiden Seiten erschloss.Willi Beck, Dieter Planck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1980, ISBN 3-8062-0242-7, S. 42–43; hier: S. 43. Möglicherweise diente das Haus der Vorratshaltung. Eine große rechteckige Grube, die im Lagermittelpunkt angelegt worden war, soll als Zisterne gedient haben. Die Lagerstraße wurde durch diese Grube weitgehend unterbrochen. Auch seitlich versetzt am Westtor lag vor der Ecke der Südbaracke eine weitere gleich große Zisterne, die etwas später entstanden ist. Ein südwestlich entdeckter Schacht könnte zu den Werkstätten gehören, die sich dort befanden. Nach nur kurzem Bestehen brannte die Befestigung vollständig nieder.