Der Chinesisch-Französische Krieg (; frz. ; vie. ) war ein Krieg zwischen dem Chinesischen Kaiserreich der Qing-Dynastie und der Dritten französischen Republik. Er wurde zwischen August 1884 und April 1885 im Gebiet von Tonkin, Taiwan und entlang der südostchinesischen Küste ausgetragen. Da die Franzosen ihre ursprünglichen Kriegsziele erreichten, wird der Krieg allgemein als französischer Sieg angesehen.Lewis M. Chere: The Diplomacy of the Sino-French War (1883–1885): Global Complications of an Undeclared War. 1988, S. 188–190.Loyd E. Eastman: Throne and Mandarins: China’s Search for a Policy during the Sino-French Controversy. 1967, S. 200–205. Da die Chinesen jedoch auf dem Schlachtfeld einige Siege erringen konnten und sich besser schlugen als in vorangegangenen Kriegen gegen fremde Mächte, wird der Krieg dort häufig als unentschieden oder sogar chinesischer Sieg verstanden.Lung Chang: 越南與中法戰爭. 1993, S. 6.
Hintergrund Frankreich hatte bereits seit dem späten 18. Jahrhundert ein grundsätzliches Interesse an den Gebieten des heutigen Vietnam. Damals begann der französische Missionar Pigneau de Béhaine, französische Freiwillige zu rekrutieren, welche Gia Long auf den Thron Vietnams helfen sollten, wo dieser später die Nguyễn-Dynastie begründete. Durch die Unterstützung Gias erhoffte Pigneau, Privilegien für die katholischen Missionare und für Frankreich zu erlangen.
Im Jahr 1858 führte Frankreich erstmals eine Expedition nach Vietnam und annektierte 1862 mehrere Provinzen im Süden des Landes, aus welchen sie 1864 die Kolonie Cochinchina formten. Dieses legte den Grundstein für das spätere Französisch-Indochina. Bald darauf begannen französische Entdecker, den Roten Fluss zu befahren und durch das nördliche Vietnam in dessen Quellgebiet nach Yunnan vorzudringen. Sie hofften, dass über diesen Fluss ein Handel mit dem inneren Chinas etabliert werden könnte, welcher die von China freigegebenen Vertragshäfen umgehen würde.Auguste Thomazi: La conquête de l'Indochine: Avec vingt-deux croquis. 1934, S. 105–107. Dies wurde jedoch durch die Schwarzen Flaggen verhindert, eine chinesische Banditengruppe unter Liu Yongfu, welche sich ab 1865 in Nordvietnam festgesetzt hatte. Diese kontrollierten den Flusslauf zwischen Sơn Tây und Lào Cai und ließen französische Händler, wenn überhaupt, dann nur unter sehr hohen Wegzöllen passieren, welche jeden Handel unprofitabel machten.
Henri Rivières Expedition in Tonkin mini|links|Henri Rivière in den 1870er Jahren Im Laufe der Zeit kam es immer wieder zu Beschwerden der Vietnamesen über die Tätigkeiten und das Benehmen der französischen Händler im Land, weshalb im Jahr 1881 eine kleine französische Truppe unter Henri Rivière nach Hanoi entsandt wurde, um die Vorfälle zu untersuchen.Auguste Thomazi: La conquête de l'Indochine: Avec vingt-deux croquis. 1934, S. 140–157. Da es zu Widerstand gegen die Anwesenheit der französischen Truppen in Hanoi kam, ließ Rivière am 25. April 1882 unter Missachtung anders lautender Befehle aus Paris die Zitadelle Hanois stürmen.Louis Roger Gérard de Marolles: La dernière Campagne du Commandant Rivière 1881–1883. 1932, S. 75–92. Obwohl die Franzosen sich unmittelbar hierauf zurückzogen und den Vietnamesen die Kontrolle über die Zitadelle zurückgaben, waren diese genauso alarmiert über das aggressive Vorgehen Rivières wie ihre Schutzmacht China.Loyd E. Eastman: Throne and Mandarins: China’s Search for a Policy during the Sino-French Controversy. 1967, S. 51–57.
Die vietnamesische Regierung, deren eigene, schlecht ausgerüstete und trainierte Armee nicht in der Lage war, den Franzosen effektiven Widerstand zu leisten, wandte sich an die Schwarzen Flaggen Liu Yongfus. Dessen Truppen hatten bereits im Dezember 1873 einer französischen Streitmacht eine Niederlage beigebracht und dabei deren Kommandeur Francis Garnier getötet. Wie Rivière hatte auch Garnier seine Befehle missachtet und eine eigenmächtige Intervention im nördlichen Vietnam geplant. Die Vietnamesen, die zuletzt eine Reihe von Niederlagen gegen die französischen Truppen erlitten hatten, riefen bereits damals Liu zu Hilfe, der in unmittelbarer Nähe Hanois einen Sieg erringen konnte. Als Reaktion auf diese Niederlage verurteilte die französische Regierung nachträglich Garniers eigenmächtiges Vorgehen.Auguste Thomazi: La conquête de l’Indochine: Avec vingt-deux croquis. 1934, S. 116–131.
Parallel bat die Regierung in Hanoi auch die Chinesen um Hilfe. Da Vietnam seit langem ein Vasallenstaat Chinas war, stimmte dieses zu, die Truppen der Schwarzen Flaggen auszurüsten und politisch gegen die französischen Aktionen in Tonkin vorzugehen. Dies beinhaltete die Drohung, dass China eine französische Kontrolle über Tonkin nicht tolerieren könne. Im Sommer 1882 überquerten zusätzlich Truppen der chinesischen Guangxi- und Yunnanarmee die Grenze und besetzten unter anderem die Orte Lạng Sơn, Bắc Ninh und Hung Hoa.Louis Roger Gérard de Marolles: La dernière Campagne du Commandant Rivière 1881–1883. 1932, S. 133–144.Lung Chang: 越南與中法戰爭. 1993, S. 90–91. Der französische Gesandte in China, Frédéric Burée, schätzte die Gefahr eines Krieges mit China so hoch ein, dass er im November und Dezember 1882 einen Vertrag mit Li Hongzhang aushandelte, in welchem Tonkin in eine chinesische und eine französische Interessensphäre aufgeteilt wurde. Die Vietnamesen wurden über die Verhandlungen nicht informiert und durch den Vertragsabschluss überrascht.Loyd E. Eastman: Throne and Mandarins: China’s Search for a Policy during the Sino-French Controversy. 1967, S. 57–65.
mini|Rivière beim Ausrichten einer Kanone in der Schlacht an der Papierbrücke Rivière lehnte den Vertragsabschluss zwischen Bourée und Li ab und beschloss Anfang 1883, ihn zu ignorieren. Kurz zuvor war er durch ein Bataillon Marineinfanterie aus Frankreich verstärkt worden, weshalb er sich für stark genug hielt, über Hanoi hinaus vorstoßen zu können. Am 27. März 1883 eroberte er mit 520 Soldaten, unter dem Vorwand die Kommunikationswege zwischen Hanoi und der Küste sichern zu wollen, die Festung von Nam Dinh.Louis Roger Gérard de Marolles: La dernière Campagne du Commandant Rivière 1881–1883. 1932, S. 178–192. Als Reaktion hierauf griffen am Folgetag die Truppen der Vietnamesen und der Schwarzen Flaggen die in der Nähe von Hanoi zurückgebliebenen Franzosen an, konnten vom französischen Befehlshaber Berthe de Villers in der Schlacht von Gia Cuc zurückgeschlagen werden.Lucian Huard: La guerre du Tonkin. 1887, S. 26–30.
Rivière, der davon überzeugt gewesen war, für seine widerrechtliche Aktion gegen Nam Dinh zumindest von seinem Posten abberufen zu werden, sah sich durch den Sieg bei Gia Cuc plötzlich einer großen öffentlichen Popularität in Frankreich gegenüber und wurde darüber hinaus noch durch einen Politikwechsel in Paris unterstützt. Die neue Regierung unter Jules Ferry setzte im Gegensatz zu ihrer Vorgängerregierung stärker auf koloniale Expansion und beschloss daher, Rivière zu unterstützen. Ferry ließ den Vertrag mit den Chinesen widerrufen und beorderte Bourée nach Frankreich zurück.Loyd E. Eastman: Throne and Mandarins: China’s Search for a Policy during the Sino-French Controversy. 1967, S. 62–69. Darüber hinaus machte er der chinesischen Regierung klar, dass Frankreich Tonkin unter sein Protektorat stellen werde. Als dieser klar wurde, dass die Vietnamesen sich nicht würden selbst verteidigen können, sandte sie im April 1883 weitere Truppen unter Tang Jingsong nach Vietnam, um gemeinsam mit den Schwarzen Flaggen gegen die Truppen Rivières zu kämpfen.
Am 10. Mai 1883 ließ Liu Yongfu auf die Stadtmauern Hanois eine übergroße Aufforderung an die Franzosen anbringen, sich zur Schlacht zu stellen. Darauf kam es am 19. Mai zur Schlacht an der Papierbrücke, bei welcher Rivière eine schwere Niederlage hinnehmen musste. Er griff mit etwa 450 Soldaten eine starke Verteidigungsposition der Schwarzen Flaggen nahe dem Dorf Cầu Giấy, einige Kilometer westlich von Hanoi, an. Diese Stellung war bei den Franzosen als Papierbrücke (Pont de Papier) bekannt. Nachdem es erst so ausgesehen hatte, als könnten die Schwarzen Flaggen dem französischen Ansturm nicht standhalten, gelang es ihnen später, an beiden Flügeln durchzubrechen. Die Franzosen konnten sich nur schwer neu aufstellen und nach Hanoi zurückziehen, zumal im Verlauf der Schlacht neben Rivière und Berthe de Villers noch einige andere Offiziere getötet wurden.Louis Roger Gérard de Marolles: La dernière Campagne du Commandant Rivière 1881–1883. 1932, S. 192–222.E. Duboc: Trente-cinq mois de campagne en Chine, au Tonkin. 1899, S. 123–139.Lucian Huard: La guerre du Tonkin. 1887, S. 6–16.
Französische Intervention in Tonkin mini|Amédée-Anatole Courbet Der Tod Rivières führte in Paris zu aggressiven Reaktionen. Verstärkungen wurden im Eilmarsch nach Tonkin verlegt, um die Situation zu stabilisieren und einen befürchteten Angriff auf Hanoi abwehren zu können.
Französisches Protektorat über Tonkin Am 20. August 1883 ließ Admiral Amédée-Anatole Courbet, der erst kurz zuvor zum Befehlshaber der neu aufgestellten Küstendivision Tonkin ernannt worden war, in der Schlacht von Thuan An die Befestigungen stürmen, welche die vietnamesische Hauptstadt Huế schützten. Dann zwang er die vietnamesische Regierung, den Vertrag von Huế zu unterzeichnen, welche Tonkin unter französisches Protektorat stellte.Lucian Huard: La guerre du Tonkin. 1887, S. 103–122.
Zur selben Zeit griff der neue Kommandeur des Expeditionskorps Tonkin die Positionen der Schwarzen Flaggen am Fluss Sông Đáy an. Obwohl die Franzosen die Schlacht von Phu Hoai am 15. August und die Schlacht von Palan am 1. September gewannen, konnten sie nicht alle Stellungen der Schwarzen Flaggen erobern, weshalb beide Gefechte von der Weltöffentlichkeit als französische Niederlagen gewertet wurden. General Bouët, der für das Verfehlen der Ziele verantwortlich gemacht wurde, zog die Konsequenzen und trat noch im September 1883 von seinem Amt zurück. Unmittelbar nach den Gefechten kam es am Sông Đáy jedoch zu schweren Überschwemmungen, weshalb Liu Yongfu seine Stellungen räumen und sich nach Sơn Tây zurückziehen musste.
Konfrontation zwischen Frankreich und China mini|links|Europäer werden in den Straßen von Guangzhou bedroht, Herbst 1883 Für Ende des Jahres 1883 bereiteten die Franzosen nun eine große Offensive vor, um die Truppen der Schwarzen Flaggen zu zerschlagen und China dazu zu bringen, die Hilfe für Liu Yongfu einzustellen. Zeitgleich versuchten sie, andere europäische Mächte dazu zu bewegen, diese Offensive zu unterstützen. Die chinesisch-französischen Gespräche in Schanghai zwischen Li Hongzhang und dem neuen französischen Gesandten Arthur Tricou waren zuvor im Juli eingestellt worden, nachdem der chinesische Gesandte in Paris, Zeng Jize gemeldet hatte, Frankreich würde keinen allgemeinen Krieg mit China wagen.Loyd E. Eastman: Throne and Mandarins: China’s Search for a Policy during the Sino-French Controversy. 1967, S. 76–84. Die Verhandlungen in Paris wurden den Sommer und Herbst hindurch zwar noch fortgeführt, letztlich aber ebenfalls abgebrochen.Loyd E. Eastman: Throne and Mandarins: China’s Search for a Policy during the Sino-French Controversy. 1967, S. 85–87. Die Chinesen weigerten sich, ihre Truppen aus Tonkin zurückzuziehen, auch wenn dies zu einer offenen Konfrontation mit den französischen Truppen führen würde. Als ein Krieg mit China immer wahrscheinlicher wurde, versuchte Paris bei der deutschen Regierung zu erwirken, dass die Auslieferung der beiden in Deutschland gebauten, chinesischen Schlachtschiffe Dingyuan und Zhenyuan verzögert würde.Lung Chang: 越南與中法戰爭. 1993, S. 180–194. Währenddessen bauten die französischen Truppen ihre Stellungen im Delta des Roten Flusses aus und errichteten Posten in Quang Yen, Hưng Yên und Ninh Bình.