Die Buchtal AG in Schwarzenfeld in der Oberpfalz war ein Produzent keramischer Belagsmaterialien, der am 12. November 1937 als „Buchtal AG, Keramische Betriebe der Reichswerke ‚Hermann Göring‘, Oeslau bei Coburg“ gegründet worden war und heute als Agrob-Buchtal zum Keramik-Konzern „Deutsche Steinzeug Cremer & Breuer AG“ gehört. Die Namensbezeichnung geht auf den Flurnamen „Buchtal“ zurück, der in der näheren Umgebung des Betriebes mehrfach vorkommt.

Geschichte Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird im Raum Schwarzenfeld in der Mittleren Oberpfalz Braunkohle, Lehm und Ton im industriellen Maßstab abgebaut.Die historischen und technischen Details für stammen größtenteils aus: Gottfried Cremer: Buchtal-Chronik Bd.I, 1982. Bei der Gewinnung der Braunkohle im Tagebaubetrieb stand bis in die 1920er Jahre ihre Nutzung als Brennstoff und fossiler Energieträger für die Stromgewinnung bzw. die Produktion von Braunkohlen-Briketts im Vordergrund. Da der Abbau der Rohstoffe selten rentabel war, wurde er des Öfteren zeitweise eingestellt. Die Eigentums- und Schürfrechte für die insgesamt ca. 600 Hektar großen Grubenfelder um Schwarzenfeld, die sogenannten Kuxe, wurden über die Jahre hinweg mehrfach verkauft. Während der allgemeinen Brennstoffnot des Ersten Weltkriegs nahm man die Kohleförderung wieder auf. Mit dem Aufkauf der Schürfrechte durch Hugo Sachs, der bis 1923 norwegischer Konsul in München war, erhielten die zusammengefassten Grubenfelder im Jahr 1917 den neuen Namen „Vereinigte Gewerkschaften Schmidgaden-Schwarzenfeld“. Namengebend für die Gewerkschaft wurden die Orte Schmidgaden und Schwarzenfeld, in deren Gemeindegebiet der Braunkohleabbau betrieben wurde. Zwischenzeitlich errichtete man ein Ziegel-Werk, in dem Lehm, der als Abraumprodukt in großen Mengen anfällt, zu Klinker verarbeitet wurde.

Der Aufkauf der Vereinigten Gewerkschaft durch das Annawerk Nach weiteren Eigentümerwechseln erwarb im Juni 1937 der keramische Betrieb Annawerk 90 Kuxe der Gewerkschaft, um somit seinen eigenen Rohstoffbedarf an hochwertigen Tonen mit hohen Gehalten an Aluminiumoxid für die nächsten Jahrzehnte zu sichern. Die restlichen Anteile der Rechte erwarben zu je 5 Kuxe die Deutsche Steinzeugwarenfabrik A. G. (Friedrichsfeld) und die Deutsche Ton- und Steinzeugwerke A. G. (DTS, Berlin-Krauschwitz). Mehrheitseigner aller drei am Kauf beteiligten Gesellschaften war die Cremer-Gruppe, ein Keramik-Konzern, der 1906 in Frechen gegründet worden war und dem seinerzeit Jakob Cremer vorstand. Noch im August 1937 begann man u. a. mit der Planung und Errichtung eines modernen Tunnelofens, der für die Produktion von Klinkern genutzt und mit Gas befeuert wurde. Den Brennstoff hierfür gewann man aus einem ebenso neu errichteten Gasgenerator, der mit eigener Braunkohle betrieben wurde.

Die Beteiligung der Reichswerke „Hermann Göring“ A. G. Ebenfalls bereits im Sommer 1937 verhandelten die Annawerke mit den einschlägigen Stellen der Reichswerke Hermann Göring, die seinerzeit dafür zuständig waren, den im sogenannten Vierjahresplan von Oktober 1936 formulierten Ausbau der einheimischen Erzförderung bzw. der Stahlproduktion zu organisieren. Da in der Stahlproduktion feuerfeste Materialien, wie Schamottesteine, unbedingt notwendig sind und die damalige Schamotteindustrie einen höheren Bedarf nicht decken konnte, war es für die Erreichung des Vierjahresplanes unerlässlich, dass bereits im Vorfeld auch die Kapazitäten der sogenannten Feuerfest-Industrie vervielfacht wurden. Die Wahl der Reichswerke für einen Partner zur Produktionssteigerung der Feuerfest-Produkte fiel auf die Annawerke, da man mit diesen bereits im Bereich der Sanitärtechnik erfolgreich zusammenarbeiteteJochen Wistinghausen: Die 100-jährige Geschichte des Annawerkes in Oeslau bei Coburg, 1957, S. 114. und dabei auf bereitwillige Unterstützung bzw. teilweise auf Interessengleichheit stieß.Siehe beispielsweise 80 Jahre Annawerk. 1857–1937 (Festschrift), 1937, S. 44. Darüber hinaus gab es bereits vor der Gründung der Reichswerke (gegr. 15. Juli 1937) personelle Überschneidungen zwischen Mitarbeitern der Cremer-Gruppe und den Spezialisten bzw. Funktionsträgern des NS-Regimes. So fungierte beispielsweise der Vorstand der DTS A. G. bzw. der Buchtal-Reichswerke, Heinrich Willach, als Leiter des „Sonderrings Steinzeug im Hauptring Steine und Erden“ beim Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion.steinzeug.kulturpixel.de:

Im November 1937 einigten sich die Annawerke und die Reichswerke darauf, die Kuxe der Vereinigten Gewerkschaft mit der Gründung der Buchtal AG, Keramische Betriebe der Reichswerke „Hermann Göring“ zu teilen, wobei letztere mit 52 % der Anteile die Mehrheit bekommen sollte. Der Sohn des Aufsichtsratsvorsitzenden der Cremer-Gruppe, Gottfried Cremer, wurde mit der Planung, Errichtung und Führung einer modernen und leistungsfähigen Schamottefabrik beauftragt. Als Jahresproduktion wurden 50.000 Tonnen feuerfeste Materialien vereinbart. In seiner Buchtal-Chronik vermerkt Gottfried Cremer diesbezüglich: „Buchtal war gegründet worden zu dem ausschließlichen Zweck, hochfeuerfestes Material zu liefern für die Auskleidung der Hochöfen und Winderhitzer in Salzgitter und Linz, und zwar sowohl für den Ausbau als auch für den später zu erwartenden Reparatur- und Überholungsbedarf.“Gottfried Cremer: 1982, S. 154. Bereits im Vorfeld der Vertragsunterzeichnung war Paul Pleiger, der organisatorische Kopf und Mitbegründer bzw. Direktor der Reichswerke und spätere Wehrwirtschaftsführer (Januar 1938),August Meyer: Hitlers Holding. Die Reichswerke »Hermann Göring«, Europa-Verlag, München 1999, S. 375. persönlich vor Ort, um mit den Spezialisten der Cremer-Gruppe die Errichtung des neuen Werkes in die Wege zu leiten.Gottfried Cremer: 1982, S. 23. Dort auch ein Bild mit Pleiger und Gottfried Cremer vom August 1938.

Die feierliche Betriebseinweihung fand im Juni 1939 unter der Beteiligung von Prominenz aus Partei, Wehrmacht, SS und Wirtschaft statt. Nach einer Besichtigung der Werksanlage, die in ihrer Zweckmäßigkeit und Anordnung „ganz der nationalsozialistischen Wirtschaftsführung“ entspreche, wurde auch die Werkssiedlung Schwarzenfeld besucht. Als Festredner trat unter anderem Wilhelm Meinberg auf, Staatsrat und Vorstandsmitglied der Reichswerke Hermann Göring, die Feierlichkeit endeten „mit einem Treuegelöbnis an den Führer und den Weiheliedern der Nation“.Bayerische Ostmark. Amtliches Organ der NSDAP vom 13. Juni 1939. Der Bericht unter der Überschrift „Betriebsetzungsfeier der Buchtal-AG. – Ein stolzes Werk des nationalsozialistischen Aufbaues entstand.“ wird mit einer Fotografie abgerundet. Darauf sind u. a. Betriebsführer Cremer (in SS-Uniform), stellvertretender Gauleiter Ludwig Ruckdeschel, Gauinspektor Franz Ganninger und Schwandorfer Kreisleiter Oskar Fürst abgebildet.

Um die zur Gründung der Buchtal-Reichswerke vertraglich vereinbarte Menge an feuerfesten Materialien produzieren zu können, wurden im Laufe des Jahres 1938 u. a. zwei weitere Tunnelöfen, Trockenkammern und ein zweiter Gasgenerator erbaut. Im Jahr 1939 wurden zudem u. a. ein betriebseigenes Kraftwerk zur Stromerzeugung, ein Dachziegelwerk und andere infrastrukturelle Bauten errichtet. Im Mai 1940 erstellte man „Unterkünfte für Fremdarbeiter“, im Januar 1941 „Sonderküchen für Fremdarbeiter (Franzosen und Russen)“ und im Januar 1944 „Bäder für diese Unterkünfte.“Gottfried Cremer: 1982, S. 189. Weitere Funktionsbauten, wie Schlosserei, Schreiner und Verwaltungsgebäude folgten.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs waren in Buchtal ca. 650 Menschen beschäftigt. Im Zuge der Mobilmachung der Deutschen wurden sogenannte „Fremdarbeiter“ für die als kriegswichtig eingestufte Produktion im Buchtal-Werk herangezogen. Zuletzt stellten die „Fremdarbeiter“ mehr als zwei Drittel der Beschäftigten, sie wurden teils als zivile Kräfte angeworben, teils als Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit herangezogen. Laut den Angaben des „Betriebsführers“ Cremer mussten in Buchtal durchschnittlich „80 Franzosen, 120 Polen und 250 Russen, bei letzteren Männer und Frauen“ arbeiten.Gottfried Cremer: 1982, S. 150; zitiert auch bei Julia Weigl: Von der „Vereinigten Gewerkschaft“ zum Marktriesen „Buchtal“, in: dies.: IndustrieKulturGeschichte im Landkreis Schwandorf, Mittelbayerische Druck- und Verlags-Gesellschaft, Regensburg 1994, ISBN 3-927529-85-0, S. 61–70, hier S. 69. Der Internationale Suchdienst ging 1950 von zirka 750 Personen ukrainischer Herkunft aus, die im Zivilarbeiter-Lager Schmidgaden zu leben hatten. Der Suchdienst bezog sich dabei auf den Bericht des Bürgermeisters.Martin Weinmann (Hrsg.): Das nationalsozialistische Lagersystem. (CCP). Zweitausendeins, 2. Auflage, Frankfurt am Main 1990, S. 215. An anderer Stelle wird das Lager mit Bezug auf den Suchdienst als Zwangsarbeitslager bezeichnet.Siehe Winfried Nerdinger (Hrsg.): Bauen im Nationalsozialismus. Bayern 1933–1945 [Ausstellung des Architekturmuseums der Technischen Universität und des Münchner Stadtmuseums]. Klinkhardt & Biermann, München 1993, S. 536, ISBN 3-7814-0360-2.

Gleich nach der Gründung der Buchtal-Reichswerke wurde mit der Planung und Errichtung der sogenannten „Hermann-Göring-Siedlung“ im nahegelegenen Markt Schwarzenfeld begonnen.Winfried Nerdinger (Hrsg.): Bauen im Nationalsozialismus. Bayern 1933–1945 [Ausstellung des Architekturmuseums der Technischen Universität und des Münchner Stadtmuseums]. Klinkhardt & Biermann, München 1993, S. 296, ISBN 3-7814-0360-2.; Julia Weigl: Von der „Vereinigten Gewerkschaft“ zum Marktriesen „Buchtal“, in: dies.: IndustrieKulturGeschichte im Landkreis Schwandorf, Mittelbayerische Druck- und Verlags-Gesellschaft, Regensburg 1994, ISBN 3-927529-85-0, S. 61–70, hier S. 68. Da die Einwohnerzahl des Marktes im Gefolge der Buchtal-Werke ebenso sprunghaft anwachsen sollte – von ca. 1800 im Jahr 1935 auf ca. 3300 im Jahr 1939 – wurde die Erbauung von Wohnungen im großen Maßstab notwendig. Die für nationalsozialistische Siedlungsprogramme typische Zweckmäßigkeit bzw. ihr Erscheinungsbild hat sich in der sogenannten Schwarzenfelder „Buchtal-Siedlung“ bis ins 21. Jahrhundert erhalten.

Die Buchtal-Reichswerke und die „Arisierung“ jüdischen Eigentums Das Bankhaus Gebrüder Arnhold (Dresden-Berlin) trat 1934 seine Aktienanteile am Annawerk an die Cremer-Gruppe ab, die dadurch sowie durch den Erwerb eines weiteren Aktienpaketes von der Thüringer Gas zum Mehrheitseigner am Annawerk wurde.Gottfried Cremer: 1982, S. 12. Hans Arnhold machte in den Restitutionsverhandlungen nach dem Krieg deutlich, dass der Verkaufsdruck nicht von Cremer ausgegangen sei, sondern von örtlichen Funktionären um den sächsischen NSDAP-Gauleiter Martin Mutschmann (Gottfried Cremer: 1982, S. 272. Zur Arisierung des Bankhauses Gebr. Arnhold (Dresden) siehe Köhler: Die „Arisierung“ der Privatbanken im Dritten Reich, S. 207–226, zur Rolle von Mutschmann siehe dort S. 209). 1950, als die Buchtal A. G. gerade vollständig in die Cremer-Gruppe zurückgeführt werden sollte, strengte Hans Arnhold für seine Familie ein gerichtliches Restitutionsverfahren wegen der Arisierung von 1934 an. In diesem Verfahren erhielt Gottfried Cremer Unterstützung von einem ehemaligen Prokuristen, Gert Bahr, der von der Übernahme des Bankhauses Arnold profitiert hatte und dabei 16 Aufsichtsratssitze übernahm, einen davon bei der Deutsche Steinzeugwarenfabrik Mannheim-Friedrichsfeld.Ingo Köhler: Die „Arisierung“ der Privatbanken im Dritten Reich, S. 151. Die Restitutionsverhandlungen endeten 1954 mit einer Zahlung von 100.000 DM, welche die Cremer-Gruppe an Arnhold leistete.Gottfried Cremer: 1982, S. 272.