mini|hochkant=1.35|Neolithisierung Europas Als Neolithisierung Europas (von „neu, jung“ und „Stein“) wird der kulturelle Wandel von mittelsteinzeitlichen Wildbeutergesellschaften zu Kulturen jungsteinzeitlicher (neolithischer) Nahrungsmittelproduzenten innerhalb Europas bezeichnet. Neben Pflanzenbau und/oder Tierhaltung sind damit (insbesondere beim Ackerbau) längere Zeiträume einer sesshaften Lebensweise – die zahlreiche Veränderungen der sozialen Bedingungen (etwa Arbeitsteilung, Soziale Rollen, Institutionsbildung, Herrschaftsstrukturen u. ä.) mit sich brachte –, die Entwicklung neuer Technologien (Werkzeuge, Baustoffe, Gebäude, Keramik, Vorratshaltung, Konservierung u. ä.) und die Entstehung neuer Ideen und Weltanschauungen (langfristige Planung, veränderte Zeitrechnung, Kult, Religion u. ä.) verbunden. In der Folge war meist ein deutlicher Anstieg des Bevölkerungswachstums zu verzeichnen – aber später ebenso drastische Einbrüche und Hungersnöte.
Nach derzeitigem Kenntnisstand kam es unabhängig voneinander in 15 bis 20 Regionen der Erde zwischen 9500 v. Chr. (Vorderasien erstmals) und 2000 v. Chr. (Ohio-Becken letztmals) zur Entstehung landwirtschaftlicher Subsistenzweisen.
Die neue Lebensweise wurde in Europa ab 7300 v. Chr. von Migranten aus dem fruchtbaren Halbmond Vorderasiens importiert, wo sie sich erstmals auf der Erde innerhalb von rund 1500 Jahren als sogenannte „Neolithische Revolution“ etabliert hatte. In annähernd 4000 Jahren breitete sie sich in Schüben und auf unterschiedliche Art und Weise über die gesamte kühlgemäßigte Zone Europas ausArchaeologie online: Klima war der Schlüsselfaktor bei der Ausbreitung der ersten Bauern in Europa. University of Roehampton / AB, 20. Juli 2020, online abgerufen am 23. August 2024. (Ackerbau und Viehzucht in der Ökumene, in der Subökumene Fernweidewirtschaft).
Ursachen der Neolithischen Revolution Der Übergang zur Landwirtschaft fand an verschiedenen Stellen der Welt statt, ist jedoch erklärungsbedürftig: Der Arbeitsaufwand, der mit einer bäuerlichen Lebensweise verbunden ist, ist beträchtlich und deutlich größer als bei Wildbeutern. Sicherheitsgewinne durch Vorratshaltung müssen mit negativen Folgen aufgerechnet werden: Zoonosen führten bspw. zu Seuchen, die den Wilbeutern noch unbekannt waren. Daher stellt sich die Frage, warum Menschen dennoch zur Landwirtschaft wechselten. Auch indianische Kulturen Nordamerikas sahen in der Lebensweise der einwandernden europäischen Bauern nach der Entdeckung Amerikas dementsprechend wenig Erstrebenswertes und übernahmen sie nicht freiwillig. Dennoch setzte sich die Landwirtschaft weltweit durch, vormalige Wildbeuter müssen sich irgendwann für sie entschieden haben oder an sie gebunden worden sein.
Viele Autoren sehen die drastischen Klimaveränderungen am Ende der letzten Eiszeit als Auslöser für den Beginn von Ackerbau und Viehzucht im Vorderen Orient (Fruchtbarer Halbmond). Demnach kam es dort während des milden Alleröd-Interstadials zu günstigen Umweltbedingungen: Regenfälle nahmen zu, die Gazellenherden vermehrten sich stark in den üppig gedeihenden Graslandschaften und in der Folge auch die menschliche Bevölkerung. Aufgrund des permanent ausreichenden Nahrungsangebotes waren die Jäger und Sammler nicht mehr gezwungen, regelmäßig ihren Wohnsitz zu wechseln, sodass einige Gruppen zur Sesshaftigkeit wechselten. Das Vorkommen wilder und körnertragender Gräser bot die Möglichkeit, die Ernährung zu ergänzen, erste Reibsteine und Mörser sind nachgewiesen. Ob dann ein kälter werdendes Klima die sesshaft Gewordenen dazu bewegte, ihre Lebensweise vollends umzustellen oder die Entwicklung des Getreideanbaus alleine dazu reichte, ist unklar. Demographisch ließ sich der eingeschlagene Weg aber bereits nach kurzer Zeit nicht mehr umkehren. Zwar führte die Entdeckung der Landwirtschaft zu mehr Krankheiten, schlechterer Ernährung und höherer Kindersterblichkeit, aber insgesamt stieg die Bevölkerungszahl, da die kohlenhydratreiche Kost Frauen ermöglichte, schneller wieder schwanger zu werden. Während Wildbeuterfrauen wohl nur alle vier bis fünf Jahre schwanger wurden, konnten (und mussten) Bäuerinnen bereits kurz nach der Geburt wieder fruchtbar sein. Die Bevölkerungszunahme führte dann zur Ausbreitung der Landwirtschaft durch Auswanderung in andere Regionen.Harald Meller: Im Schweiße seines Angesichts macht er sich die Erde untertan – Neolithisierung und Neolithikum in Mitteleuropa. In: H. Meller (Hrsg.): 3300 BC. Mysteriöse Steinzeittote und ihre Welt. Sonderausstellung vom 14.11.2013 bis 18.05.2014 im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle. Halle [Saale] 2013, S. 24–29; Ob die Kindersterblichkeit bei den ersten Bauern tatsächlich höher war, ist unklar. Denn zwar waren die meisten Erwachsenen damals laktoseintolerant, konnten also keine unbearbeitete tierische Milch verdauen. Kleinkinder allerdings konnten es und das könnte dazu geführt haben, dass ihnen eine Diät, die Milch domestizierter Tiere beinhaltete, erhöhte Überlebenschancen einbrachte. Generell haben agrarische Gesellschaften einen großen Bedarf an Arbeitskräften, weswegen ein Interesse an einer hohen Kinderzahl besteht.Jens Lüning: Frühe Bauern in Mitteleuropa im 6. und 5. Jahrtausend v. Chr. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz. 35. Jahrgang, 1988, S. 28
mini|300x300px|Höhlenzeichnung von Les Dogues, etwa 6100–5600 v. Chr. Eine 11 (?) Mann starke Gruppe von Kämpfern (links) im Konflikt mit einer anderen Partei (rechts), die 18 Kämpfer umfasst.
Ursprung und Ausbreitung nach Europa Wurzeln der Neolithisierung und Nebeneinander von Wildbeutern und Bauern Die Wurzeln der Neolithisierung Europas liegen im Fruchtbaren Halbmond und werden heute auf die Migration anatolischer Bauern zurückgeführt, die ihre domestizierten Nutztiere (Rind, Schaf, Ziege, Schwein) und -pflanzen (Einkorn, Emmer, Gerste) sowie das entsprechende Know-how mitbrachten.Österreichische Akademie der Wissenschaften: Auf den Spuren der Sesshaftwerdung des Menschen. Online Lecture zu einem Vortrag von Barbara Horejs vom 8. März 2021, online abgerufen am 23. August 2024.
Über die Motive der Auswanderer kann nur spekuliert werden. Wolfram Schier bestreitet, dass es sich um Bevölkerungsdruck aufgrund der zunehmenden Besiedlungsdichte gehandelt habe.Nina Diezemann: Auf der Balkanroute des Neolithikums: Wolfram Schier über die Verbreitung von Ackerbau und Viehzucht. Artikel vom 26. Mai 2016 in migration.hypotheses.org. online abgerufen am 23. August 2024. Die Ursachen können ihm zufolge sehr vielseitig sein: „Ernährungsprobleme, Raub, Gier, religiöse Motive“ kämen in FrageHans Jürgen Beier: „Wandern oder nicht Wandern – das ist hier die Frage“ Einige theoretische Überlegungen zur Möglichkeit des Nachweises eines archäologischen Wunschtraumes, in: AG Neolithikum: Mobilität und Migration im europäischen Neolithikum. 78. Jahrestagung des West- und Süddeutschen Verbandes für Altertumsforschung e. V. vom 8.–9. Juni 2006 in Xanten, PDF abgerufen am 23. August 2024, S. 1–2.. Auch klimatische Gründe sind denkbar. Bevölkerungsschwankungen sind nach Stephan Shennan allerdings aufzeigbar, in der Besiedlung Europas hätten Radiokarbon-Analysen Anzeichen für ein Muster gefunden: Auf die Ausdehnung der Landwirtschaft mit Bevölkerungswachstum folgten nach gewisser Zeit starke demographische Einbrüche, mit bis zu 30–60 % Rückgang der Bevölkerungszahl. Teilweise könnte dies mit Abwanderung verbunden gewesen sein, ohne dass die Bevölkerungszahl notwendigerweise insgesamt schrumpfte, jedoch sei ein echter Verlust, der nicht anderswo aufgefangen wurde, für bestimmte Regionen nachgewiesen. Luigi Luca Cavalli-Sforza hatte ein Modell entwickelt, das mit einem kontinuierlichen Bevölkerungswachstum und entsprechender stetiger Ausdehnung der Landwirtschaft rechnete, Shannon sieht eher ein dynamisches Geschehen von Gebietserschließung, Wachstum und Einbrüchen.
Graeber und Wengrow gehen davon aus, dass die arbeitsaufwändige Landwirtschaft in ihren Ursprungsformen nicht existentiell (d. h. hauptsächlich) betrieben wurde, sondern dass für lange Zeit und in vielen Gesellschaften „spielerische Landwirtschaft“ als eine Option neben anderen Subsistenzweisen verstanden wurde. Vielmehr sei das primär bäuerliche Dasein zu Anfang eine Überlebensstrategie für entlegene und unzugängliche Regionen gewesen, die für Jäger, Sammler und Fischer zu unattraktiv waren. Diese Jäger und Sammler hätten zuvor schon eine Art „Landschaftspflege“ betrieben, indem sie erwünschten fruchttragenden Pflanzen wie Nussbäumen günstige Bedingungen schufen. Ihre Aktivitäten trugen dazu bei, „weltweit etwa zwei Drittel der Großfauna zu vernichten“, ihre Jagd verschob sich dann auf kleinere Säugetiere wie Elche, Schweine, Rotwild etc. in begrenzten Habitaten.David Graeber, David Wengrow: Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit. Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm, Henning Dedekind und Andreas Thomsen, 4. Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-608-98508-5, S. 285–287.
Mit Vorsicht und Einschränkungen wird von einem neolithischen Paket gesprochen. Mehrere Merkmale – darunter Sesshaftigkeit, Domestikation von Tieren, Domestikation von Nahrungs- und Nutzpflanzen, Häuser, Keramik – kommen zusammen und werden zur Grundlage einer „produzierenden Wirtschaftsweise“. Dabei ist wichtig festzuhalten, dass der von Vere Gordon Childe eingeführte Begriff neolithische Revolution nicht bedeutet, dass dieser Übergang schnell erfolgte, der im Ergebnis tatsächlich revolutionäre Prozess dauerte Jahrtausende, nicht Jahrhunderte. Er verlief weltweit unterschiedlich, in Nord-, Mittel- und Südamerika beispielsweise fehlten geeignete domestizierbare Tiere, - Landwirtschaft und Viehzucht traten in Europa (oder Asien und Afrika) gemeinsam und eng verbunden auf, nicht aber in Amerika. Und in Afrika spielte Viehzucht eine größere Rolle als Feldbau. Die im Fruchtbaren Halbmond erfolgte spezifische Art der Neolithisierung erscheint diesbezüglich eher als Ausnahme, die entsprechenden Prozesse wiesen Unterschiede auf.Detlef Gronenborn, Silviane Scharl, Das Neolithikum als globales Phänomen, In: T. Otten / J. Kunow / M. M. Rind / M. Trier (Hrsg.): Revolution Jungsteinzeit: archäologische Landesausstellung Nordrhein-Westfalen: Begleitkatalog zur Ausstellung ... im LVR-LandesMuseum Bonn vom 5. September 2015-3. April 2016, (= Schriften zur Bodendenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen). 2., überarbeitete Auflage, Lizenzausgabe für die WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Nr. 11,1. Theiss, Darmstadt 2016, ISBN 978-3-8062-3252-3, S. 59–70 Elemente, die als typisch angesehen werden, können also fehlen oder unterschiedlich ausgeprägt auftreten. Dazu traten sie teilweise bereits im Mesolithikum auf, Sesshaftigkeit ist auch bei Mesolithikern, die Zugriff auf Ressourcen in größerer Menge wie Fisch oder Wildgetreide hatten, bereits möglich gewesen. Der entscheidende Unterschied ist, dass für Mesolithiker dennoch eine mobile Lebensweise noch charakteristischer war, während Neolithiker an ihre Sesshaftigkeit gebunden wurden. Unterscheiden lässt sich eine primäre und eine sekundäre Neolithisierung, erst verfestigt sich eine neue Lebensweise, dann dehnt sie sich aus.Silviane Scharl: Die Neolithische Revolution – Was ist das? In: T. Otten / J. Kunow / M. M. Rind / M. Trier (Hrsg.): Revolution Jungsteinzeit: archäologische Landesausstellung Nordrhein-Westfalen: Begleitkatalog zur Ausstellung ... im LVR-LandesMuseum Bonn vom 5. September 2015-3. April 2016, (= Schriften zur Bodendenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen). 2., überarbeitete Auflage, Lizenzausgabe für die WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Nr. 11,1. Theiss, Darmstadt 2016, ISBN 978-3-8062-3252-3.