Das Kleinkastell Rinschheim – auch unter dem Namen Kleinkastell Holderbusch bekannt – war ein römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am sogenannten „Vorderen Limes“ des Obergermanisch-Rätischen Limes zuständig war. Die zum UNESCO-Welterbe gehörende Anlage liegt – oberirdisch nicht mehr sichtbar – auf einer landwirtschaftlich genutzten Flur am nordöstlichen Rand des seit 1975 zur Stadt Buchen im Neckar-Odenwald-Kreis gehörenden Dorfes Rinschheim.
Lage links|miniatur|Der Limesverlauf bis zum Kleinkastell Rinschheim miniatur|Lageplan des Kastells zur Zeit der RLK Das südlich des Rinschbachs errichtete Zwischenkastell befindet sich am Grund eines kleinen Tales in der Flur Hofäcker und wurde rund 250 Meter hinter der in diesem Abschnitt fast vollkommen geradlinig von Nordosten nach Südwesten orientierten Limespalisade errichtet.Kurt Böhner, in: Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern. Band 8, von Zabern, Mainz 1965, S. 128. Das Tal verläuft fast parallel zu den östlich errichteten römischen Grenzanlagen, die sich ohne Rücksicht auf topographische Strukturen teils fast bis in den Talgrund absenkten, um dann wieder zu den Anhöhen anzusteigen. Um das umliegende Gelände effizient überwachen zu können, mussten zuerst teilweise großflächige Sichtschneisen in die Wälder geschlagen und dann an den etwas höher gelegenen Aussichtspunkten bei Rinschheim zusätzliche Wachtürme errichtet werden. Von diesen aus konnten dann im Alarmfall optische Signale an das Kleinkastell und an die Postenkette entlang des Limes übermittelt werden.
Forschungsgeschichte Das Wissen um den einstigen Verlauf des Limes war bei der örtlichen Bevölkerung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollständig verloren gegangen, weswegen alle diesbezüglichen Nachforschungen zunächst erfolglos blieben.Karl Christ: Die römischen Grenzlinien im Odenwald (im Bezug auf die sich daran knüpfenden Volkssagen). In: Julius I. Kettler (Hrsg.): Zeitschrift für wissenschaftliche Geographie. Band 2, Schauenburg, Lahr 1881, S. 138. Erst während der Untersuchungen durch die Reichs-Limeskommission (RLK) konnte die Fortifikation unter der Leitung des Streckenkommissars Karl Schumacher (1860–1934) aufgedeckt und die genaue Position der Grenzanlagen dokumentiert werden. 1995 fand im Zuge einer drohenden teilweisen Überbauung eine Notgrabung statt.Peter Knotzele, Reinhard Sölch (Britta Rabold): Meldung in: Fundberichte aus Baden-Württemberg, Band 22, Teil 2, Theiss, Stuttgart 1998, ISBN 3-8062-1388-7, S. 106.
Baugeschichte miniatur|Grabungsplan der RLK Die 0,3 Hektar große Anlage mit abgerundeten Ecken zählt wie die etwas nördlicher gelegenen Kleinkastelle zum Typus Rötelsee und entsprach in seiner Bauausführung im Wesentlichen dem gut erhaltenen Kleinkastell Hönehaus.Dieter Planck: Die Römer in Baden-Württemberg. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 192. Die Ausgräber der RLK ergruben vor allem die 50 Meter lange, nach Nordwesten orientierte Rückseite des Kastells. Mittig fand sich ein durch zwei Wangen begrenztes Tor. Die zum Limes hin ausgerichtete Frontseite hingegen konnte aufgrund des schwierigen Terrains nicht untersucht werden. Ein die Anlage umlaufender Verteidigungsgraben konnte nicht festgestellt werden. 65 bis 80 Zentimeter hinter der Umfassungsmauer ließ sich im Lagerinneren jedoch ein 0,55 bis 0,60 Meter breites Gräbchen beobachten. Schumacher stellte fest, dass die Verfüllung dieses Gräbchens in einem Abstand von jeweils rund einem Meter verkohlte Holzreste barg, die seiner Ansicht nach auf rechteckige, rund 15 × 15 Zentimeter breite und dicke Balken hinwiesen. Diese Balken könnten einst entweder einen hölzernen Wehrgang getragen haben oder als senkrechte Stützen für die zum Lager hin notwendige hölzernen Rückwand eines Erdwalls gedient haben. Sowohl im Inneren wie auch unmittelbar außerhalb des Kastells hatten sich rechteckige, runde und halbrunde Wohngruben beziehungsweise Keller erhalten, die Durchmesser bis drei Meter hatten. Mehrfach konnten neben diesen Gruben auch Feuerstellen erfasst werden. Diese Befunde bestätigten sich während der Notgrabung im April 1995, die im Bereich der Südecke des Kastells vorgenommen werden musste. Neben einem sich noch abzeichnenden 0,80 Meter breiten und 22,5 Meter langen Suchschnitt von Schumacher fand sich zwei Meter südlich davon eine 2 Meter × 0,90 Meter große Grube, die mit schwarzem humosen Erdreich verfüllt war. Sie enthielt neben Tierknochen – zumeist Kieferfragmente – Scherben von Gebrauchskeramik und Terra Sigillata der Formen Drag. 31, Drag. 32 und Drag. 33. Sigillaten mit diesen Formen wurden ab der Mitte des 2. Jahrhunderts bis in das 3. Jahrhundert produziert. Eine genauere Datierung ließ das Bruchstück Drag. 32 zu. Es gehörte zu einem Stück, das ab der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts in Mode kam. Auch ein geborgener Einhenkelkrug mit wulstiger Bandlippe (Typ Niederbieber 62) dürfte nicht vor Ende des 2. Jahrhunderts hergestellt worden sein.
Noch 150 Meter von der Ostfront des Kastells entfernt, fanden sich römische Scherben, die auf ein Lagerdorf hinweisen.
Sehr späte Münzfunde vom Vorderen Limes, die am südlich gelegenen Kleinkastell RötelseeMarkus Scholz: Keramik und Geschichte des Kastells Kapersburg – eine Bestandsaufnahme. In: Saalburg-Jahrbuch Bd. 52/53, 2002/2003. von Zabern, Mainz 2003, S. 95/98. und am nördlichen Kleinkastell HaselburgEgon Schallmayer: Der Limes. Geschichte einer Grenze. Beck, München 2006, ISBN 3-406-48018-7, S. 65. zu Tage kamen, zeigen, dass diese Grenzlinie bis 259/260 n. Chr. – dem zeitlich fixierten Endpunkt des Limesfalls – bestand. Im Zuge dieses historisch bedeutenden Ereignisses, das in der Aufgabe der Agri decumates (Dekumatland) mündete, wurden die hier noch bestehenden römischen Kastelle von ihren Besatzungen geräumt, wenn sie nicht schon zuvor gewaltsam zerstört worden waren.
Funde Zum Fundgut aus Rinschheim, das im Kompendium Der obergermanisch-raetische Limes des Roemerreiches (ORL) verzeichnet ist, gehören auch Fragmente eines großen und kleinen Jagdbechers, für deren Herstellungsort Kurt Stade sehr allgemein den Mittelrhein bestimmteKurt Stade in: Ernst Fabricius, Felix Hettner, Oscar von Sarwey (Hrsg.): Der obergermanisch-raetische Limes des Roemerreiches (ORL). Abteilung A, Band III-IV, Strecke 6–9 (1933) S. 223. sowie als Einzelfunde zwei 1894 geborgene eiserne Brennstempel mit den Kürzeln AS. und M.. Die Terrakottafigur einer Venus war mit dem Produktsiegel Servandus gestempelt. Dieser Töpfer, der seine Manufaktur in Köln betrieb, gehört zu den produktivsten Herstellern der Provinzhauptstadt. Bis 2004 waren von ihm mehr als 40 gekennzeichnete Statuetten bekannt.Andreas Kakoschke: Germanen in der Fremde. Eine Untersuchung zur Mobilität aus den römischen Provinzen Germania inferior und Germania superior anhand der Inschriften des 1. bis 3. Jahrhunderts n. Chr. Bibliopolis, Möhnesee 2004, ISBN 3-933925-57-6, S. 194. Servandus hat seine Tätigkeit wahrscheinlich schon kurz vor oder um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. aufgenommen. Eindeutig kann sie erst ab den 60er Jahren des 2. Jahrhunderts belegt werden.Heinrich Lange: Die Koroplastik der Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Untersuchungen zur Typologie, Technik, Werkstattfunden, Betrieben, Signaturen und Produktionszeit. In: Kölner Jahrbuch. Band 27, Mann, Berlin 1995, ISBN 3-7861-1900-7, S. 117–309, hier: S. 151. Andere in Rinschheim geborgene Keramikscherben, insbesondere Terra Sigillata, stammten aus den Werkstätten des Constans, des Cerialis und des Proppius, deren Manufakturen im bedeutenden Töpfereizentrum von Rheinzabern ansässig waren.Susanne Biegert, Johannes Lauber, Klaus Kortüm: Töpferstempel auf glatter Sigillata vom vorderen/westrätischen Limes. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg. 20, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, 1995, S. 547–666, hier: S. 656.Susanne Biegert, Johannes Lauber, Klaus Kortüm: Töpferstempel auf glatter Sigillata vom vorderen/westrätischen Limes. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg 20. Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, 1995. S. 547–666, hier: S. 583 (Umzeichnungen der Rinschheimer Stempel). Zu den bemerkenswerten Fundstücken zählt auch eine Gesichtsurne aus dem frühen 3. Jahrhundert.Willi Beck, Dieter Planck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1980, ISBN 3-8062-0242-7, S. 43 (Abb.)
Fundverbleib Die Funde aus der Grabung der RLK und von 1995 wurden in das Badische Landesmuseum (BLM) nach Karlsruhe verbracht.
Limesverlauf zwischen dem Kleinkastell Rinschheim und dem Kastell Osterburken