Der Bombardier Twindexx Vario (Eigenschreibweise TWINDEXX Vario) ist eine Bauart von Doppelstockwagen von Bombardier Transportation, die im Regional- und Fernverkehr eingesetzt werden. Im Gegensatz zu den älteren Generationen der Bombardier-Doppelstockwagen wurde der Twindexx auch als Triebwagen angeboten, sodass neben lokomotivbespannten Wendezügen auch Triebzüge gebildet werden können. Die einzelnen Wagen sind dabei mit Schraubenkupplungen verbunden. Die Triebwagen werden in Deutschland als Baureihen 445 und 446 geführt, welche sich hauptsächlich in der Einstiegshöhe unterscheiden.

Der Bombardier Twindexx Vario ist Teil der Twindexx-Familie, zu der auch der Twindexx Express der SBB (FV-Dosto mit der Bezeichnung SBB RABe 502) gehört.

Eigenschaften Fahrzeugkonzept Das Fahrzeugkonzept des Twindexx Vario besteht aus Mittelwagen mit Nieder- oder Hochflureinstieg, antriebslosen Steuerwagen und Triebwagen, vom Hersteller als „angetriebene Steuerwagen“ bezeichnet. Diese Einzelfahrzeuge können in drei Grundkonfigurationen kombiniert werden:Bombardier Transportation: Produktbroschüre (PDF; 9,5 MiB)

Triebwagen und Steuerwagen, mit bis zu zwei Mittelwagen Triebwagen an beiden Enden mit bis zu sechs Mittelwagen lokbespannter Wendezug mit Steuerwagen und bis zu neun Mittelwagen

Die Einzelwagen sind flexibel einsetzbar und können auch mit älteren Doppelstockwagen gekuppelt werden. Durch das Einzelwagenkonzept ist, anders als bei herkömmlichen Triebzügen, eine individuelle Zusammenstellung von Zügen beim Rangieren im Regelbetrieb durch den Triebfahrzeugführer möglich. Praktiziert wird dies bei den vorgefertigt zusammengestellten Twindexx-Triebzügen allerdings nur in Ausnahme- und Störungsfällen.

Da die Triebzüge wie lokbespannte Wagenzüge flexibel gebildet werden können, sind die Triebwagen wie Elektrolokomotiven mit einer eigenständigen Traktionsanlage, Zugenergieversorgung und Druckluftversorgung konzipiert. Sie tragen deshalb nicht den UIC-Bauartcode 94 für elektrische Triebwagen, sondern den Bauartcode 91, der für elektrische Lokomotiven steht. Die Mittelwagen tragen UIC-Wagennummern.

Bisher beträgt bei allen hergestellten Fahrzeugen die Höchstgeschwindigkeit 160 km/h. Der Hersteller bietet optional auch eine Variante mit einer Höchstgeschwindigkeit von 189 km/h an.

Wagenkasten und Drehgestelle Die selbsttragenden Wagenkästen sind als Stahl-Schweißkonstruktion aufgebaut.

Die Wagen sind mit Schraubenkupplungen und stoßverzehrenden Crashpuffern ausgerüstet. Lediglich bei den Triebwagen kommt an den Führerstandsenden die bei Triebwagen übliche Scharfenbergkupplung des Typs 10 zum Einsatz, was das Kuppeln und Trennen von mehreren Triebzugeinheiten (Flügelung) in kurzer Zeit ermöglicht. In: Eurailpress.de, 7. Januar 2009.. Deine Bahn.online. Die Triebwagen-Baureihen 445 und 446 unterscheiden sich in der Einstiegshöhe.

Die antriebslosen Steuer- und Mittelwagen laufen auf Drehgestellen vom Typ Görlitz IX. Beim Triebwagen kommen FlexCompact-Triebdrehgestelle zum Einsatz. (PDF; 2,6 MiB) Hergestellt werden die Drehgestelle im Alstom-Werk in Siegen.

Elektrische Anlagen und Antrieb der Triebwagen Die Triebwagen sind mit einem elektrischen Antrieb für das Einphasenwechselspannungssystem mit 15 Kilovolt bei einer Frequenz von 16,7 Hertz ausgerüstet. Dafür ist das Wagendach am führerstandslosen Übergangsende abgesenkt. Hier befindet sich der Stromabnehmer mit der Dachausrüstung. Direkt hinter dem Führerraum befindet sich der Haupttransformator. Dieser weist vier Sekundärwicklungen für die zwei Traktionsstromrichter und eine für die Zugsammelschiene auf. Die Traktionsstromrichter befinden sich wiederum am Übergangsende und bestehen aus je zwei Vierquadrantenstellern, einem Gleichspannungszwischenkreis und einem Motorstromrichter, welcher die beiden Fahrmotoren eines Drehgestells speist.

Die Fahrmotoren sind am Drehgestellrahmen gefedert aufgehängt. Das Drehmoment wird mithilfe eines einstufigen Stirnradgetriebes auf die Radsatzwelle übertragen.

Für die Zugsammelschiene wird am Haupttransformator eine Spannung von 1000 V abgegriffen. Aus dieser werden neben der elektrischen Heizung auch die beiden Hilfsbetriebeumrichter gespeist. Ein Hilfsbetriebeumrichter arbeitet dabei mit veränderlicher Frequenz und versorgt u. a. die Klimaanlage, wodurch diese bedarfsgerecht gesteuert werden kann, was zur Einsparung von Energie und zur Reduzierung von Lärm führt. Der zweite Hilfsbetriebeumrichter arbeitet mit einer konstanten Frequenz von 50 Hz und einer dreiphasigen Spannung von 400 V. Ein weiterer Umrichter versorgt das Batteriebordnetz mit 24 V. Die gesamte Bordnetzversorgung befindet sich gegenüber den Traktionsstromrichtern am Übergangsende.

Deutschland Konzeptentstehung und Prototyp Die Deutsche Reichsbahn (später in der Deutschen Bahn aufgegangen) setzte bereits seit 1952 Doppelstockwagen aus der Fertigung des Waggonbau Görlitz ein. Im Jahr 1994 stellte die Waggonbau Görlitz das Konzept eines Doppelstock-Elektro-Triebzuges (DET) vor. Das Konzept bestand aus angetriebenen doppelstöckigen Triebwagen, die mit weiteren Trieb-, Steuer- und Mittelwagen kombiniert werden konnten.http://www.lokmalanders.de/media/b4eeb3d7cb3e62e4ffff80adfffffff0.pdf Im Jahr 1998 wurde ein Prototyp dieses Fahrzeuges als Baureihe 445 vorgestellt, der durch eine Arbeitsgemeinschaft von Waggonbau Görlitz, Siemens und Adtranz gebaut wurde.http://www.lokmalanders.de/media/da5a8ce64a2a6452ffff8028fffffff2.pdf Siemens und Adtranz waren dabei für den elektrischen Teil des Fahrzeuges verantwortlich, während Waggonbau Görlitz für den Fahrzeugteil auf Basis seiner Doppelstockwagen verantwortlich war. Das Werk ging 1998 in den Besitz von Bombardier Transportation über. Trotz Zulassung kam der Prototyp nie in den planmäßigen Fahrgasteinsatz und wurde 2006 nach langer Abstellzeit zerlegt. Es dauerte viele Jahre, bis das Konzept wieder aufgegriffen und in Serie gebaut wurde. Bis zum Rahmenvertrag mit der Deutschen Bahn im Dezember 2008, der die Bestellung von doppelstöckigen Triebwagen vorsah, wurden nur Steuer- und Mittelwagen bestellt.

Rahmenvertrag der Deutschen Bahn Im Dezember 2008 schlossen Bombardier Transportation und die Deutsche Bahn einen Rahmenvertrag zur Lieferung von 800 Doppelstockwagen der Twindexx Vario-Reihe (auch als Dosto 2010 bezeichnet) mit einem Gesamtvolumen von bis zu 1,5 Milliarden Euro. Der Rahmenvertrag sieht die Bestellung von Trieb- oder Steuerwagen mit Mittelwagen vor.

Im Rahmen dieses Vertrages wurden bislang Twindexx-Vario-Züge von DB Regio und DB Fernverkehr bestellt.

Intercity 2

2011 bestellte DB Fernverkehr zur Vergrößerung der Fahrzeugkapazitäten lokbespannte Doppelstock-Wendezüge für den Intercity-Verkehr bei Bombardier Transportation. Diese bilden den Erstabruf aus dem Rahmenvertrag der Deutschen Bahn. Zunächst wurden 27 Zugeinheiten beschafft, die aus je vier Doppelstock-Mittelwagen, einem Doppelstock-Steuerwagen und einer auf 160 km/h ausgelegten Lokomotive der Bombardier-Traxx-Baureihe P160 AC2 (DB 146.5) bestehen. Der Wert des vergebenen Auftrags wurde mit 362 Millionen Euro beziffert.„Bombardier liefert Twindexx-Doppelstockwagen und TRAXX-Lokomotiven für den Fernverkehr an die Deutsche Bahn AG“, Pressemitteilung auf n-tv.de, 12. Januar 2011.Aufgestockt. In: mobil. März 2011, S. 58–59. Die Kosten eines Zuges mit fünf Wagen und einer Lokomotive der Baureihe 146.5 betragen 17 Millionen Euro.

DB Fernverkehr setzt die Züge seit dem 12. Dezember 2015 unter der Bezeichnung Intercity 2 (in Kurzform IC2) ein. Die Doppelstock-Wagen sind für eine Höchstgeschwindigkeit von 189 km/h vorgesehen, doch werden die Züge wegen der dazu erforderlichen gesonderten Zulassungsprozedur (mit noch zu bestellenden Lokomotiven der Baureihe Bombardier TRAXX P189 ACIRJ: Rahmenvertrag zur Bestellung von bis zu 450 neuen Lokomotiven aller TRAXX Baureihen, 2. Mai 2013.) auf längere Sicht nur für eine Geschwindigkeit von 160 km/h zugelassen sein. DMM Mobilitätsmanager, 23. März 2013.

Die Züge verfügen über 468 Sitzplätze, davon 70 in der ersten Klasse. Ein Bistro oder Restaurant ist nicht vorhanden, stattdessen erfolgt auf einzelnen Streckenabschnitten eine Bewirtung am Platz. Unter dem Namen IC Café-Team bieten Mitarbeiter von LSG Sky Chefs den Reisenden Kalt- und Heißgetränke, Snacks sowie Backwaren an.Der neue Intercity und die Lösung des Heißgetränke-Dilemmas, inside.bahn.de, 10. Dezember 2015, abgerufen am 12. Dezember 2015.Bahnaktuell: Twindexx – Der neue Doppelstock-Intercity der Bahn. 12. Januar 2011. Die Züge verfügen unter anderem über Handyverstärker und eine fahrzeuggebundene Rollstuhlrampe. Eine Intercity-2-Garnitur besteht aus einem Steuerwagen mit Plätzen der zweiten Klasse, drei Wagen zweiter und einem erster Klasse, der mit der Lokomotive gekuppelt wird. Bei den Mittelwagen befinden sich die Türen über den Drehgestellen (sogenannter Hochflureinstieg), sodass sowohl Unter- als auch Oberstock nur durch Treppen erreichbar sind. Der Unterstock der Steuerwagen ist durch Niederflureinstiege zwischen den Drehgestellen barrierefrei erreichbar und mit Rollstuhl- sowie Fahrradstellplätzen und einer barrierefreien Toilette ausgestattet. Der Oberstock ist nicht barrierefrei und wird im Steuerwagen über zwei Treppen erreicht.

Der Einsatz der Doppelstock-Intercity-Züge begann zum Fahrplanwechsel im Dezember 2015 auf der IC-Linie 56 (Leipzig – Hannover – Norddeich).

Expresskreuz Niedersachsen/Bremen Um mehr Fahrradstellplätze in den lokbespannten Doppelstockzügen im Expresskreuz Niedersachsen/Bremen anbieten zu können, wurden zusätzlich 18 Twindexx Fahrradwagen der Bauart DBpza 782.1 mit Tiefeinstieg beschafft. Diese sind unter der Nummer D-DB 50-80 26-81 xxx-x eingeordnet. Nach einigen Lieferverzögerungen sind die Wagen seit November 2015 planmäßig hinter dem Steuerwagen eingereiht. Nach Bedarf können im Unterdeck flexibel Sitze oder Fahrradhalterungen angebracht werden. Der Verbleib dieser Wagen ist nach der Inbetriebnahme von Neufahrzeugen des Typs Alstom Coradia Stream Max ab Ende 2026 noch ungeklärt.

Nord-Süd-Netz Berlin-Brandenburg Der erste Einsatz der Triebzüge in Deutschland sollte ursprünglich ab Dezember 2014 auf dem Nord-Süd-Netz des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg von DB Regio Nordost erfolgen. (PDF; 5,8 MiB). In: punkt 3 – Kundenmagazin der S-Bahn Berlin 5/2012, S. 7. Bestellt wurden fünf fünfteilige Doppelstocktriebzüge der Art „Twindexx Vario“ für die Linie RE 5 Rostock/Stralsund – Berlin – Wünsdorf-Waldstadt – Elsterwerda.E-Mail Regionaler Kundendialog Mecklenburg-Vorpommern Bahninfo-Forum, 8. März 2012. Je Zug kommen zwei Triebwagen zum Einsatz. Die Auslieferung dieser Triebwagen konnte aufgrund von Verzögerungen seitens Bombardier erst zwischen Herbst 2017 und Mai 2018 erfolgen; seit April 2018 stehen die Triebzüge auf der Linie RE 5 im Regelbetrieb. Hierbei handelt es sich um die Triebköpfe 445 001-010. Die Züge werden ab 2026 durch modernisierte Lokomotiven der Reihe 146 mit Doppelstockwagen und durch Stadler FLIRT 3XL ersetzt. Diese Vario Twindexx sollen anschließend auf dem RE 50 (Dresden – Riesa – Leipzig) eingesetzt werden.

Schleswig-Holstein/Hamburg