mini|alt=An einem umgeworfenen Bauzaun ist ein weißer Banner befestigt, auf dem die Sätze „Fight Racism!“ (in schwarzer Farbe), „Fight Imperialism!“ (in roter Farbe) sowie in Großbuchstaben „Smash Capitalism“ (in grün) steht. In etwas kleineren Buchstaben steht noch „Can't pay! Won't Pay“ (erster Satz in schwarz, zweiter in rot) am unteren Rand des Banners. Links hinter dem Banner steht eine Gruppe junger Menschen.|Banner bei Studierendenprotesten in London 2010 Als Antikapitalismus bezeichnet man Grundhaltungen, die gegenüber kapitalistischen Ideen eine fundamental entgegengesetzte Position einnehmen. Er ist eine radikale Form der Kapitalismuskritik und zielt nicht bloß auf Reformen, sondern auf die Aufhebung bzw. Zerschlagung des kapitalistischen Systems. Der Antikapitalismus – genauso wie die Kapitalismuskritik insgesamt – ist vor allem eine Domäne der politisch Linken. Es gibt oder gab frühsozialistischen, marxistischen, anarchistischen, romantischen, konservativ-revolutionären, völkischen und nationalsozialistischen Antikapitalismus. Ob kapitalismuskritische Positionen von rechts als antikapitalistisch einzuordnen sind, ist umstritten.
Begriffsbestimmung Der Soziologe Dieter Rucht grenzt Antikapitalismus von Kapitalismuskritik ab: Diese lehne den Kapitalismus nicht kategorisch ab, sondern kritisiere an ihm nur bestimmten Formen und vor allem Auswüchse. Antikapitalismus sei dagegen radikaler: Er wolle den Kapitalismus nicht einhegen oder reformieren, sondern abschaffen, was häufig auf revolutionärem Wege erstrebt werde. Kapitalismuskritik von Rechtsradikalen oder Neonazis dürfe ihm zufolge nicht als Antikapitalismus verstanden werden, da sie keine Systemkritik darstelle, sondern nur moralisierend Macht und Verhalten von Eliten thematisiere, wenn sie nicht im Sinne einer Querfrontstrategie nur taktisch motiviert sei.
Thomas Kroll und Bettina Severin-Barboutie schlagen derweil vor, eher den Plural Antikapitalismen statt Antikapitalismus zu verwenden, da sich die vielen antikapitalistischen Strömungen in ihrer Sicht auf den Kapitalismus, ihren ökonomischen, sozialen oder politischen Kontexten sowie in ihrer gesellschaftlichen Wirkung teilweise erheblich voneinander unterscheiden. Zudem unterscheiden sie zwei Gruppen: Modernistische und antimodernistische Antikapitalismen. Modernistische Antikapitalismen würden den Kapitalismus zwar ablehnen, ihn aber als notwendige Vorstufe zu einer anderen und erstrebenswerteren Gesellschaftsform ansehen. Ein Beispiel hierfür sei der Marxismus Karl Kautskys. Der Sozialkonservatismus in Preußen hätte demgegenüber den Kapitalismus aufhalten wollen, weil er den Fortbestand alter Ordnungen und Lebensweisen gefährdete. Er könne daher als ein Beispiel für antimodernistischen Antikapitalismus betrachtet werden.
Der Extremismusforscher Fabian Fischer problematisiert den Begriff „Antikapitalismus“, da er lediglich ein Gegenbegriff zu einem von vornherein negativ konnotierten und unscharfen Begriff sei, nämlich dem „Kapitalismus“, den er in Anführungszeichen nennt. Dieser erscheine in dieser Konstruktion essentialistisch als „wirklich“, während er wissenschaftlich betrachtet „nur ein Denkmodell zur Veranschaulichung von Abhängigkeiten und Wechselwirkungen“ sei. Die Bündelung der ihm zugewiesenen gesellschaftlichen und sozialen Phänomene unter dem Rubrum Kapitalismus sei aber nicht zwingend: Ausbeutung zum Beispiel gebe es auch in anderen gesellschaftlichen Konstellationen und es sei nicht ausgemacht, ob die als kapitalistisch abgelehnten Phänomene nicht eher in der Moderne oder der Conditio humana gründeten. Fischer unterscheidet daher zwischen einem Antikapitalismus in struktureller Perspektive, der „den Kapitalismus“ in Gestalt einer drastischen Negativkonstruktion in den Blick nehme, und einem in inhaltlicher Ebene, der ihn kritisiere, aber sich dabei direkt oder indirekt gegen Werte und Minimalbedingungen des demokratischen Verfassungsstaates richte.Fabian Fischer: Die konstruierte Gefahr. Feindbilder im politischen Extremismus. Nomos, Baden-Baden 2018, ISBN 978-3-8452-9346-2, S. 168 f. Laut Fischer gibt es anthropomorphen (zumeist antisemitischen), politischen, sozialen, kulturpessimistischen, zinsfeindlichen und antifaschistischen Antikapitalismus.Fabian Fischer: Die konstruierte Gefahr. Feindbilder im politischen Extremismus. Nomos, Baden-Baden 2018, ISBN 978-3-8452-9346-2, S. 174–193.
Antikapitalistische Strömungen Siehe auch Kapitalismuskritik für einen Überblick über die kapitalismuskritischen Standpunkte der jeweiligen Strömungen.
Romantik Die romantische Kritik am Kapitalismus war anfangs den Dichtern vorbehalten. Ludwig Tieck wendet in seinem Roman Der junge Tischlermeister die Nostalgie – der Handwerker wird als Künstler ohne Gewinnstreben gezeichnet – gegen den bürgerlichen Kapitalismus. Die Zünfte erscheinen weniger als Gegner von Innovation und Produktionssteigerung, als letzter Hort gegen das Gewinnstreben. Novalis lässt in seinem Heinrich von Ofterdingen den Bergmann für eine Wirtschaft plädieren, die bei der Ausbeutung der Minen auf den Nutzen für das Gemeinwesen achtet. Ähnlich wie Tieck projiziert er hierbei die Idee von einer dem Menschen dienlichen Wirtschaft auf das Mittelalter. Das Auseinanderfallen von Gewinnmaximierung und Vervollkommnung des Menschen analysiert Novalis indes nicht, allenfalls der Befund wird aufgestellt. Ihr jüngerer Schriftstellerkollege Wilhelm Hauff zeigt im Märchen Das kalte Herz (1827) exemplarisch die Verrohung und Unmenschlichkeit des Kapitalismus am Beispiel des jungen Köhlerknechts Peter, der nunmehr als Geldverleiher nicht nur die Armenspende unterbindet, sondern Wucherzinsen verlangt und schließlich seiner Gattin das Leben nimmt. Erst die Abwendung vom Gewinnstreben erlöst ihn. Dabei kontrastiert Hauff den vorindustriellen Schwarzwald dem zu seiner Zeit bereits kapitalistischen Holland in Gestalt des bösen Waldgeists Holländermichel gegenüber, um dessen Gier, Sitten- und Maßlosigkeit zu kritisieren.Werner Plumpe: Das kalte Herz. Kapitalismus. Die Geschichte einer andauernden Revolution. Rowohlt, Berlin 2019, ISBN 978-3-87134-754-2, S. 13 f.
Theoretiker eines romantischen Antikapitalismus wie Adam Müller von Nitterdorf (1779–1829) plädierten für eine Reformulierung des Ständewesens als Garant gegen die Auswirkungen der Industrialisierung. In der Tradition des „ganzen Hauses“ kamen Bauern in Müllers Ständekonzept nicht vor, weil sie zum „Haus“ gehörten und vom Hausvater vertreten wurden. Müller plädierte vielmehr für die Beibehaltung der feudalen Grundherrschaft mit Leibeigenschaft. In seiner Kritik der Industrialisierung nahm er bereits, so der Historiker Ernst Hanisch, die Zerstörung der Natur durch die Industrialisierung kritisch in den Blick. Am Beispiel des früh industrialisierten Großbritannien kritisierte Müller die Teilung der Gesellschaft in steuerzahlende Arbeiter und „müßiges Kapitalisten- und Rentenierer-Volk“, sowie das allgemeine Gewinnstreben, der „Universal-Despotismus“ des Geldes, der zu einem „Krieg aller gegen alle“ führe. Ganz ähnlich wie später Karl Marx kritisierte Müller die Entfremdung der Arbeit in der Fabrik, die den Arbeiter zu einem bloßen Sklaven herabwürdige. Wo bei Marx allerdings die Entfremdung eine Folge der Arbeitsteilung innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise war, ist sie bei Müller eine Folge der Industrialisierung schlechthin. Müllers Gegenbild ist die Vision der alten vormodernen Zunftwerkstatt. Ebenfalls entwickelte sich Müller zu einem Kritiker der Theorie wirtschaftlichen Wachstums von Adam Smith, den er auf einen Theoretiker der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft reduzierte. Smith klammere, so Müllers Vorwurf, die Gefühle, etwa das Nationalgefühl, aus, zerstöre in seinem „Gottesdienst der Industrie“ das nationale Bewusstsein der Deutschen und produziere lediglich „allgemeine Arnut“, die alle Gefühle und Produkte des Geistes unberücksichtigt lasse.Ernst Hanisch: Der „vormoderne“ Antikapitalismus der Politischen Romantik. Das Beispiel Adam Müller. In: Richard Brinkmann (Hrsg.): Romantik in Deutschland. Ein interdisziplinares Symposion. Metzler, Stuttgart 1978, ISBN 978-3-476-00404-8, S. 132–146, die Zitate S. 133, 135, 137.
Als Versuch, die alten Grenzen der traditionellen Gemeinschaften wiederherzustellen, entwarf Müller eine organische Gesellschaftstheorie. Staat und Stände bildeten demnach ein zusammengehörendes unzertrennliches Ganzes, das sich, verwachsen wie die inneren Organe eines Lebewesens, nur in Abhängigkeit voneinander weiterentwickeln könne. Müller begriff den Staat als „Bluts- und Lebensgemeinschaft“ ähnlich der „Ehe und Familie“, während der Kapitalismus versuche, aus dem Staat „ein großes Warenlager“ zu machen.Hartmut Bechtold: Konservativer Antikapitalismus und -modernismus in der Weimarer Republik. In: Thomas Kreuder und Hanno Loewy (Hrsg.). Konservativismus in der Strukturkrise. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-518-11330-5 (Edition Suhrkamp. 1330 = N.F., 330), S. 79–99, hier S. 83. Angesichts dessen, dass sich der als „organisch“ empfundene Zusammenhalt der Gesellschaft Anfang des 19. Jahrhunderts immer schneller auflöste, wendete sich die Romantik dem starken Staat zu. Anstelle der alten Institutionen sollte der Staat die gemeinsame Sitte, Moral und Tugend aufrechterhalten bzw. wiederherstellen. Aus dem organischen Denken der Romantik entstand eine Rechtfertigung konservativer Staatseingriffe.Hartmut Bechtold: Konservativer Antikapitalismus und -modernismus in der Weimarer Republik. In: Thomas Kreuder und Hanno Loewy (Hrsg.). Konservativismus in der Strukturkrise. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-518-11330-5 (Edition Suhrkamp. 1330 = N.F., 330), S. 79–99, hier S. 83 f.
Utopischer Sozialismus
Der frühsozialistische Antikapitalismus geht ursprünglich von einer Entfremdung des gesellschaftlichen Lebens im Zuge der industriellen Revolution aus. Angestrebt wurde ein System, in dem die absolute Gleichheit aller Menschen anerkannt werden würde und alle die gleichen Rechte und Pflichten haben würden.Leszek Kołakowski: Die Hauptströmungen des Marxismus. Entstehung – Entwicklung – Zerfall. Band 1, Piper, München 1977, ISBN 3-492-02310-X, S. 249. Bereits Sozialisten wie Charles Fourier kritisierten den Kapitalismus und entwarfen utopische, unwissenschaftliche Gegenmodelle wie das Phalanstère-System, die allerdings auf Ablehnung innerhalb der wissenschaftlich Sozialistischen Welt stießen.Rosa Luxemburg: Sozialreform oder Revolution, Erster Teil, 4. Zollpolitik und Militarismus. Innerhalb der Internationalen Arbeiterassoziation spielten diese Utopien bereits keine Rolle mehr.
Fouriers Gegenspieler Robert Owen hingegen gilt als Begründer des Genossenschaftswesen und bemühte sich um praktische Lösungen für menschenwürdigere Arbeitsbedingungen und Formen des Zusammenlebens. Hierzu kaufte er die vom württembergischen Pietisten Johann Georg Rapp gegründeten Kommune (New) Harmony und gründete dort 1825 eine frühsozialistische Produktionsgenossenschaft. Trotz einiger vielversprechender Ansätze konnten sich Owens Vorstellungen von einem neuen gemeinschaftlichen Zusammenleben dort aber nicht nachhaltig durchsetzen. Eine Rückbesinnung auf die Ideen Owens erfolgte nie, jedoch gibt es heute eine lebendige Erinnerungskultur in der Stadt.Franziska Bechtel: New Harmony. Das Experiment und sein Vermächtnis. 1. Auflage. Nomos, Baden-Baden 2018, ISBN 978-3-8487-4614-9.
Marxismus