mini|Albrecht Daniel Thaer, Porträt von Johann Jacob de Lose (1806)
Albrecht Daniel Thaer [tɛːɐ̯] (* 14. Mai 1752 in Celle; † 26. Oktober 1828 auf Gut Möglin bei Wriezen) war ein deutscher Polywissenschaftler. Er gilt als Begründer der Agrarwissenschaften.Homepage der Albrecht-Thaer-Gesellschaft und erster Professor der Landwirtschaft.
Herkunft und Ausbildung mini|hochkant|Geburtshaus von Albrecht Daniel Thaer in Celle mini|hochkant|Wohnhaus von Albrecht Daniel Thaer in Celle von 1781 bis 1804 mini|Die 1793 erbaute Thaersche Villa
Thaer war der Sohn des aus Liebenwerda stammenden Arztes Johann Friedrich Thaer (1708–1778). Thaers Mutter, geborene Sophie Elisabeth Saffe, starb 1762, als Thaer 10 Jahre alt war.Brandenburgisches Geschlechterbuch. 3. Band. Limburg an der Lahn 1972, s. v. Thaer, S. 416. Ab 1765, mit 13 Jahren, besuchte er in Celle die Lateinschule, das spätere Ernestinum. Mit 18 Jahren begann er das Studium der Medizin an der Universität GöttingenImmatrikulation in Göttingen am 10. Oktober 1770. Siehe Götz von Selle: Die Matrikel der Georg-August-Universität … Hildesheim / Leipzig 1937 und wohnte dort von 1770 bis 1774 in der Roten Straße 29.Vgl. die am Haus angebrachte Gedenktafel.
Arzt in Celle Im Jahr 1774 kehrte er als Arzt nach Celle zurück. Aufgrund seines Erfolges wurde er Leibarzt von Georg III., dem Kurfürsten von Hannover. Er übernahm das Amt von Johann Daniel Taube, der ihn als Nachfolger empfohlen hatte.
Heirat und Familie Im Jahr 1786 heiratete er Philippine von Willich (1760–1835), Tochter des Vizepräsidenten des Oberappellationsgerichts Celle Georg Wilhelm von Willich. Von ihren elf Kindern starben in Celle drei Söhne bei oder wenige Tage nach der Geburt. Im März 1807 starb ihre jüngste Tochter Henriette Arthemisia im Alter von fünf Jahren, zwei Monate später ihr vierjähriger Sohn Ludwig Ernst. Mit 17 Jahren starb im Februar 1814 ihr Sohn August.
Die älteste Tochter Wilhelmine (1787–1865) wurde Chanoinesse im Kloster Wienhausen. Die um ein Jahr jüngere Tochter Caroline (1788–1845) heiratete 1809 den Mögliner Professor Georg Ernst Wilhelm Crome (1781–1813) und 1815 Franz Körte (1782–1845), ebenfalls Professor in Möglin.
Die Söhne Georg (1789–1857), Ernst (1790–1837) und Albrecht Philipp (1794–1863) begründeten genealogisch den Pantener Stamm in Schlesien (durch Übernahme der dortigen dritten preußischen Stammschäferei), den Berliner Stamm und den Mögliner Stamm.Vgl. Brandenburgisches Geschlechterbuch, 3. Band, Limburg an der Lahn 1872, s. v. Thaer, S. 419 f.
Er hatte sich in Celle ein geräumiges Haus mit einem sehr großen Hofraum gekauft.Wilhelm Körte: Albrecht Thaer. Sein Leben und Wirken als Arzt und Landwirth. Wiesbaden 1839, S. 64
Wirken als Agronom Neben seiner Tätigkeit als Arzt beschäftigte Thaer sich mit Blumenzucht und Landwirtschaft. Im Jahr 1780 wurde Thaer in die Celler Landwirtschaftsgesellschaft berufen, deren offizielle Bezeichnung Königlich großbritanisch kurfürstlich-braunschweigisch-lüneburgische LandwirtschaftsgesellschaftSigmund von Frauendorfer: Ideengeschichte der Agrarwirtschaft und Agrarpolitik im deutschen Sprachgebiet, Band 1, 1957, S. 208. lautete. Er testete zum Beispiel einen Doppelpflug, den König Georg III. nach Celle schickte.GStA PK I. HA Rep. 120 D XIX 1 Nr. 16 Band 1, fol. 40 r
Die großen Arbeiten Thaers wurden von der 1796 in Braunschweig erschienenen Anleitung zum landwirthschaftlichen Rechnungswesen, nach Grundsätzen der kaufmännischen Rechnungsführung von Johann Isaak Berghaus inspiriert.Jochen Hoock: Theorie und Praxis kaufmännischen Handelns, 16.–18. Jahrhundert. Vornehmlich am Beispiel Westfalens. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Mit einem Register von Ralf Nelles. Jan Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 3-7995-4156-X, S. 107–118, hier: S. 117. Albrecht Thaer berichtete 1798 im ersten von drei Bänden über den beeindruckenden Stand der englischen Landwirtschaft: Einleitung zur Kenntniß der englischen Landwirthschaft und ihrer neueren praktischen und theoretischen Fortschritte, in Rücksicht auf Vervollkommnung deutscher Landwirthschaft für denkende Landwirthe und Cameralisten.
Thaers erste Kontaktaufnahme mit Preußen bestand darin, dass er noch im Frühjahr 1798 den ersten Band seiner „englischen Landwirtschaft“ an König Friedrich Wilhelm III. sandte. Der König bedankte sich umgehend und betonte angesichts der geringen Stufe in seinen Staaten die Wichtigkeit des Akkerbaues in Beziehung auf individuelle und gemeine Wohlfarth und in Verbindung mit den Vorzügen der englischen Landwirthschaft.HUB UA NL Thaer II 3, fol. 1 r
Mit der Verbindung Arzt und Landwirt entsprach Thaer auch dem, was in England zu beobachten war. Sein erster Biograph, Wilhelm Körte, hob hervor, dass dort sehr viele Aerzte praktische Landwirthe waren und die Landwirthschaft durch die berühmtesten medicinischen Schriftsteller sehr bedeutend gefördert wurde.Wilhelm Körte: Albrecht Thaer. Sein Leben und Wirken, als Arzt und Landwirth, Wiesbaden 1839, S. 72.
1799 unternahm Thaer mit seinem Freund v. Mandelsloh eine Reise nach der Mark, wo er viele seiner nachherigen bedeutendsten Gönner und Freunde kennen lernte, insbesondere Helene Charlotte von Friedland, sowie ihre Tochter und deren Gemahl, Peter Alexander von Itzenplitz, der zu Thaers nachheriger Uebersiedlung nach Preußen und in die Nähe seiner Güter selbst, am meisten mitgewirkt hat. Nach zwei Jahren wiederholte er diese Reise auf Einladung der Frau v. Friedland; dieses Mal in Begleitung seiner Frau und der Töchter Wilhelmine und Caroline.Wilhelm Körte: Albrecht Thaer. Sein Leben und Wirken, als Arzt und Landwirth. Wiesbaden 1839, S. 157
Von 1799 bis 1804 gab er gemeinsam mit J. C. BenekeJohann Conrad Beneke, siehe Beneke, Johann Conrad (1755–1808), Jurist, aus Hameln, Pronaotarius am Oberappellationsgericht in Celle; „Benecke oder Beneke (Johann Conrad)“ In: Das gelehrte Hannover … Band 1. Bremen 1823, S. 133 f.; books.google.de die Annalen der Niedersächsischen Landwirthschaft heraus.Annalen der Niedersächsischen Landwirthschaft. sammlungen.ulb.uni-muenster.de
Im Jahr 1802 gründete er in Celle in den Dammaschwiesen das erste deutsche Landwirtschaftliche Lehrinstitut (heute „Thaers Garten“).Thaers Garten und Herrenhaus in Celle celle-tourismus.de Dort erzielte er unter anderem mit der Fruchtwechselwirtschaft große Ertragssteigerungen.
1804 erschienen die Beyträge zur Kenntniß der englischen Landwirthschaft. Dritter und letzter Band mit der Widmung zum Tode von Helene Charlotte von Friedland.
Umzug nach Preußen mini|Albrecht Daniel Thaer, Porträt von Johann Jacob de Lose (1803) auf einer deutschen Briefmarke von 2002 zum 250. Geburtstag von Thaer In: Kunstsammlung der Humboldt-Universität zu Berlin.
Im Jahr 1804 wechselte Thaer in preußische Dienste.
Mitte Februar 1804 schrieb Minister Karl August von Hardenberg an Thaer, dass er ihn „dem preußischen Staate erwerben“ möchte und ob er bereit wäre, seine Celler „Verhältnisse aufzugeben und sich ganz der landwirthschaftlichen Wissenschaft zu widmen“. Dazu versprach ihm Hardenberg „eine große Landökonomie“, um auf ihr „Musterwirthschaften und eine Lehranstalt“ einzurichten.Zitiert nach Wilhelm Körte: Albrecht Thaer. Sein Leben und Wirken, als Arzt und Landwirth. Wiesbaden 1839, S. 167 f.
Thaer reiste umgehend nach Berlin, um Verhandlungen mit den preußischen Behörden aufzunehmen. Für die Bereitschaft, sein Lehr Institut und sein landwirthschaftliches Journal in Preußen fortzusetzen, erhielt Thaer Mitte März 1804 vom König folgende Zugeständnisse: Ordentliche Mitgliedschaft in der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften; Drey bis Vier Hundert Morgen des Amtes Wollup mit der Erlaubnis, diese zu veräußern und ein besser geeignetes anderes freyes Guth dafür zu kaufen; Schutz und Begünstigung des landwirthschaftlichen Lehr-Instituts; Censurfreyheit für sein landwirthschaftliches Journal; Begünstigungen beym Brief-Porto; Ausübung der Medizinischen Praxis; schließlich Verleihung des Titels Geheimen Rath.Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStA PK) II. HA Gen.Dir.-Gen.Dep. Tit. 93 Nr. 5, fol. 1 r/v Bei der teilweisen Übertragung des Amtes Wollup legte man exakt 400 Morgen zugrunde, eine etwa 100 Hektaren große Fläche. Im Juni 1804 erwarb Thaer das Rittergut Möglin bei Wriezen.Vgl. Volker Klemm/Günther Meyer: Albrecht Daniel Thaer. Pionier der Landwirtschaftswissenschaften in Deutschland. Halle 1968, S. 70 f. Erst 1806 verkaufte er Wollup.Martin Frielinghaus: Die Bewirtschaftung Möglins in Thaers Schriften. In: Martin Frielinghaus, Claus Dalchow (Hrsg.): Albrecht Daniel Thaer. Ein Leben für die Landwirtschaft. Frankfurt am Main 2006, S. 18.
Mit Beginn des Umzugs traten ihm manche Schwierigkeiten entgegen. Er hatte seine Besitzungen bei Celle zu einem Spottpreise und gegen nicht realisirbare landschaftliche Obligationen verkaufen müssenGStA PK I. HA Rep. 87 B Nr. 12125, fol. 9a r und erlitt unmittelbar nach dem Ankaufe von Moegelin und vor seiner Ankunft hierselbst den beinah totalen Verlust der hiesigen halb veredelten Schäferei an den Pocken.GStA PK I. HA Rep. 87 B Nr. 12125, fol. 15 r Auf den größten Theil der Schriften, Hefte, Auszüge, Briefe, und die ausgewählten Bücher aus Celle musste Thaer in Möglin verzichten, da sie beim Transport entweder vertauscht, entwendet worden, oder sonst verloren gegangen sind. Durch den Verlust der Manuscripte hatte er das bereits Gesammelte von neuem zusammensuchen, das bereits geordnet Niedergeschriebene von neuem verfassen müssen.Wilhelm Körte: Albrecht Thaer. Sein Leben und Wirken, als Arzt und Landwirth, Wiesbaden 1839, S. 175
Im Gegenzug für genannte Grundstücksübertragung hatte Thaer vor allem sein landwirtschaftliches Lehrinstitut von Celle nach Preußen zu verlegen. Im Juni 1806 schrieb er an König Friedrich Wilhelm III., daß der Eröfnung dieses Instituts auf nächsten Michaelis nichts weiter entgegensteht, und erinnerte ihn an das zwei Jahre zuvor gegebene Versprechen Schutz und Begünstigung des landwirthschaftlichen Lehr-Instituts zu erhalten.GStA PK II. HA Gen. Dir. Gen. Dep. Tit. 93 Nr. 5, fol. 44 v, fol. 44 r Umgehend erging die Aufforderung des Königs an die zuständigen Behörden, dieses Institut, von dem sich sowohl für die Landwirthschaft als für den öffentlichen Dienst in diesem Fache ein großer Nutzen erwarten läßt, in besondern Schutz zu nehmen.GStA PK II. HA Gen. Dir. Gen. Dep. Tit. 93 Nr. 5, fol. 43 r
Mitte Oktober 1806 erlitt Preußen bei Jena und Auerstedt die entscheidende Niederlage gegen Frankreich. Im November begann im Mögliner Institut der erste Kurs mit wenigen Teilnehmern: Es kamen, der Kriegsunruhen wegen, statt einundzwanzig, anfangs nur drei, nach und nach fünf bis sechs.Thaer: Nachricht von dem Institut zu Mögelin. In: Annalen des Ackerbaues. hrsg. von Albrecht Thaer, 5. Band, Berlin 1807, S. 698
„Annalen des Ackerbaues“ und „Grundsätze der rationellen Landwirthschaft“ Entsprechend der Verpflichtung zur Fortsetzung seines Journals gab Thaer seit Anfang 1805 monatlich ein Heft der Annalen des Ackerbaues heraus, wovon sechs Hefte einen Band bildeten. Der letzte der zwölf Bände erschien 1810.Annalen des Ackerbaues. uni-bielefeld.de Schon im Juni 1804 kündigte Thaer die erweiterte Thematik seiner Annalen an: „Das Journal soll eigentlich alles das begreifen, was auf Ackerbau, Viehzucht und Betrieb des wirthschaftlichen Gewerbes nahen Bezug hat.“GStA PK II. HA Gen. Dir. Gen. Dep. Tit. 55 Nr. 7, fol, 2 v