Das Gefecht auf der Scheideck (auch Gefecht bei Kandern oder in der Schreibweise Scheidegg) fand am 20. April 1848 während der Badischen Revolution auf dem Scheideckpass südöstlich von Kandern in Südbaden statt. Friedrich Heckers badischer Revolutionszug traf auf Truppen des Deutschen Bundes unter dem Befehl General Friedrich von Gagerns. Nach einigen Verhandlungen und Geplänkel kam es auf der Scheideck zum kurzen Kampf, bei dem von Gagern fiel und die Aufständischen versprengt wurden. Die Bundestruppen nahmen die Verfolgung auf und zerstreuten am selben Tag einen weiteren Revolutionszug unter der Führung von Joseph Weißhaar. Das Gefecht auf der Scheideck leitete damit das Ende der beiden Revolutionszüge ein. Nach der Schlacht kam es zu Auseinandersetzungen um die Todesumstände von Gagerns.

Vorgeschichte mini|Verlaufskarte des Heckerzuges (roter Streckenverlauf) Friedrich Hecker, Gustav Struve und andere radikale Demokraten waren von dem nach der Deutschen Revolution 1848/1849 eingerichteten Vorparlament enttäuscht. Sie forderten den Bruch mit den Fürsten und weitere revolutionäre Aktionen, die schließlich in die Errichtung eines republikanisch verfassten deutschen Bundesstaates münden sollten. Die Mehrheit im Vorparlament dagegen befürwortete einen konstitutionell-monarchischen Bundesstaat, der unter Mitwirkung der Fürsten geschaffen werden sollte.Mommsen, Die ungewollte Revolution, S. 142. Hecker und Struve konnten sich mit ihren Vorstellungen nicht durchsetzen und wurden beide nicht in den Fünfzigerausschuss gewählt, der bis zur Wahl der Nationalversammlung die Geschäfte des Vorparlaments weiterführen sollte.Freitag, Friedrich Hecker, S. 115. Hecker kehrte daraufhin nach Baden zurück, wo er Abgeordneter der Zweiten Kammer der Badischen Ständeversammlung war. Hier herrschte eine aufgeheizte Stimmung: Die Regierung befürchtete einmarschierende Freischarenzüge aus Frankreich und debattierte, ob zu deren Abwehr hessische und württembergische Soldaten im Land stationiert werden sollten. Hecker sprach sich am 7. April im Parlament dagegen aus. Einen Tag später wurde sein enger Vertrauter Josef Fickler, Herausgeber der Seeblätter und ein wichtiger Agitator der radikalen Demokraten im Seekreis, auf Geheiß des Abgeordneten Karl Mathy verhaftet. Da Mathy als Abgeordneter keine Hoheitsbefugnisse hatte, war diese Festsetzung rechtswidrig; Hecker befürchtete nun seine eigene Verhaftung und floh von Mannheim über Frankreich nach Konstanz. Hier rief er am 12. April die Revolution aus und begann am folgenden Tag seinen Revolutionszug.Freitag, Friedrich Hecker, S. 117–118. Anfänglich von weniger als 60 AnhängernValentin: Geschichte der deutschen Revolution, S. 491. unterstützt begann er, von Konstanz in Richtung Karlsruhe zu marschieren, in der Hoffnung, dass sich unterwegs weitere Mitkämpfer anschließen würden. Gegen die revolutionären Bestrebungen in Baden ließ die Regierung Truppen des VIII. Armeekorps des Bundesheeres zusammenziehen, das aus badischen, hessischen und württembergischen Einheiten bestand.Karl Morell, Die März-Revolution, S. 126.

Aufgrund der Präsenz württembergischer Truppen bei Donaueschingen wurde Hecker dort nach Süden abgedrängt und bewegte sich in den folgenden Tagen in westlicher Richtung, bis er das Wiesental erreichte und durch dieses nach Steinen marschierte. Von Steinen aus versuchte er, wieder nach Norden zu kommen und erreichte am 19. April Kandern.Hauser-Hauswirth, Wege der Revolutionäre, S. 6. Doch auch dort waren die Bundestruppen bereits in der Nähe: Über die Eisenbahn waren badische und hessische Truppen unter Führung des Generals Friedrich von Gagern nach Schliengen gekommen und marschierten von dort auf Kandern. Hecker hatte unterdessen den Entschluss gefasst, sich nach Steinen zurückzuziehen, um sich dort mit einem weiteren, 700 Mann starkenStruve, Geschichte der drei Volkserhebungen in Baden, S. 69. und von Joseph Weißhaar angeführten Revolutionszug zu vereinigen.Hauser-Hauswirth, Wege der Revolutionäre, S. 29. Dieser war am 17. April in Lottstetten aufgebrochen und entlang des Hochrheins nach Lörrach marschiert, wo er sich nach Nordosten in Richtung Steinen wandte.Hauser-Hauswirth, Wege der Revolutionäre, S. 51 f. Gustav Struve marschierte teilweise bei diesem und bei anderen Zügen mit.Hauser-Hauswirth, Wege der Revolutionäre, S. 74.

Beteiligte Truppen Die Bundestruppen bestanden aus hessischen und badischen Verbänden. Das badische Kontingent setzte sich aus einem Bataillon des badischen Leibregimentes, einem Bataillon des zweiten badischen Infanterieregimentes und drei Schwadronen Dragonern zusammen.Stephani in Das Gefecht bei Kandern, S. 5. Ein Bataillon des 3. Infanterieregiments bildete das hessische Kontingent.siehe August Justus Alexander Keim: Geschichte des Infanterie-Leibregiments Grossherzogin (3. Grossherzogl. Hessisches) Nr. 117 und seiner Stämme 1677–1902, Berlin 1903, S. 273–276 Internet Archive – Darstellung des Gefechts aus hessischer Sicht. Die Bundestruppen besaßen sechs Geschütze. Befehlshaber war Generalleutnant Friedrich von Gagern, der formell die 2. badische Division befehligte und hierbei Markgraf Maximilian vertrat.Valentin, Geschichte der deutschen Revolution, S. 494 f. Nach seinem Tod übernahm Oberst Heinrich Wilhelm von Hinckeldey, Kommandeur des 1. badischen Dragonerregimentes, den Befehl.Das Gefecht bei Kandern, S. 25. Der badische Major Gustav Kuntz fungierte als Generalstabschef der Bundestruppen.Das Gefecht bei Kandern, S. 37. Die Stärke der Bundestruppen wurde vom beteiligten Revolutionär Karl Kaiser auf 2.200 Mann geschätzt.Kaiser in Das Gefecht bei Kandern, S. 32. Dass Friedrich von Gagern den Befehl über die Streitmacht innehatte, wird in der Literatur teilweise als Anzeichen dafür angesehen, dass die Regierung nicht drakonisch durchgreifen wollte: Gagern war politisch erfahren und hatte eher liberale und nationale Ansichten.Engehausen, Kleine Geschichte der Revolution, S. 78. Andererseits führte die Berufung eines „Fremden“ zu Unruhe im Badischen Offizierskorps und unter den Republikanern.Valentin, Geschichte der deutschen Revolution, S. 495.

Den Bundestruppen gegenüber stand der rund 1.200 Mann starke Revolutionszug Friedrich Heckers. Die Bewaffnung des Zuges war sehr gemischt und bestand teilweise nur aus Sensen. Wichtige militärische Anführer waren August Willich und Karl Kaiser.Kaiser in Das Gefecht bei Kandern, S. 25–32. Die Artillerie der Revolutionäre umfasste zwei Geschütze.von Hinckeldey in Das Gefecht bei Kandern, S. 9.

Verlauf

Rückzug aus Kandern mini|Karte des von den Aufständen betroffenen Gebietes mini|Friedrich Hecker und Friedrich von Gagern verhandeln am 20. April 1848 auf der Brücke vor Kandern, bevor sich die Freischaren auf die Scheideck zurückziehen. Am frühen Morgen des 20. April rückten die Bundestruppen unter Gagern gegen Kandern vor. Die Aufständischen lehnten eine Aufforderung zur Aufgabe durch den Regierungsrat Franz Stephani ab und zogen sich zurück, bevor der Ort von den Bundestruppen gestürmt wurde.von Hinckeldey in Das Gefecht bei Kandern, S. 8. Gagern und Hecker trafen auf einer Brücke vor KandernEs handelt sich um die sogenannte Hundstall-Brücke (Brücke hinter dem Rüdenstall). Ursprünglich wurde hier 1622 eine Holzbrücke über die Kander erbaut, die 1781 durch eine Steinbrücke ersetzt wurde. Diese Brücke bei der sich Gagern und Hecker trafen wurde 1945 von fliehenden Einheiten der Wehrmacht gesprengt. Im April 1951 wurde eine neue Brücke gebaut, die dann 2009 wiederum erneuert wurde. Siehe Volker G. Scheer: Kandern. 1810–2010. Zweihundert Jahre Stadtrecht, Kandern 2010, ISBN 978-3-7930-5064-3, S. 522, 478. Hundeställe wurden früher insbesondere für Meuten von Jagdhunden erstellt. aufeinander; Gagern forderte Hecker zur Aufgabe auf, was Hecker jedoch zurückwies. Laut Hecker sagte Gagern daraufhin zu ihm: „Sie sind ein gescheidter Mann, aber ein Fanatiker“, woraufhin Hecker entgegnete: „Wenn die Hingebung für die Befreiung eines großen Volkes Fanatismus ist, so mögen Sie diese so bezeichnen.“Hecker in Das Gefecht bei Kandern, S. 16 f. Sowohl Hecker als auch Gagern hatten vor dem Gefecht die Hoffnung geäußert, dass sich ein Kampf vermeiden ließe, wenn die Anhängerschaft des jeweiligen Gegenübers gewonnen werden könne,Freitag, Friedrich Hecker, S. 122.Valentin, Geschichte der deutschen Revolution, S. 496. doch gelang es weder Gagern, die Freischärler zur Umkehr und Aufgabe zu bewegen, noch Hecker, die Soldaten zum Überlaufen zu bringen. Die Revolutionäre setzten ihren Rückzug in südöstlicher RichtungDie Straße zur Scheideck wurde erst 1861 fertiggestellt; der Rückzug erfolgte über den sogenannten Sauweg. fort und gelangten so in die Hügellandschaft zwischen Kander- und Wiesental. Gagerns Bundestruppen blieben dicht hinter ihnen. Nach etwa einer StundeHecker in Das Gefecht bei Kandern, S. 17. erreichten jene die Passhöhe der Scheideck, zwischen Kandern und Schlächtenhaus.

Feuergefecht auf der Passhöhe Auf der Passhöhe war ein weiterer Rückzug der Aufständischen ausgeschlossen: Hätten die Bundestruppen die Höhe eingenommen, so hätten sie von dort aus den weiteren Wegzug der Revolutionäre von oben unter Feuer nehmen können. Die Aufständischen bildeten daraufhin eine Verteidigungslinie und stellten ihre Geschütze auf. An den Flanken und entlang der Passstraße wurden mit Feuerwaffen ausgerüstete Schützen aufgestellt, das rechte Zentrum bestand jedoch aus mit Sensen Bewaffneten, hinter denen außerdem eine Reserve gehalten wurde. Die Aufstellung der Freischärler war in mehrfacher Hinsicht unvorteilhaft; zum einen waren die Sensenmänner in der Mitte direkt dem etwaigen Feuer der anrückenden Truppen ausgesetzt, zum anderen versperrten Bäume den Schützen und Musketieren teilweise das Schussfeld.Morell, Die März-Revolution, S. 142. Als die Bundestruppen ihrerseits Aufstellung nahmen, versuchten die Freischärler, sie mit Zurufen zum Überlaufen zu bewegen. Einige Revolutionäre traten aus der Reihe vor und boten den Soldaten die Hand.Hecker in Das Gefecht bei Kandern, S. 18. Wie es zum anschließenden Feuergefecht kam, ist unklar. Laut dem Bericht des badischen Obersten von Hinckeldey wurde Gagern von den Aufständischen vorgerufen, forderte sie abermals zur Aufgabe auf und ging einige Schritte zurück zu seinem Pferd, als die Aufständischen das Feuer eröffneten. Hecker dagegen gab an, dass einige der hessischen Soldaten sich in friedlicher Absicht auf die Revolutionäre zubewegt hätten. Gagern und einige Offiziere seien in die Spitze geritten, die Soldaten in die Linie zurückgekehrt, die Bundestruppen hätten den Feuerbefehl erhalten, und die Aufständischen hätten das Feuer erwidert.