Hans Joachim Beyer, auch Hans Beyer, Pseudonym Joachim Kühl (* 14. Juni 1908 in Geesthacht/Hamburg; † 25. August 1971 in Hamburg), war ein deutscher Historiker, Volkstumsforscher, Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamtes und SS-Hauptsturmführer. In den 1950er Jahren war er an der Pädagogischen Hochschule Flensburg für die akademische Ausbildung von Geschichtslehrern zuständig.

Leben Schule, Studium, erste Berufszeit Hans Joachim Beyer, Sohn eines Mittelschullehrers, wuchs in einer deutschnational-protestantisch geprägten Familie auf. Nach seinem Abitur 1926 an einer Hamburger Oberrealschule arbeitete er eineinhalb Jahre in einem Exportgeschäft. Danach studierte er Geschichte, Rechtswissenschaft und Anthropologie in Graz, Königsberg und Hamburg und promovierte 1931 im Fach Geschichte an der Universität Hamburg mit einer Arbeit über die Außenpolitik Eduards VII.Karl Heinz Roth: Heydrichs Professor. Historiographie des „Volkstums“ und der Massenvernichtungen: Der Fall Hans Joachim Beyer. In: Peter Schöttler (Hrsg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918–1945. Frankfurt am Main 1997, S. 262–342, hier S. 271. Seit dem 1. August 1931 war er Chefredakteur der Täglichen Rundschau, die damals dem Christlich-Sozialen Volksdienst (CSVD) gehörte. Er erhielt diese Position unter der Auflage, „nichts gegen den CSVD zu publizieren und nach Möglichkeit Beiträge von Volksdienstabgeordneten zu veröffentlichen“. Beyer selbst war Mitglied der Konservativen Volkspartei. Nach der Übernahme der Zeitung durch den Tat-Kreis am 1. September 1932 gab er den Posten als Chefredakteur ab, blieb aber in der Redaktion.Joachim Pöhls: Tägliche Rundschau (1881–1933). In: Deutsche Zeitungen des 17. bis 20. Jahrhunderts, hrsg. v. Heinz-Dietrich Fischer (Publizistik-historische Beiträge; 2). Pullach: Dokumentation 1972, ISBN 3-7940-3602-6, S. 349–363, hier S. 360f.; auf S. 360 gibt der Autor Joachim Pöhls unter Fußnote 57 als Beleg an: „Mitteilungen Prof. Dr. Hans Beyers und Wilhelm Plogs. an den Verfasser“- 1933 erhielt er eine Anstellung im Preußischen Kultusministerium als Referent für das neu einzurichtende Aufgabengebiet „Landjahr“ sowie als Sachbearbeiter für Büchereifragen.Karl Heinz Roth: Heydrichs Professor. Historiographie des „Volkstums“ und der Massenvernichtungen: Der Fall Hans Joachim Beyer. In: Peter Schöttler (Hrsg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918–1945. Frankfurt am Main 1997, S. 262–342, hier S. 272 f.. In: NS-Rassenideologe als Flensburger Professor. Hans Joachim Beyer. Geschichtswerkstatt Flensburg 2011.

Seinen zweiten Vornamen – Joachim – nahm Beyer erst 1934 an und legte ihn nach 1945 wieder ab. Zusätzlich benutzte er während der NS-Zeit entsprechend diesem zweiten Vornamen und dem Geburtsnamen seiner Mutter das Pseudonym Joachim bzw. Jochen Kühl.Karl Heinz Roth: Heydrichs Professor. Historiographie des „Volkstums“ und der Massenvernichtungen: Der Fall Hans Joachim Beyer. In: Peter Schöttler (Hrsg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918–1945. Frankfurt am Main 1997, S. 262–342, hier S. 324, Anm. 48.

Zeit des Nationalsozialismus Beyer trat im Juli 1933 in die SARobert Gerwarth: Reinhard Heydrich. Biographie. Siedler, München 2011, S. 305 f. und zum 1. Mai 1936 in die NSDAP ein.Alexander Hesse: Die Professoren und Dozenten der preußischen Pädagogischen Akademien (1926–1933) und Hochschulen für Lehrerbildung (1933–1941). Weinheim: Deutscher Studien Verlag 1995, S. 171. 1934 wurde er Dozent der Hochschule für Lehrerbildung in Danzig.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2003, S. 46 f. Ein Jahr nach seiner Berufung beklagte er in seiner Schrift Aufbau und Entwicklung des ostdeutschen Volksraums die „Vermischung“ deutscher Siedler im Osten mit Slawen, so dass es perspektivisch darum gehe, Böhmen als traditionelles deutsches Siedlungsgebiet von seiner vorwiegend tschechischen Besiedlung zu befreien. Ab Mai 1936 arbeitete Beyer an der „Mittelstelle für auslandsdeutsche Volksforschung“, fungierte ab 1937 als Herausgeber der Zeitschrift Auslandsdeutsche VolksforschungKarl Heinz Roth: Heydrichs Professor. Historiographie des „Volkstums“ und der Massenvernichtungen: Der Fall Hans Joachim Beyer. In: Peter Schöttler (Hrsg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918–1945. Frankfurt am Main 1997, S. 275. und wurde im September 1939 hauptamtlicher Mitarbeiter im Sicherheitsdienst des Reichsführers SS. Im Reichssicherheitshauptamt arbeitete er unter der Leitung von Franz Alfred Six als Bibliotheksreferent im Bereich „Gegnerforschung“ und sammelte Material zur Schließung missliebiger, NS-kritischer Einrichtungen; so wurde zum Beispiel aufgrund von Beyers Materialsammlung das von Georg Schreiber geleitete Doppelinstitut für Auslands- und Volkskunde in Münster liquidiert.Karl Heinz Roth: Heydrichs Professor. Historiographie des „Volkstums“ und der Massenvernichtungen: Der Fall Hans Joachim Beyer. In: Peter Schöttler (Hrsg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918–1945. Frankfurt am Main 1997, S. 281. Unter Mithilfe von Franz Alfred Six habilitierte sich Beyer im Jahr 1939 in München.Ota Konrad: Die Geisteswissenschaften an der Prager Universität (1938/39–1945). In: Karen Bayer / Frank Sparing / Wolfgang Woelk (Hrsg.): Universitäten und Hochschulen im Nationalsozialismus und in der frühen Nachkriegszeit. Franz Steiner, Stuttgart 2004, ISBN 3-515-08175-5, S. 219–248, hier S. 237. Oswald Kroh war an der Habilitierung Beyers durch sein befürwortendes Gutachten über die Habilitationsschrift „Umvolkungsvorgänge, vor allem in Ostmitteleuropa“ beteiligt. Die Schrift sei „Ausdruck einer begrüßenswerten volkspolitischen Verantwortung“ und ein „Beitrag zur Eroberung eines bedeutungsvollen Neulandes deutscher Forschung“.Karl Heinz Roth: Heydrichs Professor. Historiographie des „Volkstums“ und der Massenvernichtungen: Der Fall Hans Joachim Beyer. In: Peter Schöttler (Hrsg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918–1945. Frankfurt am Main 1997, S. 284. Karl-Heinz Roth hat 1997 die Habilitationsschrift Beyers als ein „ans Psychopathologische grenzendes Konstrukt eines verwissenschaftlichten Ressentiments“ charakterisiert.

Am 20. April 1940 wurde er zum SS-Untersturmführer und am 20. April 1941 zum SS-Obersturmführer befördert.Karl Heinz Roth: Heydrichs Professor. Historiographie des „Volkstums“ und der Massenvernichtungen: Der Fall Hans Joachim Beyer. In: Peter Schöttler (Hrsg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918–1945. Frankfurt am Main 1997, S. 285. Dass Beyer jeweils an „Führersgeburtstag“ befördert wurde, ist bemerkenswert. 1940 erklärte er in einem Gutachten, dass die Tschechen rassisch gesehen mehr deutsche Charakteristika hätten als die Sudetendeutschen.Chad Bryant, Acting Czech, marking Germans: nationality politics in Bohemia and Moravia, 1939–1947. Fritz Stern Dissertation Prize Presentation, November 21, 2003. In: Bulletin of the GHI Washington 34 (2004), S. 65–73, hier S. 69 (; PDF) Beyer war Mitglied der Reichsschrifttumskammer.Alexander Hesse: Die Professoren und Dozenten der preußischen Pädagogischen Akademien (1926–1933) und Hochschulen für Lehrerbildung (1933–1941). Weinheim: Deutscher Studien Verlag 1995, S. 172.

Im April 1940 wurde Beyer Dozent für „Volksforschung mit besonderer Berücksichtigung Osteuropas“ an der neu gegründeten Auslandswissenschaftlichen Fakultät an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin sowie Abteilungsleiter für Volks- und Landeskunde Ostmitteleuropas am zeitgleich gegründeten „Deutschen Auslandswissenschaftlichen Institut“. Letzteres war aus der Deutschen Hochschule für Politik gebildet worden und unterstand Franz Alfred Six, dem faktischen Leiter des Inlands-SD. Beyers Berufung war vom SD-Hauptamt gewünscht worden, dessen Mitarbeiter Beyer blieb. Intern versprach Beyer dem SD, wenn er einen Lehrstuhl erhalte, könne ein „Ansatzpunkt für volksdeutsche Wissenschaftsarbeit“ geschaffen werden, „von dem aus die ‚Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften‘ zu sprengen“ seien und eine „Unterbauung des volksdeutschen politischen Einsatz[es] durch Wissenschaftsarbeit“ zu erreichen.Gideon Botsch: „Politische Wissenschaft“ im Zweiten Weltkrieg. Die „Deutschen Auslandswissenschaften“ im Einsatz 1940–1945. Schöningh, Paderborn 2006, S. 278. Beyer hielt unter anderem Vorlesungen zu den Themen „Rasse, Volk, Raum“ und „Ostjudentum“ sowie Seminare zu den Themen „Die besetzten Ostgebiete“ und die „Geschichtliche Entwicklung der deutschen, englischen und französischen Ostideologie“.Karl Heinz Roth: Heydrichs Professor. Historiographie des „Volkstums“ und der Massenvernichtungen: Der Fall Hans Joachim Beyer. In: Peter Schöttler (Hrsg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918–1945. Frankfurt am Main 1997, S. 287. Zudem schrieb er für das von Franz Alfred Six herausgegebene „Jahrbuch der Weltpolitik“ Beiträge über die Entwicklung in der Slowakei, im Generalgouvernement und im Protektorat Böhmen und Mähren. In verschiedenen Veröffentlichungen forderte er die Ausschaltung der angeblich nur zur Täuschung angepassten Juden aus allen europäischen Völkern, eine Zulassung von Mischehen nur bei „artverwandten“ Völkern, die Rückgewinnung des „deutschen Leistungserbguts“ und die Hierarchisierung der osteuropäischen „Volksstämme“ nach deren „deutschem Einschlag“, wobei er die Polen hinter den Ukrainern und diese hinter den Tschechen einordnete.Andreas Wiedemann: Hans Joachim Beyer. In: Ingo Haar / Michael Fahlbusch (Hrsg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften. Personen – Institutionen – Forschungsprogramme – Stiftungen. Saur, München 2008, S. 66. Wiedemann bezieht sich bei seiner Aussage auf folgende Publikationen Beyers: Auslese und Assimilation, in: Deutsche Monatshefte 7 (1940), S. 418 sowie Amerikanisches oder bolschewistisches „Volkstum“? , in: Deutsche Volksforschung in Böhmen und Mähren 2 (1943), S. 204 ff. Beyer versuchte sich darin, den „Wert“ des „polnischen Volkstums“ zu bestimmen. Dieses sei sowohl in seiner „rassisch-charakterlichen Art“ als auch unter „anthropologisch-biologischer“ Perspektive minderwertig und seine Führungsschichten durch „staatspolitische Unfähigkeit“ charakterisiert. Bei der deutschen Osteuropaforschung insgesamt bestehe das Problem einer viel zu großen Fixierung auf die Perspektive Russlands, welche über Jahrhunderte das deutsche Geschichtsbild Osteuropas geprägt habe.Gideon Botsch: „Politische Wissenschaft“ im Zweiten Weltkrieg. Die „Deutschen Auslandswissenschaften“ im Einsatz 1940–1945. Schöningh, Paderborn 2006, S. 110ff.; betreffs angeblichem „Wert des polnischen Volkstums“ bezieht sich Botsch auf Beyers 1942 erschienenes Buch „Das Schicksal der Polen. Rasse - Volkscharakter – Stammesart“; betreffs angeblich russischer Perspektive der deutschen Osteuropaforschung auf einen Beitrag Beyers im „Jahrbuch der Weltpolitik“ 1944.