mini|Plakat für den Frauentag am 8. März 1914
Internationaler Frauentag (englisch International Women’s Day, kurz IWD), Weltfrauentag oder Frauentag sind Namen eines Welttags, der jährlich am 8. März gefeiert wird. Er entstand als Initiative sozialistischer Organisationen in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) im Kampf um die Gleichberechtigung, das Wahlrecht für Frauen sowie die Emanzipation von Arbeiterinnen. Erstmals fand der Frauentag am 19. März 1911 statt. 1921 wurde sein Datum durch einen Beschluss der Zweiten Internationalen Konferenz kommunistischer Frauen in Moskau endgültig auf den 8. März gelegt.
Dieses Datum wählten auch die Vereinten Nationen (UN) im Internationalen Jahr der Frau 1975 zum „Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ und richteten dazu erstmals am 8. März 1975 eine Feier aus. Mitte 1975 wurde dann in Mexiko-Stadt die erste UN-Weltfrauenkonferenz abgehalten und es folgte die „UN-Dekade der Frau“ (1976–1985).
Geschichte Vorgeschichte mini|hochkant|Clara Zetkin (links) mit Rosa Luxemburg (1910)
Die deutsche Sozialistin Clara Zetkin (1857–1933) schlug auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz am 27. August 1910 in Kopenhagen die Einführung eines internationalen Frauentages vor, ohne jedoch ein bestimmtes Datum zu bevorzugen. Die Idee dazu kam aus den USA. Dort hatten Frauen der Sozialistischen Partei Amerikas (SPA) im Jahr 1908 ein Nationales Frauenkomitee gegründet, das beschloss, einen besonderen nationalen Kampftag für das Frauenstimmrecht zu initiieren. Vorgeschlagen wurde der erste Frauentag von der aus der heutigen Ukraine emigrierten jüdischen Textilarbeiterin und Sozialistin Theresa Serber Malkiel.Sophie Bierent: Die vergessene Frau hinter dem Internationalen Frauentag ( web.de abgerufen am 8. März 2024). Dieser erste Frauentag in den USA am 28. Februar 1909 war ein Erfolg – auch weil sich bürgerliche Frauenrechtlerinnen (Suffragetten) den Forderungen nach dem Frauenwahlrecht anschlossen und gemeinsam mit den Sozialistinnen demonstrierten. Die Idee, diese Form des Protestes zu wiederholen, war schnell geboren, und so kam es auch 1910 im Februar zu nordamerikanischen Frauendemonstrationen für das Wahlrecht. Während die US-Amerikanerin May Wood Simons die Idee zu einem solchen Tag nach Kopenhagen brachte, waren es die deutschen Sozialistinnen Clara Zetkin und Käte Duncker, die sich auf dem Treffen in Kopenhagen für den Frauentag einsetzten und den Beschluss forcierten.
Der Beschluss in Kopenhagen lautete:
Der erste internationale Frauentag wurde dann am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich-Ungarn und der Schweiz gefeiert. Mit der Wahl des Datums sollte der revolutionäre Charakter des Frauentags hervorgehoben werden, denn der Vortag, der 18. März, war der Gedenktag für die Gefallenen während der Märzrevolution 1848. Außerdem hatte auch die Pariser Kommune 1871 im März begonnen.
Das beherrschende Thema der ersten Jahre war die Forderung nach dem freien, geheimen und gleichen Frauenwahlrecht. Dieses Anliegen fußte auf den Erklärungen der Sozialdemokratie, die sich als einzige Partei vor 1900 für ein Frauenwahlrecht ausgesprochen hatte. Die Sozialdemokraten sahen im Wahlrecht unter anderem eine Chance, ihre Anhängerschaft zu vergrößern. Aus Sicht der Organisatorinnen verlief der erste Internationale Frauentag im deutschen Kaiserreich erfolgreich. Luise Zietz, Beisitzerin im sozialdemokratischen Parteivorstand, beurteilte ihn als „glänzend gelungen“ und auch der Vorstand des sozialdemokratischen Parteitages schätzte ihn als „wuchtige sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht“ ein.Renate Wurms: Wir wollen Freiheit, Frieden, Recht! Der Internationale Frauentag – Zur Geschichte des 8. März. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88012-603-8, S. 21. Die SPD profitierte vom ersten Internationalen Frauentag auf deutschem Boden. So stieg die Zahl der weiblichen Mitglieder von 82.642 im Jahr 1910 auf 107.693 im Jahr 1911, und die Abonnentenzahl der sozialistischen Frauenzeitung Die Gleichheit wuchs um fast 10.000.
Es verwunderte daher nicht, dass die Partei auch 1912 einen Frauentag durchführen wollte. Dieser wurde auf den 12. Mai gelegt, die Beteiligung war noch größer als 1911, und der internationale Frauentag schien sich durchgesetzt zu haben. Eine solche Einschätzung täuscht jedoch, denn als Clara Zetkin daranging, auch für 1913 eine Veranstaltung zu organisieren, musste sie erkennen, „daß in manchen Parteikreisen noch eine ziemliche Abneigung besteht gegen den Frauentag, während die Genossinnen vom agitatorischen Wert überzeugt sind“.Siegfried Scholze: Der Internationale Frauentag einst und heute: Geschichtlicher Abriß und weltweite Tradition vom Entstehen bis zur Gegenwart. Trafo Weist, Berlin 2001, ISBN 3-89626-129-0, S. 24.
Innerhalb der nächsten fünf Jahre hatte der Internationale Frauentag seinen Platz in der sozialistischen Bewegung gefunden und war zu einem wichtigen Teil der Propaganda- und Aufklärungsarbeit der Partei geworden. Diese Tendenz setzte sich in den nächsten Jahren fort, wobei es durch den Ersten Weltkrieg zu einer Veränderung des Themas kam. Nicht mehr der Kampf um das weibliche Wahlrecht stand im Zentrum, vielmehr entstand ein Aktionstag gegen den Krieg. Allerdings waren die Frauenveranstaltungen Repressionen ausgesetzt. Durch den mitgetragenen Burgfrieden waren kritische Veranstaltungen nicht mehr erwünscht. Der Internationale Frauentag musste in die Illegalität gehen. Er wurde in allen Kriegsjahren als Propagandatag genutzt, „obgleich die sozialdemokratischen Parteiführungen in Deutschland und Österreich dabei blieben, die Frauen sollten sich auf Festveranstaltungen auf die im Rahmen der „gegebenen Rechtszustände“ zugelassenen Themen beschränken“.Siegfried Scholze: Der Internationale Frauentag einst und heute: Geschichtlicher Abriß und weltweite Tradition vom Entstehen bis zur Gegenwart. Trafo Weist, Berlin 2001, ISBN 3-89626-129-0, S. 35.
1917 war ein entscheidendes Jahr. Aufgrund massiver Proteste aus den eigenen Reihen, die sich vor allem an der Frage der Bewilligung von Kriegskrediten und der Unterstützung des Krieges entzündeten, wurde im April die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) von enttäuschten Sozialisten gegründet. Diese beschlossen sofort die Fortführung des Internationalen Frauentages und organisierten eine „Rote Woche“ vom 5. bis 12. Mai 1917. Auch im folgenden Jahr wurde der Frauentag von linken Kräften in der USPD vorbereitet und am 5. Mai 1918, dem 100. Geburtstag von Karl Marx, begangen. Am 12. November 1918 schien es dann so, als könne der Frauentag seine Existenzberechtigung verlieren: Die provisorische Reichsregierung – bestehend aus SPD- und USPD-Mitgliedern – verkündete das freie, geheime aktive und passive Wahlrecht für Männer und Frauen über 20 Jahren. Damit war die Vorkriegsforderung des Internationalen Frauentages in Deutschland erfüllt.
mini|Demonstration zum Internationalen Frauentag 1917 in Petrograd (heute Sankt Petersburg)
Festlegung auf den 8. März 1917 war aber auch aus einem anderen Grund ein entscheidendes Jahr. Am 8. März 1917 – nach dem damals in Russland verwendeten julianischen Kalender der 23. Februar – streikten in Petrograd die Bewohnerinnen der armen Stadtviertel auf der Wiborger Seite. Arbeiterinnen, die Ehefrauen von Soldaten und erstmals auch Bäuerinnen gingen gemeinsam auf die Straße und lösten so die Februarrevolution aus: „Als erste gingen die Frauen Petrograds auf die Straße. Am 8. März (23. Februar alten Stils) 1917, dem Internationalen Frauentag, verließen sie die Schlangen vor den Lebensmittelläden und demonstrierten unter der Losung: ‚Brot! Nieder mit dem Krieg! Nieder mit dem Absolutismus!‘ Gleichzeitig traten die Arbeiter der wichtigsten Rüstungsbetriebe, der Putilow-Werke, in den Streik und zogen in die Stadt. In den nächsten Tagen wuchs die Zahl der Streikenden und Demonstrierenden zu einer Lawine an. Die Revolution begann. Die Bauern im Soldatenrock liefen auf die Seite der Arbeiter über ...“Arnold Reisberg: Wladimir Iljitsch Lenin – der Führer des Weltproletariats. In: Weltall Erde Mensch. Ein Sammelwerk zur Entwicklungsgeschichte von Natur und Gesellschaft. Neufassung. Verlag Neues Leben, Berlin 1954, S. 317 f.
Zu Ehren der Rolle der Frauen in der Revolution wurde auf der Zweiten Internationalen Konferenz kommunistischer Frauen 1921 in Moskau auf Vorschlag der bulgarischen Delegation der 8. März als internationaler Gedenktag eingeführt.
Erzählung von einem Streik von Textilarbeiterinnen 1857 in New York Ein noch verbreiteter Mythos beschreibt einen spontanen Streik von Textilarbeiterinnen als Ursprung des Datums, der sich am 8. März 1857 in New York ereignet haben soll. Der Mythos entstand vermutlich in den 1950er Jahren in französischen kommunistischen Kreisen.
Die Nullnummer der französischen Zeitschrift d’Histoires d’Elles vom März 1977 und die Propagierung des 8. März durch die damalige Ministerin für Frauenrechte Yvette Roudy im Jahr 1982 waren Anlass, diese Erzählung zu überprüfen. Weder in der Geschichtsschreibung des amerikanischen Feminismus noch der Arbeiterbewegung ließen sich Verweise auf die angeblichen Geschehnisse des 8. März 1857 – ein Sonntag – finden.Françoise Picq: Journée internationale des femmes: À la poursuite d’un mythe. In: Travail, Genre et Sociétés. Nr. 3, 2000, S. 162/163 (französisch; PDF: 31 kB, 8 Seiten auf genreenaction.net). 1982 veröffentlichten Liliane Kandel und Françoise Picq ihre Rekonstruktion der Genese des Mythos in Frankreich: Die Zeitschrift Cahiers du communisme, die kommunistische Tageszeitung L’Humanité und France nouvelle (in einem Artikel von Claudine Chomat), damalige Wochenzeitung der Kommunistischen Partei Frankreichs, verwiesen im März 1904 auf die Entscheidung der Sozialistischen Partei Amerikas für einen solchen Kampftag und ein erstes Begehen in New York am 27. Februar 1909. Am 5. März 1955 verwies ein Artikel Chomats auf den angeblichen Streik,Liliane Kandel, Françoise Picq: Journée des femmes: le mythe des origines. In: La Revue d’En face. Nr. 12, Herbst 1982, S. 67–80 (französisch; online auf archivesdufeminisme.fr).Françoise Picq: Journée internationale des femmes: À la poursuite d’un mythe. In: Travail, Genre et Sociétés. Nr. 3, 2000, S. 164 (französisch; PDF: 31 kB, 8 Seiten auf genreenaction.net). eine Veröffentlichung Picqs aus dem Jahr 2000 weist auch auf einen Artikel von Yvonne Dumont vom 26. Februar 1955 in der France nouvelle hin, in dem auf den Streik verwiesen wurde.
Die Gewerkschafterin Madeleine Colin (CGT) veröffentlichte in den Cahiers du communisme 1960 weitere Details und berichtete von einem Angriff der Polizei auf die Demonstration der Textilarbeiterinnen 1857. In der Antoinette, Zeitschrift der Frauen in der CGT, wurde die Erzählung seit dem März 1964 beinahe jährlich, ergänzt um Details, wiedergegeben.
Kandel und Picq spekulieren in der Veröffentlichung von 1982 über den Mythos:
Sie weisen auch darauf hin, dass die Erzählung in Einklang mit der Mehrheitssicht in der Konferenz von Kopenhagen 1910 stehe, gemäß der der Kampf der Frauen sich in den Klassenkampf einzufügen habe.
Vor dem Hintergrund weiterer Aussagen Colins spekuliert der Artikel Picqs aus dem Jahr 2000, dass die Abgrenzung von der Union des femmes françaises, in Colins Sicht eine Vereinigung hauptsächlich von Hausfrauen und einigen Intellektuellen unter der Leitung von Kommunistinnen,Françoise Picq: Journée internationale des femmes: À la poursuite d’un mythe. In: Travail, Genre et Sociétés. Nr. 3, 2000, S. 165 (französisch; PDF: 31 kB, 8 Seiten auf genreenaction.net). den Mythos motivieren könnte: