mini|Die Elektrizitätsproduktion in Frankreich wird seit den 1980er Jahren von der Kernenergie dominiert. Ein Teil des erzeugten Stromes wird exportiert. Es werden weiterhin fossile Brennstoffe verstromt.

Frankreich hat seit Jahrzehnten den höchsten prozentualen Anteil an mit Kernenergie erzeugtem Strom weltweit.statista.com: Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung nach Ländern weltweit in den Jahren 2016 und 2017. 2019 stammten ca. 72 % des in Frankreich produzierten Stroms aus Atomkraftwerken (2016: 403 TWh (brutto) von 556 TWhWorld Nuclear - Frankreich.IAEO - Power Reactor Information System - Länderübersicht Frankreich., 2019: 377,4 TWh von 520,5 TWh). Am gesamten Energiemix, also an der im Land verbrauchten Primärenergie für alle Sektoren, d. h. Verkehr, Wärme und Strom, hatte Kernenergie einen Anteil von 37 %. Die Stand Januar 2026 insgesamt 57 in Frankreich betriebenen Kernreaktoren haben eine installierte elektrische Gesamtleistung von ca. 63 GW. Alle Kernkraftwerke werden vom staatlichen Stromkonzern Électricité de France (EDF) betrieben. Der Großteil der aktiven Reaktoren ging von 1979 bis 1994 in Betrieb, 2000 und 2002 folgten noch Standorte mit je zwei Blöcken. 14 alte Reaktoren waren Stand März 2020 endgültig abgeschaltet, darunter Fessenheim am Rhein. Ein EPR-Reaktor ist seit 2024 im Kernkraftwerk Flamanville als Block 3 in Betrieb, wobei die geplanten Baukosten und Bauzeiten massiv überschritten wurden (siehe hier).

Durch den hohen Anteil an Kernenergie weist Frankreich eine vergleichsweise niedrige CO2-Intensität der Stromerzeugung auf. Mit etwa 42 Gramm CO2-Äquivalent pro Kilowattstunde (CO2e/kWh) liegen die lebenszyklusbezogenen Treibhausgasemissionen der französischen Stromerzeugung deutlich unter dem weltweiten Durchschnitt von rund 472 g CO2e/kWh. Seit 1980 war Frankreich – mit Ausnahme des Jahres 2022 – durchgehend Nettoexporteur von Strom und ist der größte Stromexporteur Europas.

Im Mai 2022 waren insgesamt 30 von 56 Reaktoren zu Wartungszwecken abgeschaltet, im September 32. Bei zwölf dieser Reaktoren war Korrosion an Schweißnähten aufgetreten. Nach Reparaturen wurden bis Anfang 2024 alle Reaktoren wieder ans Netz gebracht.

Bis etwa zum Ausbruch der Wirtschaftskrise ab 2007 plante Staatspräsident Nicolas Sarkozy den Neubau eines weiteren EPR.Radio France International - Präsident Sarkozy baut einen zweiten EPR in Frankreich. Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima im März 2011 und der Wahl von François Hollande wurde der Plan nicht weiter verfolgt. Emmanuel Macron kündigte im Februar 2022 eine „Renaissance der Kernenergie“ an, mit dem Bau sechs neuer, verbesserter EPR bis 2050, der Prüfung von acht weiteren Standorten, zudem einer Laufzeitverlängerung bestehender Kraftwerke auf 50 Jahre. Laut der französischen Atomaufsicht Autorité de sûreté nucléaire (ASN) sind Reparaturen an den 32 ältesten Reaktoren Bedingung für eine Laufzeitverlängerung. Die Laufzeit dieser Reaktoren wurde im Jahr 2021 auf 50 Jahre verlängert, die Laufzeitverlängerung von 20 Reaktoren der 1300-MW-Baureihe folgte im Jahr 2025.

Geschichte

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Frankreich viele Talsperren unter anderem zur Stromerzeugung errichtet (Liste hier); die Wasserkraft hatte Anfang der 1960er Jahre etwa 70 % Anteil an der erzeugten Strommenge. Infolge des mit Wirtschaftswachstum und Strukturwandel steigenden Strombedarfs wurden in den 1960ern insbesondere Ölkraftwerke zur Deckung des volatiler werdenden Strombedarfs zugebaut.Electricité de France History bei FundingUniverse.

Die Kernenergie lieferte Anfang der 1960er Jahre nur einen geringen Beitrag zur Stromproduktion. Es wurden, auf Erfahrungen aus dem französischen Atomwaffenprogramm aufbauend, zwischen 1959 und 1972 neun gasgekühlte und graphitmoderierte Reaktoren (UNGG-Reaktoren) in Betrieb genommen; diese konnten mit Natururan betrieben werden. 1967 wurden ein Druckwasserreaktor und ein gasgekühlter Schwerwasserreaktor zur Erprobung der Technologien in Betrieb genommen. 1973 trug die Kernenergie 8 % zur Stromproduktion in Frankreich bei.

Messmer-Plan Pierre Messmer (1916–2007) war vom 5. Juli 1972 bis zum 27. Mai 1974 französischer Premierminister (unter Staatspräsident Georges Pompidou). Der „Messmer-Plan“ (Stromproduktion aus Uran zur Verringerung der Abhängigkeit von Energieimporten) wurde schon vor der ersten Ölpreiskrise beschlossen. Der massive Zubau neuer Kernkraftwerke war also nicht (wie vielfach angenommen) eine Reaktion auf die Ölpreiskrise. Es gab nach de Gaulles Rücktritt (1969) ein Atom-Kommissariat mit etwa 3.000 Mitarbeitern. Diese waren unterbeschäftigt, nachdem die Force de Frappe mit Kernwaffen ausgerüstet worden war. 1971 ging der Leiter des Atom-Kommissariats in den Ruhestand; André Giraud (1925–1997) wurde sein Nachfolger. Giraud ergriff einige energische Maßnahmen und veröffentlichte im März 1971 einen Plan: In den Jahren von 1971 bis 1975 sollten nun vier oder fünf (statt bis dahin geplant zwei) neue Atomkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 8000 Megawatt (MW) gebaut werden; Als erste Neubauten wurden Fessenheim I am Rhein bei Freiburg im Breisgau und Bugey II an der Rhone bei Lyon vorgesehen.

Die Baubeginne zeigen das Tempo des Ausbaus: Bugey II 1. November 1972, Bugey III 1. September 1973, Bugey IV 1. Juni 1974, Bugey V 1. Juli 1974. Giraud näherte Staat und Atomindustrie einander stark anzeit.de 23. April 1971: Das Erbe de Gaulles wird liquidiert. (Näheres im Personenartikel; siehe auch Wirtschaft Frankreichs und gelenkte Volkswirtschaft). Der Bau dauerte deutlich länger als erwartet (Fertigstellung zwischen Mai 1978 und Juli 1979). 1980 gingen sieben französische Atomkraftwerke in Betrieb, 1981 acht, 1982 zwei, 1983 vier, 1984 sechs, 1985 vier und 1986 sechs.

Georges Pompidou (Staatspräsident Juni 1969–1974) trieb wie seine Vorgänger die Modernisierung Frankreichs voran. Frankreich war bis in die 1960er Jahre ein agrarisch geprägtes Land. Mit zunehmender Industrialisierung während des Wirtschaftsbooms der Nachkriegsjahre (Trente glorieuses) entfielen viele Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und entstanden viele in der Industrie. Der Energieverbrauch Frankreichs stieg deutlich an.

EDF wählte als Technologie den Druckwasserreaktor aus, u. a. auch wegen der vorhandenen Urananreicherungskapazitäten aus dem Atomwaffenprogramm. Die nationale Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde Autorité de sûreté nucléaire (in Deutschland: auf föderaler Ebene, siehe Atomaufsichtsbehörde) begünstigte die Verwendung standardisierter Reaktordesigns in ganz Frankreich (CP0, CP1, CP2); dies war eine Grundlage für einen schnellen und relativ preisgünstigen Ausbau der Kernkraftwerks-Kapazitäten in den 1970er und 1980er Jahren. In Deutschland wurden dagegen relativ viele verschiedene Typen gebaut; nur von der Baulinie 69 (1969) gab es vier fast baugleiche Kernreaktoren. 1979 wurden 20 % des Stroms in Kernkraftwerken erzeugt, 1983 waren es 49 % und 1990 etwa 75 %. Parallel zum Ausbau der Kernenergie wurden in den 1980er Jahren fossile Kraftwerke stillgelegt.

Ära Mitterrand und Abflauen des Booms Unter François Mitterrand (Präsident 1981–1995) kam es zu einer Verlangsamung des Zubaus von Kernkraftwerken (siehe Liste der Nuklearanlagen in Frankreich). Es zeigte sich, dass der Messmer-Plan (ähnlich wie viele deutsche Prognosen in den 1970er Jahren) den Strombedarf massiv überschätzt hatte. Es entstand eine Überkapazität an Kernkraftwerken. 1988 waren die Reaktoren der EDF im Mittel nur zu 61 % ausgelastet; dies erschwerte die Rückzahlung der für ihren Bau aufgenommenen Kredite. Zur Erschließung zusätzlicher Absatzmöglichkeiten wurden daher Verbindungen zu den Elektrizitätsnetzen der Nachbarstaaten ausgebaut (siehe Europäisches Verbundsystem).

Reaktion auf Fukushima Im Gegensatz zu Deutschland und weiteren Ländern, insbesondere Japan, änderte nach den Kernschmelzen in Fukushima im Jahr 2011 Frankreich unter Präsident Nicolas Sarkozy seine Atompolitik nicht.Welt Online: GAU in Fukushima - So geht das Ausland jetzt mit der Atomkraft um. Die nach Fukushima vom französischen Institut für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit (IRSN) durchgeführten Stresstests ergaben, dass alle 58 aktiven Kernreaktoren aus Gründen der Betriebssicherheit nachgerüstet werden müss(t)en, da sie nicht ausreichend gegen Naturkatastrophen ausgelegt sind. Erforderlich wurden zusätzliche Einbauten von überschwemmungssicheren Dieselgeneratoren, Nachrüstungen von erdbebensicheren Rohren, zudem mussten die Kühlwasservorräte für die Notkühlung vergrößert werden. Daneben wurden bei den Kernkraftwerken Tricastin, Gravellines und Saint Alban bisher übersehene oder ignorierte Sicherheitsmängel entdeckt, beispielsweise die Nähe zu Chemiefabriken und Betrieben für explosive Stoffe.Frankreichs Atommeiler sind nicht sicher genug. Tagesspiegel.de 17. November 2011.Frankreichs AKWs müssen nachrüsten. Deutsche Welle, 17. November 2011. Abgerufen am 18. November 2011.

Im September 2011 kündigten die Spitzenkandidaten der (damals) oppositionellen sozialistischen Partei (PS) an, langfristig aus der Kernenergienutzung aussteigen zu wollen.Wahlkampf in Frankreich. FAZ, 17. September 2011. Abgerufen am 3. Oktober 2011.Frankreichs Sozialisten. Die Verwandlung der Dinosaurier. FAZ, 3. Oktober 2011. Abgerufen am 3. Oktober 2011.

Im Juni 2011 hatten sich bei einer repräsentativen Umfrage des Institut français d’opinion publique 62 % der Franzosen für einen Ausstieg aus der Kernenergie binnen 25 bis 30 Jahren ausgesprochen; weitere 15 % wollten schneller aussteigen.Wenn die Ausstiegslust wächst. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Juni 2010. Abgerufen am 3. Oktober 2011.. Abgerufen am 3. Oktober 2011.

François Hollande wurde in der Stichwahl am 6. Mai 2012 gegen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy zum Präsidenten Frankreichs gewählt. 2014 kündigte Hollande an, den Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung von etwa 75 % auf 50 % bis 2025 zu senken. Dieses Ziel wurde im Gesetz zur Energiewende für grünes Wachstum von 2015 verankert, das zugleich den Ausbau erneuerbarer Energien fördern sollte.

Ausfälle 2021/2022 Im Oktober 2021 wurden bei der zehnjährigen Inspektion in Block 1 des Kernkraftwerk Civaux Mängel in der Nähe von Schweißnähten an Rohrkrümmern des Sicherheitseinspritzsystems festgestellt. Beide Reaktoren dort sind vom Typ N4, der jüngsten AKW-Generation. Kontrollen am Block 2 fanden ähnliche Mängel. Die beiden Reaktoren mit einer Nettoleistung von je 1495 MW wurden im November 2021 außer Betrieb genommen.

Am 15. Dezember 2021 teilte EDF der nuklearen Sicherheitsbehörde ASN mit, dass sich nach ersten metallurgischen Untersuchungen gezeigt habe, dass die Risse wohl auf Grund von Spannungskorrosion entstanden. Die betroffenen Teile sollten ausgetauscht werden, was zu einer unvorhergesehenen Verlängerung der AKW-Stillstandszeiten führte. Weil die baugleichen Reaktoren im Kernkraftwerk Chooz (Ardennen) mit zwei Blöcken (je 1.560 MW Bruttoleistung) die gleiche Technologie verwenden, wurden auch diese vorsorglich und unplanmäßig außer Betrieb genommen. Chooz 2 wurde am 16. Dezember 2021 vom Netz genommen, Chooz 1 am 18. Dezember 2021. Später wurden fünf weitere Reaktoren der 1300 MW-Reihe und drei 900 MW-Reaktoren außer Betrieb genommen, um sie auf Korrosionsprobleme zu untersuchen bzw. die Probleme zu beheben.